Marcus Scholz

21. April 2018

Es ist die berühmte Situation, keine Chance mehr zu haben – und eben diese doch zu nutzen. Diese Vorform der Hoffnungslosigkeit, die im letzten Moment doch noch einmal ungeahnte Kräfte freisetzt. „Wir haben nichts mehr zu verlieren“, hatte Freiburgs Verteidiger Gulde vor dem Spiel gesagt und vielleicht gehofft, diese Form der Stimmung in sein Team zu bekommen. Allerdings haben die Freiburger sehr wohl noch was zu verlieren. Mehr als der schon seit Monaten totgesagte HSV allemal, der heute nicht nur gewinnen musste – sondern letztlich auch mit 1:0 durch einen Treffer von Lewis Holtby gewann.

Und so begann der HSV auch. Wie zuletzt auch wurde früh attackiert und schnell in die Spitze gespielt. Ergebnis: Der HSV kam in den ersten 10 Minuten zu zwei Halbchancen und einer richtig guten, als Matti Steinmann aus 15 Metern einen Abpraller nicht richtig traf. Zudem sah Freiburgs Immer-wieder-mal-Schwachpunkt Caglar Söyüncu schon nach vier Minuten Gelb nach einem Foul an Kostic. Es hätte schlimmer beginnen können. Aber gut war es auch nicht. Im Gegenteil: Erwartungsgemäß ging hier in dem Duell zweier Abstiegskandidaten viel über Kampf und Laufspiel. Schöner Fußball war weder zu erwarten, noch wurde er gezeigt. Hier ein Foul, da ein Foul, es ging nur ums Ergebnis.

Der Weg dahin war offenbar allen egal. Und so blieben die ersten 30 Minuten weitgehend ereignislos, abgesehen von den oben beschriebenen Szenen und einer drei Minuten langen Unterzahl, da Matti Steinmann mit Nasenbluten zuerst behandelt werden musste und dann noch auf ein neues (das alte war voller Blut) Trikot warten musste – drei !! Minuten lang. Bei Pep Guardiola hätte sowas eine Kündigung mindestens nach sich gezogen...

Nach 35 Minuten passierte dann das, was sich irgendwie abgezeichnet hatte: Der HSV brachte sich selbst in Gefahr. Julian Pollersbeck mit einem ungenauen Ball auf Gideon Jung, der diesen verliert. Den daraus resultierenden Gegenstoß pariert Pollersbeck dann gleich mehrfach stark und wird gefeiert - obwohl er diese Szene überhaupt erst eingeleitet hatte.

Aber okay, die Paraden waren gut und wichtig, denn der HSV fing zu diesem Zeitpunkt richtig an zu wackeln. Immer wieder gab es Abstimmungsprobleme – insbesondere zwischen Jung und Papadopoulos. Der Grieche erwischte eine ganz schwache erste Halbzeit und wirkte selten verunsichert. In der 42. Minute wieder. Da ließ sich Papadopoulos auf rechts vernaschen, in der Mitte ging Jung und Pollersbeck beide nicht zum Ball und hatten Glück, dass Petersen den Ball aus vier Minuten freistehend nicht ins Tor bekam bzw. Pollersbeck mit der Fußspitze abwehren konnte.

Es war das Duell zweier verunsicherter Mannschaften. Das Passspiel, auf beiden Seiten eine Katastrophe. Es schien klar, dass Tore hier am ehesten durch individuelle Fehler fallen würden. Oder irgendwie reingestolpert würden – wie dann in der 54. Minute, als die Freiburger den Ball nicht klären könne und der bis hierhin wirkungslose Holtby an den Ball kommt. Der Linksfuß legt den Ball nacheinander an drei Freiburger Spielern vorbei und schiebt ihn mit einem langen Bein zum 1:0 ein. Ausgerechnet der Holtby, über den ich mich noch in der Halbzeit geärgert hatte, weil er irgendwie überall und nirgends war.

Und diese Führung war wichtig, weil sie den unsicheren Freiburgern noch ein wenig Mut nahm, während sie dem nicht minder unsicher wirkenden HSV Mut machte. Und hätte der gerade eingewechselte Bobby Wood in der 57. Minute den Ball besser getroffen – es wäre wahrscheinlich schon die Vorentscheidung gewesen. War es aber nicht. Obwohl der HSV jetzt zu besseren Szenen kam. Allerdings wieder einmal, ohne diese in Tore umzumünzen – und mit Glück, dass der bereits verwarnte Matti Steinmann in der 69. Minute nach einem ebenso unglücklichen wie gelbwürdigen Foul nicht mit gelbroter Karte vom Platz musste und schnell noch ausgewechselt werden konnte. Für ihn kam Albin Ekdal – aber erst, nachdem Söyuncü nach einem taktischen Foul an mit Gelbrot runter musste (71.). Bitter für die Freiburger, die mit der kompletten Mannschaft protestierten – aber gut für den HSV.

Oder?

Zunächst nicht. Weil der HSV versuchte, das Ergebnis zu verwalten, anstatt auf das 2:0 zu gehen und Kontergelegenheiten liegen ließ. Quer, quer, zurück anstatt die angeschlagenen Freiburger unter Druck zu setzen. 59 Prozent Ballbesitz reichten bis zur 75 Minute zu gerade einmal 9:9 Torschüssen – und hätten in der 81. Minute mit dem zehnten Freiburger Torschuss sogar den Ausgleich bedeuten können. Aber der Freiburger Kleindienst köpfte freistehend über das Gehäuse von Pollersbeck, auf den es jetzt ankommen sollte.

Denn der HSV verpasste die Vorentscheidung und musste zittern. Hunt (88.) aus 14 Metern drüber – und dann Bobby Wood. Eingewechselt sollte er Druck machen – und das gelang ihm einmal. Allerdings auch nicht bis zum Ende. Denn nachdem er sich an der Mittellinie stark den Ball erobert hatte lief er allein auf das Freiburger Tor zu, in der Mitte ein Freiburger Abwehrspieler, dahinter Filip Kostic. Doch anstatt abzuwarten, für wen sich der letzte Freiburger entscheiden würde, stoppte er seinen Lauf, legte ungenau quer vorbei die Chance. Ebenso Kostic in der 90. Minute, als er auf Wood ablegen wollte und nur einen Freiburger traf.

Egal wie, es war heute wirklich absolut nicht schön, auch überhaupt nicht gut – aber letztlich erfolgreich. Denn nach vier Minuten Nachspielzeit pfiff Schiedsrichter Benjamin Cortus endlich ab. Ein Sieg gegen schwache Freiburger und „nur“ noch fünf Punkte Rückstand auf einen Relegations- und einen Nichtabstiegsplatz. Nächste Woche geht es dann zum nächsten direkten Konkurrenten: nach Wolfsburg mit dem Ex-HSV-Trainer Bruno Labbadia. Mit einem Auswärtssieg, wie ihn die Fans in ihrer Verabschiedung der Mannschaft heute lautstark einforderten, wären es tatsächlich nur noch zwei Punkte bis zur Relegation.

Aber scheiß auf Konjunktive. Einfach machen, nicht drüber reden. Meinetwegen auch noch einmalmit einer derartig diskutablen fußballerischen Leistung.

Weiter geht’s also! Die Hoffnung stirbt zuletzt...!!!

Bis morgen!

Scholle

Statistik:

HSV: Pollersbeck - Diekmeier, Papadopoulos, Jung, Sakai -  Steinmann (73. Ekdal) - Kostic, Holtby, Waldschmidt (56. Wood), Ito (87. Jatta) - Hunt

SC Freiburg: Schwolow - Kübler, Gulde, Söyüncü, Günter - Haberer (69. Kath), Schuster (77. Koch), Höfler, Höler (64. Frantz) - Petersen, Kleindienst

Tore: 1:0 Holtby (54.),

Zuschauer: 54.847

Schiedsrichter: Benjamin Cortus (Röthenbach)

Gelbe Karten: Steinmann (43.), Ekdal (82.) / Sönyüncü (5.), Kübler (58.)

Gelb-Rote Karten: - / Söyüncü (71.)

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Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.

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