Marcus Scholz

20. Januar 2018

Die Ausgangslage war klar: Verliert der HSV nach dem Auftakt in Augsburg auch das Spiel gegen den Tabellenletzten 1. FC Köln, wird es ganz eng für Trainer Markus Gisdol. Auch deshalb hatte der sich für heute eine Überraschung ausgedacht: Er brachte den von ihm selbst zuletzt komplett außen vor gelassenen Lewis Holtby von Beginn an.  Unter der Woche hatte dieser noch separat seine Trainingseinheiten absolviert, war zunächst nur partiell mit im Mannschaftstraining, nachdem ihn Trainer Markus Gisdol zuvor neun Spiele in Folge nicht berücksichtigt hatte. Sieben Mal sogar nicht einmal mehr für den Kader. Das letzte Spiel bestritt die Nummer acht des HSV am 21. Oktober gegen Bayern München. Und heute sollte er einer der ersten Elf sein, der beim HSV im Abstiegs-Topspiel einen entscheidenden Impuls setzen kann. Als Zehner hinter der einzigen Spitze Andre Hahn kam der gefühlt schon aussortierte Holtby heute überraschend von Beginn an zum Einsatz. „Der will seinen Rauswurf provozieren“, sagten die einen, während die anderen an einen lohnenswerten Überraschungseffekt glauben wollten – und enttäuscht wurden. Denn am Ende verlor der HSV auch die Partie gegen Köln mit 0:2 und dürfte damit das letzte Mal unter der Regie Gisdols aufgelaufen sein. Aber der Reihe nach:

Das Spiel begann tatsächlich sehr unterhaltsam, um mal das Positive an diesem komplett verkorksten Tag vorneanzustellen. Gerade einmal 31 Sekunden waren gespielt, als Janjicic am Sechzehner das Kopfballduell gewann und den Ball so auf Andre Hahn weiterleitete. Hahn selbst machte alles richtig und zog direkt ab – aber Kölns guter Keeper Timo Horn parierte glänzend. Gerade einmal zwei Minuten später setzte sich dann Filip Kostic über links stark durch, sichte in der Mitte einen Anspielpunkt und fand ihn nicht. Kölns Kapitän Jonas Hector rettete vor dem heraneilenden Dennis Diekmeier zur Ecke.

Pech für den HSV, das sich wieder nur zwei Minuten später ausglich, als Kyriakos Papadopoulos dem allein Richtung Julian Pollersbeck stürmenden Yuya Osako foulte und Dank des in unmittelbarer Nähe befindlichen Douglas Santos nur Gelb bekam (5.). Ebenfalös glücklich durfte der HSV in der elften Spielminute sein, als wieder Osako allein auf Pollersbeck zulief, Papadopoulos ins Leere grätschen ließ, dann aber zu lang zögerte und Pollersbeck die Möglichkeit eröffnete, sich den Ball zu schnappen. Und passend zu diesem Spiel mit offenem Visier und sorglosen Defensiven: Gerade 22 Sekunden nach dieser Hundertprozentigen gegen den HSV kam Kostic aus 15 Metern frei zum Schuss, fand aber in dem wie oben schon beschrieben bärenstarken Horn seinen Meister (12.).

Es war wie immer: Der HSV begann druckvoll, engagiert und hatte tatsächlich Möglichkeiten. Auf der anderen Seite brachte man sich aber mit unnötigen Fehlpässen und Ballverlusten immer wieder in Gefahr, weil man in der Innenverteidigung einfach zu langsam ist mit Papadopoulos und dem wieder einmal indisponierten Mergim Mavraj. Wobei, apropos indisponiert: Das war auch Dennis Diekmeier in der nächsten gefährlichen Szene, die eigentlich gar keine werden darf. Einen Eckball der Kölner verlängert Osako am ersten Pfosten und am zweiten Pfosten lauert Kölns Winterzugang Simon Terodde, der Diekmeier abgeschüttelt hatte und nur noch den Ball über die Linie grätschen musste. Das 0:1 in der 27. Minute.

Ein Tiefschlag mit Wirkung. Und dennoch hätte der HSV in der 41. Minute, als Diekmeier den Ball von rechts flach und scharf hereinbrachte den Ausgleich machen müssen. Allerdings scheiterte Kostic aus achte Metern an – natürlich: Timo Horn mit einer Glanzparade. Und weil der HSV defensiv taumelte (Die beiden Sechser Janjicic und Jung sowie Papadopoulos sahen früh Gelb) und vorn nicht traf, lag er zur Halbzeit mal wieder zurück. Nicht unbedingt verdient . aber eben symptomatisch für die letzten Wochen und Monate.

Peter Hidien, der EX-HSV-Profi, analysierte es in der Halbzeit ganz treffend, als er von zu vielen Fehlern, ausgelassenen Chancen und einer grundsätzlichen Unsicherheit sprach, die zum Rückstand geführt hatte und parallel auf die Frage, was den Hoffnung machen würd, antwortete: „Der Einsatz. Ich glaube die Jungs geben alles“, so der 64-Jährige in der Stadion-Halbzeitshow. Und der ehemalige HSV-Abwehrspieler sollte auch in Hinblick auf die zweite Halbzeit recht haben: Denn der HSV begann wieder sehr druckvoll – aber die größte Chance hatte Köln durch einen Fehler des Ersatzkapitäns Mavraj, als dieser unbedrängt über den Ball schlug und Terodde aus 17 Metern frei verzog. Aber es Schlimmer noch: Köln legte sogar noch mal nach. Mavraj lässt einen Ball weit prallen, den jeder Kreisligafußballer besser angenommen hätte, Papadopoulos grätschte den Ball (unclever!) nach vorn, wo der beim FC Köln eingewechselte Ex-St.-Pauli-Profi Matthias Lehmann den Ball nach vorn köpfte – und dann ging es schnell. Zu schnell für den HSV. Auch für Pollersbeck, der beim Pass auf Terodde zögerte und erst verspätet aus dem Tor lief. Für Kölns Neuzugang kein Problem mehr. Terodde schob dem Keeper den Ball vor 52.647 Zuschauern durch die Beine zum 2:0 für die Gäste und zeigte den HSV-Verantwortlichen mit seinem dritten Treffer im zweiten Spiel, wie wichtig ein guter Neuzugang im Winter sein kann. Aber okay, die hiesigen Verantwortlichen werden auch das schönreden.

Den Fans allerdings werden die Schönrednereien der Verantwortlichen nicht mehr reichen. Sie verließen in Scharen schon lange vor dem Schlusspfiff das Stadion, während die Verbliebenen am Ende sogar hämisch in die Jubelgesänge der Kölner einstimmten, die „Oh, wie ist das schön...“ sangen. Es war ein bitterer und mit Pfiffen gegen die eigene Mannschaft garnierter Abschluss eines vorhersehbaren Abends, den ich zu großen Teilen dem Vorstand sowie Sportchef Jens Todt vorwerfe. Denn wie in den letzten Tagen schon geschrieben war Gisdols Uhr schon abgelaufen, als man ihn öffentlich diskutieren ließ und intern von ihm abrückte. Ein „Trainer-Endspiel“ ist ein Armutszeugnis für die Verantwortlichen. Und für mich ist es nichts anderes als die unerträgliche  Führungsschwäche der Vorgesetzten, die sich nicht trauen, im richtigen Moment eine klare Entscheidung zu treffen und mit diesem Trainerendspiel ein wichtiges Siel um drei Punkte fahrlässig verschenkten. Schlimm. Nein, nur noch peinlich. Dieses Spiel darf nicht allein die Trainerentlassung als Konsequenz nach sich ziehen. Mit etwas Anstand würden Gisdol weitere Verantwortliche folgen...

Aber wem sage ich das, damit liege ich Euch schon seit den Tagen in den Ohren... Aber am Ende zu sehen, wie sich die wirklich nicht überragenden Kölner hier über diesen Sieg freuten, den der HSV ihm durch seine Inkompetenz auf allen Ebenen schenkte – das ist mehr, als ich ertragen kann.

 

Gute Nacht.

Scholle

 

PARTNER VON

Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.

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