Marcus Scholz

19. Oktober 2019

Er muss grinsen. Weniger wegen seiner einstigen „Heldentat“. Er ist halt so. Tief verankert bescheiden. Lob ist für ihn etwas rares, das war irgendwie schon immer so, wenn sich Bastian Reinhardt an seine Karriere als Fußballer zurückerinnert. Auch an diesem Tag in Bielefeld, an den er sich heute nur deshalb so detailliert erinnert, weil wir vor zehn Tagen ausgiebig darüber gesprochen hatten. Ich damals bewaffnet mit den Daten von weltfußball.de. Und auf der anderen Seite er, ausgestattet mit 347 Pflichtspielen als Fußballprofi, wovon wiederum 346 Partien gegen eben dieses eine konkurrieren, um die es mir heute geht. Und so lief das Gespräch in etwa ab:

 

Ich: „Basti! Der 30. August 2008 war für Dich ein guter Tag. Was verbindest Du noch damit?“

Basti (zögert lange).

Ich: „Nun komm schon, Du hast einmal in Deiner Karriere einen Doppelpack in der ersten Bundesliga erzielt. Das hast Du doch sicher nicht vergessen…?!“

Basti: „Bielefeld? Du meinst den Doppelpack gegen meinen damaligen Exklub?“

Ich: „Si!“

Basti: „Ja.“

Ich: „Was heißt hier ‚ja’?

Basti: „Das war schon geil. Wir haben ja auch gewonnen.“

 

Punkt. Mehr kommt erst einmal nicht. Ich warte extra noch ein wenig und schweige - aber es passiert tatsächlich nichts mehr. Anstatt sich in schöne Erinnerungen zu verlieren, ist das Thema an der Stelle „Sieg für den HSV“ für Reinhardt abgehakt. Ob das sein Ernst sei, will ich wissen. „Wieso, was willst Du denn noch hören?“, so die Gegenfrage als Antwort. „Wir haben damals gut gespielt. Und der Sieg war wichtig für uns, weil wir nach einem Rückstand zurückgekommen sind und unsere Ambitionen, oben dranzubleiben, untermauern konnten. War schon geil.“

Reinhardts Tore gegen Bielfeld - der Beginn einer guten Saison

Stimmt. Unter Martin Jol legte der HSV damals den Grundstein für eine gute Saison, die am Ende für den HSV mit einem (Abseits?)Last-Minute-Treffer gegen Eintracht Frankfurt noch die UEFA-Cup-Teilnahme einbrachte und sehr glücklich endete, während sich die Leidenszeit Reinhardts dem Höhepunkt näherte. Mittelfußbruch am 19. Spieltag gegen Karlsruhe, danach direkt weiter Verletzungen (Muskelfaserrisse). Ergebnis: Insgesamt 13 Monate und damit  42 Spiele in Folge, wo er nicht einmal im Kader stand. Aber darüber werden wir mit ihm vielleicht noch mal am Montag sprechen, wenn Basti Reinhardt zusammen mit den hsv1887tv-Jungs bei uns zu Gast ist.

Heute geht es vor allem um dieses eine schöne Spiel - aus seiner und aus HSV-Sicht. Denn nach dem schnellen 0:2-Rückstand war es Reinhardt, der mit einem Linksschuss (nach Vorarbeit Guy Demels) sowie mit einem Kopfball (nach Flanke von Piotr Trochowski) das Spiel für den HSV drehte.  Übrigens in einer Mannschaft, die sehr nahe an den Rafa HSV-Allstars war. „Wir hatten damals eine richtig gute Truppe, die intern gut funktioniert hat. Nach dem Anschlusstreffer kurz vor der Halbzeit waren wir in der Kabine schon optimistisch. Wir wussten, dass noch etwas geht.“, erinnert sich Reinhardt. „Und kurz nach Wiederanpfiff haben wir ja dann auch den Ausgleich gemacht.“ Genau genommen traf Reinhardt, der für das Spiel am Montag optimistisch ist. „Ich habe ein gutes Gefühl, weil die Stimmung sehr gut ist. Die Mannschaft, das Team drumherum - das macht schon einen sehr stabilen Eindruck. Der Kader ist stark und breit aufgestellt und der Fußball dazu stimmt auch. Insofern spricht wirklich überhaupt nichts dagegen, dass wir auch in diesem so wichtigen Spiel in Bielefeld bestehen können.“

 

 

Ich gebe zu, mich stört immer wieder, dass die Spiele gegen Bielefeld und Stuttgart so hochstilisiert werden. Wobei allen klar sein muss, dass mindestens 50 Prozent davon auch schlichte PR-Arbeit ist, um diese Spiele für die Zuschauer interessanter zu machen. So kommen mehr Leute ins Stadion, mehr vor den TV - und so können die Zeitungen mehr Auflage machen. Punkte gibt es allerdings auch hier - wie in jedem anderen Spiel auch - nur drei. „Trotzdem ist es immer auch richtungsweisend“, sagt Reinhardt, „weil solche Spiele immer auch Einfluss haben auf die Stimmung. Sie können den Saisonverlauf eindeutig mitbestimmen.“

Okay, in diesem Punkt stimme ich mit Basti  überein. Und ich habe im Anschluss daran auch einen meiner Meinung nach guten Kompromiss mit der Tormaschine von - nein: auf der Bielefelder Alm gefunden. Der sagte:  „Wir werden auch nach den Spielen gegen Bielefeld und Stuttgart weder aufgestiegen sein, noch etwas verpasst haben. Das ist klar. Die Strecke wird danach noch lang sein. Aber wenn wir gewinnen oder zumindest mit vielen Punkten aus diesen Spielen hervorgehen, dann wäre das schon ein weiterer, großer Schritt.“ Klar, denn gerade angesichts der aktuellen Ergebnisse könnte der HSV die Distanz auf den ersten Nicht-Aufstiegsplatz vergrößern.

Reinhardt lobt Hecking: Gute Atmosphäre im ganzen Verein

Natürlich wollte ich von Reinhardt noch wissen, wen er als alter Abwehrrecke denn in der Innenverteidigung neben Rick van Drongelen aufstellen würde. Jung? Oder Letschert? Oder vielleicht sogar Youngster Jonas David? Aber - Achtung, Ehrenkodex! - unter Trainerkollegen macht man sowas nicht. Einmischen in die Arbeit des anderen - geht gar nicht. Zumal Reinhardt mit HSV-Trainer Dieter Hecking 1997/1998 sogar noch zusammen bei Hannover 96 gespielt hat.  Und der U-16-Trainer des HSV pflegt ein offenkundig sehr gutes Verhältnis zum aktuell obersten HSV-Trainer. „Nach 20 Jahren haben wir uns jetzt hier wieder gesehen, und es war, als hätte man gestern noch zusammen auf dem Platz gestanden. Da kommt man natürlich schneller in Gespräche, was sehr hilfreich ist.“

 

Hilfreich vor allem in Hinblick auf die Stimmung und die Zusammenarbeit der Profis mit dem „kleinen“ Jugendbereich. So sei es aktuell so, dass sich die gute Stimmung aus dem Profibereich bis in die Jugend trägt. „Die Kommunikation ist der Schlüssel“, sagt Reinhardt, „das schlägt schon eine Brücke, wenn man so wie Dieter und sein Trainerteam auf Augenhöhe mit den anderen Trainern spricht. Wir sitzen oft zusammen in der Mensa und es wird sehr viel gesprochen. Das macht die neue Atmosphäre aus. Das Klima ist am Ende entscheidend für die Stabilität. Und das Klima ist einfach gut - was in den letzten Jahren leider nicht immer der Fall war. Dieter hat schon sehr viel erlebt. Er sieht den HSV als große Aufgabe an und tut dafür alles. Das strahlt er aus. Und anstatt sich abzuschotten vom Rest, wie es viele andere oft fälschlich machen, kommen Dieter und das ganze Trainerteam auf uns zu. Das kommt sehr gut an und schafft eben auch außerhalb des eigenen Kreises einen stabilen Rahmen. Und das allein unterscheidet sich schon sehr positiv von anderen Trainern.“

Am Montag werden wir sehen, inwieweit der HSV das gute Klima vom Volkspark in Bielefeld mit auf den Platz transportiert bekommt. Und das dann übrigens zusammen mit Basti Reinhardt als Gast bei uns auf der Couch, der sich sicher ist: „Wir steigen diesmal auf. Sicher.“ Gutes Omen zumindest schon mal für das Spitzenduell Erster gegen Dritter am Montag: Die U21 musste heute ihrerseits bei einem Tabellennachbarn antreten und hat beim SSV Jeddeloh mit den beiden Profileihgaben Xavier Amaechi und Christoph Moritz mit 3:1 gewinnen. Youngster Amaechi konnte dabei sogar das 1:0 beisteuern, während Khaled Mohssen und Tobias Fagerström die anderen beiden HSV-Treffer erzielten.

In diesem Sinne, bis morgen! Da wird um 13 Uhr öffentlich zum Abschluss dieser Trainingswoche noch einmal trainiert.

Bis dahin!

Scholle

 

 

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Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.