Marcus Scholz

18. Juni 2020

Ich kann mich nicht einfach lossagen. So gern ich HSV-Spiele manchmal auch emotional einfach an mir vorbeiziehen lassen würde – es geht nunmal nicht. Vor wichtigen Partien ist das noch etwas stärker als vor vergleichsweise belanglosen – aber Auswirkungen auf meinen Blutdruck hat der HSV immer. So auch vor dem Spiel gegen Osnabrück – schon Tage vor dem Anpfiff.  Live im Stadion mitzuerleben und zu sehen, wie die HSV-Profis auf dem Platz von Minute zu Minute lebloser wurden – das war fast unerträglich. Das Spiel wurde verschleppt, der Gegner wurde starkgemacht – und Hoffnung auf einen zweiten Treffer hatte ich schon sehr früh nur noch aus Prinzip. Zu sehen, wie sich gestandene Männer plötzlich kleinmachen und wegknicken war enttäuschend. Und: Dass der einzige, der einen stabilen Eindruck machte, auch noch ausgewechselt wurde – es machte meine Stimmung auf der Tribüne nicht besser. Das  Spiel setzte bei mir Adrenalin  frei – weil es mich wütend machte.

Die Frage ist nur: Darf ich dem HSV gestatten, mich so mitzunehmen? Die Antwort: Ich muss. Leidenschaft beinhaltet Leid. Und so sicher ich mir bin, davon dank des HSV in den letzten Jahren mehr als genug abbekommen und durchgestanden zu haben – ich nehme es auch diesmal. Ich stehe das nicht nur durch, ich wehre mich. Ich kann schließlich nicht auf der einen Seite von den Spielern verlangen, dass sie endlich erwachsen werden und auf der anderen Seite aufgeben. Von daher: Hier meine Ansage.

Werdet endlich erwachsen, Männer!!

Ihr habt hier eine Mischung aus Vorbelastung und Eigenverschulden bei den Fans wiedergutzumachen. Ihr habt es gern gehört, wenn die Konkurrenz Euch im Vorfeld zu den Besten erklärte – jetzt liefert auch den Beweis dafür!  Also geht endlich wie Gewinner auf den Platz und tretet auf, als gäbe es kein Morgen mehr! Zumal das das Einfachste auf der Welt ist! Ihr müsst bedingungslos gewinnen wollen. Scheißt auf Vernunft! Scheißt darauf, was andere denken und wie andere Euch sehen! Eure Fans werden solange hinter Euch stehen, wie sie erkennen, dass ihr alles gebt. Hollerbach, Meijer, Westermann - es sind immer wieder selbst limitierte Fußballer zu Publikumslieblingen geworden: Weil sie bis zum Umfallen gekämpft haben. Also mit dem einfachsten auf der Welt…

Auch deshalb ist ein Rick van Drongelen trotz einer unterdurchschnittlichen Saison so hoch im Kurs. Apropos, das leere Volksparkstadion hat einen interessanten Nebeneffekt: Man hört alles! Van Drongelen ist der einzige Spieler auf dem Platz, der Ansagen macht und auf dem Platz lautstark Leistung einfordert. Selbst dann, wenn er selbst Probleme hat – van Drongelen gibt läuferisch und verbal immer Vollgas. Und allein das macht ihn für mich in vielen Spielen schon zum wichtigsten Mann. Man kann behaupten, dass es Zufall ist – aber ich glaube, dass die Statistik, die Sky veröffentlichte, etwas aussagt: Bislang hat der HSV noch kein Spiel ohne van Drongelen gewonnen.

Fakt ist: Dieser HSV hatte bislang einfach nicht die mentale Qualität, in entscheidenden Spielen souverän aufzutreten, geschweige denn sie zu gewinnen. „Das schwierige Umfeld“ wird hierbei immer wieder gern zitiert – aber das ist nichts anderes als kindisches Rumgeheule. Denn anstatt sich über das Umfeld zu beschweren, wäre es sinnvoller, einfach darauf zu sch… und seinen eigenen Weg zu gehen. Mutig sein ist das Stichwort! Es wäre mir tatsächlich deutlich lieber, wenn die Spieler auf dem Platz tausend Dinge versuchen und ehrgeizig scheitern, als dass sie es gar nicht erst versuchen. Denn das macht mich nur noch sauer. Das Privileg zu haben, Fußballprofi zu sein und dazu noch in einer ligaweit besseren Mannschaft zu spielen darf nicht nur genossen werden, sondern muss auch dazu führen, dass man Verantwortung verspürt und diese auch übernimmt.

 

Heute haben die Profis frei – und viele regen sich auf, weil Training doch jetzt sinnvoll wäre. Ich hingegen glaube nicht, dass man das, was diesem HSV fehlt, auf dem Platz trainieren kann. Das muss sich entwickeln. Und ja: Ich würde denjenigen aus dieser Mannschaft feiern, der seine Kollegen in seinen Keller einlädt und dem einen oder anderen dort ein paar (verbale) Backpfeifen gibt. Statt immer wieder irgendwelche High-Class-Raftingtouren im Trainingslager von Event-Agenturen organisieren zu lassen, wäre es sinnvoll, die Truppe allein zu lassen, bis sie sich kloppen, vertragen, einen saufen – oder einfach nur mal Tacheles reden. Entscheidend ist, dass die Mannschaft ein echtes Eigenleben entwickelt und nicht alles von oben vorgegeben wird. Und sollte das dann immer noch nicht klappen – dann weiß der Sportchef zumindest, wo er zwingend anzusetzen hat: Am Charakter der Truppe.

Qualität allein reicht auf dem Platz nicht

Dass fußballerische Qualität allein nicht reicht, sehen wir beim HSV seit vielen Jahren immer wieder. Und auch das ist ein ganz wesentlicher Faktor, weshalb man hier in Hamburg müder wird. „Jedes Jahr dasselbe“ und „die verbocken das am Ende doch eh“ hört man nicht erst seit dem schwachen 1:1 gegen Osnabrück. Und leider nährt das Team um Kapitän Aaron Hunt diese Befürchtung mit immer wieder ausgelassenen Chancen, sich abzusetzen. Dass parallel der „HSV des Südens“ ebenso patzt macht es nicht besser. Im Gegenteil: Mich ermüdet dieser schwache Aufstiegskampf.

Auch deshalb wäre ich ein unfassbar schlechter Trainer. Ich hätte die Geduld nicht, immer nach außen alles schön darzustellen, während ich sehe, wie ein Sonny Kittel maximal 20 Prozent aus seinen Fähigkeiten rausholt. Zu wissen (und Hecking weiß das besser als wir alle zusammen), dass meine Innenverteidigung für jede Sturmspitze mit Tempo und/oder gutem Kopfballspiel ein leichtes Opfer ist, würde ich nicht hinbekommen. Zu sehen, wie ein Adrian Fein nach der Winterpause von Woche zu Woche schwächer wird und ihn trotzdem immer wieder aufstellen – ich hätte das gemacht – aber seit ein paar Spielen nicht mehr.

 

Es hatte damals genau vier Wochen gedauert, bis mir der Job als HSV-Reporter beim Abendblatt auch den letzten romantischen Gedanken geraubt hatte. Fußballprofis waren, sind und bleiben Ich-AGs. Und das war mir schon bei dem damals im Jahr 2000 mit der Pagelsdorf-Clique um geile Typen wie Hoogma, Präger, Yeboah, Groth, Butt, Töfting und Co. schnell klar. Und ich kann behaupten, dass die Profi-Generation von heute noch einmal egoistischer und gleichgültiger ist als die damalige.

Muss man das hinnehmen? Ich behaupte: Nein!

Als HSV wäre man gut bedient, endlich eine Mannschaft zusammenzustellen, die sich selbst nicht wichtiger nimmt als den Verein. Spieler, die sich etwas trauen, die in schwierigen Momenten keine Angst haben, Fehler zu machen. Spieler, die das Umfeld mitnehmen, prägen und vereinen. Spieler, die Ecken und Kanten haben dürfen, anstelle der klinisch reinen Nachwuchsleistungszentrums-Kicker. Ich behaupte, dass der HSV auch nicht erfolgloser gearbeitet hätte, wenn man diesen Leitfaden bei Spielerverpflichtungen schon vor ein paar Jahren deutlich höher gehängt hätte.

Dieses Jahr hat der HSV eine Mannschaft, mit der es sicherlich Spaß macht, zu trainieren. Alle sind nett, loyal und Teamplayer, denen ich gar nichts großartig vorwerfen will. Solche Spieler bilden im Optimalfall das Gros einer Mannschaft. Aber sie alle sind eben keine Leader. Die altersmäßig geeigneten Spieler schaffen es sportlich nicht zum unumstrittenen Stammspieler. Und Youngster wie Fein haben ihre natürlichen Formtiefen. Leider aktuell sehr konstant.

Der HSV braucht Spieler mit Ecken und Kanten

Was fehlt sind Spieler mit ausreichend Qualität, die auf dem Platz weniger darauf achten, einen intellektuellen Eindruck zu hinterlassen. Spieler, die einfach machen, marschieren, probieren und Verantwortung übernehmen – auch wenn es mal schief geht. Spieler, denen das scheißegal ist und denen man es nicht einmal übel nimmt, wenn sie wie Thomas Gravesen einst über die Stränge schlagen.

Diese Effenbergs, Gravesens, (gesunden) Papadopoulos‘ und Co. machen nicht nur den Unterschied in einer Zeit, in der dieser Charakterzug in NLZs aberzogen wird. Sie machen auch die anderen Spieler besser. Und was passiert, wenn man zu brav wird, sieht man jetzt. Dann hat man 20 Spieler, die zum Besten gehören, was die Liga zu bieten hat, die es aber trotzdem nicht schaffen, in entscheidenden Phasen das Prozent mehr Feuer auf den Platz zu bekommen. Ehrlich: Mich als Trainer würde es verrückt machen, das einsehen zu müssen.

Von daher hoffe ich darauf, dass es Hecking mit all seiner Erfahrung gelingt, dieser Mannschaft den Mut einzuimpfen, einfach mal zu machen. „Geht’s raus – spielt’s Fußball“, soll Franz Beckenbauer 1990 auf dem Weg zum WM-Titel gesagt haben. Und ganz ehrlich: Nicht nur manchmal ist der Profifußball eben genau so einfach. Auch jetzt, wo der HSV nichts anderes machen muss, als zwei Spiele gegen Heidenheim und Sandhausen zu gewinnen. Von daher halte auch ich es mit dem Kaiser:

Geht’s raus, spielt’s Fußball!

Scholle

 

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