Marcus Scholz

4. Juni 2019

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Er ist einfach ein gewinnender Typ. Sportlich auf dem Feld war er früher einer der Besten der Welt. Und auch wenn das schon etwas länger nicht mehr so ist - gewinnt der ehemalige HSV-Profi als Typ, als Mensch. Rafael van der Vaart demonstrierte heute mit einer unnachahmlichen Leichtigkeit, wie man die Menschen für sich und seine Projekte begeistern kann. Zuerst, indem der Niederländer der Veranstaltung die künstliche Distanz zwischen ihm und den Gästen mit Scherzen über sich selbst nahm. Ja, er habe inzwischen einen kleinen Bauch bekommen, sagte der 36-Jährige. Wenn man sein fußballerisches Talent schon nicht mit seinem Vater in Verbindung bringen könne, dann doch wenigstens jetzt die zunehmende äußerliche Ähnlichkeit, scherzte van der Vaart in Richtung seines anwesenden Vaters, der sich das Lachen nicht verkneifen konnte. Mich persönlich gewann van der Vaart übrigens, als er den Grund seiner Einladung nannte und sein Abschiedsspiel für sich und andere selbstkritisch einordnete: „Es ist für mich ein Abschiedsspiel, wenn ich meine erste Zeit beim HSV sehe, die toll war. Für die zweite Zeit hier ist es wohl eher meine Art, Entschuldigung zu sagen. Denn da konnte ich nicht das geben, was ich den Fans geben wollte.“

Dafür aber jetzt mit diesem Abschiedsspiel, das das „Who is who“ der letzten 20 Jahre beinhaltet. Als erste zugesagt hatten David Jarolim und John Heitinga, berichtete van der Vaart und legte in Richtung seines Ex-Mannschaftskameraden und guten Freundes „Jaro“ scherzhaft nach: „Wenn Jaro hier 30.000 für seinen Abschied ins Stadion locken konnte, dann will ich mindestens 40.000 Zuschauer schaffen.“ Zu wünschen wäre es nicht nur ihm, denn der Gewinn der Veranstaltung wird letztlich dem guten Zweck zugeführt. Die HSV-Stiftung „Hamburger Weg“ soll am Ende davon profitieren, dass van der Vaart, der für mich bis heute der Türöffner zur besten HSV-Zeit der letzten 20 Jahre war, in Hamburg den lange überfälligen großen Abschied bekommt. Geplant ist das Spiel für den 13. Oktober (siehe Grafik):

 

 

Van der Vaart, der noch immer regelmäßig in Hamburg weilt (Sohn Damian lebt hier bei seiner Mutter Sylvie Meis), begrüßte auf der Veranstaltung heute auch noch Bernd Hoffmann, dem damaligen wie heutigen Vorstandsvorsitzenden des HSV und erzählte launig, wie man sich damals auf den Wechsel nach Hamburg einigte. Er sei zuerst sehr skeptisch gewesen, als das HSCV-Angebot reinkam. Er habe weder Stadt noch Klub gekannt,  habe sich aber nach einem Treffen mit Hoffmann,  dem damaligen Sportchef Dietmar Beiersdorfer und dem damaligen Trainer Thomas Doll sofort in den HSV verliebt. „Bei der positiven Energie von Dolly (Thomas Doll, d. Red.) ging es gar nicht anders. Und als auch meine Eltern überzeugt waren, war es klar, dass ich zum HSV gehen würde.“ Was folgte war ein fußballerischer Hochgenuss für Fans und Zuschauer sowie die für mich bislang schönste Zeit als HSV-Reporter. Damals waren sogar Siege gegen den FC Bayern noch möglich und Niederlagen waren erträglicher, weil der gesamte Klub eine positive Entwicklung machte.

Umso trauriger ist van der Vaart heute, wenn er auf die aktuelle Situation des HSV angesprochen wird. Sein größte Hoffnung sei Trainer Dieter Hecking, sagt der ehemalige Mittelfeldspieler. „Ich bin ein großer Hecking-Fan. Wenn ich gegen seine Mannschaft gespielt habe, hatte er immer eine gute Ausstrahlung. Er ist nicht für sich sondern für den Verein da, will den erfolgreich machen.  Er will seine Idee rüberbringen, er ist ein erfahrener Mann“, so der Ex-Kapitän.  Wichtig sei, dass Hecking hier in Hamburg ausreichend Zeit bekomme und nicht schon nach nur wenigen erfolglosen Spielen kritisiert werde. „Lasst den Mann mal in Ruhe arbeiten. Nicht gleich nach drei Spielen schon wieder sagen, das ist nichts. Dann sind sie schnell wieder zurück in der Bundesliga.“ Und einmal dabei, appellierte van der Vaart dann auch noch für die Familie Kühne. „Sie werden eingeladen. Es wird immer unterschätzt. Wenn einer ein  Herz für den HSV hat, dann er. Auch seine Frau, sie ist die liebste auf der Welt. Die beiden und Herrn Gernandt werde ich einladen.“

Van der Vaart, der alle zwei Tage laufen geht, seine Ruhe in Dänemark mit Freundin und Kindern  genießt und als TV-Experte unterwegs ist, will erst einmal ausspannen. Sagt er selbst. Einen Funktionärsjob, wie ihm schon nahegelegt wurde, will er noch nicht in Betracht ziehen. „Da habe ich noch nicht mal drüber nachgedacht. Man muss auch erst mal runterkommen. Als Experte im TV zu arbeiten macht Spaß, ich glaube auch, dass ich es kann - weil ich viel Ahnung habe. Aber das ist ein ganz anderer Job, der sehr viel Zeit nimmt. Und ich will jetzt erstmal meine Zeit mit der Familie genießen.“ Mit Ausnahme des 13. Oktobers, wo neben Heitinga und Jarolim auch Spieler wie Raul, van Nistelrooy, van Bommel, Atouba Olic, van Buyten, Calhanoglu, Kompany, Demel, van Persie, Davids, Sneijder u.v.m. geladen sind. Geht es nach van der Vaart, soll an dem Tag sogar Pierre Michel Lasogga noch mal im Volksparkstadion auflaufen - im HSV-Dress.

Es wäre tatsächlich eine schöne Geschichte, die noch einmal verdeutlicht, dass es noch Verbindungen im Fußball gibt, die auch über die aktive Zeit hinaus halten. Und wer weiß, was passiert, wenn van der Vaart irgendwann doch die Funktionärsschiene wählt. Ich persönlich hätte tatsächlich schon längst versucht, van der Vaart in irgendeiner beratenden Art und Weise (wenn schon nicht als Vernatwortlichen)  an den HSV zu binden. Das habe ich hier an dieser Stelle auch schon häufiger geschrieben, denn einen Ruf wie den von van der Vaart kann sich kein gelernter Manager erarbeiten. Van der Vaart weiß genau wovon er spricht. Er war in der Weltspitze aktiv, hat bei den renommiertesten Klubs der Welt gespielt, schwierige Vertragsverhandlungen miterlebt und alles und jeden kennengelernt, was im Fußball von Bedeutung ist. Vor allem kennt er den HSV n nicht nur - er bekennt sich sogar immer wieder zum HSV. Auch jetzt mit diesem Abschiedsspiel, das eben nicht min Amsterdam stattfindet, sondern bei „seinem HSV“. Aus meiner Sicht wäre van der Vaart auch auf dieser Ebene ein mehr als geeigneter Türöffner für Gespräche mit Spielern, Vereinen und Investoren wie zuletzt am Beispiel Kühne zu erkennen war.

Glücklicherweise hat der HSV auf dieser Position aktuell eine neue, gute Lösung gefunden. Zumindest scheint sich Jonas Boldt beim HSV sehr gut einzuleben - und vor allem viel anzuschieben. Zusammen mit Trainer Dieter Hecking kümmert sich der Sportvorstand derzeit um möglichst charakterstarke, günstige und ehrgeizige Spieler. Bakalorz, Behrens, Wooten, Stendera - es kursieren derzeit zu viele Namen. Und das wird sich ganz sicher auch so schnell nicht ändern. Immerhin muss der HSV noch in allen Mannschaftsteilen nachlegen. Übrigens auch in Sachen Verkauf - denn bislang gibt es noch keine vielversprechenden Angebote für die erhofften Geldbringer Douglas Santos und Julian Pollersbeck. Bei Santos hatten zuletzt Leverkusen und Hoffenheim ihr Interesse zurückgezogen. Bei Pollersbeck hat sich der HSV den Markt selbst zerschossen - wobei  Boldt hier das Erbe seines Vorgängers übernommen hat und nur derjenige ist, der um Schadensbegrenzung bemüht sein dürfte.

Fakt ist, es ist weiter offen, ob und für wie viel Geld der HSV seine Spieler noch los wird. Bei Pollersbeck hat Boldt die schwere Bürde, den Einkaufspreis von 3,5 Millionen zuzüglich der Ablöse für seinen Nachfolger Heuer Fernandes von 1,3 Millionen Euro generieren zu müssen.Bei einem geschätzten Marktwert Pollersbeck von zwei Millionen Euro und einem quasi einexistenten Markt für den abgeschobenen Torhüter nahezu aussichtslos, sofern nicht irgendein potenter englischer Klub noch eine Idee hat. Wobei Boldt ja mal bei van der Vaart anfragen kann, ob der eine Idee hat. Immerhin hat der Niederländer auch bei Champions-League-Finalist Tottenham gespielt und genießt dort den allerbesten Ruf… Aber im Ernst: Boldt hat eine Herkulesaufgabe vor sich. Und das wusste er schon vor Amtsantritt.

Unmittelbar vor seinem Amtsantritt steht auch Christian Titz, der bei Regionalligaklub RW Essen als Cheftrainer gehandelt wird. Im Laufe des heutigen Tages hatte „Revier Sport“ exklusiv die Einigung des Ex-HSV-Trainers mit dem Traditionsklub aus dem Westen verkündet. Unterschrieben war aber bis zum Abschluss dieses Blogs noch nichts. Wobei, wie überall im Fußball gilt auch hier: Das alles kann sich ganz schnell ändern…

Gleich bleibt dagegen unser Prozedere hier. Morgen früh um 7.30 Uhr melde ich mich mit dem MorningCall bei Euch und werde Euch am Abend wieder berichten, was sich tagsüber beim HSV so zugetragen hat. Einziger Unterschied zu sonst: Morgen um 17 Uhr ist auch unser Community-Talk auf unserer YouTube-Seite abrufbar. Bis dahin Euch allen einen richtig schönen Rest-Dienstagabend!

 

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Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.