Marcus Scholz

5. Dezember 2018

Es hat immer auch etwas von Resignation, wenn der Trainer nach den geheimen Einheiten mit uns spricht. „Ach, was erzähl ich euch - ihr habt es ja selbst gesehen“, ist dann immer einer seiner Aussprüche. Zumeist mit einem leicht gequälten Lächeln dazu. Heute, wo eigentlich wieder eine nicht öffentliche Trainingseinheit anstand, verzichtete der Trainer schon ganz auf verschlossene Türen. Ebenso auf taktische Geschichten während der Einheit. kein Abschlussspiel, keine Standrads - nur technische Übungen mit viel Torabschlüssen. Die Psychologie des Erfolges - immer wieder gab es Torerfolge. Das stärkt das Selbstvertrauen. Und angesichts des zu erwartenden stürmischen, wenn nicht gar etwas unkontrolliert offensiven Spiels der Gäste aus Paderborn, setzt Wolf auf schnelles Umschalten und ließ heute dementsprechend üben.

Parallel dazu trainierte Kyriakos Papdopoulos allein mit seinem Rehatrainer. Es sieht tatsächlich schon deutlich besser aus, als man hoffen durfte. Immerhin war der Fahrplan so gesteckt, dass der Innenverteidiger Ende Februar frühestens wieder spielen können sollte. Aktuell deutet vieles daraufhin, dass der Grieche schon in der Wintervorbereitung wieder mit der Mannschaft trainieren kann. Zumindest sagt er das selbst. „Die Zweite Liga ist nicht mein Anspruch“ titelte heute die SportBild und machte damit, was sie sehr gern und häufiger macht: Sie suggeriert dem Leser einen kleinen Skandal, um ihn dann im Text nicht annähernd unterfüttern zu können. So auch diesmal. Denn den für die Überschrift gewählten Satz sagte Papadopoulos im direkten Zusammenhang damit, dass er der Mannschaft in jeder Liga helfen könne. Auch in der Zweiten - selbst, wenn das nicht sein Anspruch ist. Dennoch will er helfen. Sagt er.

 

Dass er in gesundem Zustand helfen könnte, erscheint derzeit deutlicher denn je. In der Innenverteidigung hat der HSV weiterhin seine Probleme. Und während Leo Lacroix allen und allem auf der Welt die Schuld für seine Minusleistungen gibt außer sich selbst, macht David Bates das Beste aus dem, was er machen kann: Er gibt Vollgas. Selbst dann, wenn Übungen wie die heute anstehen und er wirklich etwas unbeholfen daherkommt, gibt Bates nicht auf. Und allein die Tatsache, dass er sich erkennbar weiterentwickeln will und dabei (wenn auch nur) kleine Fortschritte macht, macht ihn aus meiner Sicht schon wertvoller als Leo Lacroix, dessen Rolle in den nächsten Wochen voraussichtlich auf die Schlussphasen knapper Spiele beschränkt sein dürfte. Dort dann als zusätzliche Absicherung der Defensive.

Okay, zugegeben: In den letzten Jahren war es oft so, dass die Trainingsdarbietungen einen motivierten, guten Eindruck von der Mannschaft vermittelten. Und am Ende kam wenig bis nichts an den Wochenenden dabei rum. Dennoch muss ich zugeben, dass es aktuell mehr Spaß macht als sonst, die Mannschaft zu beobachten. Denn sie hat richtig Spaß an dem, was sie macht. Gestern beispielsweise musste Wolf einige Spieler, die mit Cotrainer Andre Kilian im Anschluss an die Trainingseinheit noch auf dem Platz blieben und Flankenbälle mit Abschlüssen übten, mehrfach lautstark dazu auffordern, endlich aufzuhören, bis diese das auch machten. Dass dabei vor allem die jungen Spieler wie Josha Vagnoman, Fiete Arp, Jonas David und Manuel Wintzheimer dabei waren (Sakai und Santos flankten) - es spricht dafür, dass die Wolf-Philosophie angenommen wird. Der HSV-Coach hatte gleich zu Beginn seiner Amtszeit betont, dass keines der Talente Zeit bei den Profis geschenkt bekommen würde, sondern es sich alle hart erarbeiten und verdienen müssten. Und das machen die Jungs jetzt.

Einer, der mir vor Saisonbeginn und auch jetzt noch immer extrem gut gefällt, ist Josh Vagnoman. Der Außenverteidiger hat nur das große Peche, eben Außenverteidiger zu sein. Dort, wo Santos auf links absolut unbestritten gesetzt ist und Sakai (auf rechts) gerade zu seiner Form zurückgefunden hat. Dennoch gefällt mir Vagnoman im Training unverändert gut. Er ist schnell, körperlich robust, technisch versiert, kopfballstark - und mutig. Zusätzlich zu diesen Vorzügen muss man erwähnen, dass Vagnoman gerade erst 17 Jahre jung ist. Obwohl das Alter an sich für mich nie ein Kriterium wäre und das auch nie sein sollte. Im Gegenteil: Der HSV täte gut daran, derartige Toptalente auf höchstmöglichem Niveau zu fördern. Zumindest die, die die Grundvoraussetzungen mitbringen. „So, wie es hier gerade läuft, ist alles gut“, sagte mir Vagnomans Vater heute beim Training. Die täglichen Einheiten bei den Profis, am Wochenende bei der U21 auf dem Platz zu stehen und bei den Profis immer wieder auf der Bank dabei zu sein - das sei eine bessere Mischung als immer bei den Profis dabei zu sein und nicht zu spielen.

Dennoch befürchte ich, dass es für Vagnoman bei Wolf schwer werden könnte, da der HSV-Coach sehr darauf erpicht zu sein scheint, Konstanz zu erzeugen. Gerade in der Viererkette - und das ist eigentlich von den Profiteams bis runter zu den Amateurteams so - wechseln Trainer nur möglichst selten in der Abwehrreihe. Die Abwehr soll sich maximal aneinander gewöhnen und sich bestmöglich aufeinander abstimmen können. Dass Wolf das macht ist meiner Meinung nach auch völlig richtig - womit ich zu dem Punkt komme, den ich mir als Lösungsweg für diese Zwickmühle im Fall Vagnoman erhoffe: Dominanz im Spiel.

In den letzten Wochen  (insbesondere unter Titz) wurde kritisiert, dass der HSV seine Spiele nur knapp gewinnt. Auf jeden Fall zu selten souverän und deutlich im Ergebnis. Eine Kritik, der ich mich weiterhin nicht anschließen möchte. Vielmehr hoffe ich darauf, dass der HSV eine entsprechenden Dominanz findet, damit er seinem Auftrag nachkommen kann, eigene Talente best- und höchstmöglich ausbilden zu können. In etwa so, wie es mit Fiete Arp begann. Der wurde kurz vor Schluss eingewechselt und steigerte seine Einsatzzeiten langsam.  momentan hätte es Vagnoman fast mehr verdient als Arp, diese Zeiten zu bekommen.

Glücklicherweise stehen bei Vagnoman weder Abitur noch ein Bayern-Angebot als schwerwiegende Ablenkungen im Raum. Soll heißen: Der in einer Woche 18 Jahre alt werdende gebürtige Hamburger kann sich auf den Fußball konzentrieren. Und das meine ich wörtlich. Denn Vagnoman ist außergewöhnlich cool. „Ob er vor 90 Zuschauern oder 90.000 Zuschauern spielt, ist für ihn völlig unerheblich“, sagte mir Extrafeiner Titz einmal und schwärmte von den Grundvoraussetzungen Vagnomans. „Josha hat alles, was man in dem Alter haben kann. Und dazu besitzt er eine außergewöhnliche Abgeklärtheit im Handeln.“ Aufgeregt ist er im Training jedenfalls nicht.

Zu mehr als einen Kurzeinsatz gegen Sandhausen und einer durchwachsenen Halbzeit (in der Startelf) gegen Dynamo Dresden reichte es letztlich aber auch unter Titz nicht für den jüngsten Spieler im Profikader. Ein Fehler, wie ich finde. Denn ich glaube, dass Vagnoman nichts mehr als Spielpraxis braucht und zu der Kategorie Fußballer gehört, die ihre Leistung immer den Anforderungen anpassen können. Und dafür reichen Kurzeinsätze sowie Spiele in der Regionalliga auf Dauer nicht aus. Daher hoffe ich, das Wolf den Mut hat, neben Arp auch Vagnoman immer wieder zu bringen und auch ihn an den Profifußball zu gewöhnen. Denn neben dem Aufstieg hat der HSV-Coach den klaren Auftrag,  eigene Spieler zu entwickeln.

Okay, gegen Paderborn wird es noch nichts. Da bin ich mir ziemlich sicher. Sakai präsentierte sich zuletzt verbessert und ist aktuell gesetzt. Über Santos brauchen wir in diesem Zusammenhang sicher nicht zu sprechen. Auch ansonsten dürfte Wolf für Freitag eher keine Änderung vornehmen. Soll heißen, aktuell deutet alles darauf hin, dass der HSV am Freitag so beginnen wird wie zuletzt auch in Ingolstadt: Pollersbeck - Sakai, Bates, van Drongelen, Santos - Mangala - Narey, Holtby, Hunt, Jatta - Hwang. Aber vielleicht reicht es ja für einen Kurzeinsatz für Vagnoman. Ich bin mir jedenfalls sicher, dass sich der Mut bei dem Bald-18-Jährigen lohnen würde.

In diesem Sinne, bis morgen. Da wird tatsächlich unter Ausschluss der Öffentlichkeit trainiert. Morgens melde ich mich wie gewohnt um 7.30 Uhr mit dem MorningCall bei Euch, und am Abend meldet sich dann - nach längerer Pause - mal wieder Lars bei Euch. Ich bin dann am Freitag im Anschluss an das Spiel wieder mit dem Blog und unserem Blitz-Fazit bei Euch! Bis dahin Euch allen einen schönen Abend!

Scholle

 

P.S.: Der HSV wappnet sich für die Welt des elektronischen Sports und hat ein Trio verpflichtet, das den HSV bei eSports-Turnieren vertreten soll. Anbei die Pressemitteilung zum Anklicken.

PARTNER VON

FAQs

Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.

Kategorien