Marcus Scholz

8. Februar 2020

Es begann eher schlecht. Für mich zumindest. Denn ich stand so im Stau, dass es auch keinen Umkehrmöglichkeit gab. Und anstatt 90 Minuten vor dem Spiel da zu sein, wurden es gerade einmal 45 Minuten vor dem Anpfiff – und zu diesem Zeitpunkt hatte der HSV schon die Aufstellung herausgegeben. Wenig überraschend blieb es bei der Startelf der letzten beiden siegreichen Spiele gegen Nürnberg und in Bochum. „Never change a winning team“ – und das zurecht, wie sich zeigen sollte. Denn der HSV gewann auch das dritte Spiel des Jahres 2020 von 49.581 Zuschauern gegen den Karlsruher SC absolut verdient mit 2:0.

„Es war wichtig, zu Null zu spielen heute. Das haben wir gemacht und deshalb sind wir zufrieden“, freute sich Innenverteidiger Rick van Drongelen nach elf Spielen mit Gegentreffern über das erste Zu-Null-Spiel. Dabei überraschte der Gast aus Karlsruhe in den ersten Minuten mit mutigem Offensivpressing. Zwar ohne dabei eine Torchance zu kreieren – aber der HSV brauchte tatsächlich handgestoppte 4:08 Minuten, bis er den Ball das erste Mal in der gegnerischen Hälfte hatte. Das sieht man hier im Volksparkstadion selten – deshalb nenne ich das hier mal, so unbedeutend es für den weiteren Spielverlauf auch sein sollte. Denn von hier an übernahm der HSV wie gewohnt das Zepter.

Nach fünf Minuten übernimmt der HSV das Spiel

Und er kam zu Chancen. In der neunten Minute spielte Sonny Kittel über links Tim Leibold frei, der den Ball flach ins Zentrum, wo Jatta den Ball mit Links direkt abnimmt – aber eher einen Doppelpass mit Leibold erzwingt, als den KSC-Keeper zu prüfen. Das wiederum machte Louis Schaub keine ganze Minute später besser. Erst zirkelte der Österreicher den Ball aus 17 Metern gekonnt an KSC-Keeper Uphoff vorbei – traf aber nur die Latte, um nur Sekunden später den Karlsruher Schlussmann wieder aus der Distanz, diesmal aber aus halbrechter Position,  zu einer Glanzparade zu zwingen.

Der HSV war endlich im Spiel – aber die nächste Großchance hatten die Karlsruher. Marc Lorenz war plötzlich auf der rechten Abwehrseite des HSV völlig frei, lief unbedrängt auf den schnell reagierenden Heuer Fernandes zu und der parierte sensationell zur Ecke.  Ein kurzer Schockmoment, der aber schnell verdaut wurde.  Nur 60 Sekunden später fasste sich van Drongelen aus gut 30 Metern ein Herz und zog ab. Der Schuss wäre wahrscheinlich 10 oder 15 Meter vorbei gegangen, allerdings hielt Lukas Hinterseer am Sechzehner seinen Kopf so in die Flugbahn des Balles, dass er diesen noch gefährlich abfälschte.

Der HSV blieb jetzt tonangebend und erspielte sich einige gute Gelegenheiten. Erst scheitert Fein nach sehenswertem Doppelpass mit Tim Leibold aus 10 Metern knapp (26.), dann köpft Jordan Beyer aus sechs Metern eine Jatta-Flanke freistehend zu hoch am Tor vorbei (29.). Der KSC? Der verteidigte tapfer und hatte in Keeper Uphoff seinen besten Mann.

Karlsruhe hatte wenige Szenen - aber gefährliche

Aber sie waren punktuell auch wieder gefährlich. Nach einer Verletzungsunterbrechung (Fein musste nach einem Zusammenprall länger behandelt werden) kam der KSC zu seiner nächsten Chance. Wobei der HSV hier wieder einmal wieder Lorenz gefährlich vors Tor. Wie so oft in dieser Saison nach einer Flanke per Kopf. Diesmal übersprang dabei der 1,82 Meter lange Lorenz den 1,88 Meter großen Letschert – Heuer Fernandes lenkte den Ball über die Latte.  Und weil Kittel die schöne Kombination über Jatta und Hinterseer aus 11 Metern freistehend ebenfalls nicht am KSC-Keeper vorbei zu bringen wusste, blieb es zur Halbzeit trotz 68 Prozent Ballbesitz und zehn Torschüssen beim 0:0.

Mit etwas Sorge beobachtete ich beim Gang in die Halbzeit Adrian Fein, der nach einem üblen Zusammenstoß weiter Schmerzen zu haben schien. Dass er dennoch wieder auflief überraschte mich  - aber nur kurz. Denn nach 54 Minuten war dann doch Schluss für Fein, der mit anhaltendem Nasenbluten runter musste. Für ihn kam Gideon Jung, der nur drei Minuten später von dem bereits mit Gelb vorbelasteten KSC-Angreifer Hofmann Höhe Mittelkreis so hart gefoult wurde, dass ich mit einer Gelbroten Karte gerechnet hatte. Allein Dankert gab sie nicht.

 

In der Halbzeitanalyse via Facebook hatte ich von einem Geduldsspiel gesprochen – und ich glaube, das 1:0 für den HSV spiegelte genau das wieder. Wie beim Handball spielte der HSV um den Sechzehner des KSC herum, hatte immer wieder Schusschance, die verpasst wurden. Und gerade, als das Publikum ungeduldig wurde und der KSC  schon eine glückliche Abwehr feierte, sorgte ausgerechnet der bis hierhin beste Feldspieler des KSC, Marc Lorenz, mit einem Querschläger auf der Torauslinie für die HSV-Führung. Denn anstatt den Ball einfach rauszuschlagen, rutschte ihm die Kugel über den Spann und flog parallel zur Torauslinie Richtung zweiten Pfosten, wo Hinterseer per Kopf zur Stelle war – das 1:0 (67.). Und der Brustlöser?

KSC schenkt HSV Führung - Hinterseer trifft

Eher nicht. Zumindest noch nicht. Denn Hinterseer verpasste in der 72. Minute zunächst einen Lattenabpraller (Schaub hatte aus 20 Metern abgezogen) unglücklich, ehe er neun Minuten einen schönen Querpass von Jatta nur noch über die Linie zu drücken brauchte. Das 2:0 in der 81. Minute - und zugleich die Entscheidung. Denn abgesehen von ein paar Einwechslungen passierte hier nichts mehr.

Fun-Fact am Rande: Der HSV hat mit diesem 2:0-Erfolg einen uralt-Rekord eingestellt. Mit zwei Siegen gegen den 1. FC Nürnberg (4:1) und beim VfL Bochum (3:1) war man gestartet - gegen Karlsruhe gab es nun den dritten Sieg in Serie. Das schaffte der HSV letztmals 1976 in drei Pflichtspielsiege zum Jahresstart: Damals 1:0 beim FC Schalke, 2:0 gegen Offenbach und 2:0 bei Bayern Hof (DFB-Pokal-Achtelfinale) Drei Liga-Siege zum Jahresstart gab es für den HSV übrigens nur 1968 gegen Bremen (2:1), Nürnberg (3:1) und Duisburg (2:1). Lang ist es her...

Wichtiger als das aber ist, dass der HSV seinen Vorsprung auf die parallel ebenfalls erfolgreichen Stuttgarter (3:0 gegen Aue) halten konnte und zudem (zumindest bis morgen) an Bielefeld vorbeigezogen ist. Die Arminia kann allerdings morgen mit einem Heimsieg gegen Regensburg die Tabellenspitze zurückerobern. Hinterseer: „Wir haben geduldig gespielt und sind dran geblieben. Ich freue mich natürlich über die beiden Treffer, aber das Entscheidende sind am Ende die drei Punkte, die wir geholt haben.“

Fazit: Tabellenführer - und Leibold ist 'ne Maschine

Und sportlich? Was nehmen wir sportlich noch mit aus diesem Spiel? Vielleicht, dass das Vertrauen in Hinterseer seitens Hecking gerechtfertigt war. Oder auch, dass der HSV auch ohne Sonny Kittel – ihm gelang heute fast nichts -  gewinnen kann. Zudem hatte Schaub heute wieder viele sehr gute Momente, während Heuer Fernandes da war, wenn er gebraucht wurde und Leibold einfach eine Maschine ist. Der Linksverteidiger räumte defensiv (bis auf die Flanke zum Lorenz-Kopfball) alles ab, bereitete Torszenen vor und ackerte auf links für den defensiv nicht stattfindenden Kittel mit auf. Unglaublich, wie konstant stark sich der Ex-Nürnberger beim HSV präsentiert. Bleibt nur zu hoffen, dass die Verletzung von Fein, dernach dem Schlusspfiff zu weiteren Untersuchungen ins Krankenhaus fuhr, nicht den befürchteten Bruch zugezogen hat und der Mittelfeldspieler am kommenden Wochenende in Hannover wieder dabei sein kann.  Gute Besserung von dieser Stelle!

Bevor ich jett in den Feierabend marschiere noch ein paar Worte zu der lange heiß diskutierten Pyro-Aktion. Die sah ganz nett aus, war aber nicht wirklich spektakulär. Ob die Fans auf Dauer damit zufrieden sind oder sich am Ende doch wieder den illegalen Methoden zuwenden - ich befürchte es fast. Obgleich das Fazit der Verantwortluchen nach dem Spiel ausschließlich positiv ausfiel. Aber wie sagte mein Opa schon immer: "Der Veranstalter lobt die eigene Veranstaltung - das heißt gar nichts..."

Abgerundet wird dieser Blog dann noch standesgemäß mit dem Trainer: „Es war ein verdienter Sieg. Insgesamt war es heute etwas kontrollierter und langsamer als gegen Nürnberg. Am Ende einer englischen Woche ist das auch klar. Es war wichtig, dass heute mal wieder die Null gestanden hat. So stehen wir jetzt mit drei Siegen nach der Winterpause da, das ist klasse“, so Hecking, der der Mannschaft zur Belohnung zwei Tage frei gab. Ich melde mich dennoch morgen wieder bei Euch! Bis dahin!

Scholle

 

Das Spiel im Stenogramm:

HSV: Heuer Fernandes - Beyer, Letschert, van Drongelen, Leibold - Fein (53. Jung) - Schaub (81. Kinsombi), Dudziak (73. Hunt) - Jatta, Hinterseer, Kittel

Karlsruher SC: Uphoff - Stiefler, Kobald, Pisot, Carlson - Gondorf, Groiß - Camoglu (75. Ben-Hatira), Wanitzek, Lorenz - Hofmann (69. Gueye)

Tore: 1:0 Hinterseer (67.), 2:0 Hinterseer (81.)

Zuschauer: 49.581

Schiedsrichter: Bastian Dankert (Rostock)

 

 

FAQs

Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.