Marcus Scholz

5. Februar 2020

Es ist schon eine Form von Qualität, wenn man von der Bank aus das eigene Spiel nicht nur taktisch komplett verändern, sondern immer auch verbessern kann, sobald auf dem Platz mal eine der Stammkräfte nicht so funktioniert. So geschehen in Bochum, als der HSV im Mittelfeldzentrum den Zugriff auf das Spiel verloren hatte und Trainer Dieter Hecking mit Gideon Jung für Jeremy Dudziak nachlegte. Rustikal für filigran - und es funktionierte. Jung nahm die Härte der Bochumer an, hielt im Gegensatz zu seinem Vorgänger Dudziak dagegen. „Er hat es jetzt zum wiederholten Mal richtig gut gemacht“, lobte Trainer Dieter Hecking gestern schon. Ein Indiz dafür, dass Jung in die Startelf rückt, ist das allerdings mitnichten. Denn der HSV will anders spielen.

Es gäbe in 75 Prozent der Spiele die Notwendigkeit, die eigene fußballerische Qualität auszuspielen. Das kann der HSV in aller Regel. Deshalb stehen Rick van Drongelen, Tim Leibold und Co. auch auf dem zweiten Tabellenplatz. Dass es bis jetzt noch mehr ist, liegt an den verbliebenen 25 Prozent der Spiele, in denen der HSV auf die einfache, körperbetonte und defensive Spielweise seiner Gegner keine Antworten findet. „Hier müssen wir noch die Mischung finden, wann wir spielerisch und wann körperlich die Lösungen herbeiführen. Wir haben schon einiges umgestellt“, so Hecking, „und das hat in den letzten Spielen vor der Winterpause schon besser geklappt. Aber die Mannschaft muss das erst noch verinnerlichen.“

Selbstsicher und lethargisch liegen nahe beieinander

Gemeint ist das Spiel ohne Ball, den Gegner mal kommen lassen. Gegen Bochum war das in Teilen geschehen - allerdings unfreiwillig, wie Hecking sagte. „Wir haben zeitweise Schlafwagenfußball gespielt“, sagte der formstarke Tim Leibold nach dem Sieg beim VfL Bochum. Und er meinte damit insbesondere die letzten zehn Minuten der ersten sowie die ersten 15 der zweiten Hälfte. Eine Phase, die hier im Blog immer wieder mit Unverständnis wahrgenommen und sehr kontrovers diskutiert wird. Es ist die Phase, in der sich der HSV zu sehr auf seinespielerischen Fähigkeiten verlässt. „Dann wird aus Ballsicherung schnell Lethargie“, so Sportvorstand Jonas Boldt, „zwischen kontrolliertem Spiel und zu wenig Engagement ist immer nur ein sehr schmaler Grat. den zu treffen ist nicht leicht.“

„Wie viel Techniker verträgt das HSV-Spiel?“ fragte heute die BILD. Und diese Frage ist berechtigt. Denn so schön es aussieht, wenn die Edelfüße Kittel, Fein, Dudziak und Schaub in Fahrt kommen - so wenig halten die vier dagegen, wenn es mal körperlicher wird. „Man muss abwägen, was ist unsere Qualität und was weniger. Eine Qualität ist sicher das Fußballerische“, sagt Hecking und führt an: „In 75 Prozent der Spiele wird das helfen.“ Allerdings geht es beim Kampf um den Aufstieg vor allem um die anderen 25 Prozent. Die Spitzenmannschaft, die in diesen 25 Prozent der Spiele mehr punktet, steigt am Ende auf. Behaupte ich.

Es kommt auf die entscheidenden 25 Prozent an

In der Hinrunde hatte der HSV hier nach einem nahezu perfekten Saisonstart zum Ende der Hinrunde 2019 zu viele Punkte auf die Konkurrenz verloren. Auch, weil man nicht das richtige Mittel gegen tiefe stehende, destruktive und vorwiegend physisch agierende Gegner fand. Man lief in immer die gleichen Probleme. So, wie in Teilen gegen Bochum. Ich behaupte, dass der HSV ohne den prompten Ausgleich durch Leibold wieder eine ähnliche Situation erlebt hätte.

Daher auch mein Urteil, dass hier noch viel Luft nach oben ist. Vieles sah schon gut aus. Gegen Nürnberg insbesondere - aber auch in Teilen gegen den VfL. Dass es hier und in anderen Foren Kritik für meine Kritik am HSV-Spiel gab - das ist wirklich überhaupt kein Problem. Ich weiß, dass das HSV-Spiel trotz der zwei Siege noch nicht da ist, wo auch Hecking sein Team sehen will. Weil jedes Spiel auch die kurze Wackelphase mit sich gebracht hat, in der es hätte kippen können. Und um genau das zu vermeiden muss man im Kader die richtige Balance aus mutig-offensivem Spiel und einer stabilen Defensive finden. Hier ist man auf einem guten Weg - aber längst nicht am Ziel.

Dieser HSV ist nicht „zu groß für die 2. Liga“

Daher vermute ich auch für das Spiel am Sonnabend wenig Veränderungen in der Aufstellung - sofern Verletzungen diese nicht erzwingen. Denn Hecking wird zurecht darauf setzen, dass sich seine Mannschaft Automatismen im Training erarbeitet und sie in Spielen festigt. Er kann dabei nahezu sicher darauf setzen, dass auch Karlsruhe auf die aggressive Zweikampfführung und eine tief stehende Defensive setzen wird. So, wie fast alle Gegner in der Zweiten Liga, bei der die/der Stürmer an der Mittellinie erst attackieren.

Das Beste an diesen immer wiederkehrenden gleichen Spielen: Sportvorstand Jonas Boldt und das Trainerteam hatten eine ganze Halbserie Zeit, herauszufinden, was dem Kader in der Breite fehlt. Und das hat man erfolgreich getan. Man ist zwar noch immer nicht „zu groß für die Zweite Liga“, aber man hat sich jetzt noch ein paar wichtige Zutaten geholt, die man für das Erfolgsrezept benötigte.

Hecking hat im Kader eine Win-Win-Situation

In Person von Jordan Beyer hat man eine verletzungsbedingt notwendig gewordene Nachbesserung vorgenommen, während man im Sturmzentrum mit Joel Pohjanpalo einen weiteren, anderen Stürmertypen dazu geholt hat. Einen, der anders als Hinterseer über die Wucht kommt. Vor allem aber hat man sich endlich von Aaron Hunt emanzipiert. „Endlich“, weil die Verletzungsmisere bei ihm seit Jahren einfach nicht abreißt - und nichts dafür spricht, dass sich das ändert.

Mit dem Österreicher Louis Schaub hat man die wichtigste Position der letzten Jahre, die immer wieder als Grund für den Misere herhalten musste, stark besetzt. Zudem hat man für die wenigen wichtigen Momente, in denen Schaub fehlt, mit Hunt den perfekten Ersatz. Ergo: Schaub wird der Chef im Mittelfeld, also auf dem Platz. Drumherum bleibt Hunt trotzdem enorm wichtig - in Form des hochqualifizierten aber eben nur noch sehr bedingt belastbaren Ersatzmannes. Eine Win-Win-Situation für Hecking. Und ganz ehrlich: Mehr Luxus hat kaum ein anderer Trainer in der Zweiten Liga.

HSV hat zu viele Techniker, um nur zu reagieren

Schon deshalb wird Hecking von seinem spielerischen Ansatz nie abrücken. Der Trainer kann hier noch so oft erzählen, dass man den Gegnern mehr Raum lassen will, am Ende machen seine Spieler das System - und nichts anderes. Allein das Techniker-Quartett Fein/Dudziak/Schaub/Kittel lässt fast gar keine andere Wahl, als über den Ballbesitz und die eigene Kreativität zu kommen. Zumindest wird er möglichst viele Spiele so beginnen und sehen, ob man sie so gewinnt. Der Unterschied zur Hinrunde hier: Hecking weiß, dass er diese Taktik mit Wechseln wie in Bochum (Jung kam für Dudziak und Pohjanpalo für Hinterseer) grundlegend verändern bzw. den Notwendigkeiten anpassen kann. Das gibt Sicherheit. Das lässt alle an den Erfolg glauben.

Und damit komme ich wieder zu meiner Einleitung: Was Hecking nicht hat ist die Möglichkeit, den Gegner wirklich kommen zu lassen. Das machen die Gegner einfach nicht. Zumindest so lange nicht, wie der HSV nicht in Führung gegangen ist oder der Gegner plötzlich unter Ergebniszwang geraten ist. Erst wenn das der Fall ist, werden die Gegner aktiver und bieten dem HSV die erwünschten Räume. Aber: Davon ist in den nächsten Wochen nicht auszugehen. Das ist ein Phänomen der Saisonfinals.

So steigt man am Ende auf...

Dennoch war die Führung der Bochumer am Montag keine Katastrophe mehr. Also gefühlt anders als in der Hinrunde. Und obwohl in diesem Fall der schnelle Ausgleich per Sonntagsschuss von Leibold die Rettung war, hatte ich am Montag immer die Hoffnung, dass Pohjanpalo auch diese tief stehenden Bochumer knackt. Mit ihm hat der HSV den Typ Knipser, genau die Brechstange dazugeholt, die fehlte. Oder, um den Bogen zur Einleitung zu spannen: Hecking hat endlich auch die personellen Möglichkeiten, auf Fehlentwicklungen im Spiel richtig zu reagieren. Und genau das lässt mich hoffen, dass es am Ende der HSV ist, der am meisten Punkte aus eben diesen wichtigen 25 Prozent holt. Wie in Bochum. Denn so steigt man am Ende auch auf.

In diesem Sinne, eine weitere erfreuliche Nachricht: Julian Pollersbeck stand heute schon wieder auf dem Platz und konnte knapp zwei Wochen früher als erwartet voll mittrainieren. Ebenso dabei waren Aaron Hunt und Jairo Samperio. Jeremy Dudziak, der eine Zerrung erlitten hat, trainierte individuell.

 

Morgen wird um 15.30 Uhr am Volkspark trainiert. Das letzte Mal öffentlich. Zudem melde ich mich natürlich morgen früh wieder um 7.30 Uhr mit dem MorningCall bei Euch.

Bis dahin!

Scholle

FAQs

Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.