Marcus Scholz

7. Juni 2019

Der erste Wechsel ist fix: Andre Kilians Vertrag beim HSV wurde aufgelöst und der bisherige Cotrainer vom HSV folgt Christian Titz, dessen Vertrag ausgelaufen ist und der ihn 2018 nach Hamburg gelotst hatte, nach Essen in die Regionalliga zu RWE. Es war von vielen so erwartet worden - jetzt ist es offiziell und der HSV hat damit einen von zwei Cotrainern (Maik Goebbels hat noch zwei Jahre Vertrag) von der Gehaltsliste. Dass auch Goebbels seinem ehemaligen Chef Titz gen Essen folgt, ist indes nicht zu erwarten. Die beiden Einstogen Weggefährten sollen zuletzt wiederholt nachhaltige Meinungsverschiedenheiten gehabt haben.

Eine klare Meinung hatte gestern Jonas Boldt artikuliert - und auch Ihr habt klar und deutlich reagiert. Der Beitrag von Horizons wurde zum Perlenbeitrag und dient mir heute als Vorlage, um darauf einzugehen und auf die spannende Thesen (fett gedruckt) zu reagieren (kursiver Text). Aber lest selbst:

 

Boldt ist ambitioniert... Zumindest ist es das, was er versucht zu vermitteln. Aber alleine, das er in dieser Lage und mit seiner sicher vorhandenen Kompetenz diesen Job angenommen hat ist auch schon ein Beweis. Sich hier aus dem Schatten von Rudi Völler zu emanzipieren und zu beweisen dass er "es" kann mag ein höchst egoistischer Gedanke sein, aber solange er dazu dient auch den HSV voran zu bringen, mag es mir nur Recht sein.

Jonas Boldt war von Leverkusens starkem Mann, Weltmeister Rudi Völler, als sein Nachfolger angedacht. Boldt hatte bei Bayer eine vorgezeichnete Karriere. Zuletzt soll es aber zwischen Boldt und Vereinsboss Fernando Carro (Vorsitzender der Geschäftsführung) Unstimmigkeiten gegeben haben, weshalb Boldt Ende 2018 trotz frisch verlängerten Vertrages bis 2021 sein Amt zur Verfügung stellte. Insofern musste sich Boldt zwar nicht emanzipieren, dafür war sein Ruf schon gut genug. Aber durch den eh schon seit längerem sehr eng gestrickten Draht zu HSV-Vorstandsboss Bernd Hoffmann konnte er absehen, hier in Hamburg zeitnah in die Rolle des Chefs im sportlichen Bereich zu rutschen.

Dass sich Boldt beweisen will, sehe ich zudem als Vorteil für den HSV. Er ist sozusagen das, was man bei Spielern sucht: Jemand mit extrem großem Potenzial, der seine Qualität allerdings erst noch in Gänze unter Beweis stellen muss. Von daher stimme ich Dir zu, Horizons, dass Boldts persönliche Situation dem HSV an sich in die Karten spielen dürfte.

 

Jonas Boldt hat genug Beispiele vor der Nase, die ihm zeigen daß seine Karriere ebenso auch einen Knick bekommen kann. Ich möchte gar nicht erst Todt benennen, und bin mir fast sicher das auch Becker wieder einen adäquaten Job bekommen wird. Oliver Kreuzer flüchtete zurück zum KSC, wo man in Fankreisen keinesfalls froh darüber war und ist. Wo ist Frank Arnesen heute? Möge man mich besserem belehren….

In diesen Kreis dazuzuzählen wären theoretisch auch noch Basti Reinhardt (Jugendtrainer HSV) und Dietmar Beiersdorfer, der seit seinem zweiten Engagement beim HSV keine neue Aufgabe gefunden hat und zuletzt bei Zeitligaabsteiger FC Ingolstadt gelandet wäre - wäre der FCI nicht in der Relegation unterlegen und abgestiegen. Ein Schritt nach vorn wäre das aber sicherlich auch nicht gewesen. Von daher hat der HSV nach außen das erreicht, was man nie erreichen wollte - er gilt als Talentvernichter. Umso wichtiger war es, ambitionierte und arrivierte Typen wie Boldt und Trainer Dieter Hecking dazugewinnen zu können. Sie gelten sozusagen als Indiz dafür, dass hier in Hamburg doch noch nicht alles scheiße ist und dass man hier sehr wohl noch Potenzial hat. Und es bleibt zu hoffen, dass sie nicht wie ihre Vorgänger enden.

 

Auch auf der Trainer-Position ist fast schon unverständlich, das Hecking sich dieses antut, anstatt bei 9 neuen Übungsleitern in der Bundesliga einfach seine Chance spätestens zur Rückrunde abzuwarten. Und hier sind die Beispiele des Scheiterns und der fraglichen persönlichen Weiterentwicklung noch greifbarer. Siehe nur jüngst die beiden Jobs von Titz und Hollerbach. Fortschritt sieht anders aus.

Korrekt. Hecking hätte seinen laufenden Vertrag in Gladbach aussitzen und sich fürstlich seinen langen Urlaub bezahlen lassen können. Andererseits geht der Trend bei Trainern aktuell ein wenig weg von den älteren Haudegen Hecking, Magath und Co. - und hin zu den jüngeren Trainern, die mit neuartigen Methoden auf und  neben dem Platz auf der Suche nach der Revolution des Fußballs sind. Deshalb war es sicher nicht unverständlich, dass Hecking die Chance HSV ergreift, um so im Geschäft zu bleiben  Zumal der HSV unter normalen Umständen über ein Potenzial in Klub und  Umfeld verfügt, das bundesweit selten zu finden ist. Und wie alle seine Vorgänger traut auch Hecking sich zu, dieses Potenzial wieder zum Leben zu erwecken, indem er sportlich Erfolg hat. Wie bei Boldt bleibt es auch hier zu hoffen dass Hecking sich nicht verschätzt.

Zudem - und das soll nicht abwertend klingen, aber die Relation zumindest ein wenig geraderücken - verdient Hecking zwar „nur“ etwas mehr als eine Million Euro im Jahr beim HSV, er hat aber zugleich eine Ausgleichszahlung aus Gladbach erhalten. Hinzu kommt, dass Hecking im Falle des Erstligaaufstiegs noch einmal eine Million Euro Prämie sowie eine Vertragsverlängerung vom und beim HSV erhält. Das ist zweifelsfrei schon sehr ordentlich und hätte (zumindest finanziell) auch andere Trainer überzeugt.

 

Insofern ist es schon ermutigend, diese Personalien unter Dach und Fach bekommen zu haben. Zwar wurden wir allzu oft enttäuscht, doch eine klarer umrissene Perspektive des Scheiterns gab es nie.

Ja, es ist tatsächlich ermutigend. Nur das mit der Perspektive - was meinst Du damit? Dass Hecking in Hamburg nur gewinnen kann? Falls Du das meinst: Das glaube ich nicht. Denn der Anspruch, den Boldt (mit anderen Worten) und Hoffmann (sehr klar) zuletzt formuliert hatten, sieht den Aufstieg vor. Und sollte der Saisonstart nicht so gelingen, wie man es sich erhofft hat, wird es wieder unruhig. Es wird in Hamburg - das ist zu befürchten - eh immer unruhig werden, wenn eine Zeitlang der Erfolg ausbleibt. Intern suchen dann nämlich alle ihre persönliche Rettung und klagen dafür andere an. Und extern hat der HSV gerade unter der aktuellen Führung sehr viele namhafte Kritiker, die nur auf den richtigen Moment warten, um zu attackieren.

 

Ob dies auch bezogen auf das Spieler-Personal, namentlich Papadopoulos, Wood und Pollersbeck, greifen mag wage ich zu bezweifeln. Hier muss schon ein echtes Kunststück gelingen, nicht zuletzt auch in der medizinischen Abteilung. Dennoch kann es richtig sein mit diesen Spielern und auch mit Santos den Charaktercheck zu machen. Er muss nur gründlicher und ungetriebener sein als in den Jahren zuvor.

Ein Charaktercheck ist unumgänglich, solange man nicht auf dem allerhöchsten Niveau arbeiten kann. Dort regelt man noch fast alles über Geld und Prestige. Dort wollen die Ronaldos, Messias und Co. nach weltweiten, historischen Bestmarken greifen und sind allein dadurch schon hochmotiviert. Andererseits ist es auch ihre Motivation, die sie erst zu derartigen Weltklassespielern gemacht hat. Dass es auch auf allerhöchstem Niveau sehr hilfreich ist, wenn der Teamgeist stimmt, hat nicht zuletzt das Beispiel Jürgen Klopp und Liverpool demonstriert. Und bei einem ebenso glanzlosen wie schwierigen Auftrag wie dem Wiederaufstieg aus der Zweiten in die Erste Liga braucht man definitiv Spieler, die sich selbst nicht wichtiger nehmen als die Mannschaft und den Erfolg des Kollektivs. Und genau diese Parameter hatte Boldt im gestrigen Gespräch immer wieder vorangestellt, wenn er seine Kriterien für die Spielersuche beschrieben hat. Insofern weiß man in Hamburg um die Notwendigkeiten - es gilt jetzt „nur noch“, sie auch umzusetzen.

 

Hier kommt der finanzielle Aspekt ins Spiel, dem wiederum Vorstand und Aufsichtsrat gestalten müssen. Da müssen konkrete Signale kommen die über blanke Absichten und Beschwichtigungen hinaus gehen. Und sei dies auch nur intern. Meine Begeisterung für eine gewisse "Achse" im Verein ist erschüttert worden, aber dennoch bleibt für mich das Prinzip weiter wichtig. Bin gespannt ob sich dieses mit Leben füllt und ob daraus Erfolg entspringt.

Erfolg, der für mich nicht zwangsläufig der ungefährdete Aufstieg hieße, denn ich schätze die kommendende Saison durchaus schwerer ein als die abgelaufene (in der man sich ein leichtes Spiel selbst verbaut hat). Aber ich möchte wirklich einen Wandel erleben, und nicht nur eine veränderte Variante der Abstiegskampf-Mannschaften. Wie gesagt, ich hege berechtigte Zweifel ob das alte Personal dazu tauglich ist, aber es gibt neue Faktoren die dies möglich machen könnten. Und wenn am Ende alles nur dazu diente um bessere Preise zu generieren ist mir auch Recht!

Es gibt auf jeden Fall neues Personal, das das möglich machen muss! Behaupte ich. Ansonsten würde sich auch dieses neue Personal schnell selbst überholt haben. Der Wandel in der Außendarstellung kann dabei tatsächlich nur durch einen Wandel im Internen wirklich funktionieren. Soll heißen: Wer nicht mitzieht, muss gehen. Es bedarf dieser rigorosen Gangart, um hier beim HSV irgendwann wieder Anspruch und Wirklichkeit in Einklang zu bringen. Vor allem muss das passieren, damit sich der HSV nicht weiter von seinen schier unbezwingbaren Fans entfernt. Betrachtet man den aktuellen Dauerkartenvorverkauf (knapp 21.000 DK sind schon heute) , scheinen die Anhänger ihrem HSV diese Chance noch einmal einzuräumen. Allerdings hat die letzte Saison auch gezeigt, dass die Geduld nicht unendlich ist. Der HSV muss es schaffen, die Fans wieder für sich zu gewinnen. Das geht zum einen über nackten Erfolg. Ganz klar. Zum anderen aber funktioniert das auch - und das ist deutlich nachhaltiger - indem man dem HSV ein Gesicht gibt, das die Fans gern ansehen und mit dem sie sich sogar identifizieren können. Denn nichts ist in Hamburg seltener als ein echter Identifikationsfaktor. Die Fans brauchen eine gern gesehene Konstante - egal ob in Form eines Spielers oder einer echten Fußballphilosophie. Denn beides gibt es hier schon lange nicht mehr. 

 

PS: Das der Name Boldt bei KMK bekannt sei nur weil sein Bruder mal Knusperbsen von links nach rechts verschoben hat, ist natürlich großer Quatsch. Wenn ich alleine sehe was meine Kollegin im Büro für uns als großen Personaldienstleister für eine bescheidene Besetzungsquote hat, die sich wirtschaftlich dennoch als Erfolg darstellt, so ist mir bewusst wie wenig Kühne auch nur EINEN Namen kennen wird der nicht dem gehobenen Management entspricht...aber das wißt ihr sicherlich auch

Glaub mir, Horizons, das hatte Boldt auch tatsächlich nicht ernst gemeint. Er lächelte bei der Aussage und machte eigentlich allen deutlich, dass er das eher scherzhaft meint. Dennoch bin ich mir ganz sicher, dass Klaus Michael Kühne weiß, wer Jonas Boldt ist. Und vielleicht weiß er seit gestern auch, dass dessen Bruder mal bei ihm gearbeitet hat…

 

Und zum Abschluss noch einmal von mir persönlich ganz herzlichen Dank für Deinen Perlenbeitrag, Horizons! Ich hoffe, dass Dir meine Replik so zusagt. So wie mir Dein Post. Zumindest kann ich von mir behaupten, dass ich Dir in vielen Dingen zustimme. Jetzt müssen wir nur noch hoffen, dass die Verantwortlichen ihre proklamierten Maßnahmen auch ergreifen und konsequent umsetzen. Denn dann dürften wir zwei in knapp 12 Monaten an dieser Stelle noch einmal zusammenkommen und uns zusammen darüber freuen, dass der HSV erfolgreich war. Wahrscheinlich in der Tabelle - aber wenigstens im Schulterschluss mit den eigenen Anhängern. Denn neben dem Wiederaufstieg in die erste Liga sehe ich die interne Umgestaltung hin zu einem HSV, der eine klare sportliche Philosophie hat und diese auch konsequent lebt, als unverzichtbar an. Dieser HSV muss wieder greifbar werden - und vor allem: glaubwürdig.

Und weil es gerade passt, empfehle ich Euch in diesem Zusammenhang noch einmal den sehr umfangreichen und inhaltsstarken Beitrag von "Abraeumer" vom 31. Mai. 

In diesem Sinne, bis morgen! Da meldet sich übrigens Lars Pegelow bei Euch. Ich bin dann am Sonntag wieder bei Euch! Bis dahin!

Scholle

PARTNER VON

FAQs

Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.