Marcus Scholz

30. Dezember 2019

Ich weiß noch genau, wie wir telefoniert haben. Julian Pollersbeck hatte in der vergangenen Sommerpause aufregende Tage vor und teilweise auch schon hinter sich, als wir sprachen. Der HSV hatte ihm sehr deutlich gemacht und gesagt, dass er sich einen neuen Verein suchen solle, wenn er spielen wolle. Beim HSV war zudem bekannt geworden, dass man Daniel Heuer Fernandes als neue Nummer eins verpflichtet hatte. Für Pollersbeck, der schon in den letzten Monaten der Saison 2018/2019 verstärkt in die Kritik geraten war, eine schwierige Situation. Zum einen hatte man ihm immer wieder vorgehalten, er würde nicht profihaft genug agieren. Weder auf dem Platz noch drumherum. Er selbst sagte damals, dass er allein deshalb schon bleiben müsse. Um das Gegenteil zu beweisen. Sechs Monate später hat er das zwar getan - aber er will weg. Wieder. Weil sich seine Situation sportlich kaum verbessert hat. Eher verschlechtert.

„Pollersbeck ist nicht abgeschrieben, aber wir haben die Reihenfolge nach den Leistungen in der Vorbereitung festgelegt“, betonte HSV-Trainer Dieter Hecking nach der Sommerborbereitung „Julian hat ein paar Probleme gehabt, war anfangs verletzt und kann es deutlich besser. Deshalb ist er für den Moment die Nummer drei. Daniel und Tom haben beide eine gute Vorbereitung gespielt“, erklärte der Übungsleiter damals und degradierte die vorige Nummer eins erwartungsgemäß.

Pollersbecks Problem ist dabei weniger seine Einstellung. Die wird von Trainer Dieter Hecking ebenso wie von Torwarttrainer Kay Rabe und allen Teamkollegen inzwischen gelobt. Pollersbeck hat dafür auch viel investiert. Er trainierte im Sommer während der Pause, er wirkte auf dem Platz fit und im Training präsenter als sonst. Für das DFB-Pokalspiel gegen den VfB Stuttgart berief ihn Trainer Dieter Hecking zumindest wieder in den Profikader. Hecking wollte das als Zeichen an Pollersbeck verstanden wissen, das man seine Steigerungen registriert habe. Zu mehr reichte es aber nicht.

 

Auch deshalb wird er im Winter wieder versuchen, einen Klub zu finden, bei dem der U21-Europameister von 2017 sein zweifellos vorhandenes Potenzial dauerhaft zeigen darf. Das muss er ebenso, wie er bis zur Unterschrift bei einem neuen Klub sagen muss, dass er selbstverständlich gern bleiben würde. Zumal es nicht einmal gelogen ist - es macht nur einfach keinen Sinn mehr.

Pollersbeck will weg - zurecht

Im Sommer waren schon einmal RB Salzburg und der FC Porto interessiert. Konkret wurde damals aber nichts. Auch deshalb wechselte Pollersbeck seinen Berater. Statt Michael Rummenigge berät ihn inzwischen das Branchenschwergewicht Roger Wittmann. Und der hat den klaren Auftrag, Pollersbeck Karriere wieder anzuwerfen. Die Frage ist nur: Warum hat Pollersbeck das beim HSV nicht geschafft? Warum konnte Europas bester Keeper 2017 beim HSV nie sein Potenzial abrufen? Fragen, die man vielschichtig betrachten und dementsprechend auch nicht mit einem Satz beantworten kann.

Zuerst einmal ist klar: Pollersbeck hat Fehler gemacht. Das weiß er auch. Er hat seine Social-Media-Kanäle zu ernst genommen, hat sie zu oft mit frischen Bildern gefüttert. Hier mal nachts beim Italiener mit ner Pizza, dann beim Friseur nach einer Niederlage mit dem HSV. Er wollte allen zeigen, dass es ihm gut geht. Wie die allermeisten in seinem Alter zwar, allerdings mit dem Problem, dass er es zu Zeiten machte, in denen es beim HSV nicht lief. Es lief längst nicht so, wie es sich alle von ihm versprochen hatten - und Pollersbeck postet lustige Bilder. Nachdem er schon vor seinem Einstieg beim HSV mit Bildern vom Ballermann sein Image als Partyheld gefüttert hatte machte er es seinen Kritikern leicht, ihm mangelnde Einstellung zum beruf vorzuhalten.

 

Hinzu kam noch ein kräftiger Schlag unter die Gürtellinie von seinem Ex-Ausbilder Gerry Ehrmann. „Wenn Julian richtig hart trainiert, dann ist das alles in Ordnung, von der Körpergröße her und fußballerisch. Aber man muss ihm zwei Mal die Woche den Arsch aufreißen, weil er von sich aus nichts macht“, sagte der ehemalige FCK-Keeper, der Pollersbeck zum Profi gemacht hatte und untermauerte damit Pollersbecks eh schon  schlechtes Image. Ehrmann vernichtete seinen ehemaligen Schützling geradezu: „Er denkt, er habe es nicht nötig. Er ist zu bequem und hat sehr wenig Eigenantrieb. Julian fehlt es an Selbstkritik. Ich habe gehört, dass er in Hamburg um die Häuser ziehen soll. Wenn das bei mir passiert wäre, dann hätte er am nächsten Tag so trainiert, dass er dafür zu müde gewesen wäre.“

Pollersbeck schwieg zu den Vorwürfen. Er war enttäuscht. Und so gern man sagt, dass man im Zweifel immer für den Angeklagten entscheiden solle, so fiel das Urteil hier auch öffentlich gegen ihn aus. Es war zwar ein reiner Indizienprozess - aber Pollersbeck verlor an Ansehen. Intern wie extern.  Natürlich auch, weil der HSV parallel seinen Aufstieg verspielte und auch Pollersbeck Leistungen auf dem Platz berechtigte Kritik zuließen. Aus dem hoch gefeierten 3-Millionen-Einkauf wurde plötzlich eines der Gesichter des Niedergangs. Und das ist er bis heute. Sollte er wie erhofft im Winter tatsächlich einen neuen Verein finden, wird er das auf sicher bleiben.

Pollersbeck wurde öffentlich niedergemacht

Er wird dann, so war es bei vielen anderen gescheiterten Talenten beim HSV schon, woanders wahrscheinlich besser funktionieren. Sollte er irgendwo sein komplettes Potenzial abrufen, steht sogar deutlich größeren Zielen nichts im Wege, wie nicht zuletzt Ex-Weltklasse-Keeper Oliver Kahn betont hatte. Und wir hier werden dann wieder sagen: „Seht Ihr? Wie immer!“ Klar, so sieht es dann auch aus. Und eines hat Pollersbeck, dem man sehr vieles vorwerfen kann, mit den Jonathan Tahs und Kerem Demirbays vor ihm auch gemein: Auch bei ihm hat der HSV es verpasst, sich ausreichend individuell auf ihn als jungen, unerfahrenen Menschen einzustellen und ihm zu helfen, beim HSV erwachsen zu werden und seine Leistung zu maximieren.

Dabei ist dieser Fall nicht wie die meisten seiner Vorgänger. Bei Pollersbeck muss man dazu sagen, dass der HSV genau hätte wissen müssen, was er kauft. Denn Pollersbeck war zwar bei allen seinen Stationen als ebenso schluderiges wie überbordendes Torwarttalent bekannt. Erschwerend hinzu kam, dass Pollersbeck im Gegensatz zu anderen deutschen Talenten in seinem Alter nie ein Nachwuchsleistungszentren durchlief. Pollersbeck wurde im Gegensatz zu den anderen Toptalenten nie ausreichend auf das vorbereitet, was plötzlich wie ein D-Zug auf ihn zuraste. Der Medienrummel, die psychologische Belastung, der Erfolgsdruck als Nummer eins des HSV und das öffentliche Auftreten - Pollersbecks Talent war unverhältnismäßig viel größer als sein Wissen über das, was da auf ihn zukam. Und das wurde ihm zum Verhängnis.

Er, der vor dem U21-EM-Titel gerade einmal eine Saison beim FCK in der Zweiten Liga im Tor gestanden hatte und der nie ein Nachwuchsleistungszentrum durchlaufen hatte, war plötzlich Millionär, offiziell sogar war plötzlich 2,5 Millionen Euro Ablösesumme wert. Er wechselte nach seiner ersten Profisaison beim FCK zum Traditionsklub HSV und wurde hier gehypt, als hätte der HSV den neuen Kahn ins Boot geholt. Pollersbeck wurde plötzlich komplett durchleuchtet. Jede noch so kleine Regung wurde beobachtet, er wurde von Fans erkannt und überall fotografiert. Pollersbeck bekam täglich Interviewanfragen und musste ertragen, öffentlich von seinem Ex-Trainer vernichtet zu werden, während er mit dem HSV sportlich Probleme hatte. Er hatte keinen direkten Ansprechpartner und durfte zu allem Überfluss in dieser Phase keine Schwäche zeigen. Zu viel für Pollersbeck.

Zu viel für Pollersbeck?

Nein, behaupte ich. Das hätte es zumindest nicht sein müssen. Denn wenn  ich sehe, dass der HSV es unter Hecking schafft, Pollersbeck in der wahrscheinlich schwierigsten Phase seiner noch sehr jungen Karriere neu auszurichten, obgleich er ihm quasi alle Hoffnungen auf Einsätze unter sich nimmt, dann MUSS das vorher auch möglich gewesen sein. Anstatt das übliche „er ist Profi, er muss das wissen“-Geblubber rauszuhauen und seinen unerfahrenen Keeper allein zu lassen, hätte man wissen müssen, dass eine Verpflichtung Pollersbecks mehr bedeutet, als die 2,5 Millionen Euro Ablöse an den FCK sowie dem Keeper dessen monatlich fürstliches Salär zu überweisen. Auch, wenn Pollersbeck selbst immer auf Selbstbewusst mimte - Pollersbeck hatte (und das wurde früh erkennbar) deutlich Nachholbedarf, wie das das Haifischbecken Bundesliga funktioniert. Statt direkter Hilfe erhielt er zwar zwar hier und da schlaue Tipps - aber beim HSV verließ man sich weitgehend auf das Talent seines neuen Keepers. Wie bei so vielen Talenten vor ihm auch schon.

Und auch deshalb wird Pollersbeck aller Wahrscheinlichkeit nach als ein weiteres teures Missverständnis in den HSV-Büchern verankert sein. Und das unnötigerweise und nicht allein von ihm verschuldet. Vielmehr sollte Pollersbeck dem HSV als erneutes, hoffentlich endlich finales Beispiel dafür dienen, wie man nicht mit seinen Talenten umgehen sollte. Es würde zumindest viel Energie - und vor allem viel Geld sparen…

In diesem Sinne, Euch allen wünsche ich heute einen schönen Tag. Ich melde mich morgen noch einmal wie gewohnt um 7.30 Uhr zum Jahresabschluss im MorningCall bei Euch. Und damit wir uns alle hier rechtzeitig um unsere Familien und den Ausklang eines ereignisreichen Jahres kümmern können, werde ich ausnahmsweise schon am frühen Nachmittag meinen letzten Blogeintrag für das Jahr 2019 einstellen. Und, so viel sei verraten: Ich werde darin meine größte Lehre aus dem Jahr 2019 ebenso wie meinen größten Wunsch an den HSV und Euch für das Jahr 2020 aufschreiben.

Bis dahin!

Scholle

 

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Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.