Marcus Scholz

19. Juni 2020

Es ist das immer selbe Spielchen: Auf der Pressekonferenz gibt HSV-Trainer Dieter Hecking einen Ausblick auf das, was man am Wochenende sehen wird. Mal grimmig, mal bocklos, mal gut gelaunt, selten euphorisch. Und auch heute hatte der HSV-Trainer eine Stimmungslage gewählt, die sich auf das Finalspiel am Sonntag beim 1. FC Heidenheim: „Ich freue mich auf diese Spiele. Das ist genau das, was jeder will am Ende einer Saison – dass es um alles geht, dass wir sehr viel von dem erreichen können, was wir wollen. Ich habe eine Riesenvorfreude auf die beiden letzten Spiele und ich weiß, dass meine Jungs das auch spüren. Es ist Feuer in der Truppe, die Jungs wollen. Das hat man auch heute wieder im Training gespürt.“

Die Frage ist nur: bekommt die Mannschaft diese Stimmung auch bis zum Sonntag konserviert, wenn es in Heidenheim zum möglicherweise vorentscheidenden Spiel um Platz drei geht? Heckming sagt ja. Zweifel an seiner Mannschaft will der 55-Jährige erst gar nicht aufkommen lassen. Immer wieder erwähnte er die Begriffe „Riesenvorfreude“, „große Zuversicht“ und „Spannung pur“. Und er wählt einen aus meiner Sicht ebenso interessanten wie richtigen Weg: Er versucht gar nicht erst künstlich, die Bedeutung dieser Partie klein zu machen und das Spiel als „normal“ zu verkaufen.

Statt falsche Coolness vorzuheucheln betonte er heute, dass man die Mannschaft sehr wohl darauf hinweisen werde, dass diese Partie alles andere als normal ist. „Ich glaube schon, dass wir die Brisanz hervorheben müssen“, so Hecking, „ich glaube, dass wir auch in der Ansprache deutlich machen müssen, dass wir sehr viel gewinnen können. Wir werden nicht so tun, als wollten wir dort chillen.“ Deshalb sei heute nach dem freien Tag auch das Training gleich voll angezogen worden. „Die Anspannung werden wir sie schon spüren lassen. Alle sind angespannt. Auch ich. Aber die Anspannung muss positiv sein.“

Hecking macht alles richtig und betont die Brisanz

Hecking machte tatsächlich genau das, was ich gestern im Blog auch erhofft habe. Er setzt den HSV in eine unbedingte, alternativlose Finalsituation und macht es seinen Spielern damit einfach: Alles andere als gewinnen zählt nicht! Und ja! Dafür sind alle Mittel recht. „Man darf auch Angst haben. Das ist nichts schlimmes“, so der HSV-Trainer, der damit signalisieren will, dass es für ihn entscheidend ist, dass seine Spieler einfach machen. Seine Spieler sollen sich eben nicht (mehr) zurückhalten. Die Angst, etwas falsch zu machen soll endlich der Zuversicht, etwas entscheidend richtiges zu machen, weichen. An sich glauben, seine Stärken ausspielen und alles geben. Mehr nicht. Aber eben auch keinen Deut weniger.

 

Dabei helfen können alle. Sagt der Trainer. Alle Spieler seien gesund und könnten mitfahren. Am Sonnabendmorgen wird noch einmal in Hamburg trainiert, ehe es per Flieger in Richtung Heidenheim geht. Also wird auch Jeremy Dudziak dabei sein können – was mich sehr freut. Denn dessen „Ich mache es einfach““-Mentalität gepaart mit seiner hohen technischen Qualität ist ein ganz wesentlicher Faktor auf dem Weg, mutiger zu werden. So, wie es Kinsombi in den ersten zehn Minuten (und danach auch) gegen Wiesbaden deutlich gemacht hatte, so muss auch Heidenheim am Sonntag eine Sache schon in den ersten Minuten deutlich gemacht werden: dass der HSV an diesem Sonntag jeden Heidenheimer bitterböse abstraft, der es auch nur wagt, sich diesem HSV auf dem Weg zu drei Punkten in den Weg zu stellen. Punkt. Frei nach dem Hollerbach-Motto, das nur zwei Varianten für den gegner parat hatte: Entweder der Gegner kommt vorbei. Oder der Ball. Aber ganz sicher niemals beide zusammen.

So einfach ist das Spiel am Sonntag!!!!!

Womit ich ausdrücklich nicht Heidenheim unterschätzen will. Im Gegenteil, vom FCH halte ich schon länger sehr viel. Deren Spielidee ist flexibel auf die Gegner ausgelegt. Im Mittelfeld sind sie stark und für mich tatsächlich die mit Abstand taktisch disziplinierteste Mannschaft der Liga. Insgesamt ist es auch tatsächlich keine Überraschung, den FCH so weit oben in der Tabelle zu finden. Sagt auch Hecking. „Heidenheim ist eine Mannschaft, die irgendwann den ganz großen Sprung machen wird. Da wird sehr, sehr professionell gearbeitet mit bescheidenen Mitteln.“ In Frank Schmidt hätten die Heidenheimer zudem einen sehr guten Trainer. „Power, Dynamik, Zweikampfstärke, Robustheit - das sind die Fragmente, weshalb sie seit Jahren zur Spitzengruppe zählen.“ Packen wir noch Mut und Willen dazu – dann haben wir das geforderte HSV-Profil von Sonntag.

Vor allem aber müssen wir endlich eines klarstellen: Es ist am Sonntag mental betrachtet ein Duell auf Augenhöhe. Die Mär, dass der HSV mehr zu verlieren hat und der Druck dadurch auch mal unerträglich werden könne, ist so unfassbar bekloppt, dass ich sie eigentlich gar nicht erwähnen wollte. Zumal heute schon FCH-Kapitän Marc Schnatterer in der Morgenpost alles geklärt hatte, als er ehrlich zugab: „Wir haben uns jetzt in diese Situation gebracht, aufsteigen zu können. Das ist toll und ein positiver Druck. Aber: Auch wir können etwas verlieren. Mit uns hat vielleicht niemand gerechnet. Und dennoch möchtest du so ein Ziel dann ja auch erreichen, wenn es greifbar ist. Dafür bist du ja Sportler. So zu tun, als könnten wir nur etwas gewinnen und rein gar nichts verlieren, wird der Sache nicht gerecht.“ Stimmt.

 

Von daher kann ich Hecking, der den größeren Druck beim Gegner sieht, nur bedingt zustimmen: „Wenn sie nicht gewinnen gegen uns, werden sie wohl nicht aufsteigen“, meinte er. Säbelrasseln nenn e ich das. Gehört auch mal dazu, obgleich Heidenheims Trainer Frank Schmidt gelassen reagierte: „Wenn man vor der Saison gesagt hätte, wir können am 33. Spieltag den HSV überholen, das hätten wir nicht wirklich geglaubt. Dass es nun zu so einem Show-down kommt, ist schon irgendwie verrückt. Aber das haben wir uns verdient.“ Stimmt.

Das nächste, große Finale ist vorbereitet

Von daher: Es ist alles vorbereitet für ein echtes Finale. Und ich habe so richtig Bock auf dieses Spiel. Ich habe schon beim Schreiben wieder Adrenalin entwickelt und würde am liebsten sofort und vor allem selbst auflaufen – was ich dem HSV und Euch allen aber lieber erspare. Vor allem aber hoffe ich, dass ich diesmal nicht wieder wie gegen Osnabrück nach wenigen Minuten enttäuscht eingestehen muss, dass ich in mir mehr Anspannung und Motivation verspüre als ich auf dem Platz sehen kann.

„Die packen es eh nicht“ wollen mir viele (auch sehr geschätzte Fußballfachleute) in meinem direkten Umfeld in den verschiedensten Ausführungen einsingen. Und ich gebe zu, ich blockiere diesen Gedanken einfach. Anders als gestern und auch nach dem Spiel, wo ich mich inhaltlich damit auseinendergesetzt habe und damit auseinadersetzen werde, nehme ich mir heut, morgen und auf der Auswärtscouch am Sonntag einfach das Recht heraus, auch wider die Vernunft und besseres Wissen zu agieren. Ich hoffe, ihr gesteht mir das einfach mal zu. Warum? Weil ich einfach keinen Bock habe, vom Versagen auszugehen. Denn wie gestern schon gesagt: Ich habe mir den HSV ja auch nicht ausgesucht – er ist einfach da. Und er geht auch nicht weg...

In diesem Sinne, auch morgen wird der HSV wieder da sein. Ich werde Euch hier im Blog noch einmal alles zusammentragen, was wir zum Finale in Heidenheim wissen müssen. Das alles allerdings erst nach dem vorletzten Bundesligaspieltag, der uns vielleicht schon deutlich macht, gegen wen Stuttgart oder Heidenheim in der Relegation anzutreten hätten... ;-) Spannenden Tage werden es auf jeden Fall. Tage, auf die ich mich fast jede Saison mit am meisten freue! Heute noch ein bisschen mehr, weil mich Heckings Art auf der PK überzeugt hat, dass man beim HSV sehr wohl weiß, wie Motivation geschrieben und gelebt wird. So, wie es auch mein Freund Helm-Peter in seinen Spieltagstipps sagt...

 

Bis morgen,

Scholle

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