Marcus Scholz

18. Dezember 2019

Um einen Aaron Hunt aus seiner Haut fahren zu lassen, muss man schon ziemlich was anstellen. Der HSV-Kapitän gilt ansonsten als eher cooler, abgeklärter Typ. Nach außen wirkt seine Art oft etwas unterkühlt. Auf dem Platz sogar auf den einen oder anderen überheblich - wenn es nicht klappt. Oder es wird als fußballerisch genial gefeiert - wenn es denn funktioniert. Und ehrlich gesagt wüsste ich nicht, was ich gemacht hätte, wenn mir früher ein Mannschaftskollege so unnötig im Training in die Hacken gerauscht wäre wie es Youngster Xavier Amaechi heute bei dem HSV-Kapitän machte und ihn damit zum Trainingsabbruch zwang. Dick bandagiert und humpelnd ging es für Hunt nach einer längeren Behandlungsphase in die Kabine.

„Bist Du nicht ganz dicht?“, war dabei das Einzige, was Hunt seinem Widersacher in dem Moment entgegen schrie, in dem ich wahrscheinlich körperlich geworden wäre. Hunt aber gab Amaechi erst verärgert, später nach einer kurzen Beruhigungsphase aber schon wieder ehrlich die Hand und nahm dessen Entschuldigung an. Ob er am Sonnabend beim letzten Spiel in diesem Jahr beim SV Darmstadt 98 wieder spielen kann, steht ernsthaft infrage. Sollte Hunt ausfallen, würde voraussichtlich wieder Sonny Kittel ins zentrale Mittelfeld rücken. Schon heute wechselten die beiden sich vor Hunts Verletzung auf der Position des freien Spielmachers für beide Teams im Abschlussspiel ab. 

Hunt wird von Amaechi umgemäht - und droht auszufallen

Und das nach einer Trainingseinheit, die genau das beinhaltete, was der HSV in den letzten Wochen nicht gut machte. Während die Offensivspieler Spielsituationen nachstellten und auf Torabschlüsse gingen, übte der Rest das Kopfballspiel. Ganz hausbacken wie beim Kreisligisten wurden Bälle zugeworfen und im Sprung zurückgeköpft. Zunächst ohne Tor und Torwart, später mit. 60 Angriffe hatte der HJSV in den letzten drei Spielen gefahren - und dabei nur zwei Treffer erzielt - und genau das gilt es zu verbessern. „Natürlich bin ich, wie viele andere auch, maximal genervt von den letzten Spielen“, sagt Martin Harnik, der gegen Sandhausen die Führung auf dem Kopf und auf dem Fuß hatte. „Aber leider gibt es diese Phasen immer wieder. In fast jeder Saison. Für fast jede Mannschaft. Da will der Ball einfach mal nicht ins Tor. Oder der Gegner macht es einfach auch mal sehr gut. Auch das muss man berücksichtigen.“

Fakt ist, dass der HSV bislang fast immer Torchancen genug hatte, um die Spiele für sich zu entscheiden. Harnik: „Wir sind unzufrieden mit den Ergebnissen der letzten Spiele - und mit der Leistung in Osnabrück“, sagt der Angreifer. Das Spiel in Osnabrück sei spielerisch wirklich nicht gut gewesen. „Wir wissen auch, dass wir die Punkte vorn liegen gelassen haben, weil wir nicht getroffen haben. Ich kenne so einen Lauf - und zum Glück gibt es den in beide Richtungen. Sollten wir endlich wieder mal in Führung gehen und nicht einem Rückstand hinterherlaufen, dann kann sich das Ganze schnell verkehren. Da spricht man dann von dem berühmten Knoten, der endlich wieder geplatzt ist.“

 

Und das gilt sicher nicht nur für Harnik, sondern auch für seinen Mannschafts- und Sturmkollegen Lukas Hinterseer, der in Sandhausen nach einem abgefälschten Harnik-Schuss das 1:1 besorgt hatte. Hinterseer hat es in den letzten beiden Jahren beim VfL Bochum in der Zweiten Liga auf 14 (Saison 2017/2018) und 18 Treffer (Saison 2018/2019) gebracht. Auch Harnik glaubt an seinen Kollegen - und an sich. „Ich bin optimistisch, was mich und meine Tore betrifft. Chancen habe ich ja genug. Ich habe sicher auch einige falsche Entscheidungen getroffen, klar. Aber ich habe nicht einmal alles falsch gemacht, sondern muss auch mal anerkennen, dass der Gegner es gut verteidigt hat. Aber auch das dreht sich wieder. Ganz sicher.“

Harnik lässt keine Zweifel am HSV-System zu

Vielleicht schon am Sonnabend in Darmstadt, wo den HSV eine sehr defensivstarke Mannschaft erwartet, die es im Hinspiel schon sehr gut gemacht hat. Zur Erinnerung: Am ersten Spieltag traf der HSV erst in der Nachspielzeit per Foulelfmeter nach einem Videobeweis. „Dass wir hier nicht einfach so durchmarschieren, war klar. Das Momentum ist zwar nicht gut, aber manchmal macht man auch nicht alles falsch, wenn es nicht wie gewünscht läuft. Manchmal macht der Gegner auch sehr viel sehr gut. So, wie der Torhüter der Sandhäuser, oder der Abwehrspieler, der gerade noch seinen Oberschenkel dazwischen bekommt. Die einen nennen es Pech, die anderen Unvermögen. Ich sage, wir müssen es weiter mit Nachdruck versuchen, dann klappt's auch wieder“, ist sich Harnik sicher.

Trainer Hecking hatte zuletzt immer wieder betont, dass er mit genau diesem Saisonverlauf gerechnet habe. Auch deshalb habe er bei dem guten Saisonstart nie zu laut gejubelt. Ebenso würde er jetzt nicht Balles verteufeln. Eine Einstellung, die sich auf die Mannschaft überträgt, Hecking kommt an.  „Es besteht kein Grund für Panik“, sagt auch Harnik, „die Spiele in der Zweiten Liga sind für die vermeintlich favorisierten Teams oft sehr zäh. Damit haben wir gerechnet, und damit rechnen wir auch für die Rückrunde. Das ist aber kein Grund zur Panik sondern muss uns klarmachen, dass wir unsere Schlagzahl in jedem Spiel weiterhin maximal hoch halten müssen. Von der ersten bis zur 90. Minute. Immer.“

Grat zwischen souveränem Sieg und Enttäuschung ist schmal

Entscheidend wird sein, dass der HSV seinen Weg unbeirrt und mit mindestens identischem Aufwand weitergeht. „Wir haben noch immer die Qualität, uns ausreichend Chancen zu erspielen. Das ist gut und wichtig.  Und solange das so ist, dürfen wir fest an unser Spiel glauben. So lange müssen wir ‚nur‘ an unseren Abschlüssen arbeiten und werden nicht das ganze System infrage stellen“, sagt Harnik und macht damit deutlich, dass die Zweifel am HSV intern längst nicht so groß sind. Vielmehr sei es ein immerwährende schmaler Grat. „Bei unserem Spiel ist es im Moment so, dass zwischen einem souveränen Sieg und einer gefühlten oder gar echten Niederlage oft nur ein Torwartreflex oder ein Abwehrschienbein stehen, die unsere Führung verhindert haben. Sollten wir aber mal nicht einem Rückstand hinterherlaufen, sondern selbst in Führung gehen - dann würde sich unsere Qualität endlich auch im Ergebnis widerspiegeln. Bei allem Respekt vor den stark verteidigenden, gefährlichen Gegnern in dieser Liga, die uns jedes Spiel schwer Genmacht haben und weiterhin schwer machen werden - da bin ich mir sicher.“

Hoffen wir mal, dass Harnik, Hecking und Co. Recht behalten. Am besten schon am Sonnabend in Darmstadt gegen einen Gegner, der gerade dem VfB Stuttgart einen Punkt abgeluchst hat - ebenso wie dem HSV am ersten Spieltag. Der HSV ist auf jeden Fall gewarnt, aber längst nicht verzweifelt. Das nehme ich aus den letzten Wochen und dem Gespräch mit Harnik mit. Und so gern einige das Wort „Krise“ in diesem Zusammenhang benutzen wollen, ich halte es für falsch. Für eine echte Krise fehlt mir die Ratlosigkeit beim HSV. Auf dem Platz und daneben.Beim HSV gibt es keine Trainerdiskussion. Zum Glück. Denn bislang wirkt die Mannschaft auf mich in sich gefestigt. Auch Harniks Worte verdeutlichen das noch einmal.

Der Trainer kommt bei der Mannschaft unvermindert gut an. Und nicht einmal bei den Offiziellen drumherum zweifelt jemand - was in den letzten Jahren in ähnlichen Situationen oft dazu geführt hat, dass eine echte Krise entstand. Wobei ich ich in diesem Fall zu einem Kompromiss bereit bin:  Solange die Mannschaft sich weiterhin dominant präsentiert und ausreichend Chancen erspielt, ohne letztlich zu gewinnen, hat sie eine Ergebniskrise. Oder Ladehemmung, Torflaute etc. Sucht es Euch aus.

In diesem Sinne, bis morgen. Da wird unter Ausschluss der Öffentlichkeit trainiert. Um 13 Uhr steht dann die Pressekonferenz mit Trainer Dieter Hecking an. Und bis dahin werden wir sicher auch schon mehr über den Gesundheitszustand von Aaron Hunt wissen. Ich melde mich auf jeden Fall morgen früh um 7.30 Uhr wieder mit dem MorningCall bei Euch. Bis dahin viel Spaß mit dem inzwischen schon 30. Community-Talk, in dem wir  auch über das immer wiederkehrende Gerücht einer Terodde-Verpflichtung im Winter sprechen.

Euer Scholle

 

P.S.: Das Regionalliga-Nachholspiel der U21 des HSV bei Hannover 96 U23 wurde zum dritten Mal abgesagt. Wegen Unbespielbarkeit des Platzes sei eine Austragung unmöglich, teilte der Norddeutsche Fußball-Verband heute mit.

FAQs

 

Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.