Marcus Scholz

28. Dezember 2019

Die Tage zwischen Weihnachten und Neujahr sind fußballerisch außerordentlich interessant - wenn man die Premier League mag. Und das tue ich. Sehr sogar. Allerdings sind eben jene Tage aus Hamburger Sicht eher ereignislos. Der Trainer macht Familienurlaub, die Trainerkollegen und Spieler machen es ihm gleich, während der Sportvorstand versucht umzusetzen, was man zuvor im Sportlichen Kompetenzteam (Hecking, Mutzel, Boldt) besprochen hat. „Dabei ist  nicht immer maßgebend, wann man etwas möchte, sondern wann man etwas kann, was man möchte“, sagte Boldt vor kurzem und beschrieb damit, was beim HSV noch immer gezwungenermaßen dazugehört: Geduld.

Denn der HSV kann keinen Spieler mit Geld überzeugen. Das können andere, finanziell besser gestellte Klubs deutlich besser. Oder anders gesagt: Man will es beim HSV auch gar nicht mehr. Auch nicht im Winter, wo alles etwas schneller gehen muss, da das Transferfenster nur bis zum 31. Januar geöffnet ist. „Wichtig ist, dass alles zusammenpasst“, hatte Hecking seine Wünsche bezüglich möglicher neuer im Winter umschrieben. „Der Spieler muss letztlich sportlich ebenso eine Verstärkung sein, wie seine Integration das funktionierende Gefüge nicht zu stark belasten darf. Es ist ein schmaler Grat, den man da geht. Deshalb werden wir ganz sicher nicht aktionistisch agieren.“

HSV weiß, was er braucht - ohne Druck

Das muss man aber auch gar nicht. Denn wen man genau analysiert hat, was dem HSV aktuell fehlt, dann weiß man, was man sucht. Gibt der Markt derartige Spieler her - und das ist in aller Regel in zumindest verknappter Menge der Fall - dann muss man sich herantasten. Wie HSV-Sportvorstand Jonas Boldt, der dem Vernehmen nach nichts gegen einen machbaren, verstärkenden Kauf hätte, der aber ob der Gesamtsituation von Leihgeschäften ausgeht. Dass diese helfen können, hat die Verpflichtung von Adrian Fein gezeigt. Und da der jetzt beim FC Bayern seinen vertrag bis 2023 verlängert hat, ist es sogar denkbar, dass der Hsv über die Saison hinaus mit dem defensiven Mittelfeldspieler arbeiten kann. Erneut auf Leihbasis, so der FC Bayern dem denn zustimmt.

Und ich behaupte einmal, sowohl beim HSV intern wie auch extern werden sich die absolut allermeisten darüber freuen. Ich auch - allerdings nur in Teilen. Denn so gut Leihgeschäfte sich auch eignen, um kurz mal Spieler mit einer Qualität an sich binden zu können, die man sich per Kauf nicht leisten kann, so kurz gedacht ist es oft. Denn man ist immer abhängig von dem Gusto anderer Klubs, wenn man mal längerfristig mit einem Spieler planen will - und das sollte auf so entscheidenden, zentralen Positionen wie bei Fein so sein. Die Achse (Torwart, Abwehrchef, Sechser, Zehner, Neuner) ist elementar und bestenfalls konstant besetzt. Das ist mit Leihspielern, für die man keine Kaufoption hat, eher schwer.

 

Wobei: Beim HSV scheiterte diese Achse bislang schon allein am dafür vorgesehenen Zehner, an Aaron Hunt. Oder besser gesagt: an dessen körperlicher Belastbarkeit. Und auch deshalb haben sich die HSV-Verantwortlichen dazu entschlossen, noch einmal verschärft nach einem Nachfolger für Hunt Ausschau zu halten. Zurecht, zumal Hunts Vertrag nach der Saison ausläuft und sich seine körperliche Verfassung in den letzten Jahren definitiv nicht verbessert - mal bewusst vorsichtig formuliert.

Einen Zehner zu finden ist schon im Sommer, wenn das ganz große Rad gedreht wird, schwer. Im Winter ist es sogar noch einmal schwerer. „Im Winter sind die Besten normalerweise alle unter Vertrag, die will kein Verein abgeben“, so Boldt, der zusammen mit Sportdirektor Michael Mutzel trotzdem versucht, das Unmögliche möglich zu machen.

Leihgeschäfte als Zukunftsmodell sind gefährlich

Womit ich noch mal zurück zum Leihgeschäft an sich komme. Das wird beim HSV aus finanziellen Gründen als alternativlos bezeichnet. Dennoch halte ich es für grenzwertig, wenn man sich sowohl auf der Sechs (sollte man Fein ein weiteres Jahr halten können) als auch auf der Zehn nur mit Leihspielern sein Kreativzentrum zusammenbaut. Das ist ein etwa so, als ob man sich eine richtig geile Hütte mietet. Sieht gut aus - ist aber nicht annähernd so substanziell gedacht wie die Finanzierung eines vielleicht deutlich weniger auffälligen, dafür aber eigenen Hauses. Denn das kann man ggf. weiterverkaufen und damit sogar das Geld wieder reinholen, was man dafür ausgegeben hat. Oder sogar noch mehr. Vor allem aber hat man seine Nutzung selbst in der Hand.

In dem Video habe ich mich mit meinen Kollegen Henrik Jacobs (Abendblatt) und Jurek Rohrberg die Hinrunde rekapituliert. Morgen folgt der zweite Teil, der auch einen Ausblick auf die Rückrunde beinhaltet. Und ohne dem vorzugreifen, kann ich jetzt schon sagen, dass ich die sportliche Entwicklung des HSV positiver sehe als in der Vorsaison, wo man im Winter auf neue Spieler verzichtete. Damals wusste man von seinem Offensivproblem und machte trotzdem nichts. Dieses Jahr ist man gefestigter, behaupte ich. Und man sucht dringend nach Verstärkungen. Ergo: Man macht schon mal mehr richtig als letzte Saison zum selben Zeitpunkt. Noch eine verbesserte Parallele: Orel Mangala, der damals beim HSV im Mittelfeld auf Leihbasis brillierte, war nicht zu halten. Bei Fein darf man hoffen. Wichtig wäre allerdings, dass man sich nicht zu viele Spieler ins Boot holt, bei denen man nur hoffen kann. Vielmehr braucht man Spieler, mit denen man langfristig planen kann, bei denen man selbst das Heft des Handelns in  der Hand hält.

Aber das nur so zwischendurch. Ich wünsche Euch auf jeden Fall ein schönes Wochenende und melde mich persönlich dann am Montagmorgen wieder mit dem MorningCall - und dann eventuell ja auch schon mit neuen Namen potenzieller Neuzugänge. Warten wir es ab. Wobei, bevor ich diesen Blog beschließe, würde ich Euch gern eine Frage stellen und Hofe auf möglichst viele interessante Antworten: Wie seht Ihr das in Sachen Neuzugänge? Sollte der HSV lieber einen guten Spieler mit Potenzial kaufen - oder einen sehr guten (ebenso mit noch mehr Potenzial) auf Leihbasis holen? Ich bin gespannt, wie Ihr das seht…!!

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Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.