Marcus Scholz

24. Mai 2019

 

Wenn es nicht so traurig wäre, man könnte fast schon wieder lachen. Denn das, was sich beim HSV in den letzten 12 Monaten mit dem heutigen Tag als vorläufigen (Betonung auf „vorläufigen“) Höhepunkt beim HSV abspielt, hätte man sich peinlicher nicht ausdenken können. Dieser HSV steigert sich tatsächlich von einem negativen Höhepunkt zum nächsten. Und von dem proklamierten Neuanfang mit dem Ziel, in Hamburg beim HSV endlich Konstanz zu leben, ist de facto nichts mehr übrig. Imposant ist dabei, mit welchem Tempo beim HSV um Bernd Hoffmann herum die Köpfe rollen. Verantwortlich für den Misserfolg des Nichtaufstieges sind demnach tatsächlich alle - außer Hoffmann, der im steten Austausch mit den jeweils dafür Verantwortlichen die Entscheidungsträger austauscht bzw. austauschen lässt. Der finanziell klamme Verein erlaubt sich sogar weitere Abfindungen (bzw. einfach fortlaufende Bezüge) und Neuverpflichtungen im großen Stil. Denn günstig ist der ehemalige Sportdirektor Bayern Leverkusens definitiv nicht. Dass Aufsichtsratsboss Max Köttgen heute betonte, dass man es sich finanziell sehr wohl leisten könnte - logisch. Aber was soll man auch von einem Kontrollrat erwarten, der alles macht - außer zu kontrollieren? Denn statt zu kontrollieren folgen Köttgen und Co. den Vorschlägen derer, die der Rat kontrollieren sollte.

„Auf jeder Führungsposition bedarf es absoluter Leistungsträger, Bundesligaspitze. Das müssen wir in einem hungrigen, ehrgeizigen Team machen, das in die gleiche Richtung arbeitet, ohne sich intern aufzureiben.“

Das hatte Bernd Hoffmann auf der Mitgliederversammlung 2018 vor seiner Wahl zum Präsidenten des HSV e.V. gesagt. Und er hat nicht zu viel versprochen, salopp formuliert. Denn inzwischen ist das Konstrukt fast komplett neu besetzt. Die Mannschaft wird von Spielerseite komplett umgebaut, der Trainerstab wird zum zweiten Mal bin einer Saison ausgetauscht, und seit heute hat der HSV den Sportvorstand, den Hoffmann schon vor einem Jahr als seinen Wunschkandidaten vorgeschlagen hatte: seinen Vertrauten Jonas Boldt. Der Aufsichtsrat vertraute bei der Wahl des Neuen nicht nur auf Hoffmanns Urteil, sondern er fragte es explizit an. Weil die Kontrolleure selbst keine Ideen, keinen Zugang haben. Logische Folge: Es wird weniger dass Handeln  des HSV-Bosses hinterfragt, als dass man ihn sogar seitens des Aufsichtsrates um Hilfe bitten muss.

 

 

Aber wen wundert es? Dieser Aufsichtsrat reiht sich nur nahtlos in die bisherige, unrühmliche Aufsichtsratsgeschichte ein. Drei Minuten mit Köttgen hat es dem Vernehmen nach gedauert, bis Becker heute wusste, was für ihn nach dem Aussprache-Termin mit Bernd Hoffmann vor einer Woche bis dato undenkbar schien. Drei Minuten, die Köttgen, der nicht nur auf mich heute einen seltsam nervösen und unsouveränen Eindruck machte, wie folg beschrieb: „Es war mir wichtig, es Herrn Becker persönlich mitzuteilen.“ Erklärbarer machte es das für Becker eh nicht. Zumal er gestern noch Lukas Hinterseer verpflichtet und die Trainersuche entscheidend vorangetrieben hatte. Selbige wollte er heute in enger Rücksprache mit Vorstandsboss Hoffmann und dem Aufsichtsratsboss finalisieren. Inhaltlich war sich Beckerdem vernehmen nach schon weitgehend einig mit Dieter Hecking. Umso schockierte zeigte sich Becker heute und bat um Verständnis, sich nach diesem Schock erst einmal nicht öffentlich zu seiner Demission äußern zu wollen.

Es sei wichtig, Konstanz beim HSV zu entwickeln - das sagten schon viele beim HSV. Und niemand hielt sich bislang daran. Vielmehr ist Konstanz beim HSV inzwischen ein geflügeltes Wort. Der heutige Tag untermauerte das noch einmal. Dass sich Max Köttgen ausgerechnet heute, wo er sieben Tage nach der Entlassung von Trainer Wolf den Rausschmiss von Sportvorstand Becker verkündete, an diesem offenbar in Hamburg unhaltbaren Versprechen versuchte, sorgte für unfreiwillige Lacher. Denn das Einzige, was wirklich seit Jahren konstant beim HSV ist, ist, dass es eben nie Konstanz gibt.

Und nur weil es so passend ist: Leverkusens Urgestein Reiner Calmund warnte Boldt vor dem HSV. „Er allein kann das da nicht regeln. Da sind schon einige gescheitert“, so Calmund, während Schalkes Aufsichtsratsvorsitzenden Clemens Tönnies, der sich zuletzt ebenfalls mit einer Verpflichtung von Boldt für die Königsblauen befasst hatte , vielsagend nachlegte: „Er ist ein guter Mann. Ich hoffe, dass er sich durchsetzen kann. Der HSV ist kompliziert.“ Stimmt. Und für heute belasse ich es mal bei dem alles aber eben für viele auch noch nichtssagenden „kompliziert“ als Beschreibung des jährlich wiederkehrenden Erneuerungsprozesses beim HSV, der ihn in seiner ebenso wiederkehrenden Erfolglosigkeit sogar in eine zweite Saison Zweitligafußball gebracht hat.

 

 

 

Und nicht erst seit heute, dafür seit heute noch ein Stück weit mehr,  trägt das Gesamt-Konstrukt den Namen Bernd Hoffmann. Sogar noch deutlicher als in seiner ersten Amtszeit bis 2011. Der Vorstandsboss geht mit der Verpflichtung seines Vertrauten Boldt den nächsten, großen Schritt in Richtung kompletter Kontrolle beim HSV - aber er setzt damit auch auch alles auf eine Karte. Und die heißt Aufstieg. Mit ihm als damals noch frisch gewählten e.V.-Präsidenten und designierten Aufsichtsratsboss wurde erst der Vorstand (Bruchhagen und Todt) entlassen, dessen Nachfolge Hoffmann anschließend wenig überraschend selbst antrat. Anschließend folgten in seiner Funktion als Vorstandsboss die Entlassungen von Nachwuchschef Bernhard Peters (Ende des Jahres 2018 ging auch dessen Vertreter Dieter Gudelt), Trainer Christian Titz und inzwischen auch von dessen Nachfolger Hannes Wolf. Mit Marketingchef Florian Riepe, der durch Hoffmanns früheren Mitarbeitern Henning Bindzus ersetzt wurde sowie dem heute entlassenen Sportvorstand bleibt nur noch Frank Wettstein als Finanzvorstand übrig - und eben Hoffmann. Der Rest der HSV-Führung wurde im letzten Jahr ein- oder sogar mehrmals ausgetauscht.

Sollte auch dieses Konstrukt keinen Erfolg haben, hätte selbst dieser Aufsichtsrat keine andere Wahl mehr, als den obersten Verantwortlichen auch dafür verantwortlich zu machen. 

Soweit soll es aber nicht kommen. Vielmehr ruhen bis dahin nicht nur Hoffmanns Hoffnungen auf dem smarten Ex-Leverkusener Jonas Boldt, der im Gegensatz zu Köttgen heute einen sortierten, vorbereiteten Eindruck machte. Offen ist nur noch, wer der neue Trainer wird. Naheliegend wäre eine Verpflichtung von Hoffmanns und Boldts gutem Bekannten Roger Schmidt. Das Vorhaben, neben Boldt auch Schmidt zum HSV zu holen (der Jörn Wolf gleich mitbrächte) hatte ich hier im Blog schon vor einem Jahr beschrieben. Und es ist nicht minder aktuell. Da Schmidt allerdings in China noch einen bis Jahresende laufenden und übermäßig gut dotierten Vertrag hat, wie Boldt heute erklärte, dürfte dieses Vorhaben auch diesmal (noch) nicht umzusetzen sein. Zumal Schmidt seinen Vertrag auch erfüllen wolle, so Boldt.

Stattdessen deutete Boldt an, dass er keinen entwicklungsfähigen Trainer suche, sondern einen erfahrenen. Also doch Hecking? Gut möglich. Zumindest ließ Boldt die Frage nach dem ehemaligen Gladbach-Trainer offen. Fakt ist, dass neben Lukas Hinterseer, dessen heutige Präsentation dem Manager-Wechsel zum Opfer fiel und morgen nachgeholt werden soll, noch etliche neue Spieler und eben auch ein neues Trainerteam folgen muss. Ab sofort unter der Federführung von Jonas Boldt, der in Hamburg einen Zweijahresvertrag unterschrieben hat und gekommen ist, um zu bleiben, wie er heute klarstellte. Und das wissend, wie es seinen vielen Vorgängern in den wenigen Jahren zuvor in Hamburg ergangen ist. Mutig ist er also schon mal. Hoffen wir mal, dass er sich diesen Mut auch bei der Neugestaltung des sportlichen Bereiches bewahrt.

In diesem Sinne, bis morgen. Da komme ich ausnahmsweise wieder um 7.30 Uhr mit einem MorningCall zu Euch. Warum? Weil so viel passiert ist, dass es einer Nachbetrachtung mit entsprechender Einordnung bedarf. Und: Ab sofort habt Ihr die Möglichkeit, unter einen extra dafür von mir formulierten Topkommentar alle Eure Fragen loszuwerden. Ich sammele Nur Fragen bis Sonnabend 24 Uhr und werde sie Euch möglichst vollumfänglich dann am Sonntagabend beantworten.

 

Bis morgen!

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Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.