Marcus Scholz

15. November 2019

Auslaufen und dann - langes Wochenende. Für die Nicht-Nationalspieler hat die Länderspielpause meist ein nettes Schmankerl parat. „So ein freies Wochenende ist gut für den Kopf. Das brauchen die Jungs auch mal“, sagte Trainer Dieter Hecking, dem ob seiner Knieprobleme etwas Ruhe sicher auch nicht schaden wird. „Akkus aufladen und Montag gehts wie gewohnt weiter“, so der Trainer, der von allen HSV-Mitarbeitern derzeit sicherlich eine der besten Zwischennoten bekommen wird. Die Frage ist nur, ob er oder ein Mann, mit dem Mann vor der Saison so nicht rechnen konnte, die Bestnote erhält. Aber dazu kommen wir gleich, wenn wir hier über das Mittelfeld des HSV sprechen. Vorher aber noch ein Wort zu dem geplanten Bau des HSV am Volkspark: Für 15 Millionen Euro soll dort ein neues Gesundheitszentrum entstehen. Das Universitätsklinikum Eppendorf (49,8%) als medizinischer Partner sowie die Firma Philips (25,1%) als technischer Partner steigen als Partner mit ein. Wichtig hierbei: Die Baukosten trägt ein Investor, der HSV mietet sich hier ein. Er macht als keine neuen Schulden. Aber das nur für die wenigen, die das missverstanden hatten.

Wichtiger: Für mich ist dieser Schritt ein weiterer sehr guter Schritt, alles rund um den Leistungsbereich am Volkspark zu zentrieren. Ich selbst bin jahrelang (mit meinen operierten Knorpelschäden) sehr regelmäßig ins Athleticum gefahren, um dort behandelt zu werden. Zumeist hatte ich mir den ersten Termin morgens geben lassen, um anschließend für den Tag variabel zu bleiben. Dabei kam ich in den Genuss bester Physiotherapie, moderner Trainingsgeräte und vor allem hatte man dort immer das Gefühl, HSVer zu treffen. Noch vor mir beispielsweise hatte Bernhard Peters seine Termine. Und wenn er nicht behandelt wurde, trainierte er für sich. Und wenn ich mit meiner Reha fertig war, traf ich immer wieder den einen oder anderen Spieler, der seinerseits Reha machte. Nicolai Müller, Gideon Jung, u.v.m. Und diese Spieler wirkten oft ein wenig isoliert vom Rest der Mannschaft, da sie oftmals ihren kompletten Trainingstag im UKE absolvierten und so tagelang nicht auf ihre Kollegen trafen.

15 Millionen: Neubau des Gesundheitszentrum am Stadion

Und genau DAS änderte sich mit dem Bau am Volkspark. Dann bleiben auch die verletzten Akteure immer nah am Team - und das ist gut. Richtig gut sogar. Es ist wichtig gerade für Mannschaften, die über das Gemeinschaftsgefühl kommen müssen. Also genau so, wie der HSV, der auf Sicht nicht in der Situation sein wird, sich teure Stars einzukaufen. Vielmehr wird man darauf setzen müssen, günstig Talente auszubilden und über die mannschaftliche Geschlossenheit zu kommen und dabei einzelne Spieler nicht nur besser zu machen, sondern sie auch zu verkaufen und wieder zu ersetzen. Der HSV ist inzwischen ein Ausbildungsverein. Oder besser gesagt: Er muss es werden. Und damit haben Ralf Becker in seiner Schlussphase beim HSV sowie dessen Nachfolger Jonas Boldt, Kaderplaner Michael Mutzel und natürlich Trainer Dieter Hecking  in dieser Saison begonnen. Womit ich zum Zwischenzeugnis, Teil 2 kommen möchte: Zum HSV-Mittelfeld.

Und dieser Teil ist höchst erfreulich. Hier schlummert der für mich entscheidende Unterschied zur vorigen Saison: Die Homogenität. Denn die stimmt endlich. Becker, Boldt, Hecking, Mutzel und Co. haben die richtige Mischung aus Erfahrung, Talent und jugendlichem Ehrgeiz gefunden. Allerbestes Beispiel hierfür ist sicher Adrian Fein, der zuletzt an Regensburg ausgeliehen war und im Sommer auf Leihbasis vom FC Bayern zum HSV kam. Fein hat sich von der ersten Trainingseinheit an beim HSV ins Zentrum allen Handelns gespielt. Er hat die Rolle des Chefs auf dem Platz sportlich schon zu 100 Prozent an- und eingenommen. Auch unabhängig davon, ob ein Aaron Hunt auf dem Platz steht oder nicht: Der defensive Mittelfeldspieler lenkt das HSV-Spiel als Übergangsspieler aus der Defensive in die Offensive und riegelt gegnerische Angriffe als erste Instanz der HSV-Defensive ab.

Fein gilt als bester Zugang aller Zweitligisten - zurecht

Vom Fachmagazin „kicker“ wurde er gerade zum besten Zugang aller Zweitligisten gewählt, beruhend auf der Durchschnittsnote. Auch für mich ist Fein fußballerisch ein Genuss und aus diesem HSV-Team nicht mehr wegzudenken. Seine Ballsicherheit, seine Antizipation, seine Lauf- und Zweikampfstärke und die Fähigkeit, passsicher das Spiel zu gestalten sind für mich der Unterschied zwischen dem HSV und vielen anderen guten Zweitligisten. Fein ist ein außergewöhnlich intelligent spielender Mittelfeldspieler. Und: Dass er trotz allem noch weiteres Potenzial nach oben hat, es  macht ihn für mich zu einem der interessantesten Zweitligaspieler - selbst für ambitionierte Erstligisten. Gesamtnote: 1

Zum Gesamtpaket bei Fein gehört für mich in dieser Saison ohne jeden Zweifel auch der offensiver denkende und spielende Jeremy Dudziak. Der Zugang vom FC St. Pauli macht Fein stärker - und andersrum. Sie ergänzen sich schlichtweg optimal und verkraften dabei auch, einen Spieler wie David Kinsombi als Dritten im Bunde im Zentrum durchzuschleppen. Sie geben Hecking die Freiheit, Kinsombi über Einsätze in der Liga wieder heranzuführen, ohne dabei die sportlichen Ziele zu gefährden. Ein Luxus für den HSV-Coach, den dieser sehr wohl zu würdigen weiß. Er hat zudem gesehen, was passiert, wenn er Dudziak mal nicht dabei hat (wie beim Derby gegen Pauli). Und obwohl Dudziak sicherlich der variabelste HSV-Spieler ist - er hat bis auf Innenverteidigung schon alle Positionen  gespielt - sieht Hecking ihn aus meiner Sicht  ZUM GLÜCK!! nur auf der Acht. Zwei Tore, ein Assist, zwölf Einsätze, davon zehn Startelfnominierungen und ebenso viele gute bis sehr gute Spiele sprechen dafür, dass Hecking hier goldrichtig liegt und der HSV mit Dudziak einen sehr guten Fang gemacht hat. Sollte Dudziak seine Qualität irgendwann konstant über die vollen 90 Minuten abrufen können und nicht ab der 70. Minute stetig abbauen, dann ist er eine glatte Eins. Bis dahin bekommt er von mir die Gesamtnote: 2+

 

 

Mit den größten Vorschusslorbeeren nach Hamburg kam David Kinsombi. Allerdings auch mit der schwersten Verletzung und der längsten Ausfallzeit im Gepäck. Der „Königstransfer“ konnte bislang nie die Erwartungen erfüllen. Sicherlich auch bedingt durch einen weiteren Verletzungsausfall in der Sommervorbereitung hat Kinsombi seine 100 Prozent schlichtweg noch nicht erreicht. Und nachdem ich in den ersten sieben, acht Spielen bei Kinsombi stetige Fortschritte erkannt haben wollte, stagniert der einstige Kapitän Holstein Kiels derzeit auf einem Niveau, das so meiner Meinung nach nicht für die (Tabellen-)Spitze reicht. Kinsombi fehlt die Spitzigkeit, die Zweikampfstärke und daraus resultierend auch der Offensivdrang alter Tage. Geblieben ist allerdings seine Spielintelligenz, mit der er sich in vielen Situationen rettet. Und natürlich sein Näschen im Sechzehner. Er antizipiert geschickt und  hat nicht umsonst schon zwei Tore erzielt. Dass hier noch deutlich mehr drin ist - darauf hoffe nicht nur ich. Es wäre zu schön, wenn Kinsombi sich in die Reihe Fein/Dudziak mit der Form aus Kieler Zeiten einreiht. Denn dann wäre der HSV im Zentrum für Zweitligaverhältnisse absolute Spitze. So aber reicht es zumindest bei Kinsombi noch nicht. Gesamtnote: 4

Und wo wir gerade bei Verletzungen waren, bleiben wir gleich dort und kommen zum Dauer-Angeschlagenen Aaron Hunt. Erst fünfmal stand der Kapitän in der Startelf, spielte insgesamt nur vier Spiele über die komplette Distanz. Dass er dennoch drei Tore und einen Assist zu verzeichnen hatte, liegt auch daran, dass seine Kollegen um ihn herum diese Saison deutlich besser sind als im Vorjahr.  Hunt profitiert davon, weniger selbst verantworten zu müssen. „Es gibt kein Spiel und keine Trainingseinheit bei uns, in der Aaron nicht der mit Abstand beste Spieler auf dem Platz ist“, sagte Christoph Moritz bei uns im Rautenperle-Talk. Damit bestätigte Moritz die Bedeutung Hunts für die Mannschaft. Denn steht Hunt auf dem Platz, gibt er seinen Kollegen schon ob seiner Präsenz Sicherheit. Allerdings muss man bei Aaron Hunt völlig unabhängig von seinen außergewöhnlichen fußballerischen Fähigkeiten und seiner großen Erfahrung auch anerkennen, dass der Körper weder jünger, noch gesunder wird. Konstanz wird man bei ihm nicht erwarten können, befürchte ich. Das aber bedarf es bei einem Spieler, der als DER Führungsspieler im Team fungieren soll. Daher auch hier als als Gesamtnote: 4

Der HSV ist im Zentrum stark - auch von der Bank

Bei Christoph Moritz gestaltet sich das ein wenig anders. Letzte Saison schon hatte ich an dieser Stelle geschrieben, dass ein Spielertyp wie Moritz einen ganz entscheidenden Unterschied machen kann, wenn man ihn in wichtigen Phasen immer wieder bringen kann. Soll heißen: Schafft es ein Trainer, Moritz die Rolle des Edel-Reservisten schmackhaft zu machen, verfügt derjenige über einen richtig guten Mann. So gesehen im Spiel gegen den VfB Stuttgart, als Moritz reingeschmissen wurde und sofort zu 100 Prozent funktionierte. Seine Ballfertigkeit ist teamintern hoch geschätzt, seine Art sehr beliebt. Moritz ist ein erfahrener, absoluter Teamplayer, der Spiele ebenso beruhigen wie beleben kann. Er bietet seinem Trainer somit eine außergewöhnliche Bandbreite, um Spiele auf des Messers Schneide entscheidend und vor allem positiv verändern zu können. Daher von mir für trotz der wenigen Spielzeit für seine Rolle im Team die Gesamtnote: 2

Und damit kommen wir zum Letzten im Bunde: Sonny Kittel. Der ehemalige Ingolstädter ist für mich der Spieler im Team, der vom reinen Talent her noch die größten Steigerungsmöglichkeiten hat. Hätte er das, was ihm Fein aktuell an Spielintelligenz und mentaler Stärke voraus hat, er würde dem HSV sportlich den Aufstieg garantieren und später mal sehr, sehr viel Geld einbringen können. Seiner Schnelligkeit, seiner technischen Stärke, seiner außergewöhnlichen Handlungsschnelligkeit und seiner Torgefahr auch über Standards kommend stehen lediglich seine angeschlagenen Knie und sein Kopf entgegen.

Und während er die Knie immer wieder mit Präventionstraining gut im Griff zu haben scheint, fehlt dem jungen Rechtsfuß noch der Kick, sich selbst endlich auch in der Rolle zu akzeptieren, Spiele entscheidend führen zu können. Sollte er irgendwann erkennen, wie das auch ohne verbale Leaderqualitäten - denn die besitzt er nicht - funktioniert, stehen ihm noch ganz große, tolle Türen offen. Sieben Tore und zwei Assists machen ihn zum absoluten Topscorer beim HSV und ich behaupte, dass Kittel ob seiner Grundvoraussetzungen einer der ganz wenigen Spieler ist (zumal Fein nur ausgeliehen wurde), mit denen sich der HSV irgendwann finanziell gesundstoßen könnte. Angesichts der Fähigkeiten, der Statistik und den erfüllten Erwartungen kann es nur eins geben: Gesamtnote 1

Das neue Mittelfeld ist das Meisterstück der HSV-Kaderplaner

insgesamt muss ich sagen, hat der HSV bei der Zusammenstellung der Mannschaft im Mittelfeld seine beste Arbeit geleistet. Auch wenn Fein nur geliehen wurde und ein Verbleib schwierig zu realisieren ist, ist er ein absoluter Unterschiedsspieler für den HSV auf dem Weg zurück in die Erste Liga. Genauso ein Kittel, der mit seiner Genialität jedes Spiel entscheiden kann und mit Hunt zudem einen Spieler im Team hat, der in den Momenten kommen kann, wenn Kittel irgendwann seine kreative Pause braucht. Ergo: Die Mischung ist perfekt getroffen für die Zweite Liga. Jetzt schon hat der HSV für mich das beste Mittelfeld der zweiten Liga - und dabei fehlen Hunt und Kinsombi noch. Hätte ich in dieses Mittelfeld noch Bakery Jatta dazugerechnet - es wäre noch besser geworden. Aber Jatta werde ich genau so wie Khaled Narey morgen bei der Beurteilung der Angreifer mitbewerten.

Das hätte man sicher auch anders entscheiden können, aber egal! Bis dahin würde mich aber sehr interessieren, wie Ihr die Spieler seht. Kopiert Euch doch mal die Liste im Anhang heraus, nehmt Euch ein paar Minuten und schreibt daneben, wie Ihr die Jungs bewertet. Ich bin gespannt…!

Bis dahin wünsche ich Euch allen erst einmal einen richtig schönen Abend! Bleibt gesund...!

Scholle

 

Adrian Fein:
Jeremy Dudziak:
David Kinsombi:
Christoph Moritz:
Aaron Hunt:
Sonny Kittel:

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FAQs

Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.

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