Marcus Scholz

29. August 2019

Ich habe es selbst im MorningCall gesagt  - das Thema Bakery Jatta wird uns noch sehr lange begleiten. Mindestens bis zur nächsten Anhörung am 9. September vor dem DFB-Kontrollausschuss werden wahrscheinlich jeden Tag neue Themen auftauchen. Wie zum Beispiel heute, wo sich Kai Schiller für das Hamburger Abendblatt die Mühe gemacht hat, die bisherigen „Zeugen“ zu durchleuchten und ihre Glaubwürdigkeit bzw. das Zustandekommen ihrer Aussagen zu hinterfragen. Mit höchst interessanten Ergebnissen, wie dem Vorwurf des zitierten Trainers Suleiman Kuyateh zum Beispiel. Der hatte der „BILD“ vorgeworfen, ihm einen Reporter geschickt zu haben, der sich als DFB-Offizieller ausgegeben hätte. Ein anderer Zeuge behauptete unterdessen, die von ihm in der SportBild zitierten Aussagen so nie getätigt zu haben. Und während viele in der Causa Bakery Jatta einen spannenden Kriminalfall sehen und gespannt die Berichte verfolgen, wird mir zu oft eines vergessen, oder aber zumindest unterschätzt bzw. verharmlost: Das Wohl Bakery Jattas.

Einer, der Jatta gut kennt und mit ihm fühlt, warnte jetzt in dem Podcast-Interview „Fußball-Inside“ von unserem Rautenperle-Blogger Christian Hoch davor, Jattas äußerliche Stärke fehlzudeuten: „Ich verfolge das besorgniserregend“, sagt Christian Titz, „es tut mir erst einmal für Bakery leid, weil das ein anständiger junger Mann ist. Die Diskussion, die entfacht ist, hat nichts mit den Dingen auf den Platz zu tun. Ob Jatta älter oder jünger ist, verändert nichts auf dem Platz. Ich finde es immer schwer, wenn man einen Menschen öffentlich verurteilt, obwohl noch nichts bewiesen ist. Man muss sich jetzt einmal vorstellen, was für ein großer sozialer Druck auf diesem Jungen herrscht. Das finde ich sehr bedenklich. Mir tut einfach leid, was mit ihm passiert. Ich würde mir wünschen, wenn wir in diese Diskussion schnell Ruhe und Klarheit bekommen, damit Bakery wieder das tun kann, was er am liebsten tut: Fußball spielen. Bakery ist eine sehr starke Persönlichkeit, der einfach seine Chance über den Fußball gesucht hat, weil er das sehr gerne macht und auch die Chance auf ein neues Leben gesehen hat. Er kann viele Dinge, so scheint es, äußerlich ausblenden. Aber glauben Sie mir, er ist auch nur ein Mensch. Wenn der hinter verschlossenen Türen ist, dann leidet der.“

Und das ist Unrecht. Zum einen, weil es niemand verdient, öffentlich so zur Schau gestellt zu werden. Und zum anderen, weil das auch noch geschieht, obwohl bislang nichts Belastendes, dafür aber einiges Entlastendes aufgetaucht ist. Bislang wird Jatta Tag für Tag, an dem die unbewiesenen Behauptungen sein öffentliches Erscheinungsbild negativ beeinflussen, Unrecht angetan. Jeden Tag! Und so sehr es mich und Euch nervt, das hier seit dem ersten Tag der Berichterstattung immer wieder zu schreiben bzw. lesen - so ist es leider. Unvorstellbar für mich. Aber gerade deswegen werde ich nicht müde, genau DAS immer wieder zu betonen.

 

Das Schlimme daran: Selbst wenn das ihm vorgeworfene Unrecht stimmen sollte, selbst das hätte humanitäre Gründe. Das macht es nicht richtig - aber für viele nachvollziehbar. Und vor allem: Sportlich hat nie jemand darunter leiden müssen, so sehr das einige auch zu konstruieren versuchen. Umso schlimmer, das sich ein Verband wie der DFB, der sich damit brüstet, weltoffen und besonders integrativ zu sein, nicht dazu entschließt, das Thema sportlich ein für allemal zu beenden. Die Entmenschlichung im Fußball hat spätestens seit der Causa Jatta, in der Vereine anfangen, in fernen Ländern nach Beweisen gegen einen gegnerischen Spieler zu forschen und Kronzeugen aufzurufen, Einzug gehalten. Hier wird Diskriminiereung offiziell gefördert vom DFB. Aber auch das hatten wir ja an dieser Stelle schon.

Im Nordderby am Sonntag können alle ein Zeichen setzen 

Wenn ich die Zeichen richtig deute, dürfte es am Sonntag vor und während des Spiels gegen Hannover 96 Fan-Aktionen pro Jatta geben - von beiden Fanlagern gemeinsam. Es wäre ein starkes Zeichen in Richtung des weiter tatenlosen DFB. Noch stärker wäre, wenn sich die Niedersachsen tatsächlich dazu durchringen, trotz der Möglichkeit auf einen Protest zu verzichten - sofern sie das Spiel nicht sportlich gewinnen.

Und damit wenden wir uns hier doch noch mal dem zu, worum es hier gehen sollte: dem Fußball. Denn in weniger als drei Tagen steht für den HSV eben jenes  Nordderby gegen Hannover 96 an. „Fußball?“, fragte Dieter Hecking am Montag, als er auf Hannover angesprochen wurde, „wir sprechen auch mal über Fußball? Sehr schön!“ Denn auch Hecking, der sich wie der gesamte HSV wohltuend klar vom ersten Tag an hinter Jatta gestellt hat, musste zuletzt zu oft auf das Thema Jatta antworten. Und das, obgleich das bevorstehende Nordderby gegen den Bundesliga-Absteiger und Aufstiegsfavoriten mehr als genug Geschichten allein um seine Person herum mitliefert. Als Trainer stand Hecking von 2006 bis 2009 für die Niedersachsen am Rand und erzielte zwischen 1996 und 1999 in 74 Spielen als Profi 22 Treffer für Hannover.

Wood will nicht wechseln - und beim HSV durchstarten

Eine Quote, die Bobby Wood nicht schaffte. Aber auch bei dem US-Amerikaner gibt es viele Ansätze für schöne Geschichten vor dem Duell mit seinem Exklub, für den er letzte Saison stürmte. „Ich habe noch guten Kontakt, spiele viel Playstation mit den Jungs“, sagt Bobby Wood und lächelt, obgleich seine Zeit in Hannover keine erfolgreiche war. Drei Treffer in 22 Spielen sorgten dafür, dass der aktuell werdende Papa seinen Platz in der US-Nationalelf verlor.  Und es deutet wenig daraufhin, dass sich das schnell ändert. Auch beim HSV ist Wood hinter Lukas Hinterseer nur Reservist. Noch. Selbst ein Wechsel war lange Zeit nicht ausgeschlossen, sondern ob seines üppigen Jahresgehaltes von knapp 2,4 Millionen Euro pro Jahr von Vereinsseite sogar gewünscht. Bis Hecking aus der Not (es gab keine Angebote) eine Tugend machte und Wood motivierte. So sehr, dass sich der Angreifer gegenüber seinem ersten Auftritt beim HSV um 180 Grad drehte.

Offen, engagiert und in der Mannschaft beliebt ist Wood inzwischen. Also fast alles, was er hier zwischen 2016 und 2018 nicht war. „Ich glaube, ich bin einfach nur älter geworden und habe gelernt“, sagte Wood heute, nachdem er im Training auffällig gut gearbeitet hatte. Er habe jetzt eine tolle Familie und erkannt, worauf es im Leben ankommt, sagt der Angreifer. „Ich habe hart daran gearbeitet, Einsätze zu bekommen“, so Wood über seine erste Einwechslung am vergangenen Wochenende gegen Karlsruhe, „ich fühle mich hier sehr wohl, die Mannschaft ist richtig cool und macht es mir einfach, offen zu sein und Spaß zu haben.“ Ob er noch wechseln will? „Nein, ich bin HSV-Spieler. Ich will einfach, dass wir als Mannschaft aufsteigen. Das ist mein einziges Ziel.“

Wood freut sich auf das Spiel gegen seine alten Kameraden. „Es ist immer etwas komisch. Es sind ja fast alle die da, die auch letzte Saison da waren. Ich freue mich auf das Spiel, es wird ein cooles Spiel zuhause. Und ein besonderes Spiel für mich.“ Ob er sich wieder für die Nationalelf empfehlen will? „Na klar.  Es ist immer geil, fürs Nationalteam zu spielen. Aber dafür muss ich hier gut arbeiten, dann kommt es von allein. Ich will immer eingeladen sein, aber ich muss mich jetzt hier auf den HSV und mich konzentrieren. Wenn ich hin- und herfliege komme ich aus dem Rhythmus, und ich glaube jetzt ist wichtiger die nächsten Ziele im Auge zu behalten und einfach gut zu arbeiten.“

HSV-Toptalent Borges "flieht" zum AC Mailand

Apropos neue Ziele - die hat auch ein Spieler, den die meisten von Euch wahrscheinlich noch gar nicht kennen, obwohl er gerade am Montag beim Jahresempfang des Hamburger Fußball-Verbandes zum Nachwuchsspieler des Jahres ausgezeichnet worden ist. Und dennoch könnte dieser HSV-Spieler zu dem nominell spektakulärsten Sommertransfer beim HSV werden: Lenny Borges. Der 18 Jahre junge Junioren-Nationalspieler ist seit drei Jahren beim HSV und bestritt in dieser Saison vier Spiele für die U19-Bundesligamannschaft. Für die Profis reichte es bislang aber noch nicht - zumindest nicht in Hamburg. International indes hat Borges sehr wohl Interessenten. Und bei einem hat er sich am Dienstag vor Ort vorgestellt und erste Verhandlungen geführt: Beim 18-maligen italienischen Meister AC Mailand.

„Lenny ist ein feiner Techniker, der zuletzt etwas Verletzungspech hatte“, erinnert sich der ehemalige HSV-„Übergangstrainer“ Marinus Bester. Der inzwischen in Buchholz als Trainer arbeitende Ex-Profi hatte sich in den letzten Jahren immer wieder um die Spieler gekümmert, die auf dem Sprung zum Profi waren - also auch um Borges. „Lenny und der Ball sind gute Freunde, dem springt die Kugel nicht weit vom Fuß. Er ist vielleicht noch kein zweiter Manni Kaltz, aber er ist einer der intelligenteren Fußballer, der viele gute tiefe Läufe pro Spiel macht. Er antizipiert dazu besser als seine gleichaltrigen Kollegen“, so Bester, „aber er sieht seine Chance hier in Hamburg offenbar nicht.“

Bester: "Der HSV wird im Leben kein Ausbildungsverein."

Komischerweise. Denn gerade im Bereich der Außenverteidiger, wo sich Jan Gyamerah heute im Training leicht verletzte und humpelnd in die Kabine stapfte, sucht der HSV derzeit nach Verstärkung. Borges indes soll lediglich einen Anschlussvertrag für die Regionalliga geboten bekommen haben. Bis jetzt. Denn wie ich erfahren, war Borges Anfang der Woche zusammen mit seinem Berater Jürgen Milewski nach Mailand gereist, um sich die Begebenheiten beim Traditionsklub aus der Serie A anzusehen. Und das veränderte die Haltung des HSV noch einmal.

„Es wäre schade, wenn Lenny seinen Weg hier nicht weitergehen könnte“, sagt Bester, der  mit Kritik an der Nachwuchsförderung beim HSV nicht spart: „Der HSV wird im Leben kein Ausbildungsverein werden. Dabei ist der Funktionsapparat im Jugendbereich über den Campus bis hin zum Bundesligateam riesengroß. Aber hier hoffen alle auf so fertige Toptalente wie Kay Havertz. Problem: Die gibt es nur alle Jubeljahre mal. Das darf man einfach nicht erwarten. Stattdessen muss man den letzten Schritt zusammen mit den Jungs gehen. Das ‚einfach-reinwerfen' funktioniert nicht mehr.“

Boldt kämpft um Borges - und kapituliert vor dessen Wunsch

Wobei man selbst das bei Borges (noch) nicht probiert hatte. Der Campus-Bewohner durfte im Sommer 2018 ein paar Einheiten bei den Profis mitmachen, mehr nicht. Aber spätestens das Interesse der Italiener hat jetzt auch das Interesse der Hamburger geweckt, noch mal genauer hinzusehen, wen sie da zu verlieren drohen. „Michael Mutzel und ich haben schon versucht, Lenny langfristig zu binden“, sagt Sportvorstand Jonas Boldt, „Lenny weiß auch, dass er nur den Finger heben muss, um hier zu bleiben. Auch jetzt noch. Aber er hat eben auch klar den Wunsch geäußert und gesagt, dass Mailand für ihn ein Riesentraum ist.“

Ergo: Es deutet alles daraufhin, dass Borges verkauft wird. Am Donnerstagabend flog Borges erneut nach Mailand, um dort am Freitag noch einmal Gespräche zu führen. Bislang hatte ihm AC Mailands lebende Legende und Milan-Sportdirektor Paolo Maldini den Weg über die Nachwuchsmannschaft zu den Profis aufgezeigt.  Insgesamt ist der AC gerade auffällig aktiv dabei, sich international einige Toptalente zu sichern. „Aufregende Tage“ seien es für ihn, gesteht Borges, dem die Italiener den Weg über den Milan-Nachwuchs schmackhaft machen konnten. „Es ist ja klar, dass ich nicht sofort in die erste Mannschaft durchstarte. Ich würde bei den Profis trainieren und für die Zweite oder die U19 spielen“, sagt Borges.

HSV kassiert 800.000 Euro für den 18-jährigen Außenverteidiger

Läuft alles wie geplant, dürfte Borges schon morgen seinen Medizincheck bei den Mailändern absolvieren und im Anschluss wechseln. Rund 800.000 Euro sollen hier im Gesprächs ein. Eine Summe, die jetzt noch groß klingt - die aber klein werden kann, wenn Borges den Weg geht, den ihm Marinus Bester attestiert. Und wenn ich die Eingebungen von Boldt richtig verstanden habe, wird der HSV versuchen, sich schon jetzt beim Verkauf eine Rückholoption zu sichern, um Borges gegebenenfalls in zwei Jahren - so lange soll der Vertrag bei Milan wohl laufen - zurück nach Hamburg holen zu können. Per Rückkaufoption? „Dazu kann ich nichts sagen“, so Boldt, der aus wirtschaftlichen Gründen und ob der klaren Entscheidung Borges’, zu wechseln, kaum anders kann, als einem Verkauf zuzustimmen. Hintergrund: Im Sommer 2020 wäre Borges dann ablösefrei.

In diesem Sinne, bis morgen. Da melde ich mich wie immer um 7.30 Uhr mit dem MorningCall bei Euch und werde Euch um 13 Uhr via Facebook wieder live von der Pressekonferenz mit HSV-Trainer Dieter Hecking berichten. Trainiert wird morgen allerdings nicht öffentlich.

Bis dahin!

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Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.