Marcus Scholz

3. August 2018

Die Botschaft war ebenso klar, wie sie die Gesamtsituation vor diesem ersten Zweitligaspiel der Vereinsgeschichte beschrieb: „Dies ist die Geschichte eines Vereines, der fällt... aber wichtig ist nicht der Fall, sondern die Landung  - auf geht’s, HSV!“ hatten die HSV-Fans in der Nordkurve auf großen Lettern und mit einem Symbolbild versehen aufgehängt. Die viel umschriebene Euphorie von den Rängen war von beginn an da - und dennoch wurde es am Ende ein bitterer Abend für die HSV-Anhänger unter den 57000 Zuschauern im ausverkauften Volksparkstadion. Mit 0:3 verlor man gegen Holstein Kiel – und das am Ende alles andere als unverdient. Ein Fehlstart, wie er deutlicher kaum ausfallen konnte.

Dabei begann der HSV, wo HSV-Trainer Christian Titz wie befürchtet auf seinen Routinier und Neu-Kapitän Aaron Hunt (Wadenverhärtung) verzichten musste, gut. Nach Itos 16-Meter-Schuss knapp rechts vorbei sowie einer 100prozentugen von Samperio, der allein Kiels Keeper Kronholm zulief und statt mit dem schwächeren Rechten abzuschließen den Ball vertändelte, war allen klar: Hier geht heute etwas! Nach acht Minuten erste stehende Ovationen – fast schien es, als hätte man tatsächlich etwas Großes zu feiern. Dabei war es „nur“ das erste Zweitligaspiel der Vereinsgeschichte. Aber, und daran glaube ich tatsächlich, es ist weniger eine Verkennung der Tatsachen, denn der einfache Wunsch nach einem gesunden Neuanfang, der mit der Umstrukturierung des Kaders und dem Titz’schen Offensivfußball zumindest nominell stark vorangetrieben worden ist.

Und trotz eines insgesamt eher hektischen Anfangs mit vielen Fehlpässen – insbesondere der Kieler – hätte der HSV hier schon zu Beginn der ersten Hälfte das Spiel in eine komplett andere Richtung lenken können. Nein: müssen! Nach Ito und Samperio in den ersten fünf Minzten schon hatte Lewis Holtby nach einem Fehlpass von Kiels Keeper den Ball 18 Meter vor dem Tor auf dem linken Fuß, lupfte über Kiels Keeper – aber eben auch rechts vorbei (12.). Und wiederum nur sieben Minuten später legte Gotoku Sakai den Ball quer auf den freistehenden Khaled Narey, der aus 16 Metern weit über das Tor verzog.

Und Kiel? Die Gäste aus Schleswig fanden kaum statt. Aber wenn, dann wurde es richtig gefährlich. Nachdem Sakai mit einer Grätsche in der 30. Minute gegen Kiels einschussbereiten Angreifer Mathias Honsak retten konnte und Narey für den HSV einen schönen Konter in der 35. Minute wie gegen Monaco abschloss (allein hauchzart vorbei, nicht ins Tor), war es wieder Honsak, der nach einem langen Ball in den Rücken der zu langsamen HSV-Abwehr allein auf Pollersbeck zulief und aus 13 Metern knapp rechts (aus Schützen-Sicht) vorbeischoss. Eine Szene, die Titz sowie dem HSV-Verantwortlichen in Gänze nur noch einmal verdeutlicht haben dürfte, dass in der Innenverteidigung noch Handlungsbedarf besteht. Denn wie in der Vorbereitung war man auch heute in der ersten Hälfte zu anfällig bei an sich einfachen, lang geschlagenen  Bällen. Aber dank fehlender Durchschlagskraft auf beiden Seiten blieb es zur Halbzeit beim 0:0.

Aber das änderte sich. Schon in der ersten Minute der zweiten Hälfte hätte das 1:0 fallen können – für Kiel. Serra hatte so scharf geschossen, dass Pollersbeck den Ball nicht festhalten konnte, dafür aber in Nachfassen unmittelbar vor der Torlinie zur Ecke klärte (46.). Aber nach einem Narey-Schuss (52.) kam dann, was nicht kommen sollte: das 0:1. Nachdem der HSV bei einem Einwurf pennte, Steinmann dem guten Südkoreaner Lee nicht folgen und der schwache Bates Kiels Meffert einfach so lange gewähren ließ, bis dieser sich die rechte obere Ecke ausgesucht und aus 17 Metern gezielt einschieben konnte.

Ein schönes Tor – aus Kieler Sicht. Und der Nackenschlag für den HSV, der jetzt endlich wechselte. Bates ging, für ihn kam der junge David Jonas. Und der enttäuschende Samperio wich für Pierre Michel Lasogga, der ins Sturmzentrum rückte, während Narey auf die rechte Außenbahn schob. Allein es änderte zunächst nicht viel. Kiel stand tief, dem HSV fiel nicht mehr viel ein. Hatte man in der ersten Hälfte zumindest noch Chancen vergeben, musste der HSV diesmal bis zur 74. Minute warten, bis Narey eine scharfe Hereingabe am zweiten Pfosten nicht zu verwerten wusste.

Dennoch wirkte der HSV jetzt auch körperlich längst nicht so frisch wie die Kieler. Steinmann verlor im Mittelfeld plötzlich ungewohnt viele Bälle (zum Teil auch nach wahrlich beschissenen Anspielen von Pollersbeck), Janjicic lief nur noch hinterher und Lewis Holtby war komplett raus. Der Vizekapitän konnte sich tatsächlich kaum noch bewegen. Zu wenig für die Zweite Liga, wie Kinsombi nach einem schönen Konter und Querablage des besten Mannes auf dem Platz, Kiels Lee, klarstellte. Das 0:2 in der 78. Minute. Und die Vorentscheidung.

Denn der HSV bäumte sich zwar noch mal kurz auf und kam durch Holtby zu einem gefährlichen Schuss (84.), gefährlicher waren aber jetzt die wenigen Kieler Angriffe, wie der über Honsak, dessen Schuss Pollersbeck mit einem starken Reflex zur Ecke lenken konnte (86.). Und so wurde es das, was ich nicht erwartet hatte – ein klassischer Fehlstart in die neue Liga. Honsak verwertete in der Nachspielzeit sogar noch einen schönen Konter zum 3:0 für die Kieler, die viele Experten eher in den Abstiegsrängen denn in der Spitzengruppe vermuten.

Und damit wurde es letztlich sogar ein im Ergebnis deftiger Fehlstart, den der HSV als Standortbestimmung nutzen muss – wenn man hieraus noch irgendetwas Positives für die Zukunft ziehen möchte. Denn bei aller spielerischer Überlegenheit in der ersten Hälfte war der Kieler Sieg am Ende absolut nicht unverdient. Kiel wirkte abgeklärt mit Lee, Honsak und den gefährlichen schnellen Gegenstößen gegen eine HSV-Defebsive, in der dringend noch etwas passieren muss nach dem Ausfall von Gideon Jung. Und wie schrieben die Fans der Nordkurve so schön: Es geht um die Landung. Oder vielmehr darum, wie man damit umgeht. Dieser HSV ist hart gelandet. Extrem hart sogar. Wie schwer die Mission Wiederaufstieg wird, weiß beim HSV aber spätestens jetzt wirklich jeder.

„Wir haben zu viele falsche Entscheidungen getroffen und irgendwann aufgehört, mutig zu spielen. In Zukunft müssen wir stärker und dominanter sein. Jetzt gilt es, im Training gut zu arbeiten und es gegen Sandhausen besser zu machen, sagte Holtby im Anschluss klar.

In diesem Sinne, bis später. Dann mit der Pressekonferenz und Stimmen vom Trainer zum 0:3.

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Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.

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