Marcus Scholz

3. März 2018

Die Fans waren sauer. Zurecht. Und das weniger ob der heutigen Leistung als generell über den bisherigen Saisonverlauf und das heutige Ergebnis gegen dramatisch schwache Mainzer. „Arschlöcher, Arschlöcher“ (oder doch „Absteiger, Absteiger“?) hallte es von den Ultras, die das Sicherheitskonzept des HSV in der Nordkurve umgingen, indem sie für dieses Spiel in die Nordost-Kurve umgezogen waren. 0:0 hieß es am Ende. Ein Punkt, der dem HSV nicht hilft, sondern ihn auf Abstand zur Konkurrenz hält. Pfiffe statt Applaus, dabei war der Sieg heute mehr als möglich. Auch, weil Trainer Bernd Hollerbach bei seiner Startelf erneut überraschte.

Öfter mal was Neues, das gilt für viele Mannschaften mit Negativlauf. Da wird munter probiert, weil im Zweifel das Neue besser ist als das, was zuvor schon nicht funktioniert hat. Insofern, warum nicht auch einmal einen Sven Schipplock in die Startelf packen? Schlechter als mit Bobby Wood vorn drin konnte es ja nicht werden – und wurde es auch nicht. Im Gegenteil: Schipplock hatte sogar die erste große Chance auf dem Fuß, nachdem Gotoku Sakai den Ball lang über rechts geschlagen hatte, Schipplock den Ball gut abschirmte und so aus 12 Metern halbrechter Position zum Schuss kam. Leider stand heute im Mainzer Tor ein richtig guter Keeper: Florian Müller. Und der Ersatz von Rene Adler war mit dieser Glanzparade schnell im Spiel, wie er keine drei Minuten später bei einem Fernschuss von Walace (8.) unter Beweis stellte. Auch hier parierte er glänzend. Zwei Torabschlüsse in den ersten acht Minuten – wann gab es das das letzte Mal?

Wobei es nicht allein an Schipplock lag, sondern an der generell mutigeren Art des HSV zu Beginn. Insbesondere Bakery Jatta setzte die Mainzer mit seinen langen Beinen und vor allem seinem Tempo immer wieder unter Druck. So auch in der 24. Minute, wo er seinen Gegenspieler schon in dessen Hälfte so unter Druck setzte, dass das Mainzer Aufbauspiel ins Stocken geriet und der HSV in ballbesitz kam. Schipplock, der stark begann, legte den Ball per Hacke weiter auf Kostic und der Serbe traf! Das 1:0 in der 24. Minute. Absolut verdient – aber leider auch abseits. Denn das Tor, das schon lautstark bejubelt und per Torhymne verkündet wurde, wurde zurückgenommen. Der Videobeweis zeigte, dass Kostic im Abseits stand. Bitter. Aber korrekt. Wobei ich an dieser Stelle nicht unerwähnt lassen will, dass auch die Mainzer durch Quaison in der 14. Minute eine gute Chance hatten. Mathenia konnte den Ball aber ebenso stark wie sein Gegenüber parieren.

Es war eine schwungvolle erste Halbzeit, die zeigte, dass der FSV Mainz wirklich keinen Deut mehr Qualität im Kader hat als der HSV. Im Gegenteil. Es macht die HSV-Situation noch schlimmer, weil man sieht, wie wenig Qualität reichen könnte. Dennoch, trotz der Überlegenheit und guten Anfangsphase blieb es zur Halbzeit torlos. Und Hollerbach, so nannte es ein Kollege von mir auf der Tribüne richtig, machte keine Gefangenen. Er nahm mit Aaron Hunt den bis dahin schwächsten HSVer vom Platz und brachte Luca Waldschmidt.

So begann auch die zweite Halbzeit schwungvoll mit einer guten HSV-Gelegenheit nach vier Minuten. Im Anschluss an einen Eckball kam Kostic links an den Ball, brachte ihn in die Mitte, wo er abgewehrt wurde und van Drongelen vor die Füße prallte. Der Niederländer zog direkt ab, traf aber mit seinem schwächeren, rechten Fuß nur die Latte (48.). Und 12 Minuten später dann die größte Chance überhaupt: Nach einem Foul von Balogun an Waldschmidt (60., der Mainzer bekam dafür Gelbrot) schnappte sich Filip Kostic den Ball und trat zum Elfer an. Weshalb ein Mann mit so einem Huf den ball so lasch schiebt – ich werde es nie verstehen. Mainz’ Keeper Müller war es egal, er parierte den zu schwach geschossene Elfer (62.). Bitter für den HSV, der bis hierhin zwei Lattentreffer, ein Abseitstor, 10:1 Ecken nach 60 Minuten und sogar einen verschossenen Elfer verbuchen konnte bzw. musste, dabei durchgehend überlegen agierte – aber ohne anschließend wenigstens 1:0 zu führen...

Auch deshalb brachte Hollerbach nach Hahn für den starken Jatta noch Fiete Arp für Gideon Jung und setzte jetzt alles auf Offensive. Vier Stürmer, Waldschmidt dahinter gegen nur noch zehn Mainzer – irgendwie musste es doch klappen, dachte sich Hollerbach. Und der Bundesliga-Novize unter den Trainer verzockte sich hier komplett, sein Hauruck-Plan ging nicht auf. Und so wurde das Überzahlspiel sogar zum Nachteil. Statt mehr Druck erzeugen zu können, stellten sich die Stürmer vorn selbst die Räume zu. Dass die Mainzer hinten dicht machen würden – normal. Und dass der HSV nicht über die kreativsten Spieler verfügt – bekannt. Logisches Ergebnis: Das letzte Drittel war völlig zugestellt und der HSV kam zu Chance mehr.

Und so blieb es am Ende beim 0:0. Sieben Punkte bleiben es also, die der HSV in den letzten neun Partien aufholen muss. Und da ist das Auswärtsspiel am kommenden Sonnabend gegen Bayern mit inbegriffen. Zudem kann Köln den HSV morgen mit einem gar nicht mal so unwahrscheinlichen Sieg gegen den VfB Stuttgart überholen. Dann wäre der HSV Tabellenletzter. Und ganz ehrlich, wer gegen Mainz nicht gewinnt, der gehört ans Tabellenende. Allerdings gehören sie dafür nicht als Arschlöcher beschimpft, wie es nach dem Spiel geschah. Die Mannschaft ist eben nicht besser. Nein, vielmehr gilt es, die Schuld mit aller Konsequenz da zu suchen, wo sie liegt: In der Kaderplanung und demnach beim Sportchef sowie der Führungsetage. Mehr falsch machen als die Herren kann kein Fußballer auf dem Platz...

In diesem Sinne, ich melde mich bis zum Auswärtsspiel in München bei Euch ab. Lars übernimmt. Zum Glück.

 

Scholle

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Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.

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