Marcus Scholz

17. März 2019

 

Hochmut kommt vor dem Fall. So heißt es und viele sehen das Spiel gegen Darmstadt als den letzten Beweis dafür beim HSV. 2:0 geführt, eine Dominanz wie selten zuvor an den Tag gelegt - und dann doch noch mit 2;3 verloren. Passend hierbei: Beim FC St. Pauli fällt das 0:3,  die HSV-Fans stimmen daraufhin „Wer wird Deutscher Meister“ an - und keine 30 Sekunden später bekommt der HSV den Anschlusstreffer, der das Spiel komplett kippen ließ. „Da wird ein tiefer Ball hinten reingespielt, den gar keiner mitkriegt und wir sind alle null orientiert“, ärgerte sich Trainer Hannes Wolf heute über den Gegentreffer, bei dem Sakai und Bates pennen und der das unverlierbar wirkende Spiel kippen ließ. „Wir haben es uns komplett selbst zuzuschreiben, dass das Spiel plötzlich wieder aufgeht“, ärgerte sich Wolf heute noch über die verschenkten drei Punkte.

 

 

Dennoch war der HSV auch nach dem ersten Gegentreffer nie unterlegen, geschweige denn unter zu starkem gegnerischen Druck.  Im Gegenteil, selbst in der besseren Darmstadt-Phase kam der HSV so oft wie sonst selten in den gegnerischen Strafraum, wie Wolf erstaunt festhielt. Er wundere sich auch heute noch darüber, dass man ausgerechnet dieses Spiel, wo man seine Offensivprobleme mal im Griff zu haben schien, verloren hat. Vorstandsboss Bernd Hoffmann nannte den Spielverlauf gar einen, den er in seinen rund 400 HSV-Spielen so noch nie  erlebt habe. Wolf: „Dass wir von Minute 15 bis Minute 90 kein Tor mehr schießen bei den vielen Bällen in die Box, das ist schon bitter.“Es würde sich heute scheiße anfühlen, so Wolf deutlich.

Und damit meint der Trainer das Spiel  an sich - vor allem aber die Tabellensituation. Drei Punkte vor dem Dritten hätte er normal so unterschrieben. Nicht aber jetzt, wo man die große Chance gegen Darmstadt hatte, auf sechs Punkte Vorsprung davonzuziehen. Umso verwunderlicher für mich, dass Wolf gerade in so einem Spiel Pierre Michel Lasogga raugenommen hatte. In dem Spiel, in dem Wolf so viele Aktionen in den Sechzehner gesehen hatte. Wolf heute: „Wir hatten das Gefühl mit Fiete noch mal jemanden zu haben, der noch mal richtig Gas gibt, viel und gut anläuft.“

Aber: Pustekuchen. Fiete Arp fand in der kurzen Zeit nicht ins  Spiel setzte seinen Negativtrend leider fort. Was Wolf Arp raten würde, um diesen Trend endlich zu stoppen und umzukehren? „Einfach wieder besser trainieren. Es ist nicht nur die Einstellung. Wir haben junge deutsche Nationalspieler, auch Fiete - die müssen sich jeden Tag strecken. Sonst passiert nicht viel. Besser trainieren hilft meistens, um auch besser zu spielen.“ Und davon war heute im internen Testspiel gegen die eigene U21 nichts zu sehen. Im Gegenteil: Die Profis verloren den Test gegen den eigenen Nachwuchs mit dieser Startelf: Mickel – Pfeiffer, Papadopoulos, Lacroix, David – Jung – Opoku, Holtby, Ito – Wintzheimer, Arp. Das entscheidende Tor für die U21 erzielte übrigens Arianit Ferati.

Und Trainer Wolf, der schon in der Halbzeitpause dieses 2x30-Minuten-Spiels laut geworden war, war anschließend bedient. „Ich hätte erwartet, dass wir es besser machen gegen unsere U21, dass die  mehr als zehn gute Chancen haben. das Spiel hat gezeigt, dass sich auch die jungen Spieler bei uns wieder strecken müssen. Die Jungs müssen wieder Gas geben.“ Soll heißen: Es fehlt der Konkurrenzdruck aus der zweiten Reihe.

 

 

Einer, der sich hierfür nur zu gern wieder anbieten würde ist Kyriakos Papadopoulos. Der Grieche wirkt seit einigen Wochen immer wieder voll im Training mit und spielte heute in der Defensive beim Testkick mit. Er soll jedoch die nächsten 14 Tage noch nutzen, um wieder topfit zu werden. Wolf auf die Frage, ob Papadopoulos nach der Länderspielpause schon eine Alternative sein könnte: „Wir haben immer gesagt, dass wir die Länderspielpause nutzen werden. Wenn die gutgeht, sehen wir, wie weit wir dann sind.“ Mit anderen Worten: Wolf hält sich bei dem griechischen Patienten weiter alles offen.

13 Tage haben „Papa“ und seine Kollegen Zeit, um die Darmstadt-Niederlage abzuschütteln und sich auf das schwierige Spiel beim VfL Bochum  - die Bochumer verloren heute 1:3 in Bielefeld und der Neu-HSVer Gyamerah sah die Rote Karte - vorzubereiten. Morgen haben die Profis frei, anschließend wird jeweils um 15.30 Uhr trainiert. Mit dabei werden dann auch einige jugendliche Talente sein, die Wolf testen will. Der HSV-Trainer nutzte schon den heutigen Test, um Youngster Mats Köhlert einzubauen. Der Jungprofi, dessen Karriere nach dem Profivertrag einen lange andauernden, tiefen Knick bekommen hatte, wirkte dabei deutlich agiler als sein direkter Vorgänger auf der Position, Tatsuya Ito. „Tatsu hat noch einen anstrengenden Achtstunden-Flug vor sich zur japanischen Nationalmannschaft. Das muss man berücksichtigen“, nahm Wolf Ito in Schutz.

Und auch bei der Bewertung des Japaners gegen Darmstadt war Wolf deutlich generöser als ich. Ito habe einige gute Aktionen gehabt, so der Trainer. Dennoch bleibe ich dabei: Für mich war die Hereinnehme Itos für Narey ein Fehler, da Ito für die Defensive ob seiner Zweikampfschwäche immer ein Problem darstellt. Und zu dem Zeitpunkt führte der HSV, brauchte also vor allem defensiv Stabilität. Und darauf wurde der Trainer heute auch angesprochen, sah die Schuld allerdings nicht bei seinen Wechseln, sondern bei einer Vielzahl einzelner Szenen. „Wir haben Darmstadt mit ganz vielen kleinen Dingen aufgebaut“, so der Trainer heute, um seine Einwechselspieler in Schutz zu nehmen: „Wir waren im Ganzen nicht mehr so gut, deshalb wäre es fies, jetzt darauf zu springen.“ Klar sei aber auch gewesen, dass er sich mehr Impulse erhofft habe, auch von dem Wechsel Itos auf links, damit Jatta auf die rechte Seite wechseln konnte. Und das sei auch fast aufgegangen. Wolf: „Wenn Baka eine der zwei Chancen am Ende reinmacht, dann haben wir recht.“ Im Umkehrschluss bedeutet das aber auch: So lag man falsch. Leider.

Dennoch, bei all meiner Kritik an den häufiger mal schwer nachzuvollziehenden Ein- und Auswechslungen: Eine Trainerdiskussion führe ich nicht. Vielmehr befürchte ich, dass diejenigen, die das machen, die Qualität der HSV-Spieler noch immer überschätzen bzw. die Qualität der Konkurrenz unterschätzen. Denn wer vorn nicht effektiv genug ist - und das ist der HSV zweifellos nicht - der wird zumeist nur knapp gewinnen. Und knappe Spiele bergen immer auch die Gefahr, dass sie mal kippen. Siehe Darmstadt. Von daher muss  man kein Prophet sein, um zu erkennen, dass es für diesen HSV bis zum Schluss eng bleiben wird. Eben so, wie es alle Verantwortlichen seit Monaten predigen. Allen voran: Hannes Wolf.

So viel zum Negativerlebnis vom Sonnabend - heute folgten interessante Neuigkeiten  bzw. Sichtweisen in Sachen Finanzen. Vorstandsboss Bernd Hoffmann war zu Gast beim NDR 90,3 in der Sendung „Sportplatz“, wo auch HSV-Investor Klaus Michael Kühne telefonisch zugeschaltet wurde. Und der Investor ließ keinen Zweifel daran, dass er dem HSV nur noch helfen wolle, wenn sich der HSV dazu bereiterklärt, die 24,9-Prozent-Hürde zu kippen. Kühne sprach dabei davon, dass auf der einen Seite der Aufstieg und parallel dazu die Beschaffung von „frischem Kapital“ Voraussetzung für ihn sei, weiter helfen zu wollen. Allerdings hatten die Mitglieder klar dafür votiert, keine Anteilsverkäufe über die 24,9-Prozent hinaus zur Gewinnung frischen Kapitals zuzulassen. Zum bedauern Kühnes, wie er heute noch mal klar sagte: „Dem frischen Kapital steht die 24,9-Prozent-Klausel entgegen“, so Kühne, der aber optimistisch sei, dass das nicht mehr lange so bliebe. Ob er glaube, dass das Mitgliedervotum vom Februar fallen könne? Kühne: „Das scheint mir so zu sein.“

Pressekonferenz nach dem Spiel gegen Darmstadt 98

Eine Hammer-Aussage, die verdeutlicht, wie Kühnes Interessen gelagert sind. Und es lässt erahnen, was ihm in Aussicht gestellt wurde.  Kühne gibt in Zukunft nur noch dann Geld, wenn es dafür Mitbestimmungsrechte gibt. Ein Geschäftsmodell - keine Liebelei also. Denn die Mitbestimmungsrechte hätte er bei 25 und mehr Prozentpunkten an der AG per Sperrminorität erreicht. Und die HSV-Verantwortlichen schließen ihm gegenüber das nicht aus. Oder?

Es war natürlich eine Aussage Kühnes, die Hoffmann so erst einmal nicht stehen lassen durfte, wenn er nicht den Protest der eigenen Fans/Mitglieder riskieren will. Und das will er (noch) nicht. Hoffmann: „Wir nehmen das Votum der Mitglieder sehr ernst. Und eine Begrenzung auf 24,9 Prozent ist da.“ Allerdings war Hoffmann natürlich auch schlau genug, auch hier niemals nie zu sagen.  Schon gar nicht, wenn man finanziell dasteht wie der HSV. Kühnes Bereitschaft habe er sehr wohl vernommen und nehme er sehr ernst, so Hoffmann, der andeutete, was im Fall der Fälle passieren wird: „Das ginge nur über die Bereitschaft der Mitgliedschaft.“ Dass der 24,9-Prozent-Passus noch immer nicht in die Satzung eingearbeitet ist - ein Schelm, wer Böses dabei denkt…

Fakt ist, das Votum der Mitglieder ist eindeutig - aber noch immer nicht umgesetzt. Und damit ist der Weg für eine Einberufung einer außerordentliche Mitgliederversammlung unter dem Motto: „Weg frei zur Rettung des HSV“ weiterhin offen. Dem gegenüber muss man auch festhalten, dass Bernd Hoffmann heute deutlich sagte, man wolle diese Diskussion nicht führen, sondern andere Wege zu „frischem Kapital“ finden. Beim Namensrecht zeigte sich Hoffmann zudem sehr zuversichtlich, dass Kühne und der HSV eine Einigung finden würden. Und beim Hauptsponsor müsse man sehen, für welche Liga man suche. Hoffmann: „Aber auch das werden wir schaffen.“ Wollen wir hoffen, dass Bernd Hoffmanns Worte von ihm samt seinen Vorstands und Präsidiums-Kollegen umgesetzt werden.

Und so schwer das derzeit erscheint, im Zuge der aktuellen Lizenzierung hat der HSV diesen Weg zumindest das erste Mal konsequent beschritten. Die eingereichten Etatplanungen, die der DFL die Zahlungsfähigkeit des HSV glaubhaft machen sollen, wurden ohne Berücksichtigung weiterer Gelder Klaus Michael Kühnes eingereicht. Das bestätigte Kühne heute noch einmal eindeutig: „Die Lizenzunterlagen sind ohne meine finanzielle Hilfe eingereicht worden.“ Und das ist ja zumindest ein guter Anfang auf dem Weg, sich aus der Abhängigkeit Kühnes zu befreien.

 

Zum Reinhören: Klaus Michael Kühne bei 90,3 

In diesem Sinne, bis morgen. Da wird nicht trainiert, wir melden uns aber wieder mit der ausführlichen, detaillierten Taktikanalyse von Tobi Escher bei Euch und sind natürlich auch morgen früh um 7.30 Uhr wieder mit dem MorningCall bei Euch, um Euch komprimiert einen Überblick über alles das zu verschaffen, was so über den HSV berichtet wird!

Bis dahin,

Scholle

PARTNER VON

FAQs

Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.

Kategorien