Marcus Scholz

3. Januar 2019

 

Dennis Diekmeier läuft am ersten Spieltag der Rückrunde 2019 aller Wahrscheinlichkeit nach im Volksparkstadion auf. Wer hätte das gedacht? Allerdings wird er nicht für den HSV auf dem Platz stehen, sondern für den ersten Gegner - den SV Sandhausen. Denn dort hat der zuletzt vereinslose Abwehrspieler einen Vertrag bis zum 30. Juni 2020 unterschrieben, wechselt per sofort zum Tabellen-15. der Zweiten Liga. Und ist damit wie gesagt schon am 30. Januar im Volksparkstadion zu Gast. „Es tut richtig gut, wieder auf den Platz zu kommen, wieder dabei zu sein“, erzählte mir der Rechtsverteidiger und legte im Kicker nach: „Die guten Gespräche mit Trainer Uwe Koschinat und den Verantwortlichen des Vereins haben in mir eine große Vorfreude auf die neue Aufgabe am Hardtwald geweckt. Ich möchte mich jetzt so schnell wie möglich ins Team integrieren und dem SVS mit meiner Erfahrung im Kampf um den Klassenerhalt in der Zweiten Liga helfen.“ Und dabei wünschen wir ihm alles Gute - also nach dem 30. Januar…! Parallel dazu wechselt übrigens Mergim Mavraj per sofort von ARIS Thessaloniki zum Zweitligaschlusslicht FC Ingolstadt, ebenfalls bis Sommer 2020.Der HSV indes, das wurde heute zum x-ten Mal in Interviews wiederholt, wird im Rahmen des Wintertransferfensters aller Voraussicht nach nichts unternehmen. Stand heute wird niemand verpflichtet - und auch niemand abgegeben. Wobei ich mir vorstellen könnte, dass man bei einer Anfrage für Leo Lacroix, der ja nur bis Saisonende geliehen ist, sicher eine Ausnahme machen würde. Denn wirklich helfen konnte der Schweizer bislang nicht - und mit der Rückkehr von Jung und Papadopoulos (sofern dieser und nichts anderes, höherklassiges findet) werden Einsätze für Lacroix noch unwahrscheinlicher als zuletzt mit „nur“ Rick van Drongelen und David Bates als Konkurrenz. Kurzum: Lacroix wäre entbehrlich und man könnte sein Gehalt sparen. Aber dafür müsste sich auch erst einmal ein Abnehmer finden.

In Sachen Offensive hat der HSV keinen Spieler übrig. Hee-chan Hwang fehlt in der gesamten Vorbereitung, Pierre Michel Lasogga ist gerade erst wieder gesund und Fiete Arp hat ebenso noch nicht in die Saison gefunden wie Tatsuya Ito, womit ich mich zunächst den Problemfällen widmen möchte. Denn Ito stand unter dem neuen Trainer Hannes Wolf erst einmal für 23 Minuten auf dem Platz, während er in den bisherigen insgesamt 18 Zweitligapartien fünfmal in der Startelf stand. Gerade mal zwei Spiele davon spielte er durch. Und ich behaupte, nicht ganz zufällig waren diese beiden Spiele am Ende auch Niederlagen (0:3 gegen Kiel, 0:5 gegen Regensburg), denn Ito hat aus seinen letzte Saison gezeigten guten Ansätzen bis heute kein fertiges Produkt entwickelt. Der kleine Japaner ist weiterhin ein Talent, das den Beweis schuldig ist, ein gestandener (Zweitliga-)Profi zu werden.

Und das ist schon im Training zu erkennen, wenn Übungen ohne Gegenspieler absolviert werden. Wenn Ito über die Außenbahn geschickt wird und flanken soll, kommt gefühlt nur eine von zehn Hereingaben so, wie sie kommen soll. Ganz zu schweigen von Flanken in den Trainingsspielen, wenn ihm auch noch ein Gegenspieler gegenüber steht. Warum das so ist? Schwer zu sagen. Fakt ist, dass Ito über eine unterdurchschnittlich gute Schusskraft und ein stark verbesserungswürdige Schusstechnik verfügt. Er ist ob seines tiefen Körperschwerpunktes extrem gut im Dribbling - aber auch hier verliert er sich allein in eben jene Dribblings, die zunächst gut aussehen, dann aber ohne Abschluss völlig ineffektiv bleiben. In dieser Saison hat Ito noch keinen Assist und am drittwenigsten Ballkontakte aller HSV-Profis. Weniger haben nur -  und das ist nicht selten - seine Sturmkollegen. In diesem Fall Pierre Michel Lasogga und - Fiete Arp. Bei Lasogga ist es so, dass der zentrale Angreifer die Bälle eher verwandeln denn passen soll, das heißt, Lasogga wird nicht als Passspieler gesucht, sondern als Abnehmer, der maximal den Ball prallen lässt oder ihn per Kopf verlängert. Etwas anders hingegen ist es bei Arp, der auch fußballerisch stark ist.

Jener Jann-Fiete Arp, der viermal in der Startelf stand und sechsmal nur in den Schlussphasen (insgesamt 10 Einsätze)  eingewechselt wurde. Arp spielte unter Christian Titz im offensiven Mittelfeld oder dem zentralen Sturm, während er von Hannes Wolf auf der linken und rechten Außenbahn eingesetzt wurde. Und das ehrlich gesagt auch nur, weil Wolf im Sturmzentrum bislang keine Verwendung für Arp sieht, ihn aber auch nicht ganz außen vor lassen will. Der junge Angreifer, der in der letzten Saison zu großem persönlichen Theater um seine Vertragsverlängerung und Wechseltheater mit dem FC Bayern sowie dem eigene  Abi, einer eigenen Wohnung und Führerschein ausgesetzt war, ist ebenfalls noch nicht angekommen.

Und das liegt nicht allein - aber auch an dem Stress vergangener Tage sowie der Erwartungshaltung an das Toptalent. Und das, obwohl Arp selbst ist deutlich klarerer Typ ist, als die meisten denken. Arp wirkt, als wäre er sich im Klaren darüber, dass er ein Tief durchläuft, dass vorbeigehen wird, wenn er weiter Gas gibt. Denn das macht er. Er trainiert selten wirklich gut, ist aber auffällig ehrgeizig. „Zu viel Nachdenken ist manchmal hinderlich“, sagt Arp selbst und verweist darauf, dass seine Zeit noch kommen wird. Er sagte jüngst in einem beachtenswert intelligenten, selbstreflektierenden Interview im HSV-Magazin: „Es war sehr viel Schule. Nicht nur in der Schule selbst, sondern überall. Eine Lebensschule sozusagen, in der ich aber noch keinen Abschluss erreicht habe. Ich habe so viele Sachen gelernt und bin so viele nächste, wichtige Schritte in meinem Leben gegangen. Dabei habe ich viele Dinge richtig und auch viele Dinge falsch gemacht.“

Der junge Angreifer hat ein noch nicht abschätzbares Potenzial. Er hat Tempo, Technik, einen sehr guten Abschluss - aber einfach zu wenig Erfahrung sammeln dürfen. Ehrlich gesagt hätte ich von den HSV-Trainer erwartet, dass Arp in jedem Spiel, das die Einwechslung eines zentralen Angreifers rechtfertigt, mindestens 15 bis 30 Minuten eingesetzt wird. Denn zum kurzfristigen Erfolg gehört bei diesem HSV in der noch langfristig schwierigen finanziellen Situation auch, dass er seine Toptalente maximal ausbildet und an den Profifußball heranführt. Dazu gehört es eben auch, Schwächephasen zuzugestehen. Zumal dann, wenn es sich so sehr lohnt wie bei Fiete Arp, der tatsächlich auf sein Herz gehört und viel Geld in München für diesen HSV hat sausen lassen.

Umso erstaunlicher, dass er diese Entscheidung trotz der aktuell für ihn so enttäuschend verlaufenden Saison nicht bereut. Im Gegenteil, er sucht die Verantwortung bei sich und ordnet die Geschehnisse sehr gut ein: „Ich weiß gar nicht, ob mich das Jahr 2018 sportlich so viel weitergebracht hat. Ich habe mich darauf lange Zeit nicht richtig konzentrieren können. Das Sportliche stand in zu vielen entscheidenden Phasen nicht so stark im Mittelpunkt, wie es eigentlich sein sollte. Rein körperlich sehe und fühle ich mich jetzt auch nicht mehr wie ein U17-Spieler. Fußballerisch war die größte Herausforderung, mein Spiel an die Begebenheiten bei den Profis anzupassen. Ich bin inzwischen am Ende dieser Anpassungsphase. Es fehlt der letzte Feinschliff, das clevere Spielen.“ Eben so, wie es Aaron Hunt mache, fügt Arp hinzu.

Ergo: Bei Arp habe ich große Hoffnungen, dass er schneller als momentan vielleicht von vielen gedacht den Sprung schafft. Er hat die mentalen, körperlichen und fußballerischen Zutaten - ihm fehlt nur noch, alles zeitgleich in einen Topf geworfen zu bekommen. Bei Ito habe ich dagegen größere Bedenken, denn der Japaner ist fußballerisch noch nicht ausgereift. Die Dribblings in allen Ehren - ohne den finalen Pass/Abschluss bringt es den HSV nicht voran. Und ich befürchte, das hat Ito gemerkt. Denn im Gegensatz zu Arp wirkt der - zugegeben eh nie sonderlich extrovertierte - 21-Jährige zunehmend schlecht gelaunt und an sich selbst zweifelnd.

Ganz im Gegensatz zu Bakery Jatta, den ich gestern schon beschrieben habe und es deshalb heute vermeide, alles zu wiederholen. Zusammengefasst würde ich aber sagen, dass er den Erwartungen an seine Person entsprechend auf dem Platz vielleicht die größte Überraschung war. Aber das ist sehr relativ formuliert. Denn Jatta ist unfassbar schnell, spielt momentan sehr pragmatisch, trifft sogar - aber er hat einfach auch noch zu viele fußballerische und taktische Defizite, als dass ich ihn als dauerhafte Größe sehen würde. Daher würde ich auch in Sachen Vertragsverhandlung eher rational denken und defensiv rangehen.

Deutlich weiter ist dagegen Khaled Narey. der einzige Spieler, der im Sommer Ablösesumme gekostet hat (1,7 Mio Euro an Greuther Fürth), ist eine Bereicherung auf der Außenbahn. Sechs Tore sind der zweitbeste Wert hinter Lasogga (sieben Ligatreffer). Dazu noch zwei Assists bei 15 Startelfeinsätzen und drei Einwechslungen, diese Bilanz kann sich sehen lassen. Und das gilt auch für Nareys Schussqualitäten und seine Tempoläufe. Kurzum: Narey ist für diese Zweitligasaison eine richtig gute Verstärkung für den HSV und selbst dann noch besser als die interne Konkurrenz, wenn er mal etwas schwächelt. Indiz dafür ist, dass er bei zwei seiner drei Einwechslungen schon vor der Halbzeit kam. Und das, weil die Trainer etwas korrigieren mussten, was sie vorher, als sie sich entschlossen hatten, Narey draußen zu lassen, offenbar falsch eingeschätzt hatten. Inzwischen gilt Narey (zurecht) als gesetzt.

Und das ist gut so, denn ich glaube, dass Narey auf dem Weg zum gleichermaßen guten Erstligaprofi noch einige Schritte gehen muss. Seine Ballführung ist oftmals noch zu offen und hier profitiert Narey noch zu oft von dem schwächeren Niveau seiner Gegenspieler. Zudem fehlt ihm die Handlungsschnelligkeit und teilweise auch die Genauigkeit im Passspiel sowie bei den Flanken aus dem Spiel heraus. Aber das sind alles Dinge, die trainierbar und somit erlernbar sind. Meine Hoffnung, nein, meine Überzeugung ist daher: Wenn Narey weiter so große Schritte macht und so viel Einsatzzeiten bekommt, dann wird er es pünktlich zur kommenden, hoffentlich dann Erstliga-Saison drauf haben, auch dort für Furore zu sorgen.

Womit ich zu einem Spieler komme, der den HSV per sofort eine Klasse besser machen sollte, das aber weiterhin schuldig ist: Hee-chan Hwang. Der Südkoraner wirkt noch immer nicht fußballerisch integriert. Zu oft hat er andere Ideen als seine Mitspieler. Er dribbelt, wenn der Doppelpass angebracht wäre - und andersrum. Zudem verliert er  wie Narey noch zu viele direkte Zweikämpfe. Mit gerade einmal 39,66 Prozent gewonnener Zweikämpfe hat er den zweitschlechtesten Wert beim HSV. Nur Narey, der dafür deutlich torgefährlicher ist, ist hier noch schwächer. Und das, obwohl Hwang tatsächlich alle Qualitäten für einen richtig guten Angreifer mitbringt. Technik, Tempo (im Sprint wie mit Ball), einen guten Schuss und körperliche Robustheit. Wenn man Hwang nach einzelnen Fähigkeiten beurteilen muss, ist er sicher einer der Topspiele beim HSV. Aber solange er diese Fähigkeiten nicht ins HSV-Spiel einbringt ist er, was er aktuell für mich noch ist: eine Enttäuschung. Sicherlich ist die Tatsache, dass er seit einem Jahr fast durchgehend im Einsatz ist und das auch bleibt, eine Entschuldigung dafür. Aber bewerten müssen wir am Ende, was er für den HSV auf den Platz bringt. Und das war deutlich zu wenig für jemanden, auf dessen Qualitäten man dennoch weiter hoffen darf.

 

In diesem Sinne, genießt den Abend! Bis morgen!

Scholle

 

P.S.: Bitte beachtet bei diesen Rückblicken, dass ich die Spieler - sofern nicht anders gekennzeichnet - auf der Anspruchsebene der Zweiten Liga beurteile. Und das sage ich nur, weil einige immer noch antworten, dass sie ja "ganz anders" denken würden als ich und die Spieler X und Y eben noch nicht als die Spieler sehen, die nächstes Jahr in der Ersten Liga helfen würden... Inwieweit diese Mannschaft erstligatauglich ist, werde ich sicherlich zum Saisonende hin noch einmal aufschreiben!

PARTNER VON

FAQs

Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.