Marcus Scholz

13. November 2019

Jonas Boldt kann das. Er ist smart. Vor allem aber kann er sich ausdrücken - und geschickt Antworten auf einfache Fragen vermeiden, ohne dabei zu lügen. Manche nennen es „glatt“. Ich behaupte, Boldt hat sein Business einfach gelernt. Er weiß, dass es ihm auf die Füße fallen würde, wenn er immer (oft würde schon reichen) alles sagen würde, was er denkt. „Wenn wir zusammen im Stadion sitzen ist er schon derjenige, der am meisten durchdreht“, sagt Bernd Hoffmann über seinen knapp 20 Jahre jüngeren Vorstandskollegen, dem man diese Emotionalität ansonsten nicht anmerkt. Boldt hat sich meistens gut im Griff. So auch diesmal, wo es um eventuelle Neuzugänge für den Winter geht. Um jede unnötige Unruhe zu vermeiden, sagt er nicht, dass man sich bereits  umsieht. Obwohl man das macht und es alle „wissen“. Vielmehr schließt er es einfach nicht aus („Die Frage ist, wer im Winter verfügbar ist, ob wir selbst noch Spieler abgeben und wie unsere Verletztensituation aussieht“) und lässt sich alles offen.

Aber Boldt weiß, dass er mit der Bedarfsbekundung dem aktuellen Kader auch etwas Vertrauen absprechen würde - und das ist etwas, was er mit allen Mitteln vermeiden will. Daher betont er, dass er gerade eine sehr gute Entwicklung in der Mannschaft sieht und betont im gleichen Atemzug, dass man noch Spieler im Kader hat, die sich bislang noch nicht zeigen konnten. Und damit kommen wir zum Zwischenzeugnis Teil eins: Der Defensive. Denn hier hat der HSV noch Luft nach oben (was für ein Wortspiel….) - aber vor allem auch noch Spieler, die dem HSV bislang wenig oder noch gar nicht helfen konnten. Weil sie einfach noch nicht fit sind.

Heuer Fernandes kam mit Anlauf - nur nicht hoch genug

Wobei das nicht auf Daniel Heuer Fernandes zutrifft. Der Keeper hatte zwar im Laufe der Vorbereitung seine Probleme und fiel eine Weile aus. Seitdem aber ist er als Nummer eins beim HSV gesetzt, bestritt alle 13 Zweitligaspiele über die volle Distanz und hat von allen Zweitligatorhütern bislang die wenigsten Gegentreffer kassiert. erst 12 Stück in 13 Spielen, das ist ein sehr guter Wert. Allerdings brauchte es eine Weile, bis Heuer Fernandes vom Stammspieler zum vollwertigen Rückhalt wurde. Wobei, nein: Auch hiervon ist er meiner Meinung nach noch ein Stück weit entfernt. Ein kleiner werdendes, wohlgemerkt. Denn nach anfänglichen Abstimmungsproblemen mit seinen Vorderleuten, Schwierigkeiten im Passspiel und eklatanten Schwächen beim Rauslaufen sowie bei hohen Bällen ist nur noch letzteres geblieben.

Denn ebenso wie seine Vorderleute ist auch der Zugang aus Darmstadt weiterhin unsicher bei hohen Bällen, was den Gegnern nicht verborgen geblieben ist. Fünf Gegentore nach Standard-Situationen (vier nach gegnerischen Ecken) stehen zu Buche. Mehr hat kaum ein anderes Team kassiert. Dennoch, und obgleich ich die Abkehr vom Torwarttalent Julian Pollersbeck vor Saisonbeginn und auch heute noch für unnötig hielt bzw. halte: Heuer Fernandes ist ein guter Torwart mit extremen Reflexen und einer guten Technik am Ball. Meine Gesamtnote: 2 -

Die rechte Seite hatte zwei starke Vertreter - beide fehlen

Diese Note hätte sich auch Jan Gyamerah nach einer durchwachsenen Vorbereitung verdient. Denn der schnelle Rechtsverteidiger war in den fünf Zweitligaspielen, die er vor seiner Verletzung bestreiten konnte, zweifelsfrei eine Bereicherung. Er wurde zunehmend besser - bis ihn eine üble Trainingsverletzung außer Gefecht setzte. Die Gesamtnote tendiert zu einer  2, aber es war einfach noch zu wenig Spielzeit, um realistisch eine Note vergeben zu können. Und das wiederum trifft auch auf Josha Vagnoman zu, der seit Gyamerahs Ausfall die rechte Abwehrseite übernahm und sich nach einem schwierigen Start gegen den FC St. Pauli zunehmend in den folgenden fünf Ligaspielen immer besser in Fahrt kam.

Gelobt und gestützt vom Trainer fasste der 18-Jährige immer mehr Selbstvertrauen, traf einmal selbst und wirkte zuletzt defensiv stabil und ruhiger als zu Beginn. Logisch. Nimmt man sein hohes Sprinttempo dazu und seine Fähigkeiten, als Flankengeber zu fungieren, verspricht Vagnoman, ein Mann für die Zukunft zu sein.  Eine, der dem HSV im besten Fall sportlich weiterhilft, sich weiter so entwickelt und so irgendwann einen hohen Ablösebetrag einbringt. Auch deshalb lehnte der HSV im vergangenen Sommer noch einen Verkauf des U21-Nationalspielers ab. Aktuell laboriert er an den Folgen eines operierten Bruchs des Fußwurzelknochens. Gesamtnote: Siehe Gyamerah.

Vagnomans Vertreter Khaled Narey bleibt hier noch unbenotet.

 Gideon Jung ist viel diskutiert - und offenbart alte Probleme

Und damit kommen wir zu dem hier im Blog vielleicht umstrittensten Spieler in der Abwehr: Gideon Jung. Nach einer schweren Knorpel-Operation fand der Innenverteidiger im Verlauf der Rückrunde 2018/2019 nicht ins Spiel. Er lieferte damals tatsächlich Partien ab, die man besser nicht benoten sollte - anders als in dieser Saison. Denn das halbe Jahr Rehabilitation nach ebenso langer Pause musste man ihm zugestehen. Jetzt aber, nach einem halben Jahr Wiedereingewöhnung und einer kompletten Sommervorbereitung ist er voll zu bewerten. Und Jung macht leider noch nicht den stabilsten Eindruck. Schon gar nicht führt er seine Defensive an. Er hat ob seines Tempos seinen Kollegen etwas voraus, das ihn für den Trainer derzeit noch unverzichtbar macht. Aber Jung macht sich seine guten Statistiken mit kleinen aber oft eben auch entscheidenden Fehlern wieder kaputt.

Jung gefällt mir immer dann am besten, wenn er im direkten Zweikampf ist - Kopfballduelle mal ausgenommen. Aggressiv, robust und handlungsschnell haben Gegner wenig Möglichkeiten, sich Jung zu entziehen. Wie gesagt, wenn dieser dran ist. Aber sobald Jung am Ball ist und Raum vor sich hat, wird es schwierig. Dann wirkt er oft überfordert und zögerlich, was angesichts seiner Zeit als Sechser im Mittelfeld ein wenig verwundert. Jung ist zwar Teil der Abwehrkette mit den wenigsten Gegentoren der Liga - aber seine genannten Schwächen sind eben auch nicht neu - aber noch immer kaum verbessert. Für die erste Liga würde des so nicht reichen. In der Zweiten Liga ist es ausreichend. Gesamtnote 3 -

Van Drongelen begann stark - Tim Leibold blieb stark

Auch, weil sich Jung und van Drongelen zwar privat sehr gut verstehen, aber eben noch nicht optimal auf dem Platz ergänzen. Der Niederländer startete bärenstark in die Saison und schien zuletzt ein wenig müder werdend. Als Stammspieler beim HSV verpasste er nur 14 Minuten - zuletzt in Kiel. Bis dahin hatte der U21-Nationalspieler der Niederlande bislang wenig bis keine Pause. Angesichts der emotional aufreibenden Sommerpause, in der sein Verkauf seitens des HSV im Raum stand und in der er sich für einen Verbleib entschied, ist das nachvollziehbar. „Auch Rick wird seine Pause brauchen und bekommen“, hatte Trainer Hecking vor zwei, drei Wochen angekündigt. Und dieser Zeitpunkt rückt näher. Zumindest macht der Mentalitätsspieler zunehmend Fehler. Stellungsfehler wie in Regensburg, verlorene Kopfballduelle - und schwere Fehlpässe wie zuletzt vor dem 0:1 in Kiel. Insgesamt reicht es meiner Meinung nach noch für eine drei als Note. Aber das nur, weil sein Saisonbeginn bärenstark war. dennoch ist für mich deutlich: Ihm täte eine Pause sicher mal gut. Gesamtnote: 3

Und während van Drongelen durch die Verpflichtungen von Timo Letschert und Ewerton auf seiner Position starken Ersatz hinter sich hat, muss Tim Leibold durchziehen. Der Unkaputtbare ist für den HSV unersetzlich und vor allem unverzichtbar - aus mehreren Gründen. Nicht umsonst verpasste der Zugang aus Nürnberg bislang keine Sekunde in der Liga. Sechs Torvorlagen machen ihn zum Top-Vorbereiter beim HSV. Leibold ist defensiv stabil, schussstark, schnell und somit auch offensiv immer wieder ein Gefahrenherd für die HSV-Gegner. Kurzum: Leibold ist die Art Zugang, die man getrost als Volltreffer bezeichnen kann. Gesamtnote: 2+

Letschert und Ewerton - zwei Hoffnungsträger kommen in Fahrt

Bleibt noch einer, der zunächst verletzungsbedingt lange nicht zur Verfügung stand und nach seinem Treffer gegen Kiel meiner Meinung nach mit „Torheld“ völlig überzeichnet wurde: Timo Letschert. Der heißblütige Innenverteidiger konnte dem HSV bislang nur wenig helfen und ist für mich bislang so noch nicht zu benoten. Ebensowenig wie Ewerton, wobei beide sehr wichtig werden könnten, sollte Hecking in der Innenverteidigung umbauen (wollen). Geht es nach den ersten Eindrücken, ist Letschert die wilde, kampfbetonte Variante, während Ewerton von allen Innenverteidigern am meisten Ruhe ausstrahlt. Sollte der Brasilianer endlich voll einsetzbar sein, gewinnt der HSV in der Viererkette Qualität hinzu. Zum einen ein richtig gutes Kopfballspiel, fußballerisch Ruhe am Ball sowie ein starkes Zweikampfverhalten - zum anderen jede Menge Erfahrung und dem Vernehmen nach echte Leaderqualität.

So viel zum ersten Teil des Zwischenzeugnisses. Als Gesamtnote steht der HSV-Abwehr (inklusive Keeper) eine Note zwischen befriedigend und gut zu. Allerdings ist es immer mit dem Makel behaftet, dass man seine Probleme bei hohen Bällen ohne personelle Veränderungen wahrscheinlich schwer in den Griff bekommt. Soll heißen: Entweder Ewerton schafft es in die Stammelf und stabilisiert sich dort, oder der HSV muss sich im Winter Gedanken machen, wie er personell nachbessert. Innenverteidiger hat man quantitativ schon zu viele. Ohne einen abzugeben kann man hier keinen Neuzugang vertreten. Aber auf der Außenbahn fehlt es an Alternativen für Leibold und aktuell Narey (solange Vagnoman und Gyamerah ausfallen). Ergo: Ein kopfballstarker Außenverteidiger könnte helfen - womit wir wieder beim Thema Zugänge und Boldt sind.

Hecking: Meniskusschaden schmerzt, wird aber nicht operiert

Dass dieser sich zu derartigen Überlegungen nicht äußert - logisch. Aber das würde er nicht einmal machen, wenn er schon eine Lösung gefunden hätte. Apropos Lösung: Die sucht Dieter Hecking derzeit auch für sich selbst noch. Oder besser gesagt: für sein Knie. „Ich hatte immer mal wieder Probleme mit dem Knie. Nun wurde es nach einem Vorfall noch mal deutlich schlimmer, sodass ich das abklären wollte. Dabei wurde ein Einriss des Innenmeniskus festgestellt.“ Ob der HSV-Coach nun operiert werden muss, wird sich erst noch zeigen. Zunächst einmal soll die Verletzung konventionell behandelt werden.

Behandelt wurden heute auch Martin Harnik und Aaron Hunt, die beide individuell trainierten und erst in der kommenden Woche wieder ins Mannschaftstraining einsteigen sollen. „Einen genauen Plan gibt es noch nicht“, so Hecking heute. Der Trainer wollte bzw. konnte noch keine Prognose abgeben. dennoch hilft er darauf, beide Routiniers bis zum nächsten Heimspiel gegen Dynamo Dresden am 23. November (bislang wurden schon 47.000 Tickets verkauft) wieder voll einsetzbar dabei haben zu können.

In diesem Sinne, morgen wird unter Ausschluss der Öffentlichkeit trainiert. Erst am Freitag um 10 Uhr geht es auf dem Trainingsplatz am Volksparkstadion öffentlich weiter. Vorher melde ich mich aber morgen früh wieder um 7.30 Uhr mit dem MorningCall und kann jetzt schon verraten, dass es dabei auch um die Bilanz gehen wird, die im Laufe dieser Woche noch veröffentlicht wird.

Benotet selbst!

Bis dahin würde mich sehr interessieren, wie Ihr die HSV-Defensive benoten würdet. Also einfach Copy/paste von folgender Liste (Heuer Fernandes, Gyamerah, Vagnoman, Narey, Jung, van Drongelen, Letschert, Ewerton, Leibold) und die jeweilige Note dahinter!!

Scholle

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Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.

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