Marcus Scholz

16. März 2019

Wenn sich die 54.668 Zuschauer im Stadion nach zehn Minuten das erste Mal komplett von den Sitzen erhebt, das nach 19 Minuten wiederholt, dann muss schon einiges ganz gut gelaufen sein. So, wie heute beim HSV, der seinen Gast Darmstadt 98 von der ersten Sekunde an nicht daran glauben ließ, hier etwas Zählbares mitnehmen zu können. Dass die Gäste am Ende nicht nur einen sondern gar alle drei Punkte mitnahmen, es war einem Spiel geschuldet, das ich so schon lange nicht mehr gesehen habe. Im negativen Sinne. Denn dieses 2:3 Gege Darmstadt hat offengelegt, wie wackelig das HSV-Konstrukt weiterhin ist. Den Derbyerfolg im Rücken und eine erste Halbzeit, die an Dominanz kaum zu überbieten war reichten nicht aus, um hier gegen das bis dato auswärtsschwächste Team der Liga zu gewinnen. Bitter! „Wir sind sehr glücklich“, so Ex-HSV-Profi Dimitrios Grammozis nach dem Spiel, das eigentlich für den HSV sehr gut begann.

 

Denn der HSV begann hier richtig gut. Schon nach 48 Sekunden leitete Bakery Jatta den ersten gefährlichen Angriff ein, spielte Narey auf rechts frei, der nur durch ein Foul von Darmstadts Kapitän Fabian Holland daran gehindert werden konnte, allein aufs Tor zuzulaufen. Gelb für Holland und Freistoß waren die logische Konsequenz. Schade nur, dass Douglas Santos diesen Freistoß nur ans Lattenkreuz setzte.

Wobei, der HSV machte genau  da weiter. In der vierten Minute zeigte Lasogga noch mal den Weg, als er aus 25 Metern einfach mal abzog. Der HSV wirkte mutig, zielstrebig - und er ging in Führung. Denn nur eine Minute später bekam der HSV auf halblinker Position einen Freistoß (Foul an Santos), den Berkay Özcan scharf hereinbrachte. Im Zentrum waren Bakery Jatta und dahinter sogar noch Rick van Drongelen ihren Gegenspielern enteilt - und Jatta drückte den Ball per Kopf zum 1:0 ins Tor der Darmstädter. Es war Jettas erster Treffer in einem Heimspiel für den HSV - unter der Woche hatte er bei den Kollegen der Mopo noch im Interview genau davon geträumt.

Traumhaft war auch, was der HSV in dieser Anfangsphase weiterhin anbot. In der siebten Minute spielte Jatta über links den Ball flach ins Zentrum, wo Narey frei zum Schuss kommt und den Ball nicht richtig trifft - Fernandes kann halten. Und nach einer Ping-Pong-Szene im eigenen Sechzehner (Darmstadts Marvin Mehle schoss, Bates lenkte zur Ecke ab) gab es die ersten stehenden Ovationen („Steht auf für den HSV…“) - und kurz darauf sogar das verdiente 2:0. Nach einem schönen Doppelpass von Narey mit dem offensiv starken Özcan kann Narey von  SVD-Spieler Wittek nur per Foul am Torschuss gehindert werden - Elfmeter. Lasogga schnappt sich die Kugel und hämmert den Ball unter die Latte - das 2:0 in der 15. Minute.

Und noch während die Stadionsprecher Lotto und Dirk Böge  das Tor ansagen und mit der Nordtribüne feiern,  hat Özcan schon die nächste Chance, verzieht aus 18 Metern aber rechts am Tor vorbei. Es reichte zwar nicht zum dritten Tor, das hier in der Luft lag, aber zum zweiten Mal Stehende Ovationen der 54.668 Zuschauer im Stadion - abzüglich der 2000 Darmstadt-Anhänger sicherlich (wobei auch die standen…). Aber im Ernst: Der HSV hatte offensiv sehr viele gute Szenen und führte scheinbar sicher 2:0 - aber defensiv gab es dafür Löcher.

Zwar bis hierher nur wenige, aber dafür nicht ungefährliche, die sich in die Hinterköpfe aller brannten, wie sich am Ende gegen sollte. In der 20. Minute, als Mangala den Ball per Fehlpass verliert, zeiget wieder Mehlem, wie dünn das Eis noch war, auf dem sich der HSV (zu) sicher wähnte. Er war mit Ball schneller als die HSV-Abwehr und scheiterte erst an Bates’ Fußspitze, die den gefährlichen Schuss aus 12 Metern zur Ecke abwehrt.

Apropos: Genau diese Szenen sind es übrigens, die Bates den entscheidenden Vorsprung vor seinem IV-Kollegen geben: Er hat einfach immer wieder irgendein Körperteil, mit Dennoch war zu diesem Zeitpunkt schon längst nicht mehr davon auszugehen, dass es hier noch mal eng würde. Im Gegenteil: Der HSV hätte hier - daran änderten auch die wenigen Situationen der Darmstädter nichts, höher führen können. Nein, sogar höher führen müssen. In der 39. Minute war es dann van Drongelen, der einen von Özcan getretenen Eckball per Kopf über das Tor köpfte und damit die letzte große Chance in einer sehr guten ersten Halbzeit des HSV verfehlte.

Und wenn die eigenen Spieler nicht treffen, fallen eben auf den anderen Plätzen wichtige Tore. Dementsprechend groß war dann auch der Jubel, als bekannt wurde, dass der FC St. Pauli in Sandhausen 0:2 zurücklag. Es passte bis hierhin fast alles. Auch die Anfangsphase der zweiten Halbzeit. Zwar nicht hier im Volksparkstadion - wobei das auch okay war, da der HSV zunächst unverändert alles im Griff hatte. Dafür passte es in Sandhausen, wo die Mannschaft um Ex-HSV-Profi Dennis Diekmeier mit Wiederanpfiff das 3:0 und in der 49. Minute gar das 4:0  schossen. Es animierte die Nordtribüne auf jeden Fall zu schadenfrohen Fangesänge in Richtung des Stadtrivalen, der zu diesem Zeitpunkt nunmehr zehn Punkte Rückstand auf den HSV hatte. Und mitten rein in diesen Jubel fiel plötzlich das 1:2 für Darmstadt. Auch, weil der HSV durch die Überlegenheit leichtfertig wurde. Bates hob das Abseits auf, Sakai ließ Mehlem enteilen und der schob aus kurzer Distanz an Pollersbeck vorbei zum 1:2 ein (52.).  

Trainer Hannes Wolf gefiel diese Entwicklung logischerweise gar nicht, zumal Darmstadt plötzlich aktiv mitspielte und der HSV dies zuließ. Wolf brachte Ito für Narey. Und obgleich Ito in der 59. Minute die nächste Chance für den HSV hatte, als er aus  zehn Metern halblinker Position zum Schuss kam und verfehlte, bleibe ich dabei: dieser Wechsel war für mich völlig unverständlich. Denn es fehlte nicht die Kreativität nach vorn, sondern die Ballsicherheit im Mittelfeld und die defensive Stabilität Und gerade, als ich schreiben wollte, dass der HSV das Spiel langsam wieder unter Kontrolle bekam. traf Darmstadt - diesmal aber zum Glück für den HSV nur den Innenpfosten (70.). Yannik Stark hatte einen Abpraller volley aus 18 Metern abgezogen - und Pollersbeck wäre machtlos gewesen.

Lewis Holtby (65. für Özcan) war in der Zwischenzeit gekommen, und auch Fiete Arp (78. für Lasogga) waren gekommen, während bei Darmstadt ein weiterer Stürmer (Wurtz für Verteidiger Palsson) kam. Darmstadt setzte auf Offensive - der HSV wankte. Mangala versuchte es zweimal gefährlich aus der Distanz, aber der HSV wankte. Und er fiel. In der 82. Minute belohnte sich Darmstadt mit dem 2:2 durch einen direkten Freistoß von Tobias Kempe, bei dem Pollersbeck (noch sehr nett formuliert) schlecht aussah. Denn anstatt den Ball herauszufausten, zog der Keeper zurück. Offenbar befürchtete er einen Zusammenprall mit dem Pfosten.

Der HSV versuchte jetzt zwar alles, aber er rannte nur ungestüm ins Verderben. Grammpozis nannte diese Phase im Anschluss „einen offenen Schlagabtausch“ - und den gewann der Gast. Denn in der Nachspielzeit war es dann der stärkste Darmstädter, der hier ein denkwürdiges Spiel komplett drehte. Er machte aus einer unverlierbaren Partie einen Tiefpunkt der Saison für den HSV, als er bei einem schnellen Gegenangriff tatsächlich noch das 3:2 für die Gäste erzielte. Aus 18 Metern traf er flach ins Eck. Sehr platziert, aber nicht allzu scharf geschossen und wieder nicht unhaltbar.

Egal wie, es war das bittere Ende an einem Nachmittag, der so verheißungsvoll begonnen hatte - und der eine unfassbare Wendung nahm, die verdeutlicht, wie wackelig das HSV-Konstrukt noch immer ist. Wer in einer solchen Situation mit einer 2:0-Führung ein derart überlegen geführtes Spiel (zudem mit einem Derbyerfolg als Rückenstärker) nicht ins Ziel bringt, der muss sich Gedanken machen.

 

Und wenn man Hannes Wolf anschließend auf der Pressekonferenz sah und hörte, war die Enttäuschung zu erkennen, die der HSV jetzt mit in die 14 Tage dauernde Länderspielpause nimmt. Schlusswort Wolf: „Wir sind gut ins Spiel gekommen und haben das umgesetzt, was wir wollten. Schon in der 1. Halbzeit haben wir ein bisschen den Zugriff auf das Spiel verloren – ohne, dass es klare Chancen für den Gegner gibt. Es sind einzelne Momente, die uns gekillt haben. In den Momenten waren sie cleverer als wir. Wir hatten viele Szenen, die wir nicht in ein Tor umsetzen konnten.“

Das Spiel im Stenogramm:

HSV: Pollersbeck - Sakai, Bates, van Drongelen, Santos -  Janjicic - Narey (57. Ito), Özcan (65. Holtby), Mangala, Jatta - Lasogga (78. Arp)

SV Darmstadt 98: Heuer Fernandes - Herrmann, Franke, Wittek, Holland - Palsson (80. Wurtz), Kempe - Heller (70. Bertram), Mehlem, Jones (32. Stark) - Dursun

Tore: 1:0 Jatta (5.), 2:0 Lasogga (16.), 2:1 Mehlem (52.), 2:2 Kempe (82.), 2:3 Mehlem (90.+2.)

Zuschauer: 54.668

Schiedsrichter: Florian Badstübner (Windsbach)

Gelbe Karten: - / Holland (1.), Mehlem (90.+3.)

 

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Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.

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