Marcus Scholz

16. September 2019

Unerlaubtes Feuer von den Rängen – aber zu wenig vom HSV auf dem Platz. Dazu ein paar unglückliche Szenen, wenig Mut, verpasste Großchancen zu Beginn der zweiten Halbzeit und zwei absolut vermeidbare Gegentreffer – so schnell kann man diese erste Niederlage des HSV im Profifußball am Millerntor zusammenfassen. Kapitän Aaron Hunt machte es dann aber doch etwas ausführlicher: „Pauli ist im ersten Durchgang verdient in Führung gegangen. Nach unseren guten Phasen vor und nach der Pause waren wir beim 0:2 einfach zu unaufmerksam. Unterm Strich haben wir heute leider verdient verloren.“ So war es.

Dabei war man so optimistisch in die Partie gegangen. Josha Vagnoman begann als Rechtsverteidiger in dem inzwischen 15. Derby am Millerntor, wie die Stadionsprecherin vor dem Spiel kleinlaut anpries und dabei auch die Statistik nicht verschwieg. „Ein Sieg, vier Unentschieden“, so die Dame am Anstoßpunkt des Millerntorstadions, ehe sie etwas wegnuschelnd „neun Niederlagen“ hinterherschob. Leise, aber zu hören. Auch für die HSV-Profis auf dem Platz, die sich allesamt in Trikots mit der Rückennummer zwei warmmachten. Ein netter Gruß an den daheim zuschauenden, verletzten Jan Gyamerah.

St. Pauli wollte von Beginn an agieren, nicht nur reagieren

Es war schon vor Spielbeginn viel Pathos im Stadion – und das Spiel sollte diesmal auch deutlich schwungvoller beginnen, als das letzte Derby. Zumindest der FC St. Pauli hatte seinen Anteil daran. „Wir haben erst ab der 35. Spielminute angefangen, Fußball zu spielen“, sagte ein sichtlich geknickter Rick van Drongelen in den Katakomben des Millerntorstadions: „Wir waren davor viel zu statisch und haben nicht gut gespielt.“ An einer Extraportion Nervosität habe es laut dem Niederländer nicht gelegen.

Der unmittelbar vor Spielbeginn einsetzende Nieselregen ließ erahnen, dass es ein noch schnelleres Spiel werden könnte als es im letzten Derby hier am Millerntor der Fall war. Und auch die Aufstellungen ließen darauf schließen, dass der FC St. Pauli hier heute nicht so passiv auftreten wollte, wie beim 0:4 vor einem halben Jahr. Und so kam es dann auch. Der Gastgeber begann deutlich aggressiver, setzte den HSV unter Druck – ohne dabei allerdings Torgefahr entwickeln zu können. Erst in der 14. Minute musste HSV-Keeper Daniel Heuer Fernandes das erste Mal richtig eingreifen. Marvin Knoll hatte aus 20 Metern freie Schussbahn und zog ab – Heuer Fernandes wehrte zur Seite ab. Der HSV klärte anschließend.

HSV verpennt die ersten 30 Minuten, macht Fehler - und hat dann Pech

Es war kein guter Start des HSV – und er wurde bestraft. In der 18. Minute ließen Fein, Narey und Vagnoman Mats Möller Daehli von links unbedrängt flanken, anstatt ihn zu attackieren. In der Mitte kam Knoll, den Kittel ziehen ließ, frei zum Kopfball und traf den Pfosten – beim Abpraller schaltete Diamantakos schneller als Rick van Drongelen. Zu viele Fehler auf einmal – und das zu diesem Zeitpunkt nicht unverdiente 1:0 für den FC St. Pauli (18.). Es war ein Gegentreffer mit Ansage, denn die rechte HSV-Seite funktionierte nicht. Vor dem Gegentor rückten Vagnoman und Narey gleichzeitig weit auf, verloren den Ball leichtfertig und Fein musste auf Kosten eines Einwurfes retten. Dieser wurde schnell ausgeführt und sowohl Narey als auch Vagnoman und Fein schauten nur zu, was St. Paulis Möller Daehli machte. Viel weniger kann man nicht richtig machen.

Wobei doch: Wenn man sieht, wie sich der HSV bei seinen schnellen Gegenstößen verhielt – dann war das mindestens genauso schlecht. Keiner wollte Verantwortung übernehmen, aus möglicherweise schnellen Gegenstößen wurden zögerliche Angriffe. Erst in der 31. Minute musste St. Paulis Keeper Himmelmann das erste Mal eingreifen, hatte aber bei dem 20-Meter-Schuss von dem mehr als unglücklichen Hinterseer keine Probleme. Gefährlicher hätte es kurz darauf werden können, aber Hinterseer verpasste eine Vagnoman-Flanke knapp. Es war einfach nicht sein Abend.

Hinterseers Treffer wird aberkannt - Hecking moniert fehlende Kamera

Ansonsten: Nichts. Zumindest nicht vom HSV, bei dem deutlich wurde, dass die Innenverteidiger Jung und van Drongelen im Aufbauspiel aufgeschmissen sind, wenn sie Raum geboten bekommen. Und den bekamen sie nach dem Gegentreffer. Sobald der HSV im Ballbesitz war, zogen sich alle elf Pauli-Akteure bis zu zehn Metern in die eigene Hälfte zurück und machten die Räume eng. Ein Szenario, das diesem HSV bekanntermaßen nicht liegt. Schon gar nicht, wenn die kreative Zentrale bis auf Fein so abwesend ist, wie in der ersten Hälfte Kittel (bis auf einen herrlichen Schuss aus 14 Metern, den Himmelmann zur Ecke lenkte) und Kinsombi. Kluge Pässe gab es erst Ende der ersten Hälfte – nur von van Drongelen auf Jatta.

Einer davon hätte fast den Ausgleich besorgt. Hinterseer traf – aber der Ball beim Pass von Jatta auf Hinterseer soll im Aus gewesen sein. Auch der Videoassistent in Köln überstimmte die Entscheidung des Linienrichters nicht. Hecking: „Im Endeffekt liegt der Fehler darin, dass auf der wichtigsten Linie im Stadion keine Kamera ist. Wenn die Torlinie nicht im Fokus ist, dann haben wir ein Problem. Die Szene war nicht spielentscheidend, wir hatten genug Chancen. Wir haben es zu akzeptieren. Wir müssen eine Kamera auf die Torlinie bekommen.“

Diamantakos hätte mit Gelbrot fliegen müssen

So aber blieb es beim 0:1 aus HSV-Sicht. Und während sich viele darüber aufregten, dass der Treffer nicht gegeben wurde, habe ich eher die Szene im Kopf, als der bereits gelbverwarnte Diamantakos an der Außenlinie Leibold umnagelt und völlig unverständlich keine zweite Gelbe Karte erhielt. Es wäre ein berechtigter Platzverweis gewesen.

Aber der HSV wollte es jetzt aus eigener Kraft ändern. Personell ersetzte Aaron Hunt (er überließ Vizekapitän van Drongelen die Kapitänsbinde) den schwachen Khaled Narey und rückte auf die Zehn, während Kittel auf die linke Außenbahn wich und Jatta nach rechts wechselte. Rochaden, die sich zunächst positiv auswirkten. Zumindest begann der HSV jetzt schwungvoller – und St. Pauli verlagerte sich komplett aufs Konzern. Nach einer Abseitssituation (49.) kam Hinterseer gleich zu zwei Hundertprozentigen – vergab aber beide. Erst rettete Himmelmann (53.), dann schießt sich Hinterseer völlig freistehend vor dem leeren Tor den Ball selbst an den Fuß – und drüber (57.). Bitter. Das hätte der Ausgleich sein müssen. Da war es fast schon schwerer, den drüber als reinzumachen...

 

Statt des Ausgleichs kassiert der HSV das 0:2 - per Eigentor

Aber es kam sogar noch bitterer. Bei einem Freistoß für den FC St. Pauli pennte die komplette HSV-Abwehr, Knoll verlängerte den Ball – und van Drongelen traf per Eigentor zum 2:0 (63.) für den FC St. Pauli. Die Vorentscheidung? Zumindest wurde es jetzt zunehmende schwerer. Der FC St. Pauli verschanzte sich in der eigenen Hälfte und wartete auf – leider immer wieder gespielte – Fehlpässe des HSV, der gegen die massierte Defensive keine Mittel mehr fand. Und wenn man mal eine Idee hatte, wie van Drongelen in der 78. Minute, dann war es wie bei dem Treffer von Harnik (auf Vorlage von Hinterseer) in der 78. Minute Abseits. Nein, das Spiel lief auch in der besseren zweiten Hälfte nicht gut für den HSV.

Es war heute eine Mischung aus Pech (weil man die Chance zum Ausgleich hatte und das Spiel hätte drehen können), Unvermögen, Verkrampfung und fehlendem Mut in der Offensive. Die Gastgeber indes spielten von Beginn an leidenschaftlicher und nutzten letztlich die Gunst, die die Führung mit sich brachte, indem sie den zumeist ideenlosen HSV immer wieder auflaufen ließen. Es war am Ende ein zweifelsfrei verdienter Heimsieg für den FC St. Pauli, der in Möller Daehli und Knoll zwei überragende Akteure in ihren Reihen hatte, weil sie vormachten, wie man so ein Derby annehmen muss: Mutig, zweikampfstark, lauffreudig. „Es war ein verdienter Sieg für Pauli“, erkannte HSV-Trainer Hecking nach der Partie an, „weil wir in der ersten halben Stunde überhaupt nicht gut gespielt haben. Wir haben Fehler gemacht, zu mannorientiert gespielt, Räume dem Gegner gegeben, verdiente Führung das 1:0. Nach 35 Minuten sind wir endlich auf Touren gekommen, hatten gute Möglichkeiten zum Ausgleich zu kommen."

Man habe seine gute Phase kurz vor und in den ersten 20 Minuten nach der Halbzeit schlichtweg nicht nutzen können. „Wir haben Pauli dann nach der Pause richtig gut bespielt. Wir hatten auch einige dicke Dinger, hätten den Ausgleich machen müssen. Haben wir aber nicht. Ich hatte das Gefühl, dass wir noch länger hätten spielen können und trotzdem kein Tor geschossen hätten“, so Hecking, der bei der Pressekonferenz schon recht gefasst wirkte. „Wir müssen die Niederlage jetzt so akzeptieren. Einmal kurz schütteln, dann geht es weiter. Ich weiß auch, dass die Fans enttäuscht sind. Aber wir wollen gegen Aue am Sonntag die richtige Antwort haben.“

In diesem Sinne, wir melden uns schon in ein paar Stunden um 7.30 Uhr mit dem MorningCall bei Euch und werden morgen Vormittag noch mal die Gelegenheit haben, mit dem HSV-Trainer eine kurze Rückbetrachtung auf das Spiel zu machen. Diesmal ist dieser Termin sogar sehr gut – denn die Pressekonferenz dominierte Pauli-Trainer Luhukay mit epischen Ausführungen so intensiv, dass die Kollegen am Ende froh waren, als keine Frage mehr gestellt wurde. Das aber – versprochen – wird morgen nachgeholt. Bis dahin!

Scholle

 

Das Spiel im Stenogramm:

FC St. Pauli: Himmelmann - Ohlsson (80. Kalla), Östigard, Lawrence, Buballa - Knoll (83. Diarra), Becker - Miyaichi, Möller Daehli, C. J. Conteh (62. Penney) - Diamantakos

Hamburger SV: Heuer Fernandes - Vagnoman, Jung, van Drongelen, Leibold - Fein, Kinsombi (80. Dudziak), Kittel - Narey (46. Hunt), Hinterseer, Jatta (66. Harnik)

Tore: 1:0 Diamantakos (18.), 2:0 van Drongelen (ET)

Zuschauer: 29.546

Schiedsrichter: Sven Jablonski (Bremen)

Gelbe Karten: Diamantakos (18.), Ohlsson (72.) / Leibold (33.), Jung (60.)

Gelb-Rote Karten: ...eigentlich Diamantakos.../ -

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Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.