Marcus Scholz

29. Juni 2019

Es war eine wirklich rundum sehr gelungene Geschichte hier, dieses 13:1 beim TSV Buchholz vor offiziell 2100 Zuschauern. Obwohl, nein: Nicht ganz. Denn bereits in der ersten Minute mit dem ersten Ballkontakt verletzte sich HSV-Zugang David Kinsombi so sehr am Oberschenkel, dass er ausgewechselt werden musste. 

Das sah nicht gut aus: Kinsombi musste verletzt raus. Nach 90 Sekunden.

Ob es eine Zerrung oder eher eine Verhärtung sei, wollten wir im Anschluss vom an sich zufriedenen Trainer Dieter Hecking wissen. Und der antwortete wenig optimistisch: „Vielleicht ist es sogar ein bisschen mehr. Wenn er gar nicht weiterspielen kann…“ Konnte er nicht, stattdessen zig der Mittelfeldspieler begleitet vom Physio langsam schlendernd Richtung Kabine. Das sah nicht gut aus.

Im Gegensatz zum Spiel des HSV, das heute tatsächlich auch von der ersten Minute an druckvoll war. „Ich bin zufrieden, ja. Wir sind hier von der ersten Sekunde an hohes Tempo gegangen, was du bei diesen Temperaturen gegen solche Gegner sicher auch machen musst. Und nach den ersten Gegentoren war dann auch der Widerstand gebrochen und da haben wir dann vor gerade in der ersten Halbzeit ordentlich aufs Tempo gedrückt“, so Hecking. Lukas Hinterseer und Bakery Jatta waren die erfolgreichen Widerstandsbekämpfer. Ihre Treffer in der 11. und der 12. Spielminute brachen die Buchholzer, die allerdings ihrerseits in der ersten Halbzeit einige Torchancen hatten. Gleich zweimal rettete Torhüter Tom Mickel, zweimal konnte auf der Linie geklärt werden. Wobei dieser Ehrentreffer am Schluss ja noch fallen sollte Aber der Reihe nach.

Der HSV spielte beim Oberligisten TSV Buchholz, der inzwischen von HSV-Urgestein Marinus Bester trainiert wird, noch ohne Neuzugang Tim  Leibold. Der Linksverteidiger war zwar mitgefahren, stand aber noch nicht im Aufgebot. Erst morgen um 10 Uhr soll er das erste Mal im HSV-Dress auf dem Platz stehen, im Training. Ebenfalls nicht dabei: Douglas Santos. Der Brasilianer hatte am Freitag ein längeres  Gespräch mit Sportvorstand Jonas Boldt, der in Buchholz nebst Aufsichtsratsboss Max-Arnold Köttgen das Spiel verfolgte. In diesem Gespräch teilte Santos dem HSV-Vorstand mit, das er definitiv den Verein verlassen möchte. Und das mit einem Interessenten im Gepäck, wie die Kollegen der BILD erfahren haben wollen. Zenit St. Petersburg soll demnach bereits sein 12,5 Millionen für den SV-Linksverteidiger zu zahlen - zuzüglich etwaiger Erfolgsprämien. „Wenn eine Summe geboten wird, die uns zum Nachdenken bringt, ist es vorstellbar“, so Trainer Hecking nach dem Spiel auf die Frage, ob er mit dem Abgang seines Linksverteidigers rechne.

Und ehrlich gesagt rechnet nicht nur Hecking damit, sondern eigentlich alle. Zumal mit Leibold der Ersatz schon gefunden ist und heute offiziell verkündet worden war. Für 1,8 Millionen Euro konnte sich der HSV dank einer Ausstiegsklausel die Dienste des 25-Jährige sichern. Und zwar bis 2023, wie bekannt wurde. „Ein bitterer Verlust für uns“, sagte mir Christian Mathenia, der gerade beim FCN für 5 Jahre verlängert hatte. Und damit sprach der ehemalige HSV-Keeper zum einen den sportlich wie wie menschlichen Verlust an - zum anderen aber auch, dass Leibold vor wenigen Wochen noch in Nürnberg gesagt hatte, dass er auf jeden Fall bleiben würde.

Jetzt ist er beim HSV und konnte mit ansehen, wie sich der HSV hier in Buchholz bei in der Sonne weit über 30 Grad  in Torlaune präsentierte. Zur Halbzeit stand es nach Treffern von eben jenem Debütanten Hinterseer (11.), Jatta (12. und 20.) sowie dem starken Adrian Fein (28., 30.) 5:0. „Wichtig ist, dass wir zusammenfinden und Abläufe reinbekommen“, zeigte sich (Noch-?)Kapitän Aaron Hunt im Anschluss zufrieden, „wir haben ja schon einige Neue dazubekommen, die wir jetzt schnell integrieren wollen in die Mannschaft. Das ist hie gerade so ein wenig die Findungsphase - da tun solche Spiele gut. Viele Tore machen, das tut jeden gut.“

Und vor allem in der zweiten Hälfte fielen die Tore dann wie am Fließband. Nahezu mit der Elf, die am Mittwoch in Meiendorf noch enttäuschte und es in den ersten 45 Minuten nur zwei Treffe schaffte, kamen  zu den fünf aus der ersten Hälfte noch mal acht Treffer dazu. „Nicht so ängstlich“, hatte

Bester von der Buchholzer Bank aus seinen Jungs zugreifen, und sie versuchten auch viel. Aber sie öffneten so dem SV immer wieder Räume, die Manuel Wintzheimer (48.), Khaled Narey (59.), Bobby Wood (64./76./87.), Aaron Hunt (82.) und Sonny Kittel (85./88.) dann auch zu nutzen wussten. „Jetzt pfeife endlich den Elfer, den du uns versprochen hattest“, schallte es von den Buchholzer Rängen und die hinter diesem Fan sitzenden Boldt und Köttgen lachten. Auch, als 30 Sekunden nach diesem Zwischenruf tatsächlich von Schiedsrichter Sascha Thielert auf Elfmeter für Buchholz entschieden wird. „Den kannst du geben“, sagte Hecking diplomatisch - hatte aber nicht gänzlich Unrecht. „Da muss er einfach wegbleiben, dann passiert auch nichts.“ So aber rundete der Elfmetertreffer von Milaim Buzhala in der Schlussminute zum 1:13 eine sehr sympathische, rundum gut organisierte Veranstaltung in Buchholz für alle versöhnlich ab. Der Applaus beim Ehrentreffer war auf jeden Fall so laut wie bei den 13 Treffern zuvor. Zurecht.

Einer, der sich auch in die Torschützenliste eintragen durfte und dem das tatsächlich sichtlich guttat war Bobby Wood. „Es Ost für alle gut“, so Hecking, „aber natürlich auch für ihn.“ Wood selbst ärgerte sich zwar kurz darüber, dass man nicht zu null gespielt habe, freute sich dann aber doch über seine drei Treffer. „Das war geil. Wir wollen wie eine Mannschaft auftreten, und das haben wir heute gemacht.“ Mit dem Trainer hat er bereits gesprochen, und er fühlt sich offenbar gut aufgenommen. „Er schenkt uns Vertrauen, hat sehr viel Erfahrung. Ich denke, das ist gut für uns alle.“ Dass Hecking Wood schon einmal verpflichten wollte, freut ihn. „Es ist immer gut, wenn der Trainer an einen glaubt.“

Für ihn selbst ist es ein Neuanfang, den er besser machen will. Auch besser als das Jahr in Hannover. „Hannover war ein langes Jahr, eine ganz schwierige Situation für mich. Ich kenne hier schon alles, die Stadt, den Verein. Ich muss einfach an meine Stärken denken und durchziehen, meine Dinger machen. Dann wird es von allein laufen, denke ich.“ Auffällig: Wood sprach hervorragend Deutsch - und er sprach überhaupt einmal. Bei seinem letzten HSV-Auftritt gab sich der US-Amerikaner sehr verschlossen, wirkte über die Maßen introvertiert. Heute wagte er den Schritt und sprach mal über sich und seine Zeit beim HSV. Ein guter Anfang - der durch seine drei Treffer sicher noch einmal untermauert wurde.

Fazit: Das Wetter und der HSV-Auftritt passten zusammen. Dazu gesellte sich ein sehr engagierter, gut organisierter und vor allem extrem freundlicher Gastgeber aus Buchholz. Es hat hier heute bis auf die Kinsombi-Verletzung alles gepasst. Dass der HSV nach dem Spiel noch im Klubheim des Oberligisten zum Essen blieb, bevor es im Bus zurück nach Hamburg ging, es passte zu dem ebenso harmonischen wie unterhaltsamen Sonnabend hier in der Otto-Koch-Kampfbahn.

So, das war es fürs Erste. Wenn heute nichts Außergewöhnliches mehr passiert, melde ich mich erst morgen wieder bei Euch. Dann mit einem ersten Interview mit Tim Leibold.

Bis dahin! Scholle

 

Statistik zum Spiel:

HSV: Mickel (46. Pollersbeck) – Gyamerah (46. Sakai), Moritz (68. Özcan), van Drongelen (46. David), Dudziak (46. Vagnoman) - Kinsombi (2. Jung / 46. Papadopoulos), Fein (46. Kittel), Özcan (46. Hunt) - Jatta (46. Narey) , Hinterseer (46. Wood), Samperio (46. Wintzheimer) Tore: 0:1 Hinterseer (11.), 0:2 Jatta (12.), 0:3 Jatta (20.), 0:4 Fein (28.), 0:5 Fein (30.), 0:6 Wintzheimer (48.), 0:7 Narey (59.), 0:8 Wood (64.), 0:9 Wood (76.), 0:10 Hunt (79.), 0:11 Kittel (85.), 0:12 Wood (87.), 0:13 Kittel (88.), 1:13 Buzhala (90.)

 

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Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.