Marcus Scholz

4. März 2019

 

Gewonnen. Vier Punkte vor St. Pauli und wieder Tabellenzweiter. Soweit, so gut. Denn mehr Gutes gab es heute tatsächlich nicht. Im Gegenteil: Das Spiel erinnerte an dunkelste Abstiegskampf-Phase. Krisenfußball par excellence. Und just in dem Moment, wo Fürth das Spiel sogar in den Griff bekommen zu haben schien, bedurfte es mal wieder einer glückliche Fügung für den HSV, um dieses Spiel am Ende sehr glücklich zu gewinnen. Ausgerechnet Ex-HSVer Julian Green tat dem HSV den Gefallen und flog mit gelbrot vom Platz. „Das war heute wirklich von uns ein richtig schlechtes Spiel“, fasste es Siegtorschütze Aaron Hunt, der dem HSV vor 36.560 Zuschauern in der 86. Minute den so immens wichtigen Dreier sicherte. „Der Schiedsrichter hat das Spiel entschieden“, ärgerte sich Fürths Trainer Stefan Leitl über die Gelbrote Karte – und die aus Gästesicht völlig unnötige Niederlage.

Aber zurück auf Anfang, denn die große Überraschung gab es unmittelbar vor dem Anpfiff. Beim Aufwärmen verletzte sich Julian Pollersbeck und stapfte wütend in Richtung Kabine, während sich sein Ersatzmann und Ex-Fürth-Keeper Tom Mickel warmmachte. Ausgerechnet gegen seinen Exklub feierte Mickel also sein HSV-Debüt in dieser Saison. Ebenso wie der nominelle Torwart Nummer drei, Morten Behrens, sein Kaderdebüt feierte Aber: Was war genau bei Pollersbeck passiert? Keiner wusste es. Und es gab auch vom HSV lange nichts dazu. „Muskuläre Probleme“ hieß es dann knapp 25 Minuten – und das kann wahrlich alles sein. Ob er eventuell länger ausfällt? Offen. Und Mickel? Der machte seine Sache sehr ordentlich. Im Gegensatz zu seinen Teamkollegen.

Im Spiel hatte Mickel allerdings gleich in der dritten Minute seinen ersten – und zum Glück einzigen Aussetzer, als er bei einem Rückpass zu lange zögerte und den Gegner so anschoss, dass der Ball bei den Fürthern landete, die damit aber nichts anzufangen wussten. Anders als der HSV, der gegen mutig und offensiv anlaufende Fürther zu guten Gelegenheiten kam. Nach fünf Minuten war Lewis Holtby plötzlich frei im Sechzehner. Problem: Er stand mit dem Rücken zum Tor, drehte sich langsam und spielte quer auf Lasogga, der schon im Abseits stand. Hier hätte Holtby selbst abschließen müssen! Insgesamt hatte die Nummer acht des HSV heute große Probleme in Sachen Handlungsschnelligkeit...

 

Dennoch kam der HSV zumindest zu Beginn des Spiels früh zu guten Gelegenheiten. In der achten Minute eroberte Hee chan Hwang rechts den Ball, legte selbigen quer in den Sechzehner, wo Lasoggas Schuss gerade noch zur Ecke geblockt werden konnte. Und Lasogga war es dann auch in der 13. Minute, der Fürths Keeper Sacha Burchert das erste Mal ernsthaft prüfte. Den harten, aber leider zu zentral auf den Torwart gezogenen Schuss aus 16 Metern wusste Fürths Keeper aber zu parieren. Es war ein schwungvoller Beginn – allerdings von jetzt an auf beiden Seiten. Denn die Fürther spielten ein außergewöhnlich offensives Pressing und stellten den HSV vor große Probleme, das Spiel kontrolliert aufzubauen. Und sie kamen ihrerseits zu Chancen.

Und sogar zu guten. Denn in der 20. Minute konnte Bates gerade noch einen Schuss von Redondo blocken, ehe Fürths Witteks in der 26. Minute von fünf Hamburgern umzingelt ungestört in den Sechzehner dribbeln konnte, aus 11 Metern unbedrängt abschließen konnte und Mickel zu dessen erster Glanzparade zwang. Das Spiel wirkte zu diesem Zeitpunkt komplett zerfahren. Ernsthaft Kontrolle hatte hier niemand. Der HSV wirkte dabei nervös, unsortiert und ohne Ideen, wie man sich aus diesem Schlamassel befreien könnte. Zudem musste man personell den nächsten bitteren Rückschlag hinnehmen: Hee chan Hwang verletzte sich in der 36. Minute am Oberschenkel und musste ausgewechselt werden (38.).

Für den Südkoreaner, der damit nahezu sicher auch für das Derby am Sonntag beim FC St. Pauli ausfallen wird kam – Berkay Özcan. Auch, weil Fiete Arp mit einer leichten Schädelprellung ausgefallen war. Dennoch wunderte mich diese Einwechslung, da Özcan sicher kein geeigneter Außenstürmer ist und der HSV mit Jung einen Rechtsverteidiger auf der Bank hatte, der die Möglichkeit eröffnet hätte, Khaled Narey von rechts hinten auf die zuvor angestammte Rechtsaußen-Position zu ziehen. Zumindest hätte der HSV so mehr Tempo über die Außen behalten. Zumal Jatta auf der linken Seite heute erneut keinen guten Tag erwischt hatte.

Es war ein schwaches Spiel mit Symptomen, wie man sie bei Krisenmannschaften oft sieht. Guter Beginn, voller Elan – und nach dem ersten Wackler fällt man in sich zusammen, wird nervös und macht viele Fehlern. Taktische Vorgaben werden kaum noch befolgt. Wobei eine Vorgabe hatte Sakai vom Trainerteam aufgeschrieben bekommen und war mit dem Zettel zu Aaron Hunt gelaufen und sortierte auf dem Platz seine Kollegen neu. Als er fertig war, knüllte der Japaner den Zettel zusammen und schmiss ihn weg. Problem: Er warf den Zettel direkt vor die Fürther Bank. Und die Gäste nahmen den Zettel auf, lasen ihn und gaben ihrerseits Anweisungen, wie man auf die neue HSV-Vorgaben zu reagieren habe. Viel dümmer geht’s kaum.

Aber es passte zur ersten Halbzeit des HSV, die von den Rängen – völlig zurecht! – mit Pfiffen bedacht wurde.

Die zweite Hälfte begann mit einem Wechsel. Gideon Jung kam für Lewis Holtby und ging auf die Doppelsechs neben Sakai ins 4-2-3-1-System. Wahnsinn. Auch diese Umbaumaßnahmen verstand ich nicht. Jung auf der Sechs, Narey hinten rechts, Özcan vorn rechts – warum nicht Sakai oder Jung hinten rechts, Özcan in das ihm bekannte Mittelfeldzentrum und mit Narey etwas Tempo und Torgefahr auf rechts? Im Ergebnis ergaben Wolfs Umstellungen zumindest wieder keine Torgefahr. Wobei, nicht ganz: Lasogga sorgte dann doch für den ersten gefährlichen Torschuss – aber auf der falschen Seite. Allein sein Klärungsversuch per Kopf verfehlte das eigene Tor nur um Zentimeter (55.).

Und dann kam, was ich eingangs erwähnte: Es bedurfte schon einer außergewöhnlich dummen Aktion des Ex-HSVers Julian Green, der gelbvorbelastet für eine Schwalbe seine zweite Gelbe bekam – und folglich mit gelbrot vom Platz musste (67.), bis der HSV zum ersten „richtigen“ Torschuss in der zweiten Hälfte kam. In der 75. Minute...

Das Spiel drehte sich jetzt zwar wieder ein wenig zugunsten des HSV – aber es wurde längst nicht gut. Der HSV wirkte trotzdem weiter behäbig und ideenlos. Einzig Tatsuya Ito, der inzwischen für den desolaten Jatta gekommen war, brachte ein wenig Schwung über links. So auch in der 83. Minute, als Lasogga seine Flankenball nur knapp verpasste. Und zum Glück für Ito stand es schon 1:0, als der kleine Japaner in der 88. Minute völlig freistehend aus 11 Metern zum Schuss kam und den Ball gefühlt 100 Meter vorbeischoss. Was für ein Fehlschuss...!!

Aber: Glücklicherweise hatte zuvor der Mann getroffen, an dem sich alle „anlehnen“ könnte, wie Wolf vor dem Spiel über Aaron Hunt gesagt hatte. Der Kapitän hatte in der 86. Minute eine scharfe flache Hereingabe von Narey aus kurzer Distanz über die Linie gedrückt – und damit den Siegtreffer erzielt. Denn es blieb am Ende eines denkwürdig schwachen Spiels beim 1:0 für den HSV, der damit wieder auf Rang zwei in der Tabelle vorrückt. Womit das Beste dieses Abends schon in einem Satz komplett erzählt ist.

In diesem Sinne, durchschnaufen, erholen – und hoffentlich am Sonntag (deutlich) besser machen. Ansonsten wird das nichts mit dem Derbysieg. Bis später, da melde ich mich wieder mit dem Blitzfazit, für das ich allerdings auch erst einmal nach Worten suchen muss...

Scholle

 

Das Spiel im Stenogramm:

HSV: Mickel - Narey, Bates, van Drongelen, Santos -  Sakai - Jatta (73. Ito), Holtby (46. Jung), Hunt, Hwang (38. Özcan) - Lasogga

Greuther Fürth: Burchert - Sauer, Magyar, M. Caligiuri, Wittek - Jaeckel - Seguin, Ernst, Green, Redondo - Keita-Ruel

Tore: 

Zuschauer: 36.560

Schiedsrichter: Christian Dingert (Lebecksmühle)

Gelbe Karten: Jung (66.) / Green (58.), Wittek (73.)

Gelb-Rote Karten: - / Green (67.)

 

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Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.