Marcus Scholz

30. März 2019

Es sollte die Reaktion auf das bitter abgeschenkte Spiel gegen Darmstadt werden - und wurde eine Enttäuschung. Hannes Wolf hatte sich dementsprechend auch trotz der Niederlage gegen Darmstadt für eine identische Startelf entschieden. Wobei, was heißt hier eigentlich „trotz der Niederlage“? Mit der gewählten Startelf hatte der HSV zumindest 50 Minuten lang sehr dominant gegen Darmstadt geführt, ehe das erste Mal gewechselt wurde (Ito kam für Narey) und das Spiel anschließend völlig unerwartet kippte.

„Wir  müssen unsere gute Anfangsphase über die 90 Minuten bringen“, hatte Sportvorstand Ralf Becker vor dem Spiel gesagt, denn dann würde nur der HSV über den Spielausgang entscheiden. Nach dem Spiel resümierte er sichtbar angefressen: Wir sind noch einmal mit einem blauen Auge davon gekommen. Wir nehmen den Punkt nach Unions Niederlage mal so mit, aber im Großen und Ganzen war es schwere Kost..." Stimmt.

 

Pressekonferenz nach dem 0:0 in Bochum

 

Viel zu sehen von einer positiven Reaktion war  beim 0:0 in Bochum nicht. Im Gegenteil: Der HSV enttäuschte mit offensiver Harmlosigkeit und verpasste erneut die Chance, sich signifikant von der Konkurrenz abzusetzen, die in Form Union Berlins mit 0:3 gegen Paderborn verlor. Stattdessen kann der 1. FC Köln morgen gegen Kiel einen einen torentscheidenden Schritt in Richtung Aufstieg/Meisterschaft machen. „Wir haben unsere wenigen offensiven Aktionen nicht gut ausgespielt“, kritisierte der beste HSVer nach dem Spiel, Rick van Drongelen. „In der ersten Halbzeit haben wir uns sehr schwer getan, in der zweiten haben wir dann ein besseres Spiel gemacht. Aber es hat leider nicht zu einem Tor gereicht.“

Dabei begann das Spiel noch mit zwei Highlights. Nach wenigen Sekunden hatte sich Bochums Losilla den Ball zu weit vorgelegt, Orel Mangala fing ihn ab und der Bochumer sendet den Belgier brutal um und Schiedsrichter Lasse Kozlowski aus Berlin offenbarte eine Schiedsrichterschwäche, die sich von ganz oben bis ganz unten in den Amateurbereich zu ziehen scheint: er verzichtete auf eine Karte. Völlig deplatzierte Zurückhaltung, die man nur mit dem frühen Zeitpunkt begründen, aber längst nicht erklären kann. Selbes Foul 15 Minuten später und wir hätten darüber diskutiert, ob Gelb da noch ausreicht. Und das zweite Highlight war eine Balleroberung von Khaled Narey, die er mit einem satten Rechtsschuss aus gut 12 Metern an den Außenpfosten (5.) abschloss.

Das Spiel an sich aber, davon dürfen diese Szenen nicht ablenken, blieb durchgehend fußballerisch schwach. Es gab viele Fehler und null Ordnung auf dem Platz. So sorgte David Bates mit einem dummen Ballverlust in der achten Minute für den ersten Hauch von Bochumer Torgefahr, während im Mittelfeldzentrum Mangala nach schwachem Start zwar langsam besser wurde, aber lange nicht gut genug spielte, um den heutigen Totalausfall Berkay Özcan auszugleichen. Denn der Deutsch-Türke verlor nicht nur fast jeden Zweikampf, sondern auch fast jeden Ball.

Selbst wenn er sich, wie zu Betinn der zweiten Halbzeit, ein- zweimal gut durchsetzte, es fehlte der finale Ball. Und zu allem Überfluss brachte es der 21-Jährige tatsächlich fertig, einen Flankenball von Jatta völlig freistehend aus vier Metern nicht im Tor unterzubringen (21.). Unfassbar! Den hätte selbst Dennis Diekmeier reingemacht… Und da Bochum seine wenigen Torannäherungen (Pantovic in der 21. und Tesche in der 25. Minute) auch nicht reinmachten, blieb es zur Halbzeit beim 0:0 in Bochum.

Neben dem schönen Wetter das Beste bis hierhin? Das Zwischenergebnis aus Berlin, wo Union gegen Paderborn 0:1 zurücklag. Auch deshalb war ich sehr gespannt, was Wolf in Halbzeitpause ändern würde. Aber es war eher das, was der Trainer in der Halbzeit machen ließ. Denn er ließ die Mannschaft ein paar Minuten früher auf den Platz gehen, um sich warmzumachen. Gewechselt wurde indes nicht. Beim VfL Bochum aus Zufriedenheit über das Ergebnis - beim HSV indes - ich weiß es nicht. Einen Özcan auf dem Platz zu lassen grenzte schon an ein Übermaß Vertrauen - oder Verleugnung der Geschehnisse.

Es dauerte bis zur 58. Minute, ehe Wolf endlich wechselte. Aber wen? Er nahm für mich sehr überraschend Mangala und Jatta raus. Er brachte  dafür Jung und Holtby, und dieser Wechsel muss verletzungsbedingt begründet gewesen sein. Hoffe ich zumindest. Denn ansonsten ist dieser Wechsel für mich beim besten Willen nicht nachvollziehbar. Mehr noch: Für mich wäre es ein erneuter Wechselfehler Wolfs, der das HSV-Spiel damit schwächte und Bochum das Zeichen gab: Hier geht doch was für Euch! Denn plötzlich kam der VfL zu Chancen. Aber: Sollte Wolf die Bochumer damit zu mutigerem Auftreten animiert haben wollen - das funktionierte. Allein dem HSV-Spiel tat es nicht gut. Denn vor allem offensiv kam jetzt noch weniger.

Auch, weil dem HSV ganz vorn sowie schon im Spiel nach vorn einfach Tempo fehlte. Gerade jetzt, wo der VfL müde wurde, teilweise sogar Abwehrspieler schon Krämpfe bekamen, fehlte das Überraschungsmoment. Eines, wie eben einen  unnachahmlichen Sprint Jattas. Stattdessen aber blieb das Spiel gegen eine B-Elf des Tabellen-Neunten aus Bochum statisch. Es war sogar plötzlich zu beiden Seiten offen. Holtby hatte in der 85. Minute nach einem Missverständnis zwischen Bochums Hoogland und Keeper Riemann die größte Chance, der VfL-Torhüter konnte aber parieren, während der HSV in der 90. Minute Glück hatte, dass der Schiedsrichter einen Schuss an die Hand van Drongelens nicht als Elfmeter ahndete. Hier ein Elfer wäre sicher hart gewesen, aber ähnliche Handelfmeter gab es zuletzt in den deutschen Profiligen oft genug.

ch hätte Euch gern mehr Szenen beschrieben, die einen HSV-Sieg zumindest verdient gemacht hätten. Aber es gab sie nicht. Das war heute einfach zu wenig, um diese ersatzgeschwächten Bochumer zu bezwingen. Es war zu wenig auf dem Platz - aber eben auch wieder von außen. Denn auch heute konnte ich keine Reaktion von Wolf erkennen, die dem auffällig lahmenden Spiel des HSV hätte guttun können. Nur gut, dass in Berlin wenigstens Paderborn hoffe sie funktionierte und mit 3:0 gewann und der HSV so tatsächlich einen Punkt mehr Vorsprung auf den Vierten hat als vorher. Aber apropos Paderborn: Der nächste Gegner im DFB-Pokal demonstrierte in Berlin, was man erreichen kann, wenn man offensiv über Qualität verfügt.

Und nicht zuletzt deshalb bleibe ich bei meiner Einschätzung, dass man Pierre Michel Lasogga unbedingt halten sollte - wenn er auf mehr als 50 Prozent seines aktuellen 3,4-Millionen-Gehaltes verzichtet und der HSV nicht aufsteigt. Denn bei einem dominanten Spiel, wie es der HSV von sich in der Zweiten Liga verlangen muss, ist Lasogga mit seiner Abschlussqualität gut und brauchbar. Aber angesichts seiner technischen Schwächen, fehlenden Sprinttempo und einem komplett fehlenden Eins-gegen-Eins ist Lasogga für mich keine Nummer eins im Angriff eines Erstligisten. Da muss Becker bessere Spieler finden, die wenigstens Tempo haben.

Was ich meine kann man übrigens Woche für Woche bei den offensiv ebenso starken wie defensiv eben auch sehr anfälligen Paderbornern sehen. „Uns hat heute die Durchschlagskraft gefehlt“, analysierte Gotoku Sakai. „Wir haben den Rhythmus nicht gefunden und es nicht geschafft, den entscheidenden letzten Pass an den Mann zu bringen.“ Dennoch, das letzte Wort gebührt dann wieder dem Trainer, der sich im Anschluss an das Spiel enttäuscht zeigte.  „Wir wussten, dass Bochum uns fordern wird. Wir haben im Spiel nach vorne zu häufig den Ball verloren. Wir hätten gerne besser gespielt und gewonnen. Jetzt blicken wir auf das Pokalspiel am Dienstag gegen Paderborn.“

In diesem Sinne, ich wünsche Euch allen einen schönen Sonnabend und melde mich morgen wieder bei Euch. ACHTUNG: Da wird nicht in Hamburg trainiert, da der HSV aus Bochum nach direkt nach Marienfeld reist, wo man bis zum Pokalspiel am Dienstag im Hotel Klosterpforte residiert und vor Ort trainiert.

Bis morgen! Scholle

 

Das Spiel im Stenogramm:

VfL Bochum: Riemann - Celozzi, Fabian, Hoogland, Kokovas - Losilla, Tesche - Saglam, Weilandt (79. Eisfeld), Pantovic - Hinterseer

HSV: Pollersbeck - Sakai , Bates, van Drongelen, Santos -  Janjicic (78. Köhlert) - Narey, Özcan, Mangala (58. Jung), Jatta (58. Holtby) - Lasogga

Zuschauer: 26.600 (ausverkauft)

Schiedsrichter: Lasse Koslowski (Berlin)

Gelbe Karten: Saglam (74.) / -

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Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.

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