Marcus Scholz

24. Oktober 2018

Es tut immer wieder gut, wenn man hitzige Diskussionen mit ein wenig Abstand rekapituliert. Und dass die Entlassung von Trainer Christian Titz kontroverser und teilweise auch hitziger geführt wird als bei seinen Vorgängern, das kann wohl niemand leugnen. Die einen sehen den Schritt als alternativlos an, weil der HSV einen Etat hat, der ihn dazu verpflichtet, jeden Gegner (Köln mal ausgenommen) nicht nur zu schlagen, sondern ihn dabei auch zu dominieren. Und das hat der HSV in den letzten Wochen tatsächlich nicht. Auf der anderen Seite stehen diejenigen, die den neuen, sehr jung ausgerichteten Weg über die eigenen Talente unter Titz begrüßt haben und sich einen erfolgreichen Weg unter dem volksnahen und bei den Fans sehr beliebten Trainer erhofft hatten. Und während die Erstgenannten die Entscheidung als gerechtfertigt sehen und damit parallel den Druck auf den neuen Trainer sowie die Vorstände erhöhen, da alles andere als dominante Siege zu wenig sind, sprechen die anderen von fehlender Geduld bei der Neuausrichtung. Ich gehe sogar noch etwas weiter und nenne es fehlende Weitsicht und fehlenden Mut dazu, an einer eigenen Idee festzuhalten. Denn was auf den HSV zukommen würde, wussten alle Beteiligten schon im Mai, als Titz den neuen Vertrag unterschrieb.

 

ABER, und das ist mir bei aller Diskussion sehr wichtig hervorzuheben: Der neue Trainer hat damit nichts zu tun. Gar nichts! Ihm gilt es jetzt ohne jede Einschränkung die Offenheit entgegenzubringen, die er sich auf der Pressekonferenz gestern erbeten hat und die jeder Trainer zu Beginn braucht.

Am Ende geht es (zumindest uns) doch immer um das Beste für den HSV. Daher dürfen auch Argumente für Titz nicht automatisch als Argumente gegen Wolf gewertet werden, was in hitzigen, emotionalisierten Diskussionen gern mal passiert. Nein, die beiden Trainer haben sich nicht gegenseitig aus dem Amt gemobbt. Sie haben schlichtweg nichts miteinander zu tun, abgesehen von ihrer Gemeinsamkeit, HSV-Trainer gewesen zu sein bzw. jetzt zu sein - so doof das klingen mag. Hier geht es auch nicht darum, welcher der beiden Trainer besser ist, geschweige denn darum, dass der jeweils andere dann nicht gut ist. Vielmehr können sehr wohl sogar beide Trainer in der Lage sein, dem HSV zum Aufstieg zu verhelfen. Die einzige Frage, die sich alle stellen dürfen bei dieser Diskussion ist, ob sich der Vorstand hier richtig verhalten und die beste Entscheidung getroffen hat. Und das schreibe ich im selben Moment, indem ich (auch von mir!) fordere, dem neuen Trainer alle Chancen und Vertrauensvorschüsse einzuräumen, die er braucht, um sich hier zu verwirklichen. Denn erst wenn das soweit ist, kann man wirklich beurteilen, ob das Duo Wolf/HSV passt.

Womit ich zu meinem Argument komme, weshalb ich den Trainerwechsel an sich kritisiert habe. Denn Titz hatte hier in Hamburg nur ganz zu Beginn seiner Trainertätigkeit eine gewisse Unvoreingenommenheit der Verantwortlichen und deren Vertrauen verspüren dürfen. Schon zum Ende der letzten Saison, als er von den Fans im eigenen Stadion gefeiert wurde und einen neuen Vertrag erhalten sollte, wurde ihm intern vom damals noch designierten Vorstandsboss Bernd Hoffmann deutlich gemacht, dass er nicht die erste Wahl sei. Zudem wurde bekannt, dass der Vorstand schon damals andere Optionen bevorzugte, diese aber schlichtweg nicht umsetzen konnte. Unter anderem auch, weil man ein zu brutales Echo der Öffentlichkeit fürchtete, wenn man den gefeierten Weg mit Titz nicht weitergehen würde.

Und so begann die skurrile, sukzessive Demontage des eigenen Trainers, die man in den letzten Monaten intern wie extern forcierte und gestern vollendete, obwohl man nur zwei Punkte hinter dem Tabellenführer rangiert und mit einem (erwarteten) Auswärtssieg in Magdeburg sogar vorbeiziehen könnte. Einfaches Rezept: Man missachtet Rummenigges Worte und gewinnt mit einem guten Deal ein starkes Medium für seine Zwecke, lässt der Öffentlichkeit etwas von stagnierender Entwicklung berichten, bestätigt das und viele folgen. Das funktioniert nicht nur in Hamburg so. Aber, die logische Frage, die sich mir hieraus ableitet, beunruhigt mich: Denn was bitteschön muss der neue Trainer mit dieser Mannschaft schaffen, um hier nicht von den eigenen Bossen intern angezählt zu werden?

Meine Antwort: Wahrscheinlich zunächst einmal nicht mehr als Titz. Denn Wolf ist die Wahl dieses Vorstandes, der wiederum an seinen Entscheidungen (also auch an der für den Wechsel zu Wolf) gemessen wird. Und, bitte nicht falsch verstehen: So, wie es sich für eine gute Führung gehört, wird der Trainer geschützt werden. Er wird mit einem Vertrauensvorschuss ausgestattet und es wird ihm (hoffentlich) genügend Freiraum eingeräumt, um diese Mannschaft zu entwickeln. Dazu gehören schlechte Spiele, Niederlagen, glückliche Siege und hier und da auch mal eine schlechte Entscheidung des Trainers, die man hinnimmt, ohne gleich alles infrage zu stellen. Kurzum: Es bleibt zu hoffen, dass Wolf hier mehr Geduld entgegengebracht bekommt, als sein Vorgänger. Für ihn, aber vor allem auch für den HSV, der diese Ruhe und diese Konstanz dringend braucht, um seine Ziele zu erreichen. Denn ein weiteres Jahr Zweite Liga würde wirtschaftlich gefährlich werden.

Beim heutigen Training, dem wir offiziell die ersten 20 Minuten (siehe Video) beiwohnen durften, wurden nach den Aufwärmübungen verschiedene Spielformen trainiert. Taktisch auffällig hierbei waren neben einem defensiveren Torwartspiel, dass hinten heraus mit vielen langen Bällen gearbeitet wurde, zudem viele diagonale weite Seitenwechsel einstudiert wurden. Personell auffällig war, dass Wolf in der A-Elf mit Pierre Michel Lasogga als einzige Spitze agierte. Die heutige A-Elf: Pollersbeck - Sakai, Bates, van Drongelen, Santos - Mangala - Narey, Holtby, Hunt, Hwang - Lasogga.

Bei Letztgenanntem möchte ich an dieser Stelle noch einmal eine Lanze brechen. Denn so, wie Lasogga in seiner Zeit ohne Tore ob seines üppigen Gehaltes zum Sündenbock abgestempelt wurde, so wurde er jetzt als Politikum missbraucht. Das Wohl und Wehe von seiner Startelfnominierung abhängig zu machen ist sportlich falsch. Es ist von den Experten im und um den Verein herum, die das immer wieder forderten und Titz anlasteten, sogar fahrlässig, behaupte ich, da sie es besser wissen müssten. Und mit der vermeintlich nett gemeinten Forderung nach dem bulligen Angreifer, die diesem zunächst einmal schmeichelt, geht automatisch auch eine gesteigerte Erwartungshaltung einher. Damit schließe ich nicht aus, dass Lasogga seine 15 bis 20 oder mehr Buden macht, wenn er jedes Spiel beginnt. Aber das zu erwarten lässt einfach zu wenig Spielraum für schwierige Phasen. Und unter Druck ist Lasogga hier schon einmal gescheitert.

Zudem ist eines klar: Funktioniert Lasogga jetzt unter Wolf nicht, darf er nicht darauf setzen, dass er von oben geschützt wird und Zeit bekommt. Im Gegenteil: Bevor hier der Trainer in Frage gestellt wird, den der Vorstand gegen alle Widerstände installiert hat, werden in Krisenzeiten erst einmal alle diejenigen in Frage gestellt, die man nicht selbst geholt hat. So war es (längst nicht nur) beim HSV zuletzt so - und so bleibt es leider auch.

In Magdeburg scheint Lasogga auf jeden Fall gute Karten für sein Startelf-Comeback zu haben. Anders als Fiete Arp, dem eine Geldstrafe seitens des Vereines droht für seinen Instagrampost von gestern. Heute im Training war Arp nur im B-Team und es wurde immer wieder geübt, Lasogga mit einem langen Ball anzuspielen, damit dieser für nachrückende Mittelfeldspieler ablegen oder gleich selbst auf das Tor zugehen konnte. Und um zum Blogende noch einmal den Bogen zu bekommen, zu dem, was uns allen am wichtigsten ist: Nichts würde mich mehr freuen, wenn dieser Weg schnell zum Erfolg führt. Für Lasogga, für Wolf - und vor allem für den HSV und seine treuen Anhänger. Allerdings würden mich auch drei 5:0-Siege in Folge nicht davon abbringen, den Trainerwechsel auch als vertane Chance zu sehen, sich nach vielen Jahren der Geldverbrennung, der sportlichen Ignoranz und Arroganz ein erfolgreiches UND sympathisches Gesicht zu verleihen, weil man Widerständen erfolgreich getrotzt und endlich seinen eigenen Weg gefunden hat.

In diesem Sinne, bis morgen. Dann mit der ersten Spieltags-Pressekonferenz von Hannes Wolf, der sich zum Glück nicht von den Diskussionen um Titz und den Trainerwechsel an sich hat beeindrucken lassen und auf mich bislang einen wirklich sehr guten Eindruck macht.

 

Bis dahin!

Scholle

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Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.

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