Marcus Scholz

6. Oktober 2019

Das 2:0 gegen Greuther Fürth hat Spaß gemacht. Also nicht nur den Spielern offenkundig, sondern auch mir auf der Tribüne. Und das aus drei Gründen. Zum einen, weil der HSV eine spielerische Dominanz an den Tag gelegt hat, die letztlich auch belohnt wurde. Zum anderen, weil sich der HSV im Gegensatz zur vorigen Saison auch in den Phasen unbeirrt zeigte, wo so ein Spiel wie aus dem Nichts hätte kippen können. Und drittens, weil man einfach merkt, dass hier ALLE an einem Strang ziehen. Trotz erkennbarer Übertreibungen. Denn was grundsätzlich eher zu kritisieren wäre, ist in der aktuellen Kombination aus Leistung und Bewertung stimmig. Nein, sogar förderlich.

 

 

Bestes Beispiel dafür ist die Personalien Daniel Heuer Fernandes. Der Keeper stand zuletzt allemal nachvollziehbar in der Kritik, nachdem er in Regensburg erneut bei hohen Bällen Schwächen zeigte und sogar am ersten Tor maßgeblich beteiligt war. Und völlig unabhängig von dem, was Spieler und Trainer gesagt haben, ALLE wussten, das. Dennoch blieben sie allesamt überzeugt davon, dass Heuer Fernandes ein guter Torhüter ist, der dem HSV noch helfen wird. Wie jetzt in der 66. Minute gegen Fürth, wo Gästestürmer Mohr das 1:1 machen muss, aber an dem guten Reflex von Heuer Fernandes scheiterte. Grund genug für Trainer und Spieler nach dem Spiel explizit diesen Punkt anzusprechen. Ziel war es, ihre zuletzt kritisierte Nummer eins zusätzlich aufzubauen. Beispiele? Hier:   

Dieter Hecking: „Heuer Fernandes hat uns das Spiel gehalten. Ich glaube, jetzt hat auch der Letzte begriffen, dass wir diese Diskussion nicht führen müssen. Einmal wird er gefordert und ist da – das ist es, was einen Torwart auszeichnet. Zudem hat er super mitgespielt und eine gute Spieleröffnung gezeigt.“

Martin Marnik: „In der ersten Halbzeit haben wir mit meiner Chance das frühe 1:0 verpasst, aber haben trotz des schweren Spiels nicht die Nerven verloren. Wir mussten zu jeder Minute hochkonzentriert sein, das war brutal intensiv, aber das ist uns schon in Regensburg begegnet. Das sind Spiele, die uns noch ganz oft erwarten werden in dieser Saison. Dementsprechend hoch anzurechnen ist der Sieg.“

Sonny Kittel: „Wir haben uns viele Chancen erarbeitet, von denen wir leider viele nicht nutzen konnten. Dadurch stand das Spiel zwischenzeitlich sogar auf der Kippe – aber Ferro hat stark gehalten“

Adrian Fein: „Wir müssen eigentlich früher in Führung gehen und dürfen nicht mit einem 0:0 in die Pause gehen. Außerdem hätten wir früher den Sack zumachen müssen. Beim Stand von 1:0 hat Fürth eine Riesenchance, die ‚Ferro‘ überragend hält. Abgesehen davon haben wir aber ein gutes Heimspiel gezeigt. Wir waren von Beginn an gierig. Genauso müssen wir jetzt auch beim Auswärtsspiel in Bielefeld auftreten.“

Und das sind nur vier von vielen Beispielen, die zeigen, dass sich beim Team niemand selbst mehr feiern will, als für das Team gut ist. Stattdessen wird an die gedacht, die man aufbauen kann - und manchmal auch muss. Dass dabei auch Übertreibungen stattfinden und zu viel gelobt wird - unbestritten.  Aber darum geht es in solchen Fällen auch nicht immer. Vielmehr beweisen hier Spieler wie Trainer ein ganz feines Gespür dafür, wer die Streicheleinheiten braucht, um wichtiges Selbstvertrauen zu tanken und so letztlich wieder an die eigene Topform heranzukommen. Aber: Sollte man mit Übertreibungen eben das erreichen, dann ist allen geholfen. Und gestern wurden so längst nicht nur auf dem Platz Treffer gelandet. Wobei auch klar ist, dass sowas tatsächlich nur in Erfolgsphasen funktioniert, während es im Misserfolg als Schwäche bzw. als Fehlbeurteilung und Schönreden ausgelegt wird.

 

Noch ein sehr gutes Beispiel dafür ist Josha Vagnoman. Der junge Rechtsverteidiger wurde gestern (ebenso wie Fein und evtl. auch Jatta) im Stadion von U21-Nationaltrainer Stefan Kunz beobachtet. Und er machte ein gutes Spiel. Defensiv wirkte er stabil, offensiv machte er ordentlich mit - wobei es hier ganz sicher noch eine Menge Luft nach oben gibt. Dennoch bekam er von Trainer Hecking nach dem Spiel ein Sonderlob, wie Hecking es selten formuliert: „Josh fand ich, das war eine herausragende Leistung! Er war defensiv megapräsent und fast alles richtig gemacht. Das ist nicht selbstverständlich. Man sieht, dass er immer stabiler wird.“ Eine Lobpreisung, die selbst ich in dem Maße als übertrieben empfinde. Und ich traue Vagnoman noch deutlich mehr zu, als das, was er bisher gezeigt hat. Daher finde ich die übertriebenen Worte gut, weil ich mir sicher bin, dass sie Vagnoman helfen werden, genau das Selbstvertrauen aufzubauen, das er braucht, um seine Bestleistung überhaupt erst erreichen zu können.

Beim HSV wird mit Komplimenten wohl überlegt „gearbeitet“. Sie werden taktisch eingesetzt. Der Trainer ist neben dem Fußballlehrer eben auch als Moderator gefragt. Zumal jetzt, wo er in der Abwehr langsam auch ein Überangebot zu verwalten haben wird. Gegen Fürth fehlten noch Ewerton und Jung - aber die beiden werden gegen Bielefeld nach der Länderspielpause aller Voraussicht nach ebenso dabei sein, wie van Drongelen, Letschert, David und Papadopoulos. Und gerade Letztgenannter wird einen dicken Hals haben. Zumal nach den Worten Hecking bei der Pressekonferenz, wonach er für das Fürth-Spiel gar keine Rolle spielte. „Ich habe überlegt zwischen Timo Letschert und Jonas David. Dann habe ich entschieden, dass ich nicht die ganz junge Variante mit David wähle“, erklärte Hecking nach dem Spiel seine Entscheidung. Von Papadopoulos war hierbei keine Rede.

Die Pressekonferenz beginnt bei Minute 18:47

Und ich behaupte, dass Hecking zum einen wenig Grund haben wird, den bis Bielefeld voraussichtlich wieder gesunden Gideon Jung draußen zu lassen. Zum anderen wird der Trainer an einem gesunden Ewerton sportlich irgendwann nicht mehr vorbeikommen - wenn der gesund ist. Der Brasilianer ist im Gesamtpaket der potenziell stärkste Innenverteidiger des HSV. Behaupte ich. Und das kann durchaus ein Problem werden. Denn zu seiner sportlich hohen Qualität gesellt sich leider auch eine außergewöhnlich hohe Verletzungsanfälligkeit. Mit anderen Worten: Hier wird Hecking abwägen müssen, ob es sich lohnt, den Brasilianer mit dem Vertrauen als Innenverteidiger Nummer eins (neben van Drongelen!) auszustatten, oder eben nicht.

Und wo wir schon bei „Moderator Hecking“ sind, noch einmal zu Papadopoulos. Den Griechen hatte er selbst am Donnerstag bei der Pressekonferenz vor dem Spiel noch einmal ins Spiel gebracht - ihm aber bei der PK nach dem Spiel auch wieder deutlich gemacht, dass er hier maximal eine untergeordnete Rolle spielt. Insofern kann man hier - um im Wortgebrauch zu bleiben - von einer Art Abmoderation sprechen. Papadopoulos scheint aktuell nur noch Innenverteidiger Nummer vier zu sein. Mit Jungs und Ewertons erwarteter Rückkehr in zwei Wochen wäre er somit sogar nur Innenverteidiger Nummer 6 von sechs. Für zwei Positionen wohlgemerkt ist das eine Aussicht, die sich der Grieche wahrscheinlich nicht einmal mit seinem Topgehalt von mehr als zwei Millionen pro Jahr erträglich machen wird. Ergo: Hier wartet eine Baustelle auf Hecking. Und auf Sportvorstand Jonas Boldt.

Wobei diese Baustelle eine ist, die man aus HSV-Sicht ganz entspannt angehen kann. Denn aktuell ist Papadopoulos mehr finanzielle Belastung denn sportliche Hilfe. Oder anders formuliert: Er ist sportlich verzichtbar. Nimmt man alles zusammen, bleibt es so, wie es gestern anmutete: Der HSV ist auf dem richtigen Weg. Sportlich und personell sowieso. Zudem hat man endlich auch einen Umgang gefunden, der den HSV nach außen nicht nur wie im Beispiel Jatta sympathisch wirken lässt, sondern der ihn auch intern funktionieren lässt. Und sollte man dafür mal so übertreiben müssen wie Hecking es gestern tat, dann ist das nicht zwingend Schönreden. Manchmal ist das einfach clever.

In diesem Sinne, bis morgen! Da melde ich mich um 7.30 Uhr wieder mit dem MorningCall bei Euch, ehe Euch unser Taktikfuchs Tobias Escher hier mit seiner Rundum-Analyse noch einmal erzählt, was das Spiel aus taktischer Sicht so gut gemacht hat. Öffentlich trainiert wird erst am Dienstag um 15.30 Uhr wieder.

 

Bis dahin! Scholle

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Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.