Marcus Scholz

7. August 2018

„Der HSV ist ein Brett“ waren vom Inhalt her nicht selten die einleitenden Sätze von neuen HSV-Trainern bei ihren Amtsantritten. Inzwischen werden derartige Lobhudeleien als populistische Schleimerei abgetan und nicht mehr als belächelt. Zurecht, wie ich im ersten Moment denken würde. Als ich aber heute morgen zum HSV fuhr, um zu sehen, wie der Kartenvorverkauf für das preislich überteuerte Stadtderby gegen den FC St. Pauli anlaufen würde, war ich anderer Meinung. Zumindest bei den HSV-Anhängern, die in einer langen Schlange vor dem Ticketcenter teilweise mehr als eine Stunde anstanden und die, die vor dem Rechner via Onlineshop Tickets bestellen wollten und diesen ob der Masse an Zugriffen kollabieren ließen.

Sie alle demonstrierten eine Treue zum HSV, die auf der einen Seite unfassbar geil ist für den HSV. Angesichts der frechen Preise für dieses Nordderby führen sie zwar dazu, dass die Verantwortlichen Ticketvermarkter sagen können, es sei wohl alles gar nicht so schlimm teuer, da alle Tickets verkauft würden. Und das ist schade. Denn ganz offenbar ist der HSV so beratungsresistent, dass er erst auf die Schnauze fliegen muss, um die richtigen Schlüsse zu ziehen. Sportlich musste dafür der erste Abstieg der Vereinsgeschichte herhalten. Und hier wäre es ein leeres Stadion. Aber das wird ausbleiben, da die HSV-Fans einfach nicht aufgeben wollen. Sie kommen in Scharen und unterstützen den HSV bei seiner Mission Wiederaufstieg trotz allem. Und sportlich betrachtet ist das in meinem Augen auch gerechtfertigt. Denn trotz des bitteren 0:3 zum Beginn der Saison ist der HSV weiterhin auf dem (langen) Weg einer sportlichen Umstrukturierung, die – so schmerzhaft das zwischendurch auch sein mag – auch nicht von 0:3-Niederlagen in der Zweiten Liga in Frage gestellt werden dürfen. Nein, der HSV ist gut beraten, sich auf diesen einen Weg ohne jeden Kompromiss zu fokussieren und ihn bis zum Ende durchzuziehen. Zumal es gerade in Hamburg besser wissen sollte. Hier wurde in den letzten Jahren immer wieder an einer Philosophie gearbeitet. Problem dabei: Bevor man auch nur annähernd ans Ziel kommen konnte, wurden Trainer und Ausrichtung über Bord geworfen und bei Null begonnen. Auch darin liegt einer der Hauptgründe für den Abstieg.

Trainer Christian Titz seinerseits gibt sich äußerlich unbeeindruckt. Er sagte zwar, dass er enttäuscht war und damit nicht gerechnet habe, aber er arbeitet im Training ohne Motivationsverlust insbesondere an den Dingen, die er am Sonnabend schon als Gründe für die 0:3-Niederlage gegen Holstein Kiel ausgemacht hatte. Heute stand das Aufbauspiel unter Druck auf dem Plan – und damit zeitgleich logischerweise auch das Offensivpressing. Und während Aaron Hunt noch pausierte (möglich, dass er morgen oder Freitag wieder einsteigt) und Jairo Samperio auf dem Nebenplatz eine individuelle Laufeinheit absolvierte und morgen Abend wieder dabei sein soll, standen die Mittelstürmer Pierre Michel Lasogga, Manuel Wintzheimer und Fiete Arp auf dem Platz. Apropos Arp: Heute kursierte ein Bild, wo sich der junge Angreifer Nase an Nase mit David Bates zofft, mit der Beschreibung, das es gekracht habe zwischen den beiden. Richtig ist, dass beide nach einem härteren Zweikampf kurz heftiger diskutierten. Falsch ist aber, dass daraus irgendetwas nachhaltiges entstanden ist. Im Gegenteil: Beide Spieler gaben sich unmittelbar nach dieser Drei-Sekunden-Szene schon wieder die Hand und vertrugen sich. Kurzum: Es war schlichtweg nicht erwähnenswert.

Viel wichtiger ist, dass Arp am Wochenende bereits einen Schlag auf den Spann bekommen hatte und heute nach einem erneuten Schlag darauf abbrechen musste. „Eine Schmerzfrage“, so Trainer Christian Titz, der nicht damit rechnet, dass Arp länger ausfällt. Ob er ihn stattdessen für Sandhausen am Sonntag einplant? Titz lässt natürlich noch alles offen. Ich glaube es aber eher nicht. Zumal heute Pierre Michel Lasogga nahezu die gesamte Zeit über bei den Spielformen im A-Team agierte, während auf der anderen Seite Manuel Wintzheimer traf. Im Gegensatz zu Arp bis zu seinem Ausscheiden. Aber, und das muss man auch klar sagen: Weder Lasogga noch Wintzheimer, noch Arp überzeugten.

Es wird die spannende Frage für Sonntag sein, wie Titz seine Offensive aufstellt. Spielt er mit einem nominellen Stürmer und kommt über die Außen zu Flanken? Oder setzt er wieder auf die spielerische Lösung wie gegen Kiel mit einer variablen Offensive aus Samperio, Holtby, Ito und Narey?

Ich glaube, dass er Aaron Hunt wieder vorn reinstellen würde, sollte dieser komplett rehabilitiert sein und spätestens am Freitag ins Mannschaftstraining einsteigen können. Hunt würde sich dann mit dem schnellen Narey, der seinen Chancenwucher im Training nahtlos fortsetzt, abwechseln. Ansonsten glaube ich, dass gegen die tief stehenden und (gegen jeden Gegner in dieser Liga) tief verteidigenden Sandhausener ein Stürmer im Zentrum gut sein kann, der Flanken verwertet. Lasogga wäre da sicher am geeignetsten.

Die zweite große Frage ist, wer hinten in der Innenverteidigung spielt. Heute testete Titz mit Stephan Ambrosius neben Rick van Drongelen. Aber auch Albin Edal wurde zuletzt immer wieder als Möglichkeit spekuliert – sofern der Schwede dann noch beim HSV ist. Wie der italienische Journalist Gianluca di Marzio berichtet, soll Serie-A-Klub Sampdoria Genua Interesse an einer Verpflichtung von Albin Ekdal haben. Problem hierbei ist, dass die Italiener demnach nur eine Million Euro Ablöse bieten, während der HSV für seinen WM-Fahrer mindestens 2,5 Millionen Euro fordert.

Aber egal wie, gerade bei Ekdal und bei dem zweiten zum verkauf freigegebenen WM-Fahrer Filip Kostic habe ich eine klare Meinung. Auch hier muss der HSV seinen Weg der Umstrukturierung klar beibehalten. Das heißt: Sollte man nahezu sicher mit deren Abgängen rechnen, dürfen sie nicht in die Startelf rücken und einem anderen Spieler den Platz wegnehmen, der jede Minute brauchen kann, um sich schnell an die Zweite Liga zu gewöhnen und  so auf lange Sicht maximal helfen zu können. Egal, wie hoch der Druck für den Moment auch sein mag – der langfristige Aufbau hat Vorrang. Sollte man dagegen ernsthaft in Erwägung ziehen (müssen) einen oder gar beide Spieler mit in die Zweitligasaison zu nehmen, ist das natürlich was ganz anderes und hinfällig.

Egal wie, ich bin froh, dass der HSV bislang unbeirrt bleibt – und die Fans das wider alle Hindernisse (85 Euro für ’nen Sitzplatz in der zweiten Liga ist tatsächlich absurd...) mitgehen.

Bis morgen. Da wird übrigens um 18 Uhr trainiert, um den Temperaturen ein wenig aus dem Weg zu gehen.

Scholle

 

  

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Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.

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