Marcus Scholz

7. September 2020

Zwei Tage haben die HSV-Profis von Trainer Daniel Thioune freibekommen. Das dürfte reichen, um mal so richtig durchzuschnaufen und ab Mittwochnachmittag wieder voll anzugreifen. Immerhin sind es dann auch nur noch fünf Tage Vorbereitung auf den ersten echten Härtetest im DFB-Pokal bei Dynamo Dresden am kommenden Montag – wo wir übrigens auch mit der ersten Auswärtscouch der Saison 2020/21 für Euch dabei sein werden. Aber das ist jetzt (noch) nicht das Thema. Interessant sind die Personalien des HSV, die bis zum Ende dieser Transferfrist noch zu klären sind. Allesamt auf ihre ganz individuelle Art und Weise. Also selbst die, bei denen es so aussieht, als könnten sie gar nicht mehr sauber gelöst werden. Wie bei Julian Pollersbeck zum Beispiel.

Bei dem Keeper, der vor drei Jahren als frisch gebackener U21-Europameister für rund drei Millionen Euro zum HSV wechselte und hier als neue Nummer eins eingeplant war, streiten sich die Experten sportlich. Selbst intern sind sich der Keeper und die sportliche Leitung des HSV alles andere als einig. Länger schon. „Er wirkte müde“, hatte Trainer Daniel Thioune am Sonnabend nach dem Test gegen Hertha BSC gesagt und damit begründet, weshalb er Pollersbeck hinter Tom Mickel und Daniel Heuer Fernandes sähe. Eine Begründung, die nicht so wirklich greifbar ist, zumal Pollersbeck in der Vorbereitung sportlich gute Leistungen  zeigte.

Pollersbecks HSV-Zeit war schon vorher abgelaufen

Und obgleich ich in den letzten Monaten immer wieder betont hatte, dass Pollersbeck für mich der Torhüter mit dem größten Potenzial zur Nummer eins ist, sage ich heute: Trennt Euch! Denn manchmal geht einfach nichts mehr. Und in diesem Fall scheint es so zu sein. Zumindest ist es so zu hören. Dass Pollersbeck auf der einen Seite in der Vorbereitung mit Sonderschichten fleißig gewesen ist, um seine Chance zu ergreifen ist das eine. Andererseits bekam er gleich zu Beginn der Vorbereitung gesagt, was ihm schon vor der Saison 2019/20 gesagt worden war: Dass er gehen kann, wenn ein entsprechendes Angebot reinkommt. Zur Motivation, sich beim HSV mit allen Mitteln als Nummer eins durchzusetzen, trug das natürlich nicht bei. Im Gegenteil. Dazu kam, dass sich Pollersbeck mit Union Berlin bereits weitgehend einig gewesen sein soll, ehe sich die Hauptstädter anders entschieden und Andreas Luthe vom FC Augsburg verpflichteten. Parallel dazu gaben sie ein Ablöseangebot beim HSV ab, dass in Worten an Pollersbeck ausgedrückt heißen sollte: „Wir wollen dich gar nicht.“

Von diesem Moment an war die Situation nahezu unlösbar. Pollersbeck wusste, dass in Hamburg nicht auf ihn gezählt würde und er entbehrlich ist. Das würde sich auch nicht ändern., Trotzdem konnten beide Seiten nicht offen kommunizieren, dass man sich trennen will, um den eh schon gesunkenen Marktwert nicht noch weiter fallen zu lassen. Die Hoffnung auf einen Verkauf trieb den HSV dazu, die Torwartfrage weiter offen zu halten. Bis jetzt. Denn jetzt musste der Trainer reagieren, um nach Pollersbeck nicht auch noch die anderen beiden Keeper zu beschädigen. Denn Fakt ist: Ein Torwart braucht das unbedingte Vertrauen. Auch deshalb sagte Thioune zuletzt, dass er sich auf einen Keeper festlegen werde und dieser seinerseits „das unbedingte Vertrauen“ genießen werde.

Und klar: Pollersbeck konnte das nicht mehr sein. Das Vertrauensverhältnis zwischen der sportlichen Leitung (Boldt, Mutzel und das Trainerteam) und dem jungen Keeper war endgültig irreparabel. Es war nur noch ein interessengesteuertes Schweigen, um wenigstens die Möglichkeit aufrechtzuerhalten, ihn noch zu verkaufen bzw. aus Sicht Pollersbecks, doch noch einen Verein zu finden, der auf ihn setzt.

 

Leider ohne Erfolg . Von daher war die Entscheidung Thiounes ebenso erwartungsgemäß wie logisch. Auch, wenn sie sportlich schwer nachvollziehbar ist – sie ist angesichts der Umstände inzwischen schon alternativlos. Auf dem Weg bis hierhin wurden zu viele Fehler gemacht. - Von Vereinsseite – aber eben auch von Spielerseite. Aus der einst so gefeierten, hoffnungsvollen neuen Liebe ist eine von vielen Vertrauensbrüchen und anderen persönlichen Enttäuschungen geprägte, und jetzt eben endgültig gescheiterte Beziehung geworden, die künstlich am Leben erhalten wurde.

Wird Pollersbeck der Wood unter den Torhütern?

Es ging tatsächlich schon lange nicht mehr darum, diese Beziehung (um mal in diesem zwischenmenschlichen  Jargon zu bleiben) zu retten. Die Liebe war nicht mehr herzustellen. Vielmehr ging es nur noch darum, den bestmöglichen Weg und Zeitpunkt für die Trennung zu finden. Und es passt zu der ganzen Thematik, dass man auch das nicht hinbekommen hat. So hat man einen jungen, talentierten Keeper mit Vertrag beim HSV, der sportlich eigentlich gar keine Rolle mehr spielen kann. Der postet unmittelbar nach Bekanntwerden seiner finalen Degradierung beim HSV dann auch gleich einmal ein provokant wirkendes Foto, das ihn lächelnd in HSV-Montur zeigt. Das Ende? Mitnichten. Denn Pollersbeck verdient gutes Geld beim HSV und droht der Bobby Wood unter den Torhütern zu werden: Ein aussortierter Gutverdiener.

Es ist tatsächlich müßig, die Schuldfrage aufzuarbeiten. Bei Markus Gisdol beginnend hatte ich bis zuletzt gefordert, dass Pollersbeck das unbedingte Vertrauen brauche, um seine Bestform zu erreichen. Allerdings darf das Ganze auch nicht zur Einbahnstraße werden. Soll heißen: Auch von Pollersbeck muss ein Maximalmaß an Professionalität erwartet werden können. Und so sehr ich Pollersbeck auch schätze und befürchte, das er bei seiner nächsten Station das zeigt, was wir uns hier von ihm erhofft hatten: Thioune scheint nicht der Trainer zu sein, der sich von oben reinreden lässt oder sich von alten Geschichten beeinflussen lässt. Ich glaube ihm, wenn er sagt, dass er Pollersbeck aussortiert, weil er den Eindruck hat, dieser würde zu stark vorbelastet sein.

 

Fakt ist: Pollersbeck und der HSV – das funktioniert nicht (mehr) und die Trennung ist die erwachsenste Lösung. Egal, wie schön es hätte sein können oder gar hätte werden müssen – es ist nicht so. Weil beide Seiten einfach dumm waren und zu viele Fehler gemacht haben. Von daher hoffe ich, dass beide Seiten das offensichtlich Unvermeidliche akzeptieren und alle Energie darauf verwenden, diese Trennung jetzt auch zu vollziehen. So schade es auch ist. Manchmal muss man sich trennen, auch wenn es eigentlich alles hätte passen können/müssen.

Ambrosius' Berater pokert gefährlich hoch

Traurig wäre übrigens auch, wenn ein Spieler komplett schuldlos in eine solche Situation reinrutscht – was Stephan Ambrosius passieren könnte. Der hat gerade den Berater gewechselt und sein neuer Agent hat nichts Besseres zu tun, als den taufrischen, noch sehr brüchigen Höhenflug des Innenverteidigers zu nutzen, um zu pokern. Es gäbe Angebote aus anderen Ligen, sagt Nochi Hamasor. So heißt der neue, fleißige Agent. Und wisst Ihr was? Er tut seinem Spieler damit alles andere als einen Gefallen.

Denn Ambrosius selbst will spielen. Beim HSV. Und aktuell hat er auch sehr gute Chancen. Aber: Sollte der HSV, der weiter Geld braucht, jetzt hier dem Berater glauben und ein Geschäft wittern, werden sie alles daran setzen, Ambrosius tatsächlich zu verkaufen. Oder aber der HSV hält die Worte des Beraters für Pokerei. Angesichts der Tatsache, dass Ambrosius gerade das erste Mal überhaupt in Richtung Startelf der Profis schielen darf, ein gewagter Zeitpunkt, um auf dicke Welle zu machen…

 

Apropos ungünstiger Zeitpunkt: Bakery Jatta hat sich einen Muskelfaserriss in den Adduktoren zugezogen und fällt damit vorerst aus. Auch für das Pokalspiel am Montag gegen Dresden dürfte es nicht reichen. Inwieweit der Gambier zum Saisonauftakt am 18. September gegen Düsseldorf wieder dabei ist, ist ebenfalls noch offen.

Gute Besserung von dieser Stelle! Und bis morgen! Da melde ich mich um 7.30 Uhr wieder mit dem MorningCall bei Euch!

Bis dahin,

Scholle

FAQs

 
 

Über uns

Die Rautenperle - das ist ein Team aus jungen Medienschaffenden und Sportjournalisten mit großer Affinität zum HSV. Wir sind 24/7 bei den Rothosen am Ball und produzieren frischen Content für Rautenliebhaber.

Unser Ziel ist es, moderne, unabhängige Berichterstattung und attraktiven, journalistischen Content für junge und jung gebliebene HSV-Anhänger zu bieten. Wichtig ist uns dabei, eine neue Art des Sportjournalismus zu präsentieren: dynamisch, zeitgemäß, zielgruppengerecht. Weg von verstaubten Zeitungsspalten und immergleichen Phrasen.

Die Rautenperle ist aber nicht nur ein Ort, um sich zu informieren, sondern soll auch immer ein Ort des Austausches und des Miteinanders sein. Wir wollen eurer Leidenschaft einen Platz im Netz bieten: zum Diskutieren, zum Mitfiebern, zum Mitmachen.