Marcus Scholz

30. April 2018

....sollte man trotzdem Anstand bewahren. Aber dazu gleich mehr...

Der HSV hat trainingsfrei und darf einmal durchatmen. Einmal kurz, denn morgen geht es gleich mit zwei Einheiten um zehn und um 15 Uhr weiter. Vorbereitung auf das zweifelsfrei schwierige Spiel bei Eintracht Frankfurt am kommenden Sonnabend. Und dort muss – welch Überraschung – wieder gewonnen werden, wenn man sich die Chance auf den Klassenerhalt bewahren will. Wobei, eigentlich ginge es auch ohne Sieg – wenn Wolfsburg parallel verliert. Aber nach dem erschütternden Auftritt der Leipziger gestern beim FSV Mainz glaube ich nicht daran, dass die Mannschaft von Trainer Bruno Labbadia dort verliert. Im Gegenteil.

Wobei, bevor ich mich weiter über die Arbeitsverweigerung der Leipziger ärgere, noch ein Wort zu Labbadia. Ganz stolz hat mir ein guter Bekannter berichtet, wie man Labbadia mit Sprechchören im Stadion gefeiert bzw. so verhöhnt hätte. Und der Kollege war mächtig erstaunt, als ich so gar nicht mitlachen wollte und stattdessen mit maximalem Unverständnis reagierte. Denn Labbadia hat hier seitens der HSV-Fans alles verdient – außer Hohn. Wer den HSV zu einer Phase übernimmt, in der der Klub nahezu abgestiegen ist und diesen Klub in allerletzter Sekunde gegen alle (sogar interne!) Widerstände rettet, der hat den Status „Retter“ verdient und gehört gefeiert. Bei jedem Wiedersehen.

Und dass Labbadia letztlich nicht Trainer blieb, lag definitiv nicht allein an ihm, sondern vor allem auch an der fehlenden Struktur im HSV. Denn anstatt seine Wünsche äußern zu können und zusammen mit einem Sportchef den Kader zusammenzustellen, musste er sich plötzlich mit Vorstandsboss Beiersdorfer darüber streiten, welche Spieler geholt werden sollten und welche nicht. Weil kein Sportchef da war. Ergo: Die Trennung war damals sicherlich okay – aber sie ändert mal nullkommagarnichts an der Tatsache, dass sich Labbadia hier als Retter einen Status erarbeitet hat, der es verbietet, ihn von HSV-Seiten zu verhöhnen.

Die Fans sollte sich hierbei an Christian Titz orientieren, der trotz aller Lobgesänge auf seine Person außergewöhnlich bescheiden und ruhig bleibt. Seinem sympathischen Auftritt im Sportstudio (wo er immer das gesamte Team aus Mannschaft und seinen Assistenten betonte) folgte ein Rüffel in Richtung seines Buddys Lewis Holtby, der nach dem Wolfsburg-Spiel behauptet hatte, man würde unter Titz das erste Mal seit vier Jahren überhaupt wieder Fußball spielen. Und während ich mir sicher bin, dass alle damit kritisierten Trainer (Slomka, Zinnbauer, Knäbel, Labbadia, Gisdol, Hollerbach) an Titz’ Stelle einfach ruhig geblieben wären und nichts gesagt hätten, verbot sich Titz derlei Kommentare für die Zukunft. Weil er Anstand hat.

Genauso verbietet es sich eigentlich auch, sich jetzt über andere Mannschaften zu ärgern, weil diese gegen die HSV-Konkurrenten verlieren. Mag sein. Aber was die Leipziger mit ihrem an sich sensationellen Potenzial im Team gestern in Mainz gezeigt haben war unterirdisch. Ball verlieren und stehen bleiben, willenlos den Ball ins Aus dreschen und einfach gar nicht am Spiel teilnehmen wollen – bei allem Schrott, den der HSV in dieser und vorigen Saisons schon gezeigt hat, war das gestern noch mal eine Steigerung dazu. Problem bzw. die einzig zulässige Erkenntnis hierbei ist: Sich auf andere verlassen funktioniert eben nicht. Schon gar nicht an den letzten Spieltagen. Insofern hat der HSV am Ende natürlich selbst schuld, sich nicht vorher abgesichert zu haben. So sehr einen solche Spiele wie gestern auch aufregen...

Realistisch betrachtet bleibt dem HSV nach den Siegen von Mainz und Freiburg am Wochenende nur noch die Hoffnung, den VfL Wolfsburg noch einzuholen und über die Relegation die Klasse zu halten. Dort würde es mit hoher Wahrscheinlichkeit gegen Holstein Kiel gehen. Ein Nordderby mit einem Zusatzreiz, den man intensiver nicht anhängen könnte. Wobei der HSV auf dem Weg dahin zunächst einmal in Frankfurt bestehen muss, was an sich schon schwer genug ist. Nicht unmöglich, wenn man sich die letzten Wochen unter Christian Titz ansieht. Aber selbst in guter Verfassung wird es schwierig. Denn der Pokal, auf den sich die Frankfurter ja angeblich so sehr fokussieren, ist dann noch zwei Wochen entfernt. Zudem geht es für die Hessen noch darum, die Chance auf den internationalen Wettbewerb wahrzunehmen. Da ist jeder Ärger unter der Woche plötzlich komplett Banane, wenn es auf dem Platz um die letzte Chance geht. Und deshalb müssen auch sie am Sonnabend in ihrem letzten Heimspiel der Saison, zudem dem letzten mit Niko Kovac an der Seitenlinie, unbedingt gewinnen.

Heute war trainingsfrei. Entsprechend wenig ist passiert. Nicolai Müllers Vertragsgespräche sollen noch mal aufgenommen werden, obwohl der Wechsel nach Gelsenkirchen zum FC Schalke dem vernehmen nach sehr weit ist (um nicht durch zu schreiben). Und aus Frankfurt besteht Interesse an Tatsuya Ito. Nun denn, ganz sicher nicht nur aus der Ecke. Es sollen sich schon andere Klubs vorher bei den Beratern (allerdings noch nicht beim HSV) gemeldet haben. Und alles andere wäre auch seltsam. Daher: alles normal. Ich wünsche Euch einen schönen Restmontag und einen schönen 1. Mai. Am Tag der Arbeit trainiert der HSV wie sonst auch immer dienstags wieder zweimal, um 10 und um 15 Uhr öffentlich. Ich melde mich morgen wieder bei Euch und stelle Euch der Übersicht halber hier noch mal kurz das Restprogramm aller Abstiegskandidaten rein:

Restprogramm:

14. FSV Mainz (35:49 Tore, 33 Punkte)

Borussia Dortmund (A)

Werder Bremen (H)

 

15. SC Freiburg (29:53 Tore, 33 Punkte)

Borussia Mönchengladbach (A)

FC Augsburg (H)

 

16. VfL Wolfsburg (31:43 Tore, 30 Punkte)

RB Leipzig (A)

1. FC Köln (H)

 

17. HSV (27:49 Tore, 28 Punkte)

Eintracht Frankfurt

Borussia Mönchengladbach

 

18. 1. FC Köln (31:60 Tore, 22 Punkte)

FC Bayern (H)

VfL Wolfsburg (A)

  • Köln ist bereits abgestiegen

 

In diesem Sinne, hoffen wir weiter. Solange es rechnerisch noch möglich ist...

Bis morgen!

Scholle

 

 

PARTNER VON

Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.

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