Marcus Scholz

9. April 2018

Egal, wie man es rechnet, der Abstieg des HSV ist nur noch schwer zu verhindern. In den Sat1-Nachrichten gestern Abend war der Sprecher sogar etwas voreilig und machte aus Köln und dem HSV keine Abstiegskandidaten, sondern sagte „als Absteiger fest stehen der 1. FC Köln und der HSV“. Und das, obwohl der HSV gerade den ersten Sieg seit 15 Spielen eingefahren hatte und das erste Mal seit Ewigkeiten wieder Hoffnung aufkeimt. Fünf Punkte in fünf Spielen sowie das Torverhältnis, das Mainz mit sechs Treffern besser ausweist, sind aufzuholen. Warum das passieren sollte? Keiner weiß es. Und trotzdem glauben zwei von drei HSV-Anhängern (wenn man nach den Umfragen geht) wieder daran.

Warum?

Weil HSV-Fans dieses Leid kennen und es bisher immer irgendwie geklappt hat. Rational zu begründen ist da nichts. Und auch in dieser Saison wäre ein Nichtabstieg gleichzusetzen mit einem Wunder. Einem höchst unverdienten, wenn man die gesamte Saison betrachtet. Denn die Fehler, die diese Saison gemacht wurden, wurden nicht zum ersten Mal gemacht. Die Verantwortlichen um Vorstandsboss Heribert Bruchhagen wurden sogar explizit davor gewarnt. Apropos, das gilt auch für die Trainerfrage. Immer wieder wurde erzählt, wie sich der HSV einst durch zu zögerliche Entscheidungen bei Slomka und Labbadia in die Situation manövriert hatte, mit einem Trainer in eine Vorbereitung bzw. die Runde zu gehen, von dem man längst nicht mehr überzeugt war.

So, wie mit Gisdol in diesem Winter. Oder auch mit Bernd Hollerbach als dessen Ersatz. Beide Male gab es intern mehr Gegenstimmen als Befürworter – und dennoch setzte sich der Vorstandsboss durch. Schlimmer noch: Bereits im Herbst 2017 hatte Heribert Bruchhagen einen Termin mit Christian Titz in seinem Büro. „Ich wollte den Trainer einmal kennenlernen“, sagte mir Bruchhagen später und verschwieg, dass es bei dem Gespräch auch darum ging, zu sehen, inwieweit Titz für den Fall der Fälle geeignet wäre. Immerhin hatte der HSV damals seit dem zweiten Spieltag nicht mehr gewinnen können und rutschte genau dahin, wo ihn die viele Kritiker – auch ich – im Sommer gewähnt hatten: In den tiefsten Abstiegskampf.

Und auch jetzt steht der HSV wieder an einem solchen Scheideweg. Wenn ich in den letzten Tagen von den „Verantwortlichen des HSV“ gesprochen habe, dann waren in allererster Linie der letzte Vorstand Frank Wettstein sowie der Aufsichtsrat unter der Führung von Bernd Hoffmann gemeint. Mehr Entscheidungsträger fielen mir zumindest nicht ein. Und diese Herren müssen jetzt genau abwägen, wann eine derart wichtige Entscheidung wie die auf der Trainerposition getroffen werden kann bzw. muss. Argumente gibt es genügend. Zum Beispiel das, dass man abwarten wolle, wie die nächsten Spiele ausgehen. Man wolle nicht vorschnell Verträge vergeben, die man dann nach wenigen Wochen doch wieder auflösen und abfinden müsse. Auch, weil ein neuer Sportchef, der zugleich einen Vorstandsposten einnehmen soll, erst noch gefunden werden muss. Und der wiederum soll dem HSV die Philosophie nicht nur geben, sondern sie auch langfristig durchsetzen – mit dem dafür geeigneten Trainer.

Auch Aufsichtsratsboss und e.V.-Präsident Bernd Hoffmann hat inzwischen angedeutet, sich diesen Weg vorstellen zu können. Hier im NDR-Interview ist es zu sehen und zu hören.

Ich schreibe es seit Wochen und bleibe auch dabei: Alles, was ich gehört habe, spricht für eine Verpflichtung von Leverkusens Manager Jonas Boldt. Und sollte der HSV mit ihm tatsächlich schon soweit sein, wie ich gehört habe, dann kann man schon jetzt Entscheidungen besprechen und sie treffen. Nein, in aller Regel passiert das so. Laufender Vertrag hin oder her. Insofern sollte sich der HSV sehr wohl intern einig werden – aber sich dafür auch nicht mehr zu viel Zeit lassen.

Denn bei aller Hoffnung, die ich hier auch keinem nehmen will, die Kaderplanung des HSV für die kommenden Saison wird nicht darum gehen können, einen Kader für den internationalen Wettbewerb zusammenzustellen. Vielmehr muss der HSV im gefühlt 100. Anlauf endlich seinen Umbruch umsetzen. Und wenn er das nicht jetzt macht, wo ihn das Schicksal schon dazu zu zwingen scheint, dann wird es niemals mehr klappen, befürchte ich.

Nein, ich würde Titz einen Kader unter der Prämisse zusammenstellen lassen, den sofortigen Wiederaufstieg als realistisches Ziel ausgeben zu können. Also mit dem Abstieg einkalkuliert. Sollte es am Ende doch die große Überraschung bzw. „das Wunder Klassenerhalt“ geben, man könnte immer noch an entscheidenden Punkten nachbessern und hätte ansonsten einen perspektivischen und günstigen Kader zusammengestellt, der eine gute Basis darstellt. Wie oben geschrieben, man wäre nach Jahren des Geldverbrennens tatsächlich durch einen massiven Rückschlag auf brutale Art und Weise dazu gezwungen worden, das zu machen, was längst überfällig ist: Eine Rundumerneuerung.

Dass die letzten Wochen, in denen Titz mit vielen schwierigen Entscheidungen zu Eigengewächsen und mutigem Offensivfußball bewiesen hat, dass er das Aufbruchs-Gen in sich trägt, für ihn sprechen, klar. Vor allem aber sind die aktuellen Umfragen, in denen zweidrittel der Befragten dem HSV sogar den Klassenerhalt zutrauen, für mich ein klares Indiz dafür, dass man gewillt ist, diesen Weg mitzugehen. Wissend, dass es Rückschläge geben kann lechzen alle nach etwas, was es hier noch nie gab. Und auch ich gehe lieber diesen mutigen Weg mit, als einen, der schon oft und immer wieder gescheitert ist.

Titz sammelt gerade erst Erstligaerfahrungen, das stimmt. Aber er ist ein inhaltlich starker Trainer und vor allem noch nicht so arrogant zu glauben, dass es schon funktionieren wird. Im Gegenteil: Titz ist selbst noch unverbraucht und brennt darauf, sich seinen guten Namen zu machen. Und anstatt sich einen namhaften Trainer zu holen und dazu viele (geliehene oder auch geschenkte) Millionen in so genannte Sofortverstärkungen zu stecken, würde ich endlich einmal in die andere Richtung gehen. Mit all den Itos, Arps, Steinmännern, Ambrosius’, Janjicics und Vagnomans, die dieser HSV noch bereitstellt und all den Manuel Wintzheimers und Lars Lukas Mais (die beiden Talente sollen vom FC Bayern kommen). Und ich glaube auch: Mit einem Trainer wie Titz kann sich der Fan wieder identifizieren, weil man den Weg von Anbeginn an gemeinsam geht. Dieser gemeinsame Neubeginn verbindet und ist allemal besser als alles das, was man hier in den letzten Jahren teuer eingekauft hat...

 

In diesem Sinne passend dazu die Meldung, dass es aktuell keine Trikots mehr mit dem Schriftzug „Ito“ gibt – ausverkauft... Bis morgen! Da wird um 10 und um 15 Uhr trainiert.

Scholle

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Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.

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