Marcus Scholz

14. Juni 2020

Es wäre sicher am naheliegendsten, jetzt eine Diskussion darüber zu führen, ob Aaron Hunts automatische Vertragsverlängerung für den HSV gut ist oder nicht. Das würde hier viele Pros und Contras ergeben und sicher interessant auch im Nachgang. Aber darum hätte es vorher gehen können – und darüber kann man sicher auch nach dieser Saison wieder diskutieren. Aber für den Moment geht es nicht darum. Würde ich eine Rangliste mit HSV-Themen machen, Hunts neuer Vertrag wäre bei mir nicht in den Top 50. Denn diese werden von aktuellen Themen dominiert. Meine Nummer ein bis 49: Das nächste Spiel! Was morgen passiert, interessiert nullkommagarnicht. Der Moment zählt. Denn nach dem HSV hat gestern auch der 1. FC Heidenheim gewonnen und ist weiter zwei Punkte hinter dem HSV auf Rang vier. Hinzukommt, dass der VfB Stuttgart heute in Karlsruhe mit 1:2 verlor und dem HSV somit einen Punkt Vorsprung und Tabellenplatz zwei überlässt. Ergo: Das war ein sehr guter Spieltag für den HSV!

Zumal es am Dienstag schon weitergeht. Dass in dieser Phase der Saison jedes Spiel schwer ist, muss ich nicht dazusagen. Dafür sorgte der HSV im Doppelpack mit den Schwaben, während Heidenheim langsam aber sicher heranschlich und jetzt tatsächlich aus eigener Kraft noch den Aufstieg schaffen kann. Was ich damit sagen will: Es geht hier um nichts anderes mehr, als darum, den Aufstieg zu schaffen. Wie das vollbracht wird – auch das ist ab jetzt spätestens: Richtig! Es ist scheißegal!

Denn so schwer die Saisonphase auch für viele sein mag, sie hat auch etwas Gutes für die Spieler. Zumindest war das bei mir immer so. Denn die Tabelle lässt gar keine Auslegungen mehr zu. Tabellarisch fällt das mir beim HSV viel zu oft zitierte „auch bei einer Niederlage ist noch nichts entschieden“-Gesabbel endlich weg. Es gibt keine Alibis mehr, keine Relativierungen für Niederlagen und Punktverluste. Die Versuchung, auch mal mit etwas weniger zufrieden zu sein bzw. „damit leben zu können“ – sie fällt komplett weg. Ich behaupte sogar, dass genau diese Haltung dem HSV in dieser Saison schon zu viele Punkte gekostet hat. Von daher freut es mich umso mehr, wenn wir nicht nur von Endspielen sprechen, sondern diese auch tatsächlich welche sind.

HSV muss den Trend aus der Hinserie umkehren

Was genau ich damit meine, zeigte sich im Hinspiel beim VfL Osnabrück wo der HSV eine ganz bittere 2:1-Niederlage einfuhr und von der Tabellenspitze verdrängt wurde. Bis dahin hatte der HSV einen Punkteschnitt von 2,1 Pro Spiel und alle sprachen nach der zweiten Saisonniederlage davon, dass man diese nicht überbewerten dürfe. Die Folge: Seither sank der Punkteschnitt auf 1,4 Punkte pro Spiel ab. Von daher hoffe ich, dass der HSV diesen Trend diesmal umkehrt und aus dem einen Punkt, den man aus den letzten drei Hinspielen noch holte, diesmal „einfach“ neun Punkte macht. Womit ich mein Motto verraten hätte: „Einfach“ nur auf sich selbst achten und gewinnen! So leicht ist es jetzt in den nächsten drei Partien gegen Osnabrück, in Heidenheim und zuhause gegen Sandhausen.

Und ganz ehrlich: Seit Dresden hoffe ich tatsächlich ehrlich wieder, dass das klappt. Denn in Dresden hatte das Spiel des HSV einen großen Unterschied zu sonst: Die Mannschaft hat nicht wieder ab der 70 Minute aufgehört, zu spielen, sondern bis zur letzten Sekunde durchgezogen. Angetrieben von Taktgeber Aaron Hunt fielen nicht einmal die erneut schwache Leistung von Adrian Fein sowie die erneut durchwachsene Partie von David Kinsombi ins Gewicht. Auch nicht, dass der HSV allein in der ersten Halbzeit wieder drei, vier Hundertprozentige liegen gelassen hatte. „Gerade in der ersten Halbzeit muss ich natürlich das eine oder andere Tor machen bzw. die Entscheidung besser treffen, dann geht es leichter“, wusste Martin Harnik nach dem Spiel selbstkritisch zu berichten.“ Aber seine Mannschaft machte diesmal im Gegensatz zu sonst weiter. Sagte auch Harnik: „Gerade mit unserer jungen Vergangenheit, mit den tragischen Spielverläufen, war es beeindruckend, dass wir nicht die Nerven verloren und uns spät belohnt haben. Wir hören aber nicht auf, Fußball zu spielen.“

 

Und genau DAS ist entscheidend.

Und deshalb ist im Zusammenhang mit Aaron Hunt im Moment nichts wichtig, abgesehen davon, dass er fit bleibt und den HSV weiter anführt. Hunts Daseinsberechtigung kann sich trotz der sehr durchwachsenen Saison allein aus den letzten sechs, sieben Spielen nähren. Soll heißen: Führt Hunt den HSV weiter so an und damit zum Aufstieg, hat er seine Mission erfüllt und seine Kritiker eines Besseren belehrt. Dann bekommt er eine gute Gesamtnote. Ob und wie es dann allerdings danach weitergehen sollte – das ist dann wieder eine ganz andere Diskussion. Fakt aber ist, dass Hunt in dieser Phase der Saison zeigt, warum der Trainer so auf ihn setzt.

Und wer auch immer sich jetzt die Arroganz herausnimmt, in dieser ultimativen Saisonphase über irgendwas anderes zu sprechen, als über das nächste Spiel und die daraus notwendigen nächsten drei Punkte – der wird verlieren. In den letzten Jahren war der HSV immer gern ein Kandidat für derartige Fehler, die richtigen Diskussionen zu den falschesten Zeitpunkten zu führen. Und auch bei uns im Forum wird – sehr sachlich, das muss ich sagen – über den Trainer diskutiert. Auch wenn es für mich einfach unerklärlich ist, wie hier wirklich jemand glauben kann, mit einem Trainerwechsel auf den letzten Zentimetern mehr positive Energie denn Verwirrung zu stiften.

Nein – es ist genauso schwer wie einfach, die letzten drei Saisonspiele anzugehen. Null Kompromisse, keine Diskussionen mehr – egal über wen. Nebensächlichkeiten ausblenden, Scheuklappen auf und Spiele gewinnen! Dabei ist es sogar fast egal, welche elf Spieler letztlich auf dem Platz stehen – sie müssen die Spiele gewinnen. Womit ich zu den möglichen Umstellungen gegen Osnabrück komme. Denn die wird es schon zwangsläufig geben.

 

Die Sperre von Rick van Drongelen sorgt dafür, dass die Viererkette auf mindestens einer Position verändert wird. Da sowohl Jordan Beyer als auch Ewerton verletzt sind bleibt Trainer Hecking nur die Wahl zwischen  Gideon Jung und einer Behelfslösung wie beispielsweise Josha Vagnoman oder auch Christoph Moritz. Und ich würde ‘ne Menge darauf setzen, dass es letztlich Gideon Jung sein wird, der am Dienstag in die Innenverteidigung rückt.

Etwas unklarer ist dagegen die Situation auf der rechten Abwehrseite. Dort hatte Josha Vagnoman in den letzten Wochen gute Leistungen gezeigt, bis er gegen Dresden nach ein paar Problemen gegen Jan Gyamerah ausgetauscht wurde. Der wiederum war sofort zur Stelle und brachte Schwung ins Spiel. So viel, dass der Trainer sicher nicht nur einmal darüber nachdenken wird, wen dieser beiden er am Dienstag in die Startelf steckt.

Egal wer auf dem Platz steht - ein Sieg ist Pflicht!

Ansonsten hat der Trainer meiner Meinung nach nicht viel Grund, personell etwas zu verändern. Wobei Bakery Jatta als Joker in Dresden endlich wieder funktionierte und Hecking zuletzt angekündigt hatte, Sonny Kittel ob seiner Knieprobleme auch mal eine Pause gönnen zu müssen. Oder Jatta ersetzt Harnik. Aber in den letzten zwei Wochen dieser Saison ist auch das alles – RICHTIG! – komplett (sch…)egal.

Wer jetzt nicht schon komplett angezündet auf den Platz geht, der hat hier wirklich nichts zu suchen. Wer jetzt rummault, weil ein anderer an seiner Stelle spielt, anstatt diesen vom Rand aus bedingungslos anzufeuern - der hat den Sinn des Spiels nicht verstanden. So einfach ist das! Und genau so fasst es auch Martin Harnik zusammen: „Wir haben eine sehr gute Stimmung in der Mannschaft und pushen uns immer gegenseitig. Wir machen uns auch keine Vorwürfe. Die Anspannung ist riesig, wir wissen schließlich, um was es geht, wissen aber auch, dass wir uns schon selber im Wege standen.“

 

Hoffen wir es. Oder anders formuliert: Ich habe diese Hoffnung tatsächlich wieder. Und das sage ich nicht nur, um positiv zu bleiben – sondern das empfinde ich wirklich genau so. Ich hoffe, dass sich in den nächsten Wochen zu Pollersbeck, Leibold, Pohjanpalo und allen voran Aaron Hunt noch weitere Spieler gesellen, die vorangehen und ihre Leistung wieder abrufen. Dann wird es klappen.

In diesem Sinne, viel mehr gibt es heute nicht zu sagen. Freuen wir uns über den üblen Patzer des VfB in Karlsruhe und schauen wir auf uns. Schon morgen früh um 7.30 Uhr melde ich mich wieder mit dem MorningCall bei Euch, ehe ich Euch am Abend nach der Pressekonferenz mit Trainer Dieter Hecking dann noch mit den letzten Neuigkeiten zum HSV versorge. Bis dahin dürfte dann auch geklärt sein, ob der angeschlagene Kinsombi (Knie) dabei sein kann, ob Dudziak (Verhärtung) sicher ausfällt und wer am Dienstag van Drongelen ersetzt.

Bis dahin!

Scholle

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