Tobias Escher

29. Mai 2020

Im wohl wichtigsten Spiel der Saison die eigene Mannschaft mutig und offensiv einstellen: So viel Chuzpe muss ein Trainer erst einmal haben. Im Spitzenspiel zwischen dem Hamburger SV und dem VfB Stuttgart brachte Dieter Hecking diesen Mut auf. Doch mit dem 0:2 im Rücken entdeckten plötzlich auch die Stuttgarter ihre mutige Seite – und drehten eine verrückte Partie. Die XXL-Analyse.

Kontinuität statt Experimente: So lautete Heckings Motto vor dem Spiel in Stuttgart. Im Vergleich zum 0:0 gegen Arminia Bielefeld veränderte der Coach seine Anfangsformation nur auf einer Position. Bakary Jatta startete auf Rechtsaußen für den erkälteten Sonny Kittel. Der HSV begann also mit der üblichen Mischung aus 4-3-3 und 4-2-3-1. Jeremy Dudziak pendelte in dieser Partie zwischen Achter- und Zehnerposition.

VfB-Trainer Pellegrino Matarazzo hatte die schwierigeren Entscheidungen zu treffen. Sein Team war mit zwei Niederlagen in die Post-Corona-Zeit gestartet und stand mit dem Rücken zur Wand. Ein Sieg gegen den HSV war Pflicht. Zudem musste er auf die gesperrten Atakan Karazor (fünfte Gelbe Karte) und Daniel Didavi (Gelb-Rot in Kiel) verzichten. Ein Umbau der Startformation war unumgänglich. Nur: Welche Variante sollte Matarazzo wählen? Eine mutige Herangehensweise oder die Sicherheitsvariante?

Defensive Stuttgarter

Er wählte Letzteres und versuchte zugleich, den HSV mit einer völlig neuen Aufstellung zu überraschen. Nominell agierte der VfB in einem 4-2-3-1-System, jedoch mit einigen Kniffen: Silas Wamangituka, sonst zumeist im Sturm oder auf rechts eingesetzt, gab den Linksaußen. Philipp Förster, eigentlich im Zentrum beheimatet, begann auf Rechtsaußen. Nicolás Gonzalez und Hamadi Al Ghaddioui bildeten ein völlig neues Duo im Angriffszentrum, während Mario Gomez auf der Bank Platz nehmen musste.

Weshalb dies eine Sicherheitsvariante war, wurde bereits nach wenigen Minuten deutlich. Der VfB agierte im Ballbesitzspiel enorm konservativ. Die Doppelsechs postierte sich dicht vor der Viererkette, die ebenfalls recht tief agierte. Gerade die Außenverteidiger hielten sich im Aufbau zurück. Das Ziel der Stuttgarter war, den Ball möglichst gut mit sechs Akteuren um den Mittelkreis laufen zu lassen. Erst im weiteren Angriffsverlauf sollten die Außenverteidiger aufrücken. Ballverluste im Mittelfeld wollten sie unbedingt vermeiden, und wenn sie doch geschahen, sollten sechs Akteure tief in der Absicherung verbleiben.

Die Stuttgarter waren bemüht, das Spiel über die Halbräume nach vorne zu tragen. Sowohl die Doppelsechs als auch die Außenstürmer rückten in diesen Bereich zwischen Zentrum und Flügel. Das Kalkül der Stuttgarter: Die Hamburger Mittelfeldspieler sollten sich gegen das enge Konstrukt Richtung Mitte bewegen, um die Halbräume zu sichern. Erst dann sollten die Außenverteidiger vorrücken, um den freien Raum auf dem Flügel zu besetzen.

Idee und Ausführung sind allerdings zwei verschiedene paar Schuhe. So gelang es den Stuttgartern selten, das nötige Tempo im Aufbauspiel aufzuziehen, um die Hamburger wirklich aus der eigenen 4-4-1-1-Defensivformation herauszulocken. Dudziak übte in erster Linie immer wieder Druck aus, um den Spielaufbau der Stuttgarter früh auf die Flügel zu lenken. Es zeigte sich vor allem, dass die Hamburger in ihrer Formation wesentlich eingespielter waren. Bei Stuttgart besetzten Förster und Wamangituka oft Räume, in denen bereits ein Mitspieler stand. Beim HSV hingegen griff im hohen Pressing ein Rädchen ins andere.

Taktische Aufstellung VfB Stuttgart - HSV (1. HZ)
Taktische Aufstellung VfB Stuttgart - HSV (1. HZ)

 

Automatismen beim HSV

Das war keine Überraschung, so wie der gesamte HSV-Auftritt vor der Pause. Sie machten das, was sie bereits die gesamte Saison machen: Aus einem ruhigen Aufbauspiel versuchen sie, mit einer Mischung aus flachen Kombinationen und weiten Diagonalbällen die Abwehr des Gegners zu knacken. Wie bereits gegen Bielefeld schaltete sich Torhüter Daniel Heuer Fernandes oft ins Aufbauspiel ein, er bildete mit den Innenverteidigern eine Dreierkette. Das erlaubte wiederum den Außenverteidigern, weit nach vorne zu rücken.

Am Aufbauspiel von Stuttgart und Hamburg lässt sich gut herausarbeiten, wieso Zahlenspiele wie 4-2-3-1 wenig Aussagekraft haben. Beide Teams wählten eine ähnliche 4-2-3-1-Variante, doch führten sie gänzlich anders aus. Beim HSV rückten die Außenverteidiger weit vor, die Achter bewegten sich immer wieder in die Spitze. Dadurch hatte der HSV wesentlich mehr Risiko, aber auch Zug zum Tor im eigenen Spielaufbau. Sie konnten ihre Ballbesitzphasen wesentlich besser nutzen, um in die gegnerische Hälfte zu gelangen. Dieses höhere Risiko gepaart mit einem aggressiven Pressing der Hamburger war der große Unterschied in der ersten Halbzeit. Oder noch simpler ausgedrückt: Die eine Mannschaft war in ihrer risikoreichen Variante eingespielt – die andere in ihrer risikoarmen nicht. Dank einem Eckball-Treffer sowie einem Elfmeter sicherte sich der HSV eine beruhigende 2:0-Halbzeitführung.

Offensive Umstellungen beim VfB

Spätestens jetzt konnte VfB-Coach Matarazzo gar nicht anders, als seine Mannschaft nach vorne zu peitschen. In der Pause nahm er zwar keine Wechsel vor, veränderte die Mannschaft dennoch auf fast sämtlichen Positionen. Stuttgart begann die zweite Halbzeit mit einer Mittelfeldraute in einem 4-3-3. Förster rückte dazu neben Orel Mangala auf die Doppelacht. Al Ghaddioui spielte eine Mischung aus Zehner und Stoßstürmer, während Gonzalez und Wamangituka aus den Halbräumen Richtung Tor starteten. Stuttgart hatte nun nicht nur mehr Spieler auf ihren jeweils besten Positionen (Förster, Al Ghaddioui, Wamangituka) – sie waren zugleich wesentlich offensiver aufgestellt. Hinter drei Spielern in Stürmerrollen agierte eine aggressiv nachrückende Doppelacht.

Der HSV war in der Anfangsphase der zweiten Halbzeit mit den offensiv auftretenden Stuttgartern schlicht überfordert. Nachdem sie 45 Minuten lang den Ball ruhig zwischen Torhüter und Innenverteidigern laufen ließen, erhielten sie nun plötzlich Druck. Stuttgart presste nun im 4-3-3. Al Ghaddioui lief durch, um Hamburgs Torhüter anzulaufen. Da im Mittelfeld Förster und Mangala aggressiv nachrückten, blieb dem häufig nur der lange Schlag.

Der HSV muss sich in dieser Phase zwei Dinge vorwerfen lassen: Zum einen verloren sie gänzlich ihre Linie. Während sie zuvor mit sehenswerten Ein-Kontakt-Kombinationen Stuttgarts Mittelfeld ins Leere laufen ließen, fehlte ihnen nun jeglicher Mut. Zu oft wählten sie den langen Ball, der zudem zu selten bei Martin Harnik oder Jatta auf den Flügeln ankam. Hier mangelte es vor allem an einer guten Besetzung der Mittelfeldräume: Hunt ließ sich zu weit fallen, Dudziak und vor allem der später eingewechselte Louis Schaub rückten zu weit vor.

Zum anderen machten die Hamburger nun jenen Fehler, den sie vor der Pause vermieden hatten: Gegen Stuttgarts Raute zogen sie sich im Mittelfeld zusammen. Jatta und Harnik ließen sich von Förster und Mangala ins Zentrum locken. Die Folge waren große Freiräume auf den Außen, welche die Stuttgarter Außenverteidiger für sich zu nutzen wussten. Sowohl dem Freistoß vor dem 1:2 (47.) als auch dem Elfmeter vor dem 2:2 (60.) ging ein Stuttgarter Angriff über die linke Seite voraus.

Taktische Aufstellung VfB Stuttgart - HSV (2. HZ)
Taktische Aufstellung VfB Stuttgart - HSV (2. HZ)

 

Naiv in der Schlussphase

Ein 0:2 zu einem 2:2 verspielt: Der Abend hätte besser laufen können für den HSV. Angesichts der Tabellensituation wäre dieses Ergebnis jedoch kein Beinbruch gewesen. Dem HSV half, dass die Stuttgarter nach dem 2:2 erneut in die Defensive gingen. Das hohe Pressing, welches der VfB in den ersten 20 Minuten nach der Pause wagte, hatte Kräfte gekostet. Matarazzo stellte mit seinen Einwechslungen auf eine 4-1-4-1-Formation um, sein Team störte wieder etwas früher.

Der HSV hätte nun die Chance gehabt, das Ergebnis zu sichern. Heckings Wechsel sahen jedenfalls danach aus: Er tauschte positionsbezogen und hielt am 4-2-3-1/4-3-3-Gemisch fest. Leider stellte sich sein Team nicht so clever an – zum wiederholten Male in dieser Saison. Anstatt die Außenverteidiger zurückzuziehen und die defensive Absicherung zu stärken, rückte der HSV auch kurz vor Schluss im Ballbesitz weit nach vorne. Die Quittung folgte prompt: Der VfB Stuttgart nutzte einen Konter in der Nachspielzeit und sicherte sich den Sieg. Auswärts sich auskontern zu lassen bei einem Ergebnis, mit dem eine Mannschaft eigentlich gut leben kann – das muss man auch erst einmal schaffen.

Ein Tiefschlag beendete somit eine Partie, die für den HSV eigentlich gut angefangen hat. In der ersten Halbzeit bewies der HSV, wie eingespielt er mittlerweile in seiner Stammvariante ist. Sie kombinierten stark, verteidigten kompakt, dominierten das Geschehen. Doch als VfB-Trainer Matarazzo offensiv umstellte, hatte der HSV keine Antwort. Auch dieses Muster zieht sich durch die HSV-Saison: Wenn die A-Variante nicht funktioniert, fehlt ein Plan B, um das Ruder herumzureißen. Nun darf sich der HSV keine Fehler mehr leisten, möchte er das Minimalziel Relegation erreichen.

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