Lars Pegelow

7. März 2018

Größer könnte der Kontrast für den HSV nicht ausfallen. Am vergangenen Wochenende das Mega-Endspiel gegen Mainz. Gewaltig Druck auf dem Kessel, der HSV zum Siegen verpflichtet gegen eine der schlechtesten Mannschaften der Liga. Das Alles-oder-Nichts-Spiel, in dem es – wie auch immer – drei Punkte geben muss. Nun also das komplette Gegenteil. Niemand erwartet vom HSV in der Allianz-Arena irgendetwas. Die Jungs von Bernd Hollerbach können überhaupt nicht negativ überraschen, selbst wenn es wie in den Vorjahren mächtig was eingeschenkt gibt. Das Spiel laufe ein wenig außer Konkurrenz, hatte Vorstands-Boss Heribert Bruchhagen vor einigen Wochen gesagt. Und selbst wenn Bernd Hollerbach nach der Mainz-Nullnummer trotzig sagte, angesprochen auf die nächste Aufgabe: „Man hat in jedem Spiel eine Chance!“ – so ist doch ziemlich klar: in jedem Spiel heißt nicht am Sonnabend in München.

 

Dazu kommt: die Bayern haben ihren kleinen Ausrutscher hinter sich mit dem 0:0 gegen Hertha BSC am vorvergangenen Wochenende. Ribery, Robben, Wagner und die anderen werden heiß sein aufs Toreschießen, kurz vor dem Champions-League-Rückspiel in Istanbul. Und der HSV? Wie heiß sind die Rothosen? Wen man die Antwort auf diese Frage vorwegnehmen möchte, bevor die Mannschaft sie am Wochenende auf dem Platz geben kann, so kann sie nur ernüchternd ausfallen. Der Druck ist weg für dieses Spiel, meinetwegen, aber kann sich dieser Umstand überhaupt positiv auswirken? Von den 18 Spielern, die im Kader stehen werden, weiß im Grunde niemand, wo seine eigene persönliche Perspektive liegt. Ziemlich wahrscheinlich werden die meisten von ihnen in der kommenden Saison irgendwo anders spielen. Leider können Mathenia, Jatta, van Drongelen und Co. sich bezüglich ihrer Zukunft bei niemandem im HSV erkundigen. Sportchef Jens Todt kann ihnen keine Antwort geben, weil er selbst nicht weiß, was mit ihm wird. Gleiches gilt für den Vorstands-Vorsitzenden Heribert Bruchhagen, ebenso wie für Trainer Bernd Hollerbach. Die ungeklärten Personalien sorgen dafür, dass der HSV mit offener Flanke in ein Spiel hinein marschiert, in dem selbst volle Deckung zu wenig sein kann. Dass der Gäste-Fanblock oben in der Münchner Arena anders als in den Vorjahren diesmal bei weitem nicht ausverkauft sein wird, zeigt überdies, wie gering die Erwartungen der treuen Hamburger Anhängerschaft noch sind.

 

In den beiden Trainingseinheiten des Tages hat der HSV vor allem eins getan – den Rasen umgepflügt. Die Bedingungen auf dem aufgeweichten Untergrund im Volkspark sind alles andere als optimal. Drei Trainingsplätze stehen den Profis ja im Wechsel zur Verfügung, zwei von ihnen waren heute dran. Die Greenkeeper werden alle Hände voll zu tun haben, um sie wieder in einem annehmbaren Zustand zu bringen. Bernd Hollerbach hat erneut sehr viel Wert darauf gelegt, Übungsformen zu finden, die zum Torabschluss führen. Die große Schwäche – das Toreschießen. Ob sich daran bis zum Saisonende noch irgendetwas ändern wird?

 

Die Münchner Abendzeitung hat anlässlich des Nord-Süd-Gipfels, der seit Jahren kein Gipfel auf hohem Niveau beider Teams sondern nur noch ein steiles Gefälle ist, ein paar nette Statistiken ausgegraben. Nett tatsächlich aus Hamburger Sicht. 168 Ecken bekam der FC Bayern in dieser Saison, das ist Liga-Spitze. Auf Platz 2: tatsächlich der HSV mit 148 Ecken. Im September 1991 verlor der FC Bayern mit 0:1 beim HSV durch ein Tor von Armin Eck. Bei den Bayern spielten damals Profis wie Stefan Effenberg, Bruno Labbadia oder Oliver Kreuzer. Im Tor stand ein gewisser Gerald Hillringhaus. Trainer war Jupp Heynckes, der kurz nach dieser Niederlage entlassen wurde. Nun, knapp 27 Jahre später, ist Heynckes der große Mann bei den Bayern und alle diskutieren nur darüber, wie hoch seine Münchner den HSV wohl abfertigen werden. Nicht so nett ist diese Statistik: Aktuell wartet der HSV seit zwölf Spielen in der Bundesliga auf einen Sieg. Der bisherige Vereins-Negativrekord von 14 Spielen hintereinander ohne einen Erfolg datiert aus der Saison 1966/1967. Das damals letzte Spiel der Malaise war ein 1:3 in München (HSV-Tor durch Charly Dörfel), danach wurde in Hamburg wieder gewonnen.

 

Laut „transfermarkt.de“ hat der gesamte Kader des HSV einen aktuellen Wert von 78 Millionen Euro. Immerhin noch 78 Millionen, möchte man sagen, und mindestens 30 Millionen muss der Klub insgesamt einspielen an Transfererlösen. Das bedeutet, dass sich insgesamt für mindestens 40 Millionen Spieler verkauft werden müssen, weil die entstandenen Lücken ja auch irgendwie aufgefüllt werden müssen – ganz ohne Geld wird das nicht gehen. Für wen kriegt der HSV wieviel? Ein tolles Spielchen… Die Brasilianer Douglas Santos und Walace sind sicher nicht in Hamburg zu halten. An Douglas Santos soll der PSV Eindhoven nach wie vor dran sein (5 Millionen), Walace könnte – wenn’s gut läuft – für dieselbe Summe nach Brasilien gehen. Kostic und Arp (Leverkusen?) haben einen noch höheren Marktwert, für die beiden zusammen könnten 15 Millionen herausspringen. Wer bringt noch einen siebenstelligen Betrag: Papadopoulos, van Drongelen, Jung, Hahn, Wood, Waldschmidt, Ekdal. Das war’s. Damit hätte der HSV sein gesamtes Kapital abgegeben, und es fällt sehr schwer auszurechnen, wie man an die genannten 40 Millionen herankommen könnte. In der Hinterhand sind noch Pierre-Michel Lasogga (zehn Tore in 24 Spielen der zweiten englischen Liga) oder und Alen Halilovic. Alles in allem düstere Aussichten, zumal beim Neuaufbau in der zweiten Liga auch noch einige gestandene Profis vonnöten sind. Kann der HSV Mathenia halten fürs Tor? Wie sieht es mit Mergim Mavraj aus als Abwehrsäule, oder Jung, Diekmeier, Salihovic und Schipplock? Nur mit jungen Spielern wird es logischerweise nicht gehen. Es wäre hilfreich, siehe oben, wenn die Eckpfeiler der nächsten Saison, die man halten möchte, das wüssten. Können sie aber nicht wissen, und damit sind wir wieder beim Hauptproblem mit der fehlenden personellen Perspektive auf allen Ebenen. Alle Spekulationen, die die Mannschaft in diesen Tagen betreffen, sind deswegen im Grunde Kaffeesatzleserei.

 

Tatsuya Ito, der Japaner, der im Herbst urplötzlich im Profi-Kader bei Markus Gisdol aufgetaucht ist, spielt aktuell bei Bernd Hollerbach keine Rolle. Er soll heute Abend die U 21 gegen Eintracht Norderstedt unterstützen. Auch in den Tagen danach bleibt er zunächst in der Regionalliga. Abgesehen davon, dass dies etwas überraschend kommt, denn die Leistungen Itos muteten in den vergangenen Wochen nicht so katastrophal an, zeigt der Fall des Japaners ein großes Dilemma. Im Herbst ist Ito plötzlich aufgetaucht, ein Trainer baut auf ihn, Ito erhält hektisch einen Profi-Vertrag. Einige Monate später ist ein neuer Trainer da, und der setzt nicht mehr auf diesen Spieler. Worauf sollen sich die Profis einstellen bei ihren Zukunftsplanungen? Die erste Frage, die ein Berater oder ein Spieler stellt, ist die Frage nach dem Trainer. Welches System spielt er, welche Spielertypen mag und sucht er. Beim HSV kann diese Frage nicht beantwortet werden, weil keiner weiß, wer kommende Saison Trainer ist. Wieviel Geduld hat der Fußball-Markt, haben die Berater, haben die Spieler, ehe sich der HSV sortiert hat?

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Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.

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