Marcus Scholz

7. Februar 2019

Der HSV ist für Krisen durchaus bekannt. In den letzten Jahren gab es genug davon. Oder besser: es gibt sie noch. Und eine weitere löste  die gestrige „BILD“-Geschichte über den feststehenden Wechsel von Fiete Arp zum FC Bayern aus. Am Vormittag hieß es zunächst, es würde eine Verlautbarung im Laufe des Tages geben. Oder eben ein Gesprächstermin. Am späten Nachmittag war von beiden Varianten nichts zu sehen bzw. zu lesen. Erst um 17.20 Uhr vermeldete der NDR dann, dass Arps Verkauf an den FC Bayern vom HSV offiziell bestätigt worden sei. Wer es dem NDR erzählt hatte? Offen. War am Ende aber auch egal, denn um 18 Uhr kam dann folgende offizielle Meldung

ARP WECHSELT ZUM FC BAYERN

TRANSFER NACH MÜNCHEN WIRD IM SOMMER 2019 ODER EIN JAHR SPÄTER ERFOLGEN – HSV-SPORTVORSTAND BECKER: „DEM ZIEL WIEDERAUFSTIEG ORDNET FIETE ALLES UNTER!“

HSV-Angreifer Fiete Arp wird spätestens zum 1. Juli 2020 für den FC Bayern München spielen. Darauf haben sich Arp, der FC Bayern und der HSV geeinigt. Die Vereinbarung enthält flexible Wechselzeiträume: So kann der 19-jährige Stürmer schon im Sommer 2019 nach München wechseln, oder er wird erst zur Saison 2020/21 Profi des FC Bayern. Die Entscheidung, wann er den Hamburger SV verlassen wird, trifft nur Fiete Arp.

HSV-Sportvorstand Ralf Becker beurteilt die Vereinbarung positiv: „Die Verhandlungen mit Bayern München waren konstruktiv und fair. Der Abstieg hat Fiete sehr getroffen. Er wollte dann unbedingt erst einmal hierbleiben und mithelfen, dass wir wieder aufsteigen. Diesem Ziel ordnet er alles unter, daran wird sich auch in Zukunft nichts ändern.“

Arps Wechsel zum FC Bayern ist also fix. Satte 2,5 Millionen Euro hat der HSV im vergangenen Sommer für das damals angeblich aus ganz Europa umworbene Toptalent ausgehandelt. Aktuell wäre das angesichts der Formkrise Arps ein vernünftiger, weil realistischer Preis. Im Sommer indes war es ein indiskutabler Preis. Damals schwebten die Verantwortlichen noch in Preis-Sphären, die sich im zweistelligen Millionenbereich bewegten. 7,5 Millionen seien damals sogar zu wenig gewesen und abgelehnt worden, hieß es. Wieso also reichten dann damals doch 2,5 Millionen Euro? Ganz einfach: Weil der HSV früh im Hintertreffen war. So soll Arp den Vorvertrag so früh unterschrieben haben, dass der HSV nur noch die Wahl zwischen 2,5 Millionen oder nichts hatte. Denn nichts hätte man bekommen, wenn Arp 2019 nach Vertragende  ablösefrei gegangen wäre. Also nahm der HSV lieber das kleine Geld und Arp für ein oder zwei weitere Jahre.

Ein schlechter Deal. Finanziell betrachtet. Denn wieder einmal verliert der HSV ein Toptalent zum kleinen Preis. Und die Art und Weise, mit diesem Verkauf umzugehen, ist zudem schwer daneben gegangen. Im Sommer hatte der HSV noch stolz die Vertragsverlängerung mit Arp verkündet und dieser hatte sich in einem bemerkenswert zu lesenden Interview im Vereinsmagazin „HSVlive“ zu seiner Entscheidung geäußert. Es war von Pathos und dem Umstand, den Verein so nicht im Stich lassen zu können die Rede. Nicht ein Wort darüber, dass der Wechsel zum FC Bayern dennoch längst beschlossene Sache war. Auch nicht, als alle Seiten den HSV und Arp für diesen Entschluss feierten. Man ließ es zu und bekommt jetzt die Retourkutsche.

 

 

Die große Frage, die sich allen stellt, ist: Warum wurde mit dem Thema nicht einfach offensiv umgegangen? Denn klar ist: So war es ein Fehler. Dem Vernehmen nach hatte sich der FC Bayern im vergangenen Sommer dagegen verwehrt, dass Arp und der HSV den Deal en Detail verlautbaren. Es durfte nichts herauskommen. Auch heute hatte sich die Pressestelle des FC Bayern massiv mit eingebracht in den Umgang mit dem Thema. Zitate von Sportvorstand Ralf Becker im Zuge der Pressemitteilung mussten vom HSV hart reindiskutiert werden. Zitate von Arp wurden dagegen gänzlich untersagt, was noch einmal verdeutlicht, wie sehr die ganze Personalie Arp am Gusto der Rekordmeisters hängt. Bitter.

Dabei hätte es wirklich niemand Arp übel nehmen können, wenn er dieses Multimillionenangebot annimmt. Fünf Millionen Euro im Jahr statt rund einer Million beim HSV. Und das über die gesamte Vertragslaufzeit von vier Jahren. Arp hätte für immer zigfach ausgesorgt - das ist ein Angebot, das sicher die allerallerwenigsten ablehnen. Auch von denen, die Arp schnell als Geldgeier etc. abstempelten. Und junge Profis am Karriereanfang würden so ein Angebot wahrscheinlich sogar nie ablehnen.

Arp tat es dennoch.

Man hätte es Arp wahrscheinlich sogar hoch angerechnet, wenn er einem Verkauf eben nur unter der Bedingung zugestimmt hätte, beim HSV die nächsten zwei Jahre (für vier Millionen Euro weniger, wohlgemerkt!!) spielen zu dürfen, um vor seinem Abgang zumindest zu reparieren, was gerade kaputtgegangen war und wieder aufzusteigen. Eben so, wie er es gemacht hatte. Zumal es auch Arp selbst war, der initiativ wurde und so lange bei den Bayern anfragte, bis er endlich den Termin im vergangenen Sommer bekam und mit Ralf Becker aus dem Trainingslager zu Uli Hoeneß und Hasan Salihamidzic nach München reiste, um die aktuellen Bedingungen auszuhandeln.

Ergo: Mit der Wahrheit wäre man hier zweifellos am besten gefallen.

Sie hätte Arp sogar eine Menge Profil gewinnen lassen. So aber lässt dieser Wechsel nur Verlierer zurück. Leider auch den gerade mal 19 Jahre jungen Arp selbst, dessen Vorgehen - und davon habe ich mich persönlich in den letzten Monaten überzeugen können - tatsächlich durch seine besonders innige Beziehung zum HSV motiviert war. Ob der bewussten Täuschung der Öffentlichkeit hat das ganze Thema ein ganz bitteres Geschmäckle bekommen. Und ich bin gespannt, wie die Fans mit diesem Wechseltheater und Arp umgehen werden.

Sollten die Fans Arp tatsächlich auspfeifen, würde es Arp zweifellos treffen. Dafür bedeutet ihm der HSV und die Meinung der Fans zu viel. Das Tragische an dem Ganzen aber ist, dass hier von Vereinsseite versagt wurde. Und das nicht nur beim HSV, der auf eine offene Kommunikation dieses Wechsels gedrängt hatte, sich aber auf Drängen des FC Bayern davon abbringen ließ. Nein, vielmehr sollten sich hier die Verantwortlichen des großen FC Bayern hinterfragen, die den ehrlichen Umgang mit diesem Thema schlichtweg verboten hatten und ihrem Wunschspieler, einem 19 Jahre jungen Fußballer am Anfang seiner Karriere, so einen schweren (allemal einen Image-)Schaden zugefügt haben könnten...

In diesem Sinne, bis morgen. Da wird um 15.30 Uhr öffentlich trainiert. Mit Fiete Arp.

Bis dahin! Scholle

PARTNER VON

FAQs

Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.