Marcus Scholz

30. Mai 2020

Warum geht das nicht? Warum gewinnt der HSV Spiele, die er lange Zeit überlegen gestaltet, nicht einfach mal mit 3:0 oder 4:1 oder sonst irgendwie klar? Diese Fragen stellen mir viele momentan. Und ich muss immer wieder antworten: Das hat der HSV doch! Zumindest in der Hinrunde gab es ein 4:0 gegen Nürnberg und Aue, ein 3:0 gegen Hannover und bekanntermaßen auch das 6:2 gegen Stuttgart. In der Rückrunde gab es zu Beginn das 4:1 zuhause gegen Nürnberg und - das wars… Die anderen drei Siege aus den ersten elf Spielen waren vom Verlauf her eher (unnötig) knapp, während die überlegenen Spiele nicht gewonnen wurden. Weder gegen Pauli, noch gegen Fürth - und zuletzt eben auch nicht gegen die direkten Konkurrenten Bielefeld und Stuttgart. Zufall? Eher nicht, behaupte ich.

Woran es liegt? Dem HSV fehlt Führung. Nicht von außen, da hat man mit Dieter Hecking seinen Souverän. Nein, die Führungskraft auf dem Platz fehlt. Aaron Hunt kann das immer mal wieder - aber nur spielerisch. Ebenso Adrian Fein. Aber wenn beide nicht funktionieren (wie in Fürth und zweite Halbzeit in Stuttgart) sind sie eben leider nicht die Typen, die mit Worten ihre Kameraden wach halten, die Konzentration hoch halten und Spiele drehen und/oder über die Zeit bringen. In Stuttgart waren es sogar gerade diese beiden, die sich taktisch außergewöhnlich unclever  anstellten, als sie in der Nachspielzeit das Zentrum komplett auflösten, Hunt per Fehlpass den Konter einleitete und Fein nur neben Letschert hertrabte, anstatt hinter ihm abzusichern. Auch deshalb sprach Hecking nach dem Spiel davon, dass er ob dieses taktischen Fehlers „maßlos enttäuscht“ sei. Zurecht.

Und da vorne niemand ist, bleiben nur noch die Abwehrspieler. Leibold würde eine Führungsrolle sportlich am ehesten rechtfertigen, ist aber alles andere als ein verbaler Leader. Das wiederum ist Rick van Drongelen. Wenn ihr auf Stadionatmosphäre die Spiele live guckt, werdet ihr ihn immer wieder lautstark hören. Wie im Training. Problem bei ihm ist aber, dass gerade er sportlich am allermeisten wackelt. Von sackstarken Spielen wie gegen Bielefeld gibt es einfach zu wenige bei ihm. Dafür ist er im Gegenzug an zu vielen Gegentoren maßgeblich beteiligt. Und: Er ist bei Hecking lange nicht mehr unumstritten, hat allein dadurch schon an Standing verloren. Wobei eines das andere hier leider begünstigt. Ergo: Der HSV hat keinen Leader für schwierige Phasen - und das schon seit Jahren nicht mehr.

Wenn's wichtig wird, fehlt dem HSV der Leader

So schnell hat man das Geheimnis gelüftet, weshalb der HSV in entscheidenden Spielen immer wieder an sich selbst scheitert. Dass sich dazu noch Kopfball- und Abschlussschwäche gepaart mit fehlendem Tempo defensiv gesellen - es macht das Ganze nicht leichter. Aber das heißt noch lange nicht, dass man von diesem HSV nicht trotzdem deutlich mehr Souveränität fordern darf. Im Gegenteil: Man muss es jetzt sogar einfordern können. Denn gerade diese Phase ist die, in der sich beispielsweise Hunt seine Daseinsberechtigung beim HSV verdienen muss. Wie in Stuttgart, wo er sich den Elfer geschnappt und sicher verwandelt hatte. Das war sehr gut. Aber er ist wie so oft leider auch wieder mit untergegangen, als der VfB kam - und das war schlecht.

„Die sollen einfach mal gar nichts sagen, sondern erst mal machen“, hatte Michael Kröger, aka „HSV-Elvis“ bei uns in der Sendung „Auswärtscouch“ gesagt. Und er hat damit sowas von recht. Denn so unwahrscheinlich das auch ist - umso mehr könnte so ein Verhalten mal Wirkung haben. Es würde zeigen, dass sich die Mannschaft der Bedeutung der Spiele, die jetzt anstehen, bewusst ist. Und: Ich würde mich sehr freuen, wenn man den Spielern jetzt einmal deutlich macht, dass Niederlagen oder andere Punktverluste eben doch sprichwörtliche Beinbrüche sind.

 

So, wie es Stuttgarts Trainer vor dem Spie („In dem Spiel geht es um alles“) deutlich formuliert hatte, so könnte auch Hecking seinen Spielern jetzt Druck auflasten - um vielleicht wenigstens so die Konzentration bei allen hoch zu halten. Leider wurde diese Chance nach dem Spiel in Stuttgart schon verpasst, als Hecking sagte, es sei noch nichts entschieden und noch 18 Punkte zu vergeben. Diese „Okay - das hat zwar jetzt gerade nicht geklappt, aber wir können das wieder gutmachen“- Haltung führt meiner Meinung nach dazu, dass die Mannschaft es so handhabt wie ich früher mit dem Lernen für Klausuren. Da habe ich mir auch immer viel vorgenommen und hatte dennoch schnell ein Alibi dafür parat, weshalb ich das Lernen doch aufschieben konnte. Problem: Das ging meistens schief. Insbesondere in Mathe bei mir - und bei den HSV-Profis schon mehrfach..

Alle Joker verspielt - HSV hat nur noch Endspiele

Jetzt werden wieder viele sagen: „Der Scholle macht wieder alles schlecht.“ Und tatsächlich ist es überhaupt nicht so. Ich baue auch keinen unnötigen Druck auf. Denn in Wirklichkeit liegen in diesen ach so argen Drucksituationen die Lösungen fast immer auf der Hand. Auch diesmal kann es nur bedeuten: Spiele gewinnen! Egal wie.- Und dafür müssen die HSV-Profis IMMER mindestens einen Meter weiter laufen ans der Gegner, immer ne Millisekunde schneller sein, immer einen Zentimeter höher springen - und vor allem ein Tor mehr schießen wollen als der Gegner. Sie müssen gierig werden und nicht immer nur von „Endspielen“ sprechen, sondern diese Spiele jetzt auch endlich so annehmen, als wäre es ein Endspiel. Denn dann wäre Fein nicht nur zurückgetrabt, sondern gesprintet. Dann hätte Letschert mit einer Grätsche den Pass von Gonzalez noch geblockt. Und dann wäre auch van Drongelen auch nicht von Castro überrascht gewesen, sondern hätte diesen nicht eine Millisekunde aus dem Blick gelassen und die Situation entschärft. „Wenn ihr bereit seid, Euch den Ball aus kürzester Distanz lieber ins Gesicht schießen zu lassen, als ihn zum Gegentor werden zu lassen, dann habt ihr es verstanden“, hat mir mal einer meiner Trainer (damals im Abstiegskampf vor dem Duell gegen einen direkten Konkurrenten) gesagt.

Und so platt das auch klingen mag - er hatte Recht. Daher meine Frage: Wer beim HSV würde alles riskieren, um zu gewinnen bzw. wenigstens nicht zu verlieren?

 

Ich habe mich beim 2:3-Gegentreffer in Stuttgart wirklich mächtig geärgert. Es sind auch Worte gefallen, die man vielleicht nicht sagen sollte. Und das Video dazu geht gerade viral. Inzwischen schicken uns das schon Stuttgarter zu, die sich köstlich darüber amüsieren, wie wir beim Gegentor zusammenbrechen. Und ich bin mir absolut sicher, dass es den Spielern auf dem Platz in dem Moment noch deutlich schlechter ging als mir. Der leere, schuldbewusste Blick von Letschert, von van Drongelen, von Hunt und den anderen - er demonstrierte, dass diese Mannschaft eben doch diese Emotionen hat, die man jetzt braucht, um auch mal über das Adrenalin Spiele zu gewinnen und sich Siege zu erarbeiten.

Deshalb hoffe ich, dass man hier endlich die Haltung ablegt, alles nur über Qualität regeln zu können. Zwischen förderlicher Cooles (Souveränität) und überzogener Selbstsicherheit ist es eben nur ein ganz schmaler Grat. Und der HSV wandelte zuletzt sehr oft erfolglos auf diesem. Letzte Saison fiel man am Ende sogar hinten runter - diesmal kann man das noch vermeiden. Von daher hoffe ich, dass morgen auch ein vermeintlich unattraktiver Gegner wie Wehen Wiesbaden so ernst genommen wird wie zuletzt Bielefeld im ersten Geister-Heimspiel, denn der HSV hat alle seine Joker verspielt. Ein weiterer Ausrutscher kann morgen schon alles kosten, während ein Sieg noch nichts zu sagen haben wird. Egal wie. Und gerade wegen dieser eher nicht so erbaulichen Voraussetzung behaupte ich: Genau jetzt zeigt sich, auf wen man beim HSV auch in Zukunft setzen kann.

Dem HSV fehlt ein System ohne Dudziak

Und wo ich gerade dabei bin, dann noch eine sportliche Bitte an den Trainer: Entwickeln sich bitte endlich eine Idee, wie man die immer wiederkehrenden Herausnehmen von Jeremy Dudziak kompensiert. Der HSV braucht über 90 Minuten eine funktionierende Mittelfeldachse. Auch für die letzten 20 Minuten, in denen Dudziak zumeist ausgewechselt wird. Denn ohne den mit weitem Abstand mutigsten, effektivsten Mittelfeldspieler verlor der HSV jedesmal massiv an Qualität und kassierte in den letzten Minuten sogar noch entscheidende Gegentore. Vielleicht wäre es für morgen ja eine Idee, den technisch ebenso beschlagenen und läuferisch mindestens genauso schnelle Sonny Kittel dann vor zwei Sechsern alle Freiheiten einzuräumen. Womit ich zu den guten Nachrichten komme: Kittel ist wieder gesund und kann morgen wieder mitwirken. Ebenfalls wieder dabei sein könnten Jan Gyamerah und Gideon Jung, die beide wieder voll ins Training eingestiegen sind.

Und auch Ihr könnt wieder dabei sein. Zwar leider noch nicht wieder im Volksparkstadion, dafür aber bei uns auf der „Heimcouch“. Die startet morgen wie immer um 13 Uhr und ich werde Euch parallel dazu aus dem Stadion auf dem Laufenden halten. Von daher: Einschalten, mitfiebern - und hoffentlich am Ende mitfeiern! Denn eines ist klar: Der HSV muss gewinnen! Egal wie die Konkurrenz morgen auch spielt, der HSV muss seine Spiele gewinnen. Zumal sich Bielefeld, da lege ich mich fest, heute den Aufstieg mit dem 2:1-Sieg bei Holstein Kiel gesichert hat.

 

Es kann also nur heißen: Brust raus, Eier haben, Verantwortung an- sowie übernehmen und endlich das machen, was man sonst immer nur verspricht: Mit allen Mitteln den Sieg in diesem ersten von nur noch sechs Endspielen holen!

Bis spätestens morgen!
Scholle

 

P.S.: Schlechte Nachricht für Khaled Narey. Der Allrounder fällt mit einer Muskel- und Bänderzerrung im Knie vorerst aus. Gute Besserung!

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