Marcus Scholz

31. Mai 2019

Julian Pollersbeck urlaubt derzeit in Südeuropa. Zusammen mit seiner Mutter einmal ausspannen, so hatte er es unmittelbar nach Schlusspfiff der Partie gegen Duisburg angekündigt. Und im Gegensatz zu uns wusste der Keeper damals schon, was in diesem Sommer passieren würde. Der damalige Sportvorstand Ralf Becker hatte ihm in einem kurzen Gespräch vorher mitgeteilt, dass man ihm keine Steine in den Weg legen würde, wenn er ein passendes Angebot hätte. Übersetzt hieß das soviel wie: „Geh bitte los, such Dir einen Verein, der uns eine gute Ablöse bezahlt und Wechsel dann dorthin.“ Und genau das heißt in etwa auch der heute verkündete Transfer von Darmstadts Keeper Daniel Heuer Fernandes, der sich in den letzten tagen schon angekündigt hatte und heute finassiert wurde.

Bis 2022 hat die bisherige Nummer eins aus Darmstadt in Hamburg unterschrieben. Und Fakt ist: Fernands ist nicht gekommen, um sich hinter Pollersbeck als Nummer zwei im Tor einzuordnen. Das hätte er schon letzten Sommer haben können, als sowohl Werder Bremen als auch der VfL Wolfsburg ihr Interesse an dem heute 26-Jährigen nachhaltig bekundet hatten und Heuer Fernandes sich für Einsätze und gegen mehr Geld entschied. „Daniel ist ein richtig guter, sehr ehrgeiziger Typ“, lobt Ex-HSV-Keeper Carsten Wehlmann, der aktuell als Sportlicher Leiter beim SV Darmstadt 98 für den Kader verantwortlich ist. „Daniel verkörpert alles, was ein richtig guter Torwart mitbringen muss. Er ist stark auf der Linie, im Eins-gegen-Eins, er ist fußballerisch gut und bedenkenlos ins Aufbauspiel mit einzubinden.“

Der in Bochum gebürtige Deutsch-Portugiese hat seine Karriere beim Bochumer Stadtteilverein VfB Langendreerholz und in der Jugend des VfL begonnen, spielte eine Saison in der U19 von Borussia Dortmund, dann für die Reserve von Bochum und kam über die Stationen VfL Osnabrück (2013) und SC Paderborn (2015) schließlich 2016 nach Darmstadt. Dort kam er in den letzten beiden Serien in 62 von 68 Spielen zum Einsatz. Sechs Spiele fehlte er von Oktober bis November 2017 - ansonsten stand er immer durchgehend 90 Minuten auf dem Platz und avancierte zu einem der notenbesten Keeper der Zweiten Liga. Auch deshalb hatten die Darmstädter wiederholt versucht, den Vertrag mit dem Deutsch-Portugiesen zu verlängern. Und zwar ohne Ausstiegsklausel.

Die aber wurde Darmstadt jetzt zum Verhängnis, wenn man es so dramatisch formulieren will. Für etwas mehr als eine Million Euro konnte der Rechtsfuß - oder für einen Torhüter vielleicht passender formuliert: Rechtshänder - jetzt den Verein wechseln. Am vergangenen Donnerstag hatte Ralf Becker den Kontakt zu Darmstadt aufgenommen, am Freitagmorgen sollte ein offizielles Angebot folgen. Dazu kam es durch die Entlassung Beckers am Freitag noch nicht. Dafür jetzt mit ein paar Tragen Verspätung durch den neuen Sportvorstand Jonas Boldt, in dessen Büro Heuer Fernandes heute den Vertrag bis 2022 unterzeichnete. „Für mich bedeutet der HSV den nächsten Schritt“, wird der 26-Jährige auf der Vereinshomepage zitiert, „ich freue mich riesig auf den Verein, das Stadion und die Fans. Ich möchte mit der Mannschaft Vollgas geben, mit dem HSV erfolgreich sein und mich dabei selbst weiterentwickeln. Ich habe große Ziele und kann kaum erwarten, dass es endlich losgeht.“

Egal, was man über Heuer Fernandes hört, es klingt wirklich gut. Teamplayer, absoluter Mannschaftstyp, ehrgeizig, talentiert. Er ist körperlich stabil und soll einer sein, der zuverlässig sei und Verantwortung übernimmt. Auch deshalb war der 188 Zentimeter lange Keeper in Darmstadt zuletzt in den Mannschaftsrat berufen worden. „Mit Daniel Heuer Fernandes ist uns ein sehr guter Transfer gelungen“, erklärt Sportvorstand Jonas Boldt, „wir bekommen einen positiven und charakterstarken Typen mit großen Torhüterqualitäten. Darüber hinaus befindet sich Daniel im perfekten Torwartalter – er bringt bereits Erfahrung mit, ist aber gleichzeitig noch entwicklungsfähig. Durch ihn und auch durch unseren neuen Torwarttrainer Kai Rabe erwarten wir in unserem Team der Torhüter definitiv einen neuen Reiz.“

Soll heißen: Pollersbeck ist raus. Und zwar schon so endgültig, dass die Frage erlaubt sein muss, weshalb der HSV hier vor dem ersten Angebot eines neuen Klubs die Tür für die bisherige Nummer eins schon komplett zumacht. Denn das wiederum ist aus kaufmännischer Sicht sicher zu kurz gedacht. So wissen alle möglichen Interessenten wieder, dass der HSV auf der Torwartposition seinerseits Druck hat, seinen Keeper loszuwerden. Und das lässt den Preis nicht wirklich explodieren. Ich persönlich habe es bis jetzt nicht verstanden, weshalb der HSV so verfährt. Hätte man ein Angebot vorliegen, okay. Sechs bis acht Millionen Euro soll Pollersbeck einbringen, im Gegenzug kostete Heuer Fernandes nur 1,3 Millionen. Und beides sind gute Torhüter. Für die Zweite Liga allemal. Es könnte also ein guter Deal werden. Aber eben nur, wenn man Pollersbeck noch gewinnbringend abgeben kann. Das allerdings ist seit heute ein ganzes Stück weit schwieriger geworden.

Mit Tom Mickel, den man bei der Aufzählung der Torhüter nicht vergessen darf, hat der HSV also aktuell drei Torhüter unter Vertrag, die für die Zweitligaspiele genügen. Und es ist und bleibt offen, was mit Pollersbeck passiert, dem man intern zuletzt wieder vorgeworfen hat, er sei nicht fit genug und würde sich neben dem Platz nicht profihaft verhalten. Es werden Dinge nach außen getragen und lanciert, die den Marktwert des Keepers nicht steigern. Man zerstört sich beste Argumente wie Pollersbecks bislang sehr gute Vita als U21-Europameister, das höchste Lob von Torwarttitan Oliver Kahn und den Umstand, dass er sich beim HSV gegen seine Konkurrenz durchgesetzt hat. Auch, weil man Pollersbeck öffentlich nicht gegen die Vorwürfe schützt, er sei ein Sänger und nicht professionell genug.

Gänzlich verabschieden muss man sich wohl von dem einstigen HSV-Vorhaben, sich hier einen großen Keeper aufzubauen. Man schmeißt das Projekt Pollersbeck, das den HSV im Juli 2017 3,5 Millionen Euro Ablösesumme wert war, über den Haufen. Wieder einmal schafft man es in Hamburg leider nicht, einen Spieler groß zu machen und ihn dann zu verkaufen. Stattdessen holt man einen - zweifelsfrei interessanten  -neuen Keeper aus Darmstadt und setzt alles wieder auf Null. Wichtig: Ich möchte damit wirklich gar nichts gegen Heuer Fernandes sagen, im Gegenteil. Aber auf der Torwartposition hatte der HSV meiner Meinung nach noch die allerkleinste Baustelle.

Ich behaupte auch, dass Pollersbeck den Versuch absolut wert wäre. Es wäre einfach an der Zeit gewesen, endlich einmal mutig einem Jungen zu vertrauen, der das Potenzial hat, ein richtig guter Keeper zu werden. Und das vor allem auch gerade, weil er eben kein glattgebügelter Mainstream-Keeper aus einem der vielen Nachwuchsleistungszentren der Bundesligisten ist. Pollersbeck mag seine Ecken und Kanten haben - aber genau das macht für mich den großen Spieler aus: Individualität. Hinzu kommt, dass Pollersbeck neben einem außergewöhnlichen Potenzial vor allem auch das Herz am richtigen Fleck hat. Er bringt tatsächlich alles mit, um in Hamburg zur Identifikationsfigur aufzusteigen und parallel sportlich ein Führungsspieler werden zu können. 

Abschied? Julian Pollersbeck steht beim HSV vor dem Aus

 

Aber leider reicht es für so einen Typen mal wieder nicht beim HSV, was ich weniger Pollersbeck denn den ehemaligen wie aktuellen HSV-Verantwortlichen als Scheitern anlasten würde. Wieder einmal gibt man einen Spieler auf, bevor man die erste echte Krise mit ihm hinter sich gebracht hat. Der HSV verfällt wieder in das Muster: Was nicht funktioniert, wird ausgetauscht. Und das ist nicht nur extrem schade sondern lässt mich vor allem daran zweifeln, dass dieser HSV tatsächlich in der Lage ist, zu dem Ausbildungsverein zu werden, der sich irgendwann selbst über die Verkäufe seiner Toptalente finanzieren kann.

Ich behaupte zudem, dass der HSV mit dem Verkauf von Pollersbeck zum jetzigen Zeitpunkt einen schwerwiegenden Fehler macht und wir uns in wenigen Jahren darüber ärgern werden, dass Pollersbeck zur großen Nummer bei einem anderen Klub geworden ist. So, wie wir es ja schon von Spielern wie Tah, Demirbay und Co. kennen.

Dennoch, und das möchte ich an dieser Stelle noch einmal betonen: Ich möchte den neuen Keeper Daniel Heuer Fernandes an dieser Stelle natürlich völlig losgelöst von Pollersbeck und Co. ganz herzlich beim HSV Willkommen heißen! Und sollte auch nur ein Bruchteil dessen stimmen, was man so über ihn erzählt, dann dürfen wir uns alle auf den nächsten richtig guten Keeper freuen…!

Und bevor ich mich für heute von Euch verabschiede, noch eine weitere Personalie: Mats Köhlert, der vor kurzem sein Profi-Debüt für den HSV gegeben hat und unter Hannes Wolf zu drei Zweitliga-Einsätzen kam, wechselt ablösefrei zu Willem II Tilburg in die niederländische Liga. Köhlert, dessen Vertrag beim HSV zum 30. Juni ausläuft, unterschrieb einen Dreijahresvertrag. Ex-HSV-Profi Joris Mathijsen (39), der als Technischer Direktor den jungen HSV-Profi bei Willem II in Empfang nahm: „Mats ist ein Spielertyp, der gut in unser System passt. Er kann auf beiden Flügeln spielen und hat auch eine angenehme Persönlichkeit. Wir haben ihn für drei Jahre verpflichtet und geben ihm so den Raum, sich weiterzuentwickeln.“ Köhlert selbst freut sich auf seine neue Herausforderung: „Ich liebe die niederländische Spielweise. Ich denke, sie passt sehr gut zu mir.“ Viel Erfolg, Mats!

In diesem Sinne, bis morgen.

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Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.