Tobias Escher

13. Februar 2019

Hamburgs 1:0-Erfolg über Dynamo Dresden erinnert an die Zeiten unter Christian Titz – im Guten wie im Schlechten. In unserer Taktikanalyse blicken wir auf die Partie und erklären, wieso Dresden derart schwer zu knacken war.

Fußball kann manchmal spektakulär sein wie ein Sylvester-Feuerwerk. Manchmal ist es jedoch auch zäh wie ein Mittwoch auf der Arbeit. Die Partie zwischen dem Hamburger SV und Dynamo Dresden bot wahrlich kein Spektakel. Dafür waren in erster Linie die Dresdner verantwortlich, die mit ihrer defensiven Taktik dem HSV das Leben schwer machten.

Kein Vorbeikommen an der Fünferkette

Dresden-Trainer Maik Walpurgis, der selbst wegen einer Krankheit am Spielfeldrand fehlte, stellte seine Mannschaft in der für ihn typischen Fünferkette auf. Vor der Fünferkette baute Dresden eine weitere Viererkette auf. Einzig Stürmer Moussa Koné verblieb vorne und lauerte auf Konter. 5-4-1: Mit dieser defensiven Formation wollte Dresden die Hamburger nerven.

Dresden verbarrikadierte sich zwar nicht am eigenen Strafraum. Die Fünferkette schob weit nach vorne und hielt den Abstand zum Mittelfeld gering. Dresden übte aber auch wenig Druck aus auf den Hamburger Spielaufbau. Hamburgs Verteidiger konnten die Kugel laufen lassen. Dresden war darauf bedacht, die Räume zu verschließen, sodass der HSV keine Pässe in die Spitze spielen kann.

Hamburgs Trainer Hannes Wolf vertraute gegen diese engmaschige Defensive auf die gewohnte taktische Ausrichtung. Nominell agierte der HSV in einer 4-3-3-Formation, bei der allerdings die Außenverteidiger wie verkappte Sechser agierten. Linksverteidiger Douglas Santos und Aushilfs-Rechtsverteidiger Gideon Jung rückten immer wieder ins Zentrum neben Abräumer Orel Mangala. Davor sollten Lewis Holtby und Berkay Özcan die Defensive mit der Offensive verbinden.

Taktische Aufstellung HSV-SGD

 

Wenig Tiefe, viel Breite

Nur selten fand der HSV jedoch den Weg vorbei an den gegnerischen Defensivreihen. Dresden verknappte den Raum im Mittelfeld geschickt. Es entstanden nie Räume zwischen den Linien, in denen Holtby oder Özcan hätten angespielt werden können. Auch der Passweg zu Sturmtank Pierre-Michel Lasogga blieb dank der aufmerksamen Verteidigung der Dresdner verschlossen.

Gegen eine derart kompakte Defensive gibt es meist ein gutes taktisches Mittel: Bälle hinter die Abwehr. Schließlich entsteht viel Raum hinter der gegnerischen Fünferkette, wenn der Gegner mit der Abwehr weit vorrückt. Zugleich haben die Verteidiger mangels Gegnerdruck Zeit, diese Bälle zu spielen.

Dem HSV fehlte jedoch Tiefe im eigenen Spiel. Im Zentrum nahmen die Dresdner Verteidiger rechtzeitig die Läufe von Lasogga auf, sobald dieser in die Spitze starten wollte; auch hier funktionierte ihre Defensive exzellent. Auf den Flügeln waren die Dresdner nicht ganz so aufmerksam. Doch gerade in der ersten Halbzeit fehlte Hamburgs Außenstürmern das Timing, im richtigen Moment hinter die Abwehr zu starten. Bezeichnend: Linksverteidiger Douglas Santos war noch am ehesten derjenige Spieler, der die Abwehrreihe des Gegners anlief.

Insofern erinnerte die Partie an die Zeiten unter Wolfs Vorgänger Christian Titz: Der HSV hatte viel Ballbesitz, spielte viele Querpässe, kam aber selten zu Raumgewinn oder gar Torchancen. Auch die Konterabsicherung zeigte sich in einigen Momenten lückenhaft, wie es zu Saisonbeginn häufiger der Fall war. Im Allgemeinen konnte der HSV zwar dank der eingerückten Außenverteidiger schnell zu einem effektiven Gegenpressing übergehen. Sobald Dresden trotzdem der Pass in die Spitze gelang, war die Abwehr überfordert mit der Geschwindigkeit von Koné. Doch keins der beiden Teams konnte eine der wenigen Chancen nutzen. Zur Pause stand es 0:0.

Leichte Verbesserungen nach der Pause

In der Pause justierte Wolf leicht nach, sodass seine Hamburger nun mehr Torgefahr ausstrahlten. Bakery Jatta agierte nun auf dem Flügel breiter und fand ein besseres Timing beim Einstarten in die Spitze. Über seine linke Seite konnte sich der HSV nun häufiger in die Tiefe kombinieren. Auch Sechser Mangala drehte nach der Pause auf. Er nutzte den fehlenden Druck durch den Gegner, um aus der Tiefe zu überraschenden Dribblings anzusetzen. Das Spiel verlagerte sich somit weiter in die Dresdner Hälfte.

Auch dies wirkte wie einst zu Zeiten von Titz: War der Gegner erst einmal müde gespielt, nutzte der HSV die gegnerischen Räume besser aus. Am Ende benötigte Wolfs Elf einen Patzer von Dresden-Keeper Markus Schubert, um zum ersehnten Torerfolg zu gelangen. Der HSV provozierte dieses Tor durch ein aggressives Pressing – und das, obwohl bereits 84 Minuten gespielt waren. Hier zeigt sich, dass der HSV durch seine dominante Spielweise auch die nötigen Kraftreserven spart, um in der Schlussphase noch einmal angreifen zu können.

Dresden versuchte nach dem Rückstand noch einmal, den Ausgleich zu erzwingen. Sie stellten auf eine enorm offensive 4-4-2-Formation um. Doch der HSV zog sich in die eigene Hälfte zurück und sicherte den eigenen Strafraum. Der Sieg war am Ende glücklich, aber nicht unverdient.

Nächster konterstarker Gegner wartet

Es war fast, wie ich es nach dem Nürnberg-Spiel vorausgesagt habe: Gegen Zweitligisten habe es der HSV schwerer, da diese besser verteidigen können als Erstligist Nürnberg. Diese Weisheit dürfte auch auf den kommenden Gegner zutreffen: Heidenheim vermag es unter Trainer Frank Schmidt, enorm kompakt zu verteidigen. Heidenheim stört etwas früher als die Dresdner, rückt mit der ersten Pressinglinie weiter vor. Auch ihre Konter sind wuchtvoller, da Schmidt meist zwei Stürmer als Anspielstationen in vorderster Linie aufstellt.

Zuletzt spielte Heidenheim mit einer Raute im Mittelfeld. Diese könnte für den HSV zur Gefahr werden. Diese Variante ist bestens geeignet, die einrückenden Außenverteidiger der Hamburger kaltzustellen. Die gegnerischen Achter stören die Außenverteidiger, der Zehner nimmt Sechser Mangala auf. Ob Wolf sich vor dem Spiel eine neue Variante einfallen lässt? Ich bin gespannt. Einfach wird das Auswärtsspiel in Heidenheim nicht. Aktuell stehen die Heidenheimer bei sieben Spielen am Stück ohne Niederlage. Es könnte wieder ein zäher Abnutzungskampf entstehen. Zur Erinnerung: Den 3:2-Hinspiel-Erfolg konnte der HSV auch erst in der Schlussphase verbuchen. Vielleicht müssen sie erneut auf ihre Kondition bauen – wie gegen Dresden.

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Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.