Marcus Scholz

21. August 2020

Es war tatsächlich so, dass der Regen aufhörte, als er fertig war. Vorher hatte sich Terodde gut eine Dreiviertelstunde mit den Reservisten und Rekonvaleszenten auf dem hinteren Trainingsplatz bewegt. Nicht besonders intensiv, aber mit kleinen Wettbewerben und Strafen (in Form von Liegestützen). „Es hat Spaß gemacht“, freute sich Terodde, als er zu uns kam. Was sonst sollte er uns auch sagen? Immerhin war es seine erste Einheit als HSV-Profi. Und auch in dem darauffolgenden Interviewmarathon behielt Terodde diese Maxime bei. Viele lobende Worte über den neuen Arbeitgeber, mit dem er nach Stuttgart und Köln zum dritten Mal aus der zweiten in die erste Liga aufsteigen will. „Eigentlich gefällt mir diese gezeigte Demut beim HSV zuletzt sehr gut. Ich war schnell überzeugt, als ich von dem Weg erfuhr, den der HSV gehen will.“

Bedeutet: Terodde soll neben den Toren auf dem Platz auch abseits des selbigen junge Spieler führen. „Säulenspieler“ nennt Sportvorstand Jonas Boldt seinen als „Coup“ gefeierten Transfer vom 1. FC Köln. Und der 32-Jährige ehemalige Torschützenkönig der Zweiten Liga scheint diese Rolle zu mögen.  „Ich wollte irgendwo zum Ende meiner Karriere noch einmal richtig Gas geben und Verantwortung auf dem Platz übernehmen“, sagte er heute.  Er sei zwar nicht der Spieler, der in der Kabine die großen Reden schwingt. Aber: „Ich versuche, auf dem Platz vorneweg zu gehen. Ich glaube, ich habe da einen guten Verein gefunden mit dem HSV. Es ist eine junge, hungrige Mannschaft, die entwicklungsfähig ist. Das reizt mich ungemein.“ Ansprüche wolle er nicht stellen. „Ich versuche, demütig zu bleiben. Ich muss erst einmal zeigen, dass ich hier hereinpasse.“ Vom Ziel Aufstieg mochte er im Freitagregen von Hamburg erst einmal nicht sprechen. „Lasst uns erst mal anfangen, zu arbeiten.“

Hinterseer UND Terodde - geht das überhaupt?

Von seinen neuen Mitspielern ist er angetan. Er hatte sie am Vortag kurz nach seiner Vertragsunterschrift im Testspiel gegen den dänischen Club FC Midtjylland (0:2) beobachtet. „Die haben alle Bock, hier zu spielen. Egal welche Liga, die haben Bock auf den HSV“, sagte Terodde, „das ist bei mir auch der Fall. Ich bin überzeugt, dass wir eine starke Mannschaft haben.“ Eine in der neben ihm mit Lukas Hinterseer noch ein weiterer Angreifer m Kader steht, der als Box-Spieler wie Terodde bezeichnet wird. Nicht wenige vergleichen beide sogar – und dazu zähle auch ich. Dass ich damit weder dem einen Angreifer einen Vorwurf machen, noch dem anderen Zuspruch zukommen lassen will – es sei nur noch mal in aller Deutlichkeit gesagt. Ich habe in den letzten Tagen so viele Nachrichten von Freunden bekommen, die mir gratulierten, als hätte ich den HSV gerade zum Aufstieg geschossen. Und die vorrangige Erkenntnis neben der erschreckenden, dass ich so viele Köln-Fans „Freunde“ schimpfe: Terodde wurde wirklich ausschließlich in den allerhöchsten Tönen gelobt. Mit ihm sei uns der Aufstieg sicher, heißt es.

Allerdings erinnere ich mich noch sehr gut an die letzte Saison, vor der Lukas Hinterseer als eben dieser Heilsbringer gefeiert wurde. Er sei das Korsettstück in der Offensive, das dem HSV in der davor liegenden Saison gefehlt hatte. Hieß es. Und Hinterseer begann gut. Er traf bis zum 21. Spieltag neunmal, ehe er plötzlich unter HSV-Trainer Dieter Hecking zum Einwechselspieler degradiert wurde. Auch, weil der ehemalige HSV-Trainer plötzlich in dem kurz zuvor verpflichteten Joel Pohjanpalo die bessere Alternative sah. Und der Finne traf auch. Da Hecking selbst offensiv nicht flexibel agierte sondern partout mit einer Spitze spielen ließ, war kein Platz mehr für Hinterseer UND Pohjanaplo. Und zumindest hier kann man heute schon sagen, dass Daniel Thioune deutlich flexibler ist. Hinterseer, so finde ich, hätte es auch verdient (gehabt), dass man länger auf ihn setzt. Trotzdem glaube ich im Gegensatz zu Helm-Peter nicht daran, dass es sinnvoll wäre, beide zu behalten. Dafür sind Hinterseer und Terodde zu gleich in der Spielart.

 

Und offensichtlich hat sich der HSV festgelegt, lieber auf einen neuen Stürmer zu setzen. Für mich wirkt es ein bisschen so, als würde man sich von gerade neu gekauften, hochwertigen Schuhen trennen, weil sie ein wenig ungemütlich zu tragen sind. Zwar sagen alle, man solle sie erst einlaufen, dann hätte man doppelt Spaß – aber man ist zu ungeduldig und will die Schuhe gegen andere, neue tauschen.

Dass Terodde eine große Nummer in der Zweiten Liga ist, ist unbestritten. Aber hat der HSV bei Hinterseer wirklich alles versucht, um alles aus ihn rauszuholen? Ich behaupte: Nein! Im Gegenteil: Schon im Winter hatte der HSV bei Terodde angefragt und damit Hinterseer gezeigt, dass man nicht zufrieden ist. Das an sich ist nicht schlimm. Auch nicht, dass Terodde der Wunschspieler der aktuellen HSV-Verantwortlichen ist. Mich ärgert nur einfach, dass hier Jahr für Jahr Spielerpotenziale derart ungenutzt bleiben. Der Satz: „Beim HSV werden alle Spieler schlechter“ ist natürlich falsch. Er ist zu pauschal, denn es gibt schon ein paar Namen, die das Gegenteil beweisen. Aber eben nur ein paar wenige. Zu wenige. Und Hinterseer ist Stand heute der nächste Fall.

 

Wobei: Stand heute ist ehrlich gesagt auch falsch. Faktisch ist Hinterseer ja noch da. Allerdings ist bekannt, dass der HSV seinem Angreifer trotz eines noch bis 2021 laufenden Vertrages keine Steine in den Weg legen würde, wenn ein passendes Angebot für ihn reinkommt. Hinterseer selbst hatte zuletzt betont, sich in Hamburg unter dem neuen Trainer Daniel Thioune durchbeißen zu wollen. und auch für Terodde spielt der Trainer des HSV eine entscheidende Rolle: „Ich habe gemerkt, dass er Bock darauf hatte, mit mir zusammenzuarbeiten.“ An den Toren allein will er nicht gemessen werden. „Ich bin extrem von der Mannschaft abhängig“, meinte er. „Das ist genauso, wie ich defensiv mitarbeite, versuche ich natürlich, mich offensiv einzubringen. Am Ende bin ich nur der, der in der Kette steht, und das Ding vielleicht über die Linie drücken muss.“ Terodde ist der neue Hinterseer. Oder anders formuliert: Er soll der bessere Hinterseer werden.

Und nur noch einmal ganz deutlich: Terodde selbst kann überhaupt gar nichts dafür. Der Angreifer machte heute im ersten Gespräch einen extrem aufgeräumten, sympathisch-bodenständigen Eindruck. Er betonte immer wieder, wie sehr er sich auf die Aufgabe freue und entschleunigte ihm zu offensiv formulierte Fragen nach seinen Qualitäten und Zielen mit dem HSV, indem er immer wieder einstreute, dass der HSV auf Entwicklung setze und er sich darauf freue, daran teilnehmen zu dürfen. Terodde will nichts von dem Star-Rummel um sich. Er will einfach erst einmal ankommen und sich beim HSV einleben. Auch deshalb freue er sich auf die bei Profis ansonsten eher ungeliebten Tage im Trainingslager in Österreich. „24 Stunden die Jungs um mich herum zu haben wird gut sein, um mich schnell einzuleben. Ich freue mich darauf!“

 

Ebenso wie auf das morgige Testspiel gegen Randers FC. Gegen die Dänen soll Terodde sein Debüt feiern. Leider wieder unter Ausschluss der Öffentlichkeit – aber das Spiel wird erneut live zu sehen sein via HSV-Youtube-Kanal. Und auch wir werden uns natürlich morgen Abend mit dem Tagesblog wieder melden. Bis dahin wünsche ich Euch einen schönen Europa-League-Abend! Scholle

 

P.S.: Das brisante Stadtduell gegen den FC St. Pauli findet an einem Freitag, (30. Oktober, 18.30 Uhr) statt.

P.P.S: Der DFB seinen Kader für die U21-Länderspiele gegen die Republik Moldau und Belgien veröffentlicht. Mit dabei ist auch HSV-Talent Josha Vagnoman. Gespielt wird am 3. September (Moldau) und am 8. September (Belgien). Beide Spiele werden auf ProSieben MAXX übertragen. Dass sich der Verteidiger in offiziellen Verhandlungen mit Hellas Verona befindet kann ich nicht bestätigen, Ich weiß nur, dass Vagnoman selbst einen Wechsel nach Verona ablehnt.

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