Tobias Escher

1. Februar 2019

Der Januar beflügelt stets die Fantasie der Fans. Schließlich bietet die Winterpause die große Gelegenheit, dass sich der Lieblingsklub neu aufstellt. Neue Spieler, neue Taktik, bessere Ergebnisse: Alles scheint möglich. Im Falle des Hamburger SV fiel die Erneuerung in der Winterpause recht klein aus. Unser Taktikfuchs Tobias Escher analysiert, an welchen Stellschrauben Hannes Wolf gedreht hat und wie die Chancen gegen Bielefeld stehen.

Wenig Neues im Norden: So lässt sich der Hamburger Auftakt nach der Winterpause in vier Worten zusammenfassen. Trainer Hannes Wolf enttäuschte Fans, die nach der 1:3-Niederlage in Kiel eine Rundumerneuerung erwartet hatten. Er blieb seiner 4-3-3-Formation aus der Hinrunde treu. Wieder einmal agierten Douglas Santos und Gotoku Sakai als einrückende Außenverteidiger, sie waren häufig im Zentrum zu finden. Viel Ballbesitz, Angriffe durch die Mitte: So wollte der HSV auch Sandhausen knacken.

Taktische Aufstellung HSV-SVS

 

Kleine Änderungen, die Wirkung zeigen

Das große Ganze, sprich: das grundsätzliche taktische System, mag Wolf nicht angetastet haben. Jedoch gab es so manche Änderung im Kleinen. Tatsuya Ito begann die Partie auf der ungewohnten Achter-Position neben Lewis Holtby. Der Japaner suchte auf der halblinken Seite ständig den Weg in die Tiefe, während der halbrechts agierende Holtby sich öfter in den Spielaufbau einschaltete.

Großer Nutznießer dieser neuen Anordnung im Mittelfeld waren weder Holtby noch Ito, sondern der nominelle Linksverteidiger Santos. Sein Einrücken in den halblinken Mittelfeld-Raum ergab in der Konstellation mit Ito mehr Sinn. Dadurch dass Ito häufig auf die Flügel oder in die Spitze rückte, hatte Santos einen größeren Aktionsradius zur Verfügung. Zudem war er noch präsenter im Spielaufbau. Das kann angesichts Santos' starker Form in dieser Saison keine falsche Idee sein.

Dass die Hamburger in ihrem Spielaufbau mehr Zug nach vorne hatten, lag auch an einem Rückkehrer: Gideon Jung überzeugte mit starkem Passspiel und gut getimten Vorstößen. Er ergänzte sich zudem bestens mit Torhüter Julian Pollersbeck. Dieser schaltete sich wieder etwas stärker ins Aufbauspiel ein, nachdem er nach dem Wechsel von Titz zu Wolf einige Wochen sehr tief agierte.

Obwohl der HSV fast 70% Ballbesitz sammelte, war ihr Spiel nie reine Ballschieberei. Immer wieder suchten die Verteidiger den Passweg nach vorne. Gerade zwischen den gegnerischen Linien hatte der HSV viel Präsenz. Mich überraschte in diesem Zusammenhang, wie gut sich Pierre-Michel Lasogga in das Spiel der Hamburger integrierte. Der bullige Stürmer ist eigentlich eher als Mann für Abschlüsse bekannt, nicht aber als mitspielender Stürmer. Gegen Sandhausen zog er immer wieder Abwehrspieler auf sich, täuschte viele Läufe in die Spitze an. Damit befreite er vor allem Ito und Holtby von ihrem Gegenspieler, sobald diese hinter die Abwehr starteten.

Leider werden sich weder Ito noch Holtby in diesem Leben zu Vollblut-Stürmern entwickeln – bereits in der ersten halben Stunde vergaben sie zusammen drei gute Chancen. Somit machte sich der HSV durch die mangelhafte Chancenverwertung das Leben selbst schwer.

Ähnliche Aufgabe gegen Bielefeld

Was wesentlich besser funktionierte als vor der Winterpause war das Spiel gegen den Ball. Nach zuletzt sieben Gegentreffern in den fünf Partien vor Weihnachten fokussierte sich der HSV nun wieder besser auf das Gegenpressing. Auch hier funktionierten die Absprachen zwischen Ito und Santos, die Sandhausener kamen nie zu einem schnellen Konterspiel. Ihr 4-4-2 blieb wirkungslos. Der Elfmeter zum 1:1 in der 65. Minute war der allererste Sandhausener Torschuss der gesamten Partie.

Das ist ohnehin die große Errungenschaft des Taktikters Wolf: Der HSV steht gegen gegnerische 4-4-2-Systeme gut gestaffelt. Schnelles Nachsetzen sowie eine direkte Rückkehr in die eigene Ordnung verhindern, dass der Gegner schnell in die Tiefe spielen kann. Auch die Abstimmung innerhalb der Viererkette stimmt. Die Verteidiger finden das richtige Timing, auch mal versetzt zueinander zu stehen und somit die Tiefe besser abzusichern.

Diese Stabilität gegen 4-4-2-Systeme ist auch deshalb so entscheidend, da die Mehrheit der Zweitligisten solche Systeme spielen. Mit Arminia Bielefeld wartet am Samstagnachmittag (13 Uhr) der nächste Gegner, der mit zwei Viererketten verteidigt. Bielefeld verteidigt noch kompakter als Sandhausen, sucht meist im Mittelfeld-Zentrum den Zugriff. Nach Ballgewinnen kann es schnell gehen. Zuletzt setzte Neuhaus den flinken Joan Simun Edmundsson im Sturm ein neben Strafraumwühler Fabian Klos.

Doch Neuhaus gehört nicht zu den Trainern, die sich im 4-4-2-System einzig aufs Kontern versteifen. Bei 4:3-Sieg gegen Dresden gab es auch lange Ballbesitzphasen der Bielefelder. Hierbei formierten sie sich in einem 4-3-3. Ob Neuhaus auch gegen den HSV auf Ballsicherung spielen wird? Dann gäbe es eine gänzlich neue Aufgabe für den Hamburger SV. Wahrscheinlich ist aber, dass sich Außenseiter Bielefeld gegen Favorit Hamburg weiter zurückziehen wird.

Für den HSV gilt es, da weiterzumachen, wo sie gegen Sandhausen aufgehört haben. Große Veränderungen sind nicht zu erwarten. Wenn die Winterpause Wolf nicht von seinem System abgebracht hat, dürften es die drei Tage zwischen Sandhausen und Bielefeld erst recht nicht tun.

HINZUGEFÜGT:

Und es deutet auch alles daraufhin, dass sich zunächst in Sachen Aufstellung nichts verändert. Zwangsläufig. Denn ohne den verletzten Aaron Hunt ging es heute nach Bielefeld. Bei einer Untersuchung heute im UKE wurde bei dem 32-jährigen HSV-Kapitän ein Muskelfaserriss im rechten Oberschenkel festgestellt. Hunt wird somit nicht nur morgen in Bielefeld, sondern insgesamt rund drei Wochen ausfallen.

Und sollte nichts Außergewöhnliches passieren, wird Trainer Hannes Wolf auch deshalb mit der siegreichen Startelf des Sandhausen-Spiels beginnen. Zumindest ließ Wolf heute so trainieren:

Pollersbeck - Sakai, Jung, van Drongelen, Santos - Mangala - Narey, Holtby, Ito, Jatta - Lasogga.

Auf der Bank wären demnach Mickel (ETW), Arp, Janjicic, Vagnoman, Jung, Özcan, Lacroix, Bates. Und die Bielefelder haben großen Respekt vor der Aufgabe gegen den HSV.  Arminia-Trainer Uwe Neuhaus sagte: „Der HSV verfügt durch die Bank über gute Fußballer, die wir nicht einfach spielen lassen dürfen. In die genaue Taktik werde ich die Mannschaft noch einbeziehen. Nur intensives Pressing dürfte definitiv schwierig werden.”

In diesem Sinne, bis morgen. Da melde ich mich wieder nach dem Spiel bei Euch. Hoffentlich mit dem zweiten Dreier 2019 i9m Gepäck...!

Bis dahin!

Scholle

 

 

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Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.

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