Marcus Scholz

16. August 2018

Das überrascht mich tatsächlich: Léo Lacroix ist nicht einmal im Kader für das Pokalspiel gegen TuS Erndtebrück am Sonnabend. Der Franzose soll sich – ebenso wie Christoph Moritz und Manuel Wintzheimer - bei der U21 Spielpraxis holen. Eine Entscheidung von Trainer Christian Titz, die er heute schon verkündete. Und das, obwohl ein Pokalspiel gegen einen unterklassigen Gegner wie den Oberligisten gern gerade dafür genutzt wird. Hier mit dem Vorteil, dass sich der Neue auf der einen Seite notwendige Spielpraxis holt und sich zeitgleich dabei an die neuen Mannschaftskameraden gewöhnen kann. Menschlich – aber vor allem auch spielerisch.

Allein Titz sieht das offenbar anders. Er setzt darauf, dass Lacroix (sowie Moritz und Wintzheimer) in der Regionalligamannschaft, die ebenfalls am Sonnabend um 18.30 Uhr bei Holstein Kiel II antreten muss, mehr gefordert wird und dass er sich so wieder in Topform bringen kann. Und das muss er auch. Denn das Spiel gegen den FC Bayern hat noch etliche Unsicherheiten und Abstimmungsprobleme offengelegt. „Léo braucht noch etwas Zeit, um dahin zu kommen, wie wir ihn uns vorstellen. Er hatte zuletzt nur Trainingseinheiten, er braucht jetzt Spielpraxis“, so HSV-Trainer Titz, der heute nachlegte: „Wir haben viele gute Spieler, die am Wochenende Spielpraxis in der U21 sammeln werden. Dazu gehören Lacroix, Behrens, Kwarteng, Moritz und Wintzheimer. Diese Spieler benötigen Spielpraxis und Selbstvertrauen.“

So, wie es bei Fiete Arp gehandhabt wurde. Mit dem Youngster hatte sich Titz länger intensiv ausgetauscht und einen gemeinsamen Fahrplan in der Vorbereitung sowie zu Saisonbeginn erstellt. „Er wollte es auch so. Wir haben gesagt, dass es vernünftig ist, dass er sich nach all dem Theater um ihn herum noch mal in Ruhe auf sich und den Fußball konzentrieren kann und wieder Selbstvertrauen tankt“, so Titz. Und das tat Arp bei der U21, wo er am vergangenen Wochenende trotz überschaubarer Leistung mit einem Doppelpack zu glänzen wusste und diese Leistungskurve in der ersten Halbzeit gegen Bayern München untermauerte.

„Der HSV hat es offensiv sehr gut gemacht“, hatte mir Niko Kovac gestern nach dem Spiel gesagt. Er selbst war mit der Leistung seiner Mannen zufrieden und sieht den HSV auf einem sehr guten Weg. „Ich verfolge den HSV seit meinem Weggang unverändert intensiv“, so der Trainer des FC Bayern, „das ist doch klar. Und ich glaube, dass man hier einen neuen Weg eingeschlagen hat, der Erfolg haben wird, wenn man das nötige Durchhaltevermögen aufbringt. Mit diesen Spielern kann man diesen mutigen Offensivfußball jedenfalls spielen“, so Kovac, der dabei Aaron Hunt, Lewis Holtby und Orel Mangala stellvertretend als Beleg für seine These aufzählte. „Und wenn der Erfolg da ist - egal ob erste oder zweite Liga -, dann werden hier wieder alle darin aufgehen. Die Fans sind sensationell und mich würde es riesig freuen, wenn hier wieder eine Euphorie entsteht, wie sie uns damals beflügelt hat. Und damals war es erst nur ein neues Stadion – jetzt ist es ein gleich ein sportlich neuer Weg.“

Man merkte Kovac trotz der wahrscheinlich herausfordernsten Aufgabe unter allen Trainerjobs in Deutschland an, dass ihm der HSV noch immer am Herzen liegt. Er beantwortete gestern zwar erst die Fragen meiner Sport1-Kollegen, eher wir uns unterhielten. Aber in unserem Gespräch war es am Ende tatsächlich weniger ich, der Fragen stellte als er.

Kovac war neugierig. Wie die Stimmung in Hamburg rund um den HSV generell sei, wie die Mannschaft sich tagtäglich präsentiert – Kovac wollte einfach wissen, wie es beim HSV weitergeht, um dann selbst zu schlussfolgern: „Sie werden es schaffen, der HSV kommt wieder hoch.“ Schön wäre es. Vor allem aber war es interessant, mal von einem so renommierten Trainer zu erfahren, was er von dem System hält, das Titz spielen lässt. Und das wiederum wird in Hamburg zumindest in meinem privaten Umfeld ebenso wie von Kovac fast ausschließlich sehr positiv beurteilt. Einzelne Kollegen von mir scheinen das zwar aus den verschiedensten Gründen prinzipiell anders zu sehen/schreiben. Aber auch ihnen kann der HSV letztlich mit weiteren Erfolgen den Garaus machen.

LESETIPP: Wir werden morgen einen extrem ausführlichen Gastbeitrag haben, der nach einjähriger wissenschaftlicher Auseinandersetzung mit dem Training und den Spielen des HSV erklärt, welches System dieser HSV spielen muss. Und ohne zu viel zu verraten: Der HSV ist auf einem sehr guten Weg...

Dabei nicht mehr helfen wird, wie schon häufiger geschrieben, Albin Ekdal. Der Schwede wurde heute offiziell als Neuzugang von Sampdoria Genua vermeldet. Fakt ist ebenfalls, dass neben Lacroix, Wintzheimer und Moritz („Ich bin noch weit davon entfernt, Ansprüche stellen zu können, da ich auch noch weit von dem entfernt bin, was ich selbst von mir erwarte“) auch Filip Kostic (weiterhin) nicht zum Kader gehören wird. Der Serbe will weiter wechseln, hat aber noch keinen neuen Verein. Douglas Santos soll derweil in Hamburg bleiben und wird auch bleiben, sofern nicht noch ein Klub um die Ecke kommt und rund 25 Millionen Euro bietet. Die Schalker, bei denen Kehrer gerade für 37 Millionen Euro zu Tuchel-Klub Paris Saint-Germain gewechselt ist, haben sich noch nicht wieder gemeldet.

Dafür soll gerüchteweise Bayer Leverkusen über einen Transfer des Linksverteidigers nachdenken, der am Sonnabend wieder in die Startelf rücken soll. Und das, obwohl mir auf seiner Position Josha Vagnoman sehr gut gefallen hat. Deutlich besser sogar als Sakai auf der anderen Seite. Und da es außer Frage steht, dass Santos in die erste Elf gehört, würde ich an des Trainers Stelle ernsthaft in Erwägung ziehen. Vagnoman auf die rechte Abwehrseite zu stellen, nachdem Sakai seit Monaten seiner Form hinterherläuft. Und obwohl ich weiß, dass Titz eher der Trainer ist, der seinen Spielern Vertrauen schenkt und auch mal ein schlechtes Spiel „schluckt“, glaube ich, dass diese Geduld bei Sakai vielleicht weniger hilfreich für den Japaner ist, als wenn man ihm mal eine schöpferische Pause gibt. Zumal Sakai – aus freien Stücken – auch in diesem Sommer wieder nur sehr wenige trainingsfreie Tage genossen haben soll und vielleicht einfach am Limit ist.

Ich bin jedenfalls sehr gespannt, wie Titz versuchen wird, seinen Musterschüler aus der Formkrise zu holen. Ebenso gespannt bin ich übrigens auch darauf, wer am Sonnabend neben dem gesetzten Rick van Drongelen in der Innenverteidigung beginnen wird. Stephan Ambrosius habe auch sehr gut gespielt, antwortete Titz heute auf die Frage, ob denn Bates oder Lacroix neben van Drongelen beginnen würde, um kurz danach Lacroix’ Einsatz in der U21 zu verkünden. Soll heißen: Bates oder Ambrosius, der gegen Bayern durch bewies, dass er als Abräumer in der Innenverteidigung ebenso geeignet ist wie für Kopfbälle nach Standards. Wobei er letztere zweifelsfrei deutlich gezielter absetzen muss...

Im Mittelfeld hat Mangala (wie schon in Sandhausen auf Zweitligaebene) gegen Bayern gezeigt, dass er selbst auf Erstliganiveau zu den Topspielern gehören kann. Das war schon richtig gut und lässt darauf hoffen, dass der HSV hier einen besonders guten Fang gemacht hat. Zudem wirkten Lewis Holtby in der ersten und Vasilije Janjicic in der zweiten Hälfte sehr überzeugend – ebenso wie Jonas David, der vom Alter her sogar noch in der U19 spielen dürfte. Und mindestens bis zur Rückkehr von Matti Steinmann und Moritz ist der 18-Jährige eine gute Alternative im defensiven Mittelfeld.

Im Angriff wirkte der HSV gegen die Bayern mit der Kombo Tatsuya Ito (links) Arp (ganz vorn) und Narey (rechts) sowie Holtby zentral dahinter am gefährlichsten.

Jairo Samperio war gegen den Rekordmeister zwar schon deutlich besser als zuletzt in der Liga – aber meiner Meinung nach genau wie Ito noch zu ineffektiv. Und während Ferati über ein paar gute Ansätze nicht hinauskam und Wintzheimer in die U21 rücken wird, deutet vieles daraufhin, dass Arp seinen Konkurrenten Pierre Michel Lasogga schon auf kurze Sicht ersetzen wird. Auf jeden Fall wird das Pokalspiel gegen Erndtebrück schon aus personeller Sicht sehr interessant sein.

In diesem Sinne, wie oben schon geschrieben: Morgen lest Ihr hier eine hochinteressante, sehr detaillierte Ausarbeitung über die Trainingsinhalte sowie das Spielsystem des HSV. Und dabei wird die Frage beantwortet, ob das Titz-System wirklich das richtige System ist. Ich kann Euch diesen Beitrag nur noch einmal empfehlen und freue mich darauf, mich dann am Sonnabend nach dem Pokalspiel wieder bei Euch zu melden!

Bis dahin,

Scholle

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Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.

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