Marcus Scholz

27. August 2018

Die größte Frage vorher war: Wer beginnt ganz vorn? Aaron Hunt? Pierre Michel Lasogga? Oder doch Fiete Arp? Antwort: Der Doppeltorschütze aus dem Pokalspiel bei Erndtebrück, Pierre-Michel Lasogga, stand in der Startelf. Mit Hunt direkt dahinter. Trainer Christian Titz hatte die mutige, offensive Variante seines eh schon sehr offensiv ausgelegten Spiels gewählt und darauf gesetzt, dass sich Bielefeld tief in die eigene Hälfte fallen lassen würde. Mit Lasogga sollte dabei der dafür prädestinierte Strafraumstürmer unter den HSV-Stürmern als Abnehmer im gegnerischen Sechzehner bereitstehen. Lasogga hatte den Vorzug vor Fiete Arp bekommen, der im Training unter der Woche zumeist im A-Team zu finden war. Und so viel vorweg: Lasogga sollte dieses Vertrauen beim 3:0-Sieg vor 46.934 Zuschauern, der den HSV auf den 3. Tabellenplatz der Zweiten Liga hievt, mit zwei Toren zurückzahlen.

Dabei hatte sich Bielefeld offenbar etwas vorgenommen: Abwarten - und immer, wenn David Bates hinten beim HSV am Ball war, wurde schnell vorgeschoben. Man wollte die vermeintliche Schwachstelle des HSV nutzen. Dabei reichte es auch heute wieder bei dieser Abwehr, wenn man den Ball in deren Rücken schlug. Lange Bälle, wie der in der vierten Spielminute auf Vogelsammer, dessen Kopfballablage zur Torchance für Klos wurde. Allein sein Linksschuss aus gut 18 Metern verfehlte das Tor deutlich und überließ dem HSV damit die Chance auf die frühe Führung.

Und im Gegensatz zum Kiel-Spiel nutzte sie der HSV diesmal eiskalt. Eine Ecke von Douglas Santos konnte Bielefelds Keeper Stefan Ortega nicht festhalten und sich danach nicht an Lasogga vorbeidrängeln. Holtby nutzte die gute Gelegenheit und nickte den Abpraller zur 1:0-Führung (9.) ein. Ein Tor, das in der Ersten Liga sicher eine längere Prüfung per Videobeweis nach sich gezogen hätte – aber diesen gibt’s zum Glück in der Zweiten Liga nicht.

Und deshalb konnte Holtby die Ehre übernehmen, sich das Trikot des unter der Woche schwer verletzten Jairo Samperio zu schnappen und diesen auf diesem Weg zu grüßen. Eine nette Geste, deren Botschaft wir uns von dieser Stelle noch mal anschließen wollen. Gute Besserung, Jairo!

Aber zurück zum Spiel, denn das war kurzweilig... Vereinzelte Bielefelder Pressingsituationen wurden noch gut gelöst und gute fünf Minuten nach dem Führungstreffer hatte Pierre-Michel Lasogga eine Szene, wie er sie in der Trainingswoche zigfach geübt hatte. Im Sechzehner kam er – nach einem Abpraller – mit dem Rücken zum Tor an den Ball, drehte sich und zog direkt ab. Der einzige Unterschied: Im Gegensatz zu den Übungsschüssen saß dieser nicht, sondern ging recht deutlich links vorbei.

Es war eine sehr interessante Anfangsphase. Auch, weil sich Bielefeld keinesfalls versteckte, geschweige denn mauerte. Das sorgte dafür, dass Bielefeld seinerseits (zumeist über Standards) Ansätze von Torchancen hatte. Und auf der anderen Seite versuchte der HSV, schnell nachzulegen. Insbesondere die linke Seite mit Tatsuya Ito, Santos sowie dem sehr fleißigen Lewis Holtby wurde immer wieder gesucht. Aaron Hunt hingegen war in der ersten Hälfte kaum zu sehen. Bis er in der 38. Minute den Ball fahrlässig verdaddelte und damit einen Bielefelder Angriff einleitete, der fast zum Ausgleich geführt hätte.

Denn nachdem Bates den Bielefelder Angriff nur per Foul stoppen konnte, gab es Freistoß für die Arminia. Florian Hartherz zirkelte eben diesen aus 21 Metern über die Mauer und Pollersbeck musste sich schon mächtig strecken, um den Ball wenigstens zur Ecke zu lenken. Und keine zwei Minuten später war es wieder Pollersbek, der den Ausgleich verhinderte. Nach einem katastrophalen Fehlpass van Drongelens kam der bis dahin für mich auffälligste Bielefelder Voglsammer frei vor Pollersbek an den Ball und zögerte einen Moment zu lange. Der HSV-Keeper konnte sich gerade in den Sechzehner retten, um den letztlich auch dramatisch schwachen Abschluss des Bielefelders auf der Linie zu halten. Eine knappe Geschichte – aber tendenziell korrekt, dass Schiedsrichter Arne Aarnink (Nordhorn) hier weiterlaufen ließ und das 1:0 bis zur Halbzeitpause Bestand hatte.

Und diese nutzte Titz für eine Auswechslung: Janjicic kam für den in der ersten Hälfte starken Tatsuya Ito, für den Aaron Hunt auf die linke Außenbahn rutschte. Und ehrlich gesagt: Viel größer können die Kontraste kaum sein, denn Hunt war heute noch sichtbar weit weg von seiner Topform. Zusammen mit Bates war Hunt nach seiner langen Verletzungspause der schwächste (HSV-)Spieler auf dem Platz. Passend, wie er in der 47. Minute per Ganzkörperfoul (rutschte aus) die nächste Bielefelder Chance einleitete. Allein der Freistoß verfehlte das Ziel doch deutlich.

Bielefeld wurde jetzt zusehends besser. Und der HSV kam bis auf einen Fernschuss von Narey (48.) die erste Viertelstunde nach Wiederanpfiff kaum mehr zu entlastenden Angriffen. Aber dann: Erst kam Narey bei einer Hunt-Flanke nicht ausreichend hinter den Ball, um diesen ins Tor zu drücken (63.), anschließend verfehlte er mit einem Linksschuss nur knapp das Tor (64.). Und obwohl Bielefeld den Ton angab bis hierhin, wurde der HSV jetzt – immer wieder über den schnellen Narey – zumindest gefährlicher. Und gerade als ich meinen Kollegen fragte, weshalb der Trainer noch immer nicht Hunt und/oder Lasogga ausgewechselt hat, trafen die beiden im Zusammenspiel. Hunt war im Sechzehner freigespielt worden, legte quer und Lasogga konnte den Abpraller nach einer schnellen Drehung mit einem satten Rechtsschuss ins rechte untere Ecke zum 2:0 verwandeln (75.). „Deshalb nimmt er ihn nicht runter“, so die mit einem Lächeln leicht verspätete Antwort meiner Kollegen.

Am Ende gewann der HSV das Spiel sogar mit 3:0, nachdem Lasogga einen an ihn selbst verursachten Foulelfmeter zum 3:0 sicher verwandelte (88.), aber es wurde erneut deutlich, dass noch sehr viele offene Baustellen vorhanden sind. Vor allem die bekannten Defensivprobleme mit dem nicht immer sicheren Passspiel bringen den HSV immer wieder aus dem Spiel und lassen selbst solche Siege wie den heute gegen keinesfalls schlechte Bielefelder nicht so souverän aussehen, wie es sicher möglich war. Aber diese Erkenntnis ist mit einem 3:0 im Rücken relativ leicht zu verdauen.

In diesem Sinne, bis später. Dann mit der Pressekonferenz und einer Stimme von Trainer Christian Titz, der am Dienstag ab 20 Uhr bei unserem nächsten Rautenperlen-Talk zu Gast sein wird. Zusammen mit Tobias Escher von „Spielverlagerung.de“ werde ich den Trainer zum bisherigen Saisonverlauf befragen und auch eine kleine Auswahl Eurer an Kontakt@Rautenperle.com geschickten Fragen stellen können. Ich freue mich riesig darauf!

Scholle

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Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.

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