Marcus Scholz

14. Juli 2019

Wie meine Kollegen hatte auch ich natürlich um einen Termin mit Tobias Schweinsteiger gebeten, als dieser verpflichtet worden war. Aber wie die Kollegen musste natürlich auch ich warten. Der Neue im Trainerteam sollte sich erst einmal an die neue Umgebung, die Mannschaft und den Verein gewöhnen, ehe er für eine große Interviewrunde letztlich jetzt im Trainingslager „freigeschaltet“ wurde. Unmittelbar nach dem Mittagessen im Mannschaftshotel „Kempinski - Das Tirol“ kam er dann zu uns. Zunächst zur Videointerviewrunde mit Sky and Rautenperle. Im Anschluss daran setzte er sich zu uns in die prunkvolle Lobby des Hotels und begrüßte uns mit einem „Servus“ - was nett gemeint war, was wir ihm aber noch ganz schnell abgewöhnen müssen. Ab jetzt immer „Moin“ bitte, Herr Schweinsteiger.

Aber im Ernst, Tobi Schweinsteiger hat hier im Trainingslager in Kitzbühel einen sehr agilen Eindruck hinterlassen. Auch, weil Trainer Dieter Hecking ihn neben seinem ersten Cotrainer Dirk Bremser im täglichen Betrieb immer sehr stark mit einbindet. Dass Hecking sehr viel Wert auf Schweinsteigers Meinung legt, untermauert auch die Tatsache, dass er Schweinsteiger schon länger beobachtet hat. „Dieter Hecking hat angerufen, da hatte ich aber noch vier Jahre in Linz. Da kam etwas anderes für mich nicht in Frage. Ich arbeite von meiner inneren Haltung her immer so, als ob ich für 20 Jahre da bleiben würde“, sagt Schweinsteiger, der seit Juli nun doch beim HSV zusammen mit Hecking arbeitet.

Hecking überzeugte auch Schweinsteiger im persönlichen Gespräch

„Das Gespräch mit Dieter Hecking war super interessant. Das haben auch schon einige Spieler erzählt, wie überzeugend er sein kann. Für mich ist das wieder eine große Chance, viel zu lernen von einem sehr erfahrenen Trainerteam. Zudem hat der HSV immer noch eine riesige Strahlkraft – selbst in Bayern. Ich habe festgestellt, wie viele meiner Freunde den HSV intensiv beobachten, auch wenn sie vielleicht Fans von anderen Mannschaften sind. Das war genau der richtige Schritt.“ Ob ihn auch ein Job bei „seinem FC Bayern“ gereizt hätte? „Es gibt immer Trainerstellen, die einen reizen. Aber wenn die Gesamtkonstellation nicht passt... Darüber habe ich mir keine Gedanken gemacht.“

 

Schweinsteiger ist mit seinen 37 Jahren der jüngste im Trainerteam. Ob er sozusagen das Ohr zur Mannschaft ist, quasi als Bindeglied zum Routinier Hecking? Schweinsteiger: „Dieter Hecking ist der klare Chef. Dirk Bremser und ich versuchen, ihn zu unterstützen – jeder in seinem Bereich. Um die Trainingsarbeit kümmern wir uns gemeinsam. Um die Spielanalyse kümmere ich mich ein bisschen mehr – zusammen mit den Videoanalysten. Die Gegneranalyse fällt auch in meinen Bereich, obwohl ich mich da auch mit Dirk Bremser abstimme. Wir versuchen, Dieter Hecking so viel Mühen wie möglich zu ersparen, so dass alles gefiltert zu ihm kommt.“

Klare Hierarchie: Hecking Chef, dann Bremser, dann Schweinsteiger

Das Trio Hecking/Bremser/Schweinsteiger ergänzt sich. Hecking der Chef, Bremser als Verfechter traditioneller Schuhfarben und des handgeschriebenen Wortes - und eben Schweinsteiger als Mann der neuen (Internet-)Kultur. Eine Aufteilung, die Schweinsteiger so nicht gelten lassen will. „Dieter Hecking ist kein Trainer der alten Schule. Wer so lange in der Bundesliga Trainer war, der bringt natürlich seine Erfahrung mit rein. Aber er versucht permanent auch neue Entwicklungen mit aufzunehmen. Das zeichnet ihn schon aus.“ Dennoch: Schweinstieger selbst ist es, der diese neuen Methoden einbringt, während Bremser seine Notizen und taktischen Ideen an Tafeln und Flipcharts präsentiert. Allein: Inhaltlich decken sich diese wieder.

Schweinsteigers Einstieg beim HSV war leicht. Für ihn. Nein: Er ist noch immer leicht. Mit Manuel Wintzheimer und Adrian Fein spielen aktuell sogar zwei Spieler im Team, die Schweinsteiger in der Jugend des FC Bayern noch selbst trainierte. „Ich kenne Adi (Fein, d. Red) und Manu Wintzheimer aus der U17“, erzählt Schweinsteiger und macht sich für Bremser stark. „Auch Dirk Bremser ist ein jung gebliebener Mitte 50er. Er hat auch einen sehr guten Zugang zu den Spielern. Deswegen ist es nicht so, als wenn es ohne mich nicht möglich wäre, einen guten Zugang zu den jungen Spielern zu bekommen.“

Schweinsteiger inspiriert sich seit Jahren bei anderen Sportarten

Ebenso sucht Schweinsteiger über andere Sportarten Inspirationen für seine Trainerarbeit. „Ich mag echt viel“, so Schweinstieiger, „beim Beachvolleyball war ich die ersten fünf Tage jeden Tag da. Auch beim Baseball habe ich in Hamburg schon vorbei geschaut. Aber nur drei Innings, dann musste ich zum Beachvolleyball. Man kann aus anderen Sportarten auch für den Fußball viel rausholen. Baseball ist zum Beispiel sehr statistiklastig. Man muss über jeden Schlagmann, über jeden Werfer ganz genau Bescheid wissen. Auch beim Basketball oder beim Eishockey kann man sich für das Fußballtraining was abschauen.“ Er selbst hatte früher jeden Freitag Eishockey gespielt. Was er daraus mitnehmen konnte in den Fußball? „Zum Beispiel spezielle Spielzüge beim Eishockey. Man kann viel sehen, was man auf den Fußball übertragen kann: wie man eine Drei-gegen-zwei-Situation oder eine Zwei-gegen-eins-Situation löst. Ich kenne viele Leute aus anderen Sportarten. Irgendetwas nimmt man immer mit.“

Schweinstieger ist ehrgeizig. Das sieht man im Training auf dem Platz. Und das hört man raus, wenn man mit ihm spricht. Der Fußballlehrer soll es werden, dafür bracht er das eine Jahr als Cotrainer in der Zweiten Liga. Bislang hat der ehemalige Fußballprofi (u.a. Lübeck und Braunschweig) den A-Schein. Und den hat er fast summa cum laude abgeschlossen, was vor ihm bislang in 16 Jahren nur Thomas Tuchel gelungen war. Ob er einen Karriereplan hat? „Einen auf längere Sicht ausgelegten Karriereplan habe ich nicht. Ich identifiziere mich immer sehr mit der Aufgabe, die ich gerade habe. Da stecke ich alles rein. Dann gibt es manchmal Umstände, die dazu führen, das man sich trennt oder etwas Anderes macht. Im Moment ist meine Aufgabe der HSV. Da gebe ich hundert Prozent. Es gibt keinen Plan, dass ich in drei Jahre das oder das machen möchte. Jetzt geht es darum, meinen aktuellen Job so gut wie möglich zu erledigen. Dann wird irgendwann wieder etwas Neues passieren.“

Summa cum laude - Schweinsteiger so gut wie Tuchel

Schweinsteiger erinnert sich gern an seine Prüfung zurück: „Man hat ein Video vorgespielt bekommen und sollte die Fehler-Lösungs-Möglichkeiten aufzeigen.“ Je häufiger man es sich vorspielen ließ, desto mehr Punkte wurden abgezogen. Schweinsteiger benötigte nur den einen, ersten Durchgang. Dass ihm dabei das Schicksal den ersten Wink gab, wusste er damals noch nicht. „Ich weiß noch, dass es tatsächlich eine HSV-Sequenz mit Rafael van der Vaart war, die wir damals vorgespielt bekamen.“ Ein gutes Omen?

Ebenfalls aus der Vergangenheit wieder aktuell ist die Zusammenarbeit mit Adrian Fein, der in den bisherigen Trainingswochen einen sehr guten Endruck macht. "Adrian hatte ich sogar im ersten Jahr, in seinem dritten Jahr und jetzt in seinem fünften Jahr. Wir haben immer einen Zwei-Jahres-Rhythmus (lacht). Es ist schon cool, wenn man so einen Spieler über einen gewissen Zeitraum begleiten kann. Gerade gestern habe ich etwas länger mit ihm gesprochen. Meine erste Einschätzung von ihm war, der könnte einer werden. Er muss aber auch noch ein paar Schritte machen. Adrian ist ein richtig cleverer Junge.“

Stimmt, einer der spielintelligenteren Fußballer. Ein strategisch veranlagter Typ wie sein Bruder Basti. Allerdings legte der beim FC Bayern und in der Nationalmannschaft eine Weltkarriere hin, von der es so viele sicher nicht mehr geben wird. Ob ihn sein Bruder, zu dem er ein sehr enges Verhältnis pflegt, irgendwann in Hamburg besuchen wird? „Er wird wahrscheinlich eher nicht irgendwann mal in Hamburg plötzlich am Trainingsplatz auftauchen. Das gibt zu viel Trubel. Aber vor allem hoffe ich, dass er mit Chicago Fire dieses Jahr ein bisschen weiter kommt, zumindest in die Playoffs…“ Dennoch hatte sich der Weltmeister von 2014 über den Wechsel seines älteren Bruders nach Hamburg gefreut: „Ich habe ihm erklärt, wie es zustande gekommen ist. Er findet auch, dass es eine sehr interessante Aufgabe ist. Er weiß auch, dass der HSV ein großer Klub ist. Er kennt Dieter Hecking schon viele Jahre. Er freut sich und wird alles beobachten.“

„Wir haben Ziele: Gut in die Saison starten und unsere Spielidee umsetzen“

Auch Schweinsteiger senior freut sich - auf die Saison. „Ich hoffe, dass wir so schnell wie möglich zusammenfinden und die Art und Weise Fußball spielen, wie wir es uns vorstellen. Dann glaube ich, dass wir eine sehr gute Mannschaft haben, die unsere Ziele erreichen kann.“ Was er von der Saison erwartet? „Wir haben Ziele. Aber es ist nicht so, dass wir jetzt schon daran denken, was im Mai 2020 sein könnte. Wir denken jetzt erst mal daran, dass wir gegen Darmstadt gut gerüstet sind. Dass wir gut in die Saison starten und unsere Spielidee umsetzen.“ Obgleich das schwer wird. Schwieriger als in der vorigen Saison? „Es wird sehr interessant“, sagt Schweinsteiger, „Stuttgart, Nürnberg und Hannover werden sicherlich um den Aufstieg mitspielen. Aber wir wissen aus den vergangenen Jahren, dass es immer auch zwei, drei Überraschungen geben wird. Man muss sich einen Blick über die Spielweisen in der Zweiten Liga verschaffen. Es sind auch wieder viele interessante Trainer mit dabei. Es wird viele Mannschaften geben, die anders spielen werden als in den vergangenen Jahren. Darauf gilt es sich einzustellen, aber auch unsere Qualitäten auf den Platz zu bekommen und durchzusetzen.“

Und es wird das Derby geben. „In erster Linie freue ich mich auf jedes Heimspiel. Das wird richtig cool. Die Stimmung in Hamburg ist schon famos. Gegen Stuttgart – mit Tim Walter habe ich drei Jahre lang zusammengearbeitet. Seinen Co-Trainer Rainer Ulrich kenne ich auch schon seit sechs, sieben Jahre. Dazu der neue Torwarttrainer Uwe Gospodarek. Das wird sicherlich spannend sein, weil wir uns auch gegenseitig kennen.“ Und natürlich auch auf das Derby: „Das ist in Hamburg eine große Nummer. Das Spiel ist ja schon terminiert, ein Abendspiel. Die Vorfreude ist groß.“

Auch für mich - allerdings auf meinen Urlaub. Ich verabschiede mich mit den Worten Schweinsteigers für ein paar Tage und übergebe den Stab meinem Freund und neuen Kollegen Christian Hoch. Morgen werdet Ihr noch einen Blog von mir lesen - aber schon im MorningCall um 7.30 Uhr von Christian in den HSV-Tag geleitet. Bis einschließlich 23. Juli wird Christian Euer Mann beim HSV sein. Seid bitte nett zu ihm, er ist einer von den Guten...

Bis dahin Euch allen viele schöne Tage, ein paar starke Neuzugänge für den HSV - und vor allem: Bleibt gesund!

Scholle

P.S.: Das Tagebuch-Finale mit Tom Mickel wird in Hamburg nachgeholt. Leider war die Mannschaft erst so kurz vor dem Abflug in München angekommen, dass uns keine Zeit für die letzte Frage blieb. Aber: Die wird nachgeholt.

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Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.