Marcus Scholz

23. Dezember 2018

1:6 heißt es für den HSV, rechnet man das Hin- und das Rückspiel gegen Holstein Kiel zusammen. Denn nach dem 0:3 im Hinspiel im Volksparkstadion gab es auch heute beim KSV Holstein Kiel im Holstein-Stadion eine bittere Niederlage. Genau genommen ein hochverdientes, bitteres 1:3. Bitter, weil der HSV die komplette erste Halbzeit verpennte und sich nach dem schnellen Anschlusstreffer zu Beginn der zweiten Hälfte das 1:3 quasi selbst reinlegte. „Wir wollten uns anders verabschieden“, sagte Kapitän Aaron Hunt nach dem Spiel noch auf dem Platz befragt, um dann zu relativieren: „Aber es ist kein Weltuntergang. Viele würden immer noch gern mit uns tauschen, wir sind Tabellenführer. Und wir haben eine gute Halbserie gespielt.“ Trainer Hannes Wolf, der seine erste  Niederlage als HSV-Trainer einstecken musste, sah es dann doch etwas kritischer: „Heute ist ein bitterer Tag. Wir haben nicht gut gespielt gegen einen sehr guten Gegner. Wir haben nie gut verteidigt, waren null konstant und haben verdient verloren. Das ärgert uns sehr.“  

Zurecht. Denn was bitteschön war das? Was war das für eine erste Halbzeit? War man beim überraschenden 0:3 im Hinspiel trotz Rückstandes zumindest noch überlegen in den ersten 45 Minuten, muss sich der HSV heute den Vorwurf gefallen lassen, in allen Belangen unterlegen gewesen zu sein. Und neben den zwei Toren durch Serra (7., Mangala pennte gegen Vorlagengeber Schmidt) und Kinsombi (18.) führten die Schleswig-Holsteiner auch sonst alle Statistiken an: Zweikämpfe, Torschüsse, Ballbesitz, Ecken - überall waren die Kieler vorn.

Und der HSV? Der war schlichtweg nicht da. Gar nicht. Hwang war wieder einmal ein Ausfall, Jatta mit einem Ballverlust nach dem anderen. Ebenso Santos. Und auch die zuletzt so formstarken Aaron Hunt und Orel Mangala bekamen weder die Defensive noch die Offensive in den Griff. Letztlich durfte man sich sogar freuen, „nur“ mit 0:2 in die Halbzeit gekommen zu sein, nachdem Schindler zuerst aus acht Metern kläglich vergab, ehe Serra einen Konter lieber selbst abschließen wollte, anstatt den völlig freistehenden gebürtigen Hamburger Schindler anzuspielen (40.). Nein, das war wirklich nichts vom HSV in den ersten 45 Minuten.

Aber gut, es blieben ja noch 45 Minuten. Und die zweite Hälfte begann auch gut. Personell (für mich sehr überraschend) unverändert kam der HSV zum Anschlusstreffer. Douglas Santos spielte einen richtig schönen Pass in den Lauf des links durchstartenden Jatta, der den Ball mit links an Kiels Keeper Kronholm vorbei einschob (48.). Und hätte Bates sich kurz danach endlich mal bei einem Offensivkopfball durchgesetzt, hätte der Schotte seinen ersten Zweitligatreffer erzielt.

Hat er aber nicht. Stattdessen gab es den Dämpfer auf der eigenen Seite. Der heute extrem fahrig spielende Douglas Santos will den Ball im Sechzehner auf Jatta legen, anstatt ihn herauszuschlagen - Fehlpass. Den Ball nimmt Kiels Schmidt auf, passt quer, wo Sakai den Ball direkt in die Füße von Kinsombi abfälscht - 1:3 (53.). Das einzig Gute bis hierhin: Das Spiel wurde offener, auch der HSV kam jetzt zu Torabschlüssen. Aber er vergab sie. Zuerst der abgemeldete Narey aus der Drehung aus acht Metern (61.), dann Passgeber Aaron Hunt  aus 15 Metern selbst (63.).

Grund genug für Wolf, zu wechseln. Aber anstatt Pierre Michel Lasogga zu bringen, kamen Josh Vagnoman und Debütant Manuel Wintzheimer für den bislang enttäuschenden Hwang und Holtby (68.). Warum Wolf nicht gleich Lasogga brachte, sondern erst in der 77. Minute (für Narey), bleibt mir ein Rätsel. Aber das sind die bisherigen Wechsel von Hannes Wolf tatsächlich sehr oft. Hwang heute nach so einer ersten Halbzeit überhaupt noch mal auf den Platz zu schicken - Wahnsinn. Eine Beleidigung für jeden Ersatzspieler (inklusive Ersatzkeeper). Und: Wintzheimer bringen? Das verstehe, wer will. Für mich glich das schon fast einer Kapitulation. Wobei sich diese spielerisch dann  (natürlich nicht nur wegen Wintzheimer) auch einstellte.

Denn der HSV kam nicht mehr zurück. Er machte es in der zweiten Halbzeit besser und schaffte statistisch den Umschwung - aber eben nicht im Ergebnis. Die ersten 30 Minuten reichten den Kielern am Ende für einen ungefährdeten und absolut verdienten Heimsieg, der die Tabellenspitze wieder ganz eng zusammenrücken lässt. „Wir sind nur langsam ins Spiel reingekommen“, befand Gotoku Sakai nach dem Spiel. „Kiel war von Anfang an sehr wach und gierig. Wenn es dann noch schnell 0:2 steht, wird es schwer. Die erste Halbzeit war nicht gut. Die zweite Halbzeit war besser.“

Und auch Aaron Hunt hatte auf dem Weg vom Platz zu den Kabinen offenbar erkannt, was da gerade passiert war: „Die erste Halbzeit war wahrscheinlich die schlechteste, seit der neue Trainer hier ist. Wir haben vieles vermissen lassen und eine große Chance verpasst, und abzusetzen.“ Stimmt. Denn plötzlich  sind es statt der erhofften vier Punkte auf den Zweiten Köln sogar nur noch drei Punkte Vorsprung auf Rang drei, den der FC St. Pauli belegt. Nur gut, dass sich Union Berlin in Aue ähnlich schwach anstellte wie der HSV in Kiel: Die Berliner verloren ihr erstes Spiel in Aue mit 0:3 und belegen mit sechs Punkten Rückstand auf den HSV den ersten Nicht-Aufstiegsplatz. Schöne Bescherung…

In diesem Sinne, Mund abwischen, die Weihnachts-Pause mit einer wirklich schönen Bescherung genießen - und dann weitermachen, wo man vor dem Kiel-Spiel aufgehört hatte. Denn so enttäuscht man heute ob der verpassten Chance auch sein darf, so muss man auch festhalten, dass der HSV noch immer auf dem richtigen Weg ist. Eben so, wie es Hannes Wolf nach dem Spiel auf der Pressekonferenz treffend zusammenfasste: „Das haben wir immer gesagt: Es reichen ein paar Prozent weniger. So haben wir viele Duelle verloren. Wir müssen uns jetzt schütteln und es in Zukunft wieder besser machen. In der Gesamtbetrachtung war es eine gute Hinrunde.“ Und Sportvorstand Ralf Becker, der das Duell gegen seinen Exklub zum zweiten mal verlor, fügte hinzu: „Der Tag heute war nicht schön, das Spiel heute war nicht schön, aber insgesamt haben wir eine sehr gute Hinrunde gespielt. Es zeigt aber auch, dass wir immer auf dem höchsten Level spielen müssen.“

Bis morgen!

Scholle

Das Spiel im Stenogramm:

Holstein Kiel: Kronholm - Rehm, Schmidt, Wahl, van den Bergh - Karazor - Mühling, Kinsombi (79. Thesker) - Lee (68. Honsak) - Schindler (90. +1 Sander), Serra

HSV: Pollersbeck - Sakai, Bates, van Drongelen, Santos -  Mangala - Narey (78. Lasogga), Hunt, Holtby (68. Vagnoman), Jatta - Hwang (68. Wintzheimer)

Tore: 1:0 Serra (7.), 2:0 Kinsombi (18.), 2:1 Jatta (48.), 3:1 Kinsombi (53.). - Zuschauer: 10.073 (ausverkauft). - Schiedsrichter: Robert Hartmann (Wangen). - Gelbe Karten: Mangala (50.) / Schindler (83.)

 

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Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.