Tobias Escher

24. September 2018

0:5 gegen Jahn Regensburg – au weia! War die deftige Klatsche nur ein einmaliger Ausrutscher? Oder stecken tiefere Probleme hinter den fünf Gegentoren? Auch, wenn es eine Hamburger Leistung voller Pleiten, Pech und Pannen war: Manche Probleme deuteten sich bereits seit Wochen an, wurden aber erstmals in dieser Saison von einem torhungrigen Gegner bestraft.

Christian Titz rotierte nach dem 1:0-Erfolg gegen Dynamo Dresden unter der Woche kräftig: Auf sechs Positionen stellte er seine erste Elf um. Damit einher ging auch ein Systemwechsel. Der HSV begann mit einem 4-3-3-System statt mit einem 4-2-3-1. Aaron Hunt übernahm innerhalb des Systems die Rolle des alleinigen Stürmers, ließ sich aber im Stile einer falschen Neun immer wieder fallen.

Zug zum Tor sollte vor allem Rechtsaußen Hee-chan Hwang bringen. Er agierte etwas zentraler, während sein Gegenüber Tatsuya Ito an der linken Seitenlinie klebte. Das Hamburger Spiel hatte damit eine gewisse Unwucht: Die Angriffe sollten vornehmlich über die linke Seite erfolgen. Hier suchte der HSV im Spielaufbau häufig Linksverteidiger Douglas Santos oder den halblinks postierten Orel Mangala.

Taktische Aufstellung in der 1. Halbzeit

 

Spielaufbau bleibt das Manko

Aus taktischer Sicht ergab sich das aus dieser Saison gewohnte Bild: Die Hamburger ließen den Ball in der Abwehr laufen, während der Gegner in einer kompakten Ordnung auf Konter lauerte. Jahn Regensburg verteidigte in einem klassischen 4-4-2-System, wobei beide Stürmer eng vor dem Mittelfeld agierten. Sie wollten vor allem die Passwege zu Hamburgs Sechser Matti Steinmann blockieren. Teils nahm ein Regensburger Stürmer Steinmann auch in eine enge Manndeckung.

Gegen die kompakte Ordnung des Gegners tat sich der Hamburger SV schwer – wieder einmal, muss man mittlerweile konstatieren. Die Zirkulation zwischen den Verteidigern und dem vorrückenden Torhüter Julian Pollersbeck funktionierte zwar gut, sodass Hamburg in der ersten halben Stunde ein klares Ballbesitz-Plus verbuchen konnte.

Der Übergang vom ersten ins zweite Drittel erwies sich aber auch gegen Regensburg als das große Manko. Die Achter boten sich entweder zu hoch oder zu tief an, sodass häufig nur der Weg über die Flügel blieb. Hier konnte Regensburg hohen Druck ausüben, da die Hamburger ihre Außenverteidiger zu wenig unterstützten.

Regensburg bestraft Fehler

Im Vergleich zu den ersten Saisonspielen gab es aber zwei Unterschiede: Zum einen gelang es Hamburg nicht, zwischenzeitlich einen Pass ins zentrale Mittelfeld durchzustecken. Im Gegenteil: Steinmann verlor gegen seinen jeweiligen Manndecker einige Bälle. Der zweite Unterschied: Die Regensburger bestraften die individuellen Patzer von Steinmann und dessen Kollegen gnadenlos.

Die defensiven Patzer wogen umso schwerer, als dass der HSV sich in der ersten halben Stunde eigentlich defensiv verbessert zeigte. Anders als zuletzt kehrten die Hamburger schneller in ihre defensive 4-1-4-1-Grundordnung zurück, sodass Regensburg kaum zu Gleichzahl- oder Überzahlkontern kam. Das unterstreicht die Tatsache, dass der HSV in den ersten 35 Minuten nur vier Schüsse zuließ.

Das nützt nur wenig bei Fehlern wie von Pollersbeck vor dem 0:1 (11.) oder von Goteku Sakai, der sowohl beim 0:2 (21.) als auch beim 0:3 (35.) ohne Not seine Position verlässt. Die Regensburger waren schlicht der erste Hamburger Gegner seit dem 0:3 gegen Holstein Kiel, der die Patzer der Hamburger effizient ausnutzte.

 

Hamburg bricht auseinander

Nach dem 0:3 gab es eine kurze Phase, in der das Ballbesitzspiel der Hamburger besser funktionierte. Mit der Einwechslung von Khaled Narey (33., für Steinmann) rückte Hwang ins Sturmzentrum, Hunt ging ins zentrale Mittelfeld. Hunt und Holtby wichen nun häufiger auf die Flügel aus, sodass der HSV hier Überzahlsituationen herstellen konnten. Gerade Santos nutzte die neu gewonnenen Freiräume, sobald sich sein Gegenspieler auf Hunt fokussierte. Doch Hunt versäumte es, per Elfmeter die stärkste Hamburger Phase in ein Tor umzuwandeln (40.).

Nach der Pause brach der HSV auseinander. Hunt und Mangala bildeten zunächst eine Doppelsechs hinter einem Doppelsturm aus Hwang und dem eingewechselten Pierre-Michel Lasogga. Hunt agierte aber permanent so hoch, dass der HSV praktisch in einem 4-1-0-3-2 agierte. Regensburg, nun im noch kompakteren 4-1-4-1 formiert, nutzte die riesigen Freiräume für schnelle Konter. Die drei vordersten Akteure bei Regensburg tauschten nun ständig die Positionen und versuchten, in die Lücken neben Mangala zu gelangen.

Nach einigen Minuten agierte Hamburg eher aus einem 4-1-4-1-System mit Hunt und Narey vor Sechser Mangala. Doch auch dieses System war zu offensiv besetzt, sodass Regensburg weiter zu Kontern kam. Die Hamburger spielten den Regensburgern zudem in die Karten, indem sie eigene Torchancen fast schon erzwingen wollten. Die ruhige Ballzirkulation der ersten Halbzeit war Geschichte. Stattdessen spielten sie immer wieder überhastete Pässe ins kaum besetzte Mittelfeld, die Regensburg abfing. Sie machten es dem Gegner leicht, auf 0:5 zu erhöhen – ein Ergebnis, das dem HSV am Ende fast noch schmeichelte.

Taktische Aufstellung in der 2. Halbzeit

 

Fazit

Spätestens nach dem 0:3 verlor der HSV jeden Faden im eigenen Spiel. Die letzten sechzig Minuten des Spiels lassen sich dabei eher unter „gewagt, aber nicht gewonnen“ subsumieren. Titz könnte man höchstens den Vorwurf machen, dass er nach dem 0:4 nicht auf Schadensbegrenzung in Form einer totalen Defensivtaktik gesetzt hat.

Schwerer wiegen auf lange Sicht die ersten dreißig Minuten. Denn hier offenbarten sich die Probleme, die den Hamburger SV seit dem ersten Spieltag plagen: Ihnen gelingt es zu selten, den eigenen Ballbesitz aus der eigenen in die gegnerische Hälfte zu verlagern. In der eigentlich guten Ballzirkulation in der eigenen Hälfte unterlaufen ihnen derweil zwei bis drei Patzer pro Spiel. Der Unterschied zwischen Jahn Regensburg und beispielsweise Dynamo Dresden oder Heidenheim war, dass Regensburg die Hamburger Patzer eiskalt bestrafte. Der HSV kann sich eben nicht immer darauf verlassen, dass der Gegner Großchancen auslässt.

Das 0:5 könnte sich deshalb als Wendepunkt der Saison erweisen. Auf jeden Fall ist es ein Weckruf: Mit einem halbgaren Spielsystem wie in den vergangenen Wochen wird die Mission Wiederaufstieg schwierig.

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Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.

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