Marcus Scholz

16. Mai 2020

Der Ball rollt. Zwar heute noch nicht für den HSV, aber zumindest schon einmal in den Bundesligen. Und normalerweise würden wir Euch heute wie sonst einen Vergleich mit dem bevorstehenden Gegner Greuther Fürth (Sonntag, 13.30 Uhr, Sportpark Ronhof) anbieten. Aber bis auf die üblichen Rahmendaten kann man heute nichts wirklich seriös vergleichen. Dafür war die Pause einfach zu lang. „Wir gehen auf eine Reise ins Ungewisse“, sagte Dieter Hecking - und damit meinte er den gesamten Ligabetrieb. Selbst für die eigenen Reihen kann der HSV-Coach derzeit nur von „einem Gefühl“ sprechen. Wie formstark sich seine Mannschaft präsentieren kann, kann auch Hecking nicht vorhersehen geschweige denn vorhersagen. Die neun Wochen ohne Spielbetrieb haben Spuren hinterlassen - oder besser gesagt: Sie haben jede Spur verwischt, die für seriöse Prognosen geeignet wäre.

Und das gilt natürlich genau so für Greuther Fürth und deren Trainer Stefan Leitl. Taktisch große Experimente habe und werde es nicht geben, sagte dieser gestern. Wie auch Hecking spracht der Früher Coach vorrangig von „Willen“ und Kampf sowie Laufbereitschaft, die entscheiden würden. Taktisch sei man auf der Höhe, körperlich müssen man sehen, wie es laufen würde. Die Mannschaft, die die neue Situation besser annehmen würde, so Leitl, diese Mannschaft würde am Ende die Nase vorn haben, so der Coach der Fürther. Naturgemäß sprach auch er davon, dass sich seine Mannschaft freue, endlich wieder auf dem Platz um Punkte kämpfen zu können. Größeres Thema war nur die Vertragssituation von Mannschaftskapitän Marco Caligiuri. Der Kontrakt des 36-Jährigen wird in Fürth nicht verlängert, was zu vielen Diskussionen geführt hatte, da der Innenverteidiger zu den Leistungsträgern der Mannschaft zählt. „wir werden alles tun, damit Cali einen guten Abschied bekommt“, so Leitl, ehe er davon sprach, dass er überzeugt sei, dem HSV am morgigen Sonntag ein Bein stellen zu können.

Leitl: „HSV ist größte Herausforderung des Jahres“

Auch, weil Leitl, anders als bei der vor der Corona-Zwangspause angesetzten Partie gegen den HSV, inzwischen personell fast aus dem Vollen schöpfen kann. Nur Mittelfeldallrounder Sebastian Ernst fällt gelbgesperrt aus (Leitl: „Ein sehr wichtiger Spieler in unserem System“). Nahezu sicher fehlen wird auch Innenverteidiger Mergim Mavraj. Der 33-jährige Ex-HSV-Profi hat nach einer schweren Adduktorenverletzung aus dem Februar zwar wieder voll mittrainiert, muss seine Trainingsbelastung aber nach wie vor erst noch steigern. Ein Kaltstart, so gern ihn Mavraj auch hätte, wird es wohl nicht geben. Dafür konnte sich Leitl ein paar Insider-Infos von Mavraj einholen, der 2018 im Streit beim HSV ausgeschieden war. Wie Leitl den HSV einschätzt? „Schwer zu sagen. Der HSV hat eine gute Struktur im Spiel, einen sehr guten Trainer. Es ist für mich Mannschaft, die am Ende wahrscheinlich aufsteigen wird. Und für uns stellt das Spiel die größte Herausforderung des Jahres dar.“

Wobei die größte Herausforderung wohl doch eher in der Annahme der ungewohnten Umstände liegt. Wie ich persönlich diesen Re-Start beurteile, habe ich in den letzten Tagen und Wochen mehr als genug beschrieben und kommentiert. Und ich bleibe dabei, dass es hier zwei Sichtweisen gibt, die zulässig sind: Die des Fußballfans - aber eben auch die aus sozialer Sicht. Letztgenannte wird mir weiterhin Magengrummeln bereiten. Denn ich traue dem Frieden nicht. Weder aus gesundheitlicher Sicht noch was die Loyalität der Bundesligisten untereinander betrifft.

 

Die war in einer noch nie dagewesenen Form bis zum Okay der Bundesregierung vorhanden, wie auch nimmermüde betont wurde. Aber schon jetzt entzweit sich dieser Schulterschluss zusehends. Zum einen bei den Klubs untereinander - zum anderen bei den Klubs zur DFL, die zuletzt mit ihrem Vorschlag zu etwaigen Abbruchsregelungen die Klubs gegen sich aufgebracht hatte.

Die größte Herausforderung aus meiner Sicht liegt darin, den Fokus auf das Wesentliche nicht zu verlieren, was uns alle durch diese Corona-Krise verdeutlicht wurde: Dass es in der aktuellen Struktur für den Profifußball keine Zukunft geben wird. Und ich bin mir sicher, dass diese zuletzt öffentlichkeitswirksam so „schonungslos ehrlich“ geführte Diskussion schnell dem alten, alltäglichen Rhythmus erliegen wird. Das Geld und der eigene sportliche Vorteil werden schnell alles überlagern - wenn es nicht schon längst wieder alles überlagert. Zumindest dürfen die Diskussionen der letzten Tage, in denen über die Wertung beim Saisonabbruch diskutiert wurde, als Indiz dafür gewertet werden. Aber bevor ich mich hier noch einmal in dieses leidige Thema, das nie einen klaren Gewinner haben wird, vertiefe, zu den Fakten:

 

Heute standen alle gesunden Spieler auf dem Platz. 21 Feldspieler, zwei Torwarte - das bedeutet, Trainer Dieter Hecking muss noch drei Feldspieler aus dem Kader streichen. Zu erwarten ist, dass Bobby Wood weiter keine Rolle spielt und gestrichen wird. Überraschend war dennoch, wie im heutigen Training die vermeintliche A-Elf aussah. Josha Vagnoman ersetzte auf der Rechtsverteidigerposition Jordan Beyer, der wiederum ins Abwehrzentrum gezogen wurde. Hier ersetzte Beyer allerdings nicht den zuletzt angeschlagenen Timo Letschert, sondern Rick van Drongelen - was ich mir schwer vorstellen kann. Allerdings habe ich auch nicht allzu viel Trainingseinheiten sehen können.

Rotieren Kittel, Hinterseer, van Drongelen und Schaub auf die Bank?

Ebenfalls überraschend war, was meine Kollegen vor Ort für das vermeintliche Mittelfeld sichteten. Louis Schaub rotiert hier offenbar für den wieder genesenen Jeremy Dudziak auf die Bank, während Kapitän Aaron Hunt im Zentrum in der Startelf bleibt. Zudem müsste der heutigen A-Elf zufolge Sonny Kittel für Jairo Samperio weichen, was ich irgendwie noch nicht glauben kann. Ebenso würde Joel Pohjanpalo der heutigen Trainings-Aufstellung zufolge für Lukas Hinterseer beginnen. Es wären zumindest vier Personalien, die nicht jeder so erwartet hätte - oder??

Auf jeden Fall dürfen wir alle gespannt sein - auf die Aufstellung wie auch auf das Spiel. Ich habe mir heute die Zweite und die Erste Liga in der Konferenz bei Sky komplett angesehen und muss zugeben, dass die Geisterspiele schon mächtig an Reiz einbüßen gegenüber den normalen Spielen mit Zuschauern. Aber das war klar. Das muss jeder hinnehmen, der Fußball sehen will. Auch wir morgen auf der Auswärtscouch.

 

Denn ich bin mir sicher, dass Spiele mit der eigenen Mannschaft wenigstens etwas spannender zu beobachten sein werden als Duelle von Düsseldorf, Wolfbsurg, Kiel, Sandhausen und Co. Zumal heute Heidenheim gepatzt hat und der HSV sich mit einem Sieg im direkten Duell von Fürth absetzen könnte und zugleich drei Punkte auf Heidenheim gewinnen würde. Denn der FCH hat heute in Bochum mit 0:3 verloren. Ergo. Ein Dreier in Fürth ließe den Vorsprung auf Rang vier auf sechs und auf Rang fünf sogar auf zehn Punkte anwachsen. Zudem würde man am VfB Stuttgart dranbleiben, der parallel zum HSV in Wiesbaden antreten muss, während Bielefeld den VfL Osnabrück empfängt.

Es wird ernst - selbst englische Fans fiebern mit

Es wird also wieder ernst. Aber bevor es das wird, dann noch eine nette Anekdote von der Insel: Dort wird ab heute nicht nur Bundesliga geguckt - sondern es werden Bundesligisten auch noch supportet. Weil die englische Premier League noch mindestens bis zum 12. Juni ruht, suchen sich englische Fußballfans sogar deutsche Teams aus, die sie in den kommenden Wochen unterstützen wollen. Hilfe bei der Auswahl bekommen sie dabei von der englischen Zeitung „The Sun“, die auf einer Doppelseite jedem Premier-League-Klub einen Bundesliga-Verein zugeordnet hat.

Unter dem Titel „Welchen Bundesliga-Klub du wählen solltest“ werden Empfehlungen ausgesprochen. Fans von Manchester United empfiehlt die „Sun“, sich den FC Bayern auszusuchen- und das mit einer nicht ganz humorlosen Begründung: „Der größte Klub in Deutschland, den jeder liebt zu hassen.“ Borussia Dortmunds wird unterdessen ob ihres Ex-Trainers Jürgen Klopp mit Liverpool verglichen, Gladbach mit Arsenal („Großer Klub, Erfolg in den 70ern, kann vergangenen Ruhm nicht wiederholen“). Hätte man eigentlich auch den HSV für nehmen können - aber okay… Insgesamt hat „The Sun“ eine Beilage mit zwölf Seiten zum Restart der Bundesliga zum Herausnehmen angefertigt. Herrlich bescheuert, oder??

In diesem Sinne, bis morgen! Da melden wir uns wie immer von der Auswärtscouch. Einziger Unterschied: Wir sitzen weiter auseinander, zum die Sicherheitsrichtlinien einzuhalten. Und wir werden unseren Gast per Videoschalte dazuholen. Sollte alles wie geplant laufen, werden wir sogar einmal kurz mit einem meiner Kollegen direkt vor Ort im Stadion sprechen können, um zu erfahren, wie sich diese Geisterspiel-Atmosphäre bei einem Spiel anfühlt. Vor allem aber werden wir uns über die gesamte 90 Minuten wieder zusammen mit Euch ärgern freuen und am Ende hoffentlich gemeinsam Grund zur Freude über drei Punkte haben. Ich freue mich auf jeden Fall schon auf Euch! Bis dahin Euch allen noch einen schönen Sonnabend - und bleibt gesund!

Scholle

So könnten sie morgen spielen:
Fürth: Burchert - Meyerhöfer, M. Bauer, Caligiuri, Raum - Sarpei - Seguin, Green - Hrgota, Keita-Ruel, Nielsen
HSV: Heuer Fernandes - Vagnoman, Beyer, van Drongelen, Leibold - Fein - Samperio, Hunt, Dudziak, Jatta - Pohjanpalo

FAQs

 
 

Über uns

Die Rautenperle - das ist ein Team aus jungen Medienschaffenden und Sportjournalisten mit großer Affinität zum HSV. Wir sind 24/7 bei den Rothosen am Ball und produzieren frischen Content für Rautenliebhaber.

Unser Ziel ist es, moderne, unabhängige Berichterstattung und attraktiven, journalistischen Content für junge und jung gebliebene HSV-Anhänger zu bieten. Wichtig ist uns dabei, eine neue Art des Sportjournalismus zu präsentieren: dynamisch, zeitgemäß, zielgruppengerecht. Weg von verstaubten Zeitungsspalten und immergleichen Phrasen.

Die Rautenperle ist aber nicht nur ein Ort, um sich zu informieren, sondern soll auch immer ein Ort des Austausches und des Miteinanders sein. Wir wollen eurer Leidenschaft einen Platz im Netz bieten: zum Diskutieren, zum Mitfiebern, zum Mitmachen.