Marcus Scholz

4. Mai 2019

Ich habe mir geschworen, hier jugendfrei zu bleiben in meiner Wortwahl. Und ich muss ehrlich gestehen, dass es mir heute extrem schwerfällt. Denn das, was sich dieser HSV in den letzten Wochen an Peinlichkeiten abgekniffen hat, hat er heute noch einmal getoppt. Ein Punkt aus den letzten fünf Heimspielen - mit 0:3 verlor die Mannschaft des völlig ratlos wirkenden Trainer Hannes Wolf vor 50.768 Zuschauern gegen einen abstiegsbedrohten FC Ingolstadt, dem eine durchschnittliche Leistung reichte – denn er bekam die Tore quasi geschenkt.  Von den HSV-Profis – aber leider auch wieder vom Trainer des HSV, der es einfach nicht schafft, eine funktionierende Elf zu finden. Auch heute nicht.  Und so wenig das hilft, es spricht für Wolf, dass er Haltung bewahrt. Er redet nichts schön, sprach davon, dass der Unmut der Fans berechtigt sei. Alternativlos ist indes, dass er nicht aufgibt und direkt nach Spielschluss mit Blick auf die anderen Ergebnisse davon sprach, dass man mit zwei Siegen weiterhin Rang drei schaffen könne.

„Der Fußball macht die verrücktesten Sachen“, so Wolf auf der Pressekonferenz - und meiner Meinung nach hatte er selbst damit begonnen, als er seine Startelf auswählte. Denn als ich gelesen habe, dass Hee Chan Hwang, der Totalausfall in Person, von Beginn an spielen würde, war ich schockiert. Denn entweder hatte der Trainer in den letzten Monaten als einziger nicht gesehen, dass der Südkoreaner einfach keine Verstärkung ist. Oder er hatte keine bessere Alternative – was mindestens genauso schlimm wäre.  Und als sich dann auch mein letzter Entschuldigungsgrund für eine Startelfnominierung des Südkoreaners (als Doppelspitze hätte man es versuchen können) mit ihm auf der Zehnerposition hinter Manuel Wintzheimer erledigt hatte, war mein letzter positiver Ansaatz für dieses Spiel hinfällig.

 

Ich hatte mich vorher schon wirklich überreden müssen, positiv an dieses Spiel heranzugehen. Ich hatte gehofft, dass Wolf das Casting in Rotenburg genutzt hatte, um zu erkennen, was dieser Mannschaft fehlt. Ich hatte gehofft, dass er auf Erfahrung setzt in dieser Druckphase der Saison, wie ihr ja auch in der vermuteten Aufstellung nachsehen könnt. Erfolglos. Und der Trainer bestätigte damit leider meine Vermutung, dass er einfach kein Gefühl für diese Mannschaft hat. Er verschlechtert sie mit seinen Veränderungen leider immer wieder. Meistens im Spielverlauf selbst – diesmal schon mit der Startelf.

Aber zurück zum Spiel, das eben so katastrophal dann auch begann. Null Kreativität, demnach auch keine Torgefahr – und ein maximales Maß an defensiver Verunsicherung gegen akut abstiegsgefährdete Ingolstädter, die hier eigentlich noch viel mehr Druck hatten als der HSV.  Von den Rängen gab es ein Pfeifkonzert zur Halbzeit, wie es das seit Jahren nicht gegeben hatte. Und das völlig zurecht. Denn dieser 0:1-Halbzeitstand bzw. das Spiel dazu demonstrierte, dass die Entwicklung der letzten Wochen kein Zufall ist, sondern System hat. Die individuelle Qualität des HSV kommt nicht mehr zum Tragen, da sich die Einzelaktionen der Spieler, die nach Saisonende eh den Klub wechseln , an einer Hand abzählen lassen. Und: Die individuellen Fehler häufen sich. In Form von Fehlpässen – und leider auch immer wieder entscheidend in der Defensive wie heute bereits in der 8. Minute, als der HSV mit seinen beiden Außenverteidigern im 4-1-4-1-System hoch aufgerückt war und Leo Lacroix einen Meter vor (!) der Mittellinie quasi „all-in“ ging als letzter Mann, dabei aber den Ball verpasste und Ingolstadts Lezcano allein aufs HSV-Tor zulief. Zwar holten van Drongelen und Lacroix den Ingolstädter noch ein, aber dieser schloss aus 18 Metern unhaltbar für Julian Pollersbeck zum 0:1 ab.

Fahrlässig, wie einfach die hier an sich ungefährlichen Gäste zur Führung kamen! Okay, es war ein schöner Schuss – und einer mitten in alle Vorhaben des HSV, der fortan seine schlechteste Halbzeit dieser Saison spielte. Und das soll was heißen. Folgerichtig konnten sich auch die vielleicht leidensfähigsten Fans Deutschlands nicht mehr zurückhalten und pfiffen nach nicht einmal 11 Minuten das erste Mal lautstark, als Ingolstadt mit seinem zweiten Angriff wieder zu einer richtig guten Chance kam und Pollersbeck mit seiner Fußspitze gegen Pledls Schuss gerade noch so schlimmeres verhindern konnte. Chancen für den HSV? Davon gab es eine – und die kam zufällig zustande. Narey – auch ein Totalausfall in den ersten 45 Minuten – flankt, der Ball wird zu Wintzheimer abgefälscht, der den Ball wiederum per Kopf auf Jatta verlängert und dieser köpft aus achte Metern halblinker Position am langen Pfosten vorbei. Okay, wenn man es gut meint nimmt man noch einen Freistoß von Özcan (27.) und einen Kopfball Hwangs (43.) als Torschüsse dazu – aber das war es dann auch.  Ansonsten war das bis zur Halbzeit: NICHTS. Gar nichts sogar.

Und das weder von den Spielern noch vom Trainer, der in der Halbzeit genau das machte, was man inzwischen von ihm erwarten darf: NICHTS. Nichts mehr. Auch Wolf ist ratlos. Denn es wurde nicht gewechselt. Trotz der tatsächlich zehn (Pollersbeck nehme ich noch mal raus) Totalausfälle begann der HSV die zweiten 45 Minuten personell unverändert. Warum auch immer. Allerdings anfänglich etwas druckvoller. Es wurde versucht, über die Außen das Spiel gegen sehr kompakt stehende Ingolstädter breiter zu machen, um so Räume zu gewinnen. Und es wurden endlich Flanken geschlagen – allein der Abnehmer fehlte. Oder besser gesagt: Er war noch draußen. Erst in der 63. Minute reagierte Wolf und  brachte den einzigen Kopfballspieler in der Offensive mit Lasogga (für Hwang). Parallel dazu kam Josha Vagnoman für Gotoku Sakai – ein fataler Wechsel!

Denn es passierte, was niemals (!!!!) passieren darf: Vagnoman will am gegnerischen Sechzehner einen Abpraller annehmen, lässt den Ball zu weit prallen und verliert ihn – schon das darf so nicht passieren. Noch schlimmer aber: Vagnoman war letzter Mann!!! 20 Meter vor dem FCI-Tor!!! Und um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, schaffte es Pledl, die 50 Meter bis zum Torabschuss mit Ball schneller zu laufen als die gesamte HSV-Mannschaft. Unfassbar!! Aber während ich gerade diese Szene hier aufschreibe und kotzen könnte, kommt es noch schlimmer: 0:3. In der 72. Minute  trifft Ingolstadts Gaus aus 15 Metern per abgefälschten (Vagnoman fälscht ab) Schuss zur Entscheidung. Problem für mich: Ich darf nicht gehen, wie so viele der 50.768 Zuschauer im restlichen Stadion. Der Rest des Spiels war: Aufgabe pur. Santos versuchte mit aller Macht, sich die fünfte Gelbe abzuholen, schaffte aber selbst das nicht, während Wolf schnell noch Mangala runternahm (für ihn kam Janjicic, 78.), um ihn für das Spiel in Paderborn zu schonen. Denn, und das werden wir sicher wieder hören: Noch kann der HSV den dritten Rang schaffen, da parallel Paderborn gestern und Heidenheim heute patzten...

Bezeichnend für die Schwere des heutigen Debakels: Die HSV-Fans schalteten die letzten zehn Minuten komplett in den Ironie-Modus und applaudierten für gute Szenen der Gäste, feuerten den FCI bei dessen Angriffen an. Selbst bei Auswechslungen der Ingolstädter gab es Applaus für den Ausgewechselten. Denn die Fans haben zurecht die Schnauze voll und machten das mehr als deutlich. Dieser HSV ist peinlich. Nichts sonst. Von außen, von innen – in seiner kompletten Darstellung. Wirklich. Weil die Entscheider ihre Fehler ebenso wiederholen, wie die Mannschaft in aller Konsequenz auf dem Platz versagt. Mehr gibt es eigentlich gar nicht zu sagen. Auch Bernd Hoffmann, der vor dem Spiel noch mal wiederholte, dass man aus voller Überzeugung an Wolf festhält, dürfte seine Worte inzwischen zutiefst bereuen.

Achja, passend zu dem Spiel war das Ende: Ohne sich wie gewohnt von den Fans zu verabschieden stapften die offenbar von den Pfiffen auch noch beleidigten HSV-Profis in die Kabine – und erhielten einen Zuschlag Pfiffe. Zurecht. Selbst als sie wenige Minuten später – von wem auch immer dazu gezwungen, wieder zurückkamen, wurden sie ausgepfiffen. Sie haben ihren Kredit komplett verspielt. Ebenso wie Wolf – das dürfte auch Becker und Hoffmann heute klar geworden sein.

„Ich bin sehr, sehr traurig“, so Sakai, auf die Zukunft von Trainer Hannes Wolf angesprochen, „aber natürlich wollen wir mit dem Trainer weiter zusammenarbeiten.“ Passend zu diesen Worten marschierte van Drongelen mit Tränen in den Augen an den Journalisten vorbei in die Kabine und Gästetrainer Tomas Oral appellierte in seinem Statement bei der Pressekonferenz für Hannes Wolf. Man müsse Geduld haben und Ruhe bewahren, Wolf sei ja auch noch ein junger Trainer.

Sakai, van Drongelen, Oral - alle drei dürften hier bereits geahnt haben, was Wolf droht. Zumal auch Ralf Becker, sichtlich angefasst vom Spiel, nach dem Spiel von seinem in den letzten Wochen wiederholt formulierten und ach so deutlichen Treueschwur abwich. Ob Wolf weiter sicher im Amt sei? „Ich kann jetzt nichts dazu sagen. Wir werden uns jetzt zusammensetzen und die Situation analysieren. Am Ende geht es immer um das Beste für den HSV.“ Soll heißen: Dafür darf man auch mal seine eigenen Versprechungen brechen...

In diesem Sinne, bis bald. Denn hier wird es nicht lange dauern, bis es neue Nachrichten gibt. Da würde ich drauf wetten.

Scholle

 

Das Spiel im Stenogramm:

HSV: Pollersbeck - Sakai (63. Vagnoman), Lacroix, van Drongelen, Douglas Santos - Mangala (78. Janjicic) - Narey, Özcan, Jatta - Hwang (63. Lasogga), Wintzheimer 

FC Ingolstadt 04: Tschauner - Neumann, Paulsen, Mavraj, Paulo Otavio - Cohen - Kerschbaumer (62. Krauße), Gaus - Kutschke (83. Kotztke), Pledl - Lezcano (89. Sahin) 

Tore: 0:1 Lezcano (8.), 0:2 Pledl (68.), 0:3 Gaus (72.) 

Zuschauer: 50.768

Schiedsrichter: Markus Schmidt (Stuttgart)

Gelbe Karten: - / Kerschbaumer (62.), Pledl (68.)

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Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.