Marcus Scholz

12. Juli 2019

„Das geht gleich wieder“, versuchte Kyriakos Papadopoulos dem sich am Boden krümmenden Manuel Wintzheimer nach einem härteren Zweikampf Mut zu machen, „du musst auftreten, dann tut nicht mehr weh.“ Und Papadopoulos meinte es tatsächlich ernst. Er wollte dem Angreifer, der dem ersthelfenden Tom Mickel wiederholt „das tut so weh, das tut so weh“ entgegenbrachte, Mut machen. Es war für den Griechen ein ganz normaler Zweikampf, der letztlich schmerzhaft endete. Auf dem rutschigen Rasen war „Papa“ aus Versehen in Wintzheimers Schienbein knapp oberhalb des Knöchels reingerutscht. Also: Wirklich aus Versehen - was man bei dem bekanntermaßen sehr hart spielenden Innenverteidiger schon mal dazu sagen muss. In diesem Fall aber war es nur eine wirklich bezeichnende Szene für den Papadopoulos von heute. Er wirkt hochmotiviert und will Verantwortung übernehmen. Und das, obwohl er mit dem HSV vor kurzem noch abgeschlossen hatte.

 

Bei Christian Titz war Papadopoulos schon in Ungnade gefallen. Der Grieche soll sich nach dem feststehenden Abstieg wechselwillig geäußert haben, fand aber keinen neuen Verein und blieb. Anstatt zu spielen, musste er sich dann unmittelbar nach Trainingsbeginn auch noch einer schweren Knieoperation unterziehen. Dessen Zeitpunkt und Notwendigkeit wurden intern zwar diskutiert - die Notwendigkeit wurde medizinisch indes nicht angezweifelt.  Ergebnis war, dass Papadopulos beim HSV bleiben musste und dem Spieler sein gewünschter Wechsel mangels Interessenten ebenso verwehrt blieb wie dem HSV eine erhoffte Ablösesumme sowie die Einsparung des üppigen Gehaltes. Denn, was bis heute keiner wusste: Der Grieche hatte auch einen so genannten „Mondvertrag“, womit man ein wenig flapsig Verträge zu völlig überzogenen Konditionen bezeichnet.

Die Not des HSV sicherte Papaopoulos einen "Mondvertrag"

Aber weder der damalige Sportchef Jens Todt noch Ex-Trainer Markus Gisdol störten sich daran, dass Papadopoulos’ Knie schon seit Jahren als anfällig galten. Gisdol soll es auch gewesen sein, der die von der medizinischen Abteilung sehr wohl geäußerten Bedenken schlichtweg ignorierte und Papadopoulos „um jeden Preis“ verpflichten wollte und dem Griechen damit eine optimale Verhandlungsbasis verschaffte. Und der nutzte sie bzw. sein Berater tat das. Das Überzogene erstreckt sich in seinem Vertrag dabei auf das Jahresgehalt (damals für die Erste Liga über drei Millionen Euro) ebenso wie auf die dazugehörigen Nebenwirkungen. Denn der seit jungen Jahren mit Knorpelschaden schwer am Knie verletzte Grieche hat neben einer Ablösesumme von 6,5 Millionen Euro und einem Jahresgehalt in der Zweiten Liga von  2,4 Millionen Euro zuzüglich Prämien in seinem Vertrag eine Klausel, die den Verein zu einer verlängerten Lohnfortzahlung im Verletzungsfall verpflichtet.

Im Normalfall übernimmt nach sechs Wochen, in denen der HSV seine verletzten Spieler ganz normal weiter bezahlen muss, zwar die gesetzliche Unfallversicherung (bei Profisportlern die VBG). Allerdings hatte sich Papadopoulos vom HSV bei seiner Vertragsunterschrift im Sommer 2017 ausverhandelt, dass er auch über die drei Monate hinaus weiter volle Monatsbezüge (200.000 Euro/Monat). Gehört habe ich, dass es mindestens sechs Monate sein sollen - allerdings gibt es auch Quellen, die von einer noch längeren Zeit sprechen. Dementsprechend erzielte der HSV für Papadopoulos am Saisonbeginn 2018/2019 zum einen keine Ablöse und hatte zum anderen weiterhin volle Kosten ohne jegliche sportliche Gegenleistung.

Papadopoulos hat sich gesonderte Lohnfortzahlung festschreiben lassen

Der GAU für den HSV und eine Verschlechterung der Beziehung HSV/Papadopoulos an sich. Diese zog sich dann bis in die Zeit von Titz-Nachfolger Hannes Wolf, der aus sportlichen Gründen auch dann auf Papadopoulos  verzichten wollte, als sich dieser wieder fit zurückmeldete. Manchmal machen Vereine das, um die VBG weiter in der Pflicht zu behalten, da der Verein erst dann wieder zur Lohnzahlung verpflichtet ist, sobald der Spieler wieder wettkampffähig ist. Ein Spiel folgte - im Pokal gegen Paderborn. Mehr nicht.

In diesem Sommer dann der Wechsel: Dieter Hecking kommt für Wolf - und er durchbricht den festgefahrenen Zustand offenbar. Zwar wurde Papadopoulos zuvor von dem inzwischen ausgeschiedenen Sportvorstand Ralf Becker noch mitgeteilt, dass er gehen dürfte, wenn er einen passenden Verein finden würde. Aber Hecking macht dem Griechen auch klar, dass er ihn in gesundem und motivierten Zustand sehr wohl gebrauchen könnte. Er macht ihm klar, dass er so lange auf ihn setzt, wie sich kein anderes Szenario ergibt. „Der Trainer ist gut“, sagt Papadopoulos heute, „er ist sehr erfahren, das ist gut.“

Papadopoulos ist in gesundem Zustand eine absolute Verstärkung

Worte, denen Papadopoulos seinerseits auf dem Platz wieder vollen Einsatz folgen lässt. Bis auf eine individuelle Einheit für alle „Knie-Fälle“ des HSV (neben Papadopoulos auch Wood und Kittel) am Freitagnachmittag war Papadopoulos in allen Einheiten dabei. Gegen Piräus durfte er sogar (zur Belohnung) als Kapitän den HSV aufs Feld führen.

Vor allem aber schmeißt sich der Innenverteidiger hier in Kitzbühel wieder wie zu besten Zeiten in die Zweikämpfe - Wintzheimer kann ein Lied davon singen. Und dass ein gesunder Papadopoulos dem HSV weiterhelfen kann ist unbestritten. „Es freut mich sehr für ihn, dass alles hält. Papa ist in dieser Form natürlich sehr wertvoll“, hatte Hecking nach dem Spiel gegen Piräus gesagt und sofort einschränkend hinterhergeschoben, dass man sich aber angesichts der gesundheitlichen Vorgeschichte immer im Klaren darüber sein müsse, dass alles sehr schnell wieder anders aussehen könnte. Im Gegensatz zu Markus Gisdol, Jens Todt und Vorstandsboss Heribert Bruchhagen 2017 aber betrachtet es der heutige HSV-Trainer indes realistischer und hat sich intern mit Sportvorstand Jonas Boldt darauf verständigt, weiter nach Alternativen für die Innenverteidigung zu schauen.

In der Innenverteidigung verliert David Bates weiter an Boden

Das aber bedeutet längst nicht mehr, dass Papadopoulos gehen müsste. Zuletzt war van Drongelen immer wieder ins Schaufenster gestellt worden und mit einem Abgang in Verbindung gebracht worden. Den Kollegen von Abendblatt und BILD sagte der Niederländer jetzt, dass er sich wohlfühlen und bleiben wolle. Aber in Stein gemeißelt ist das trotz fulminanter Überschriften bei den Kollegen noch immer nicht. Und sollten meine Beobachtungen mich ebenso wenig wie meine Infos täuschen, dann dürfte Hecking bei allen Verteidigern am ehesten auf David Bates verzichten wollen. Insofern ist die Personalkonstellation in der Innenverteidigung derzeit noch wackelig. Deutlich wackeliger als alle Knie der hiesigen Patienten zusammen.

Aber angesichts der Verletzungsanfälligkeit bei Gideon Jung, dem noch immer unklaren Reha-Verlauf bei Neuzugang Ewerton und der bis zuletzt unklaren Situation bei Rick van Drongelen war Papadopoulos in den letzten Wochen tatsächlich schon eine „Konstante“ - auch wenn man diese Aussage natürlich sehr relativ betrachten muss. Überraschend ist diese Entwicklung dennoch. Bislang ausschließlich positiv überraschend wohlgemerkt. Und morgen soll es genau so weitergehen. da hat die Mannschaft am Nachmittag um 16 Uhr (HSVtv überträgt live) hier am Trainingsplatz Huddersfield Town zu Gast. Ein Test, dem Trainer Dieter Hecking sehr viel Bedeutung beimisst. „Der Fokus liegt auf dem Erarbeiteten“, so der Trainer, „und das wollen wir in den Spielen sehen.“

In diesem Sinne, bis morgen! Bis dahin wünsche ich Euch allen einen schönen Abend hier aus Kitzbühel! Scholle

 

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Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.