Lars Pegelow

4. April 2019

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Der große Saal im Erdgeschoss des Überseeclubs an der Binnenalster war randvoll gefüllt. 200 Zuschauer hatten sich angemeldet zur Podiumsdiskussion über den HSV mit den Gästen Bernd Hoffmann und Marcell Jansen. Sogar auf den Treppenstufen saßen die Zuhörer. Die Warteliste war noch einmal beinahe so lang. Obwohl in diesem speziellen Ambiente viele Staatsgäste zu Vorträgen und Diskussionen waren, hat auch hier der HSV ganz besonders gezogen. Vorstände großer Firmen mit Sitz oder Außenstelle in Hamburg waren vertreten, das  Gästebuch des Überseeclubs wies den lettischen Staatspräsidenten als letzten hochrangigen Besucher aus vor dem HSV.

Hoffmann, der Vorstands-Vorsitzende der HSV AG, und Jansen, der Präsident des HSV e.V., präsentierten sich einmal mehr als eingespieltes Team, das in eine Richtung rudert. „Der Neuanfang eines Bundesliga-Dinos“ – unter diesem Motto war der Abend angekündigt worden. Und der Wunsch der beiden entscheidenden Männer an der Spitze des HSV, diesen Neuanfang gemeinsam umzusetzen, war zu spüren. Jansen wies deutlich darauf hin, wie schwierig das Erbe des Hoffmann-Vorstands bei Amtsübernahme vor einem Jahr war, und welch schlechte Startbedingungen der HSV deswegen hatte. Bernd Hoffmann zog daraus die Schlussfolgerungen und ordnete aus seiner Sicht so schonungslos wie noch nie ein, wo er den HSV im deutschen Fußball im Moment einordnen würde.

Wenn ein Spieler beispielsweise ein Angebot von Mainz 05 und vom HSV bekäme, würde er sich aus wirtschaftlichen Gründen aktuell für Mainz entscheiden, sagte Hoffmann. Es sei ausschließlich dem HSV selbst zuzuschreiben, dass die wirtschaftliche Lage so düster sei, und dass es nicht mehr Unternehmen gebe, die hoffnungsvoll in den HSV investierten. Hoffmann sprach von jahrelangem Siechtum und davon, in der kommenden Saison mit schlauen Leihdeals Wettbewerbsnachteile aufzufangen. Das ganze auf der Basis einer extrem treuem Anhängerschaft, die sowohl zu einem hohen Zuschauerschnitt in dieser Saison als auch zum Komplett-Verkauf der neuen Fan-Anleihe beigetragen habe. Marcell Jansen schickte eine Liebeserklärung an diesen besonderen Verein hinterher. Welche Visionen es denn perspektivisch gebe? „Bis 2024 den HSV wieder an den europäischen Fußball heranzuführen“ – dies ist Bernd Hoffmanns Wunsch. Ob eine sportliche und finanzielle Entwicklung im Sommer durch den Einsatz neuer Anteilsverkäufe erreicht werden könne, ob es vielleicht sogar auf Sicht eine noch einschneidendere Strukturreform im HSV gebe – all das rissen Hoffmann und Jansen an, wollten nichts ausschließen. Und das heißt: In diesen Fragen bleibt alles möglich – trotz des 24,9-Prozent-Votums der Mitgliedschaft im Januar -, selbst wenn Bernd Hoffmann unkte, über diese Themen werde nur in Hamburg gesprochen und nirgendwo anders. Dem ist sicher nicht so, aber vor allem bleibt die Frage, was genau eine Strukturreform bringen könnte? Die meisten Bundesliga-Vereine sind zu AGs geworden, eine andere Rechtsform bringt nicht automatisch mehr Autonomie für den Vorstand geschweige denn die Möglichkeit, leichter an Geld zu kommen. Oder sollen weitere Investoren eingebunden werden aus allen möglichen Teilen der Welt? Wie auch immer, es heißt abwarten.

Trefflich diskutieren lässt sich in diesen Tagen dagegen über die sportlichen Einschätzungen. Tatsächlich ist der HSV in vielen Bereichen einem Bundesligisten wie dem FSV Mainz 05 unterlegen. Die Mainzer haben vor dieser Saison Mateta für 8 Millionen Euro aus Lyon geholt; Kunde für 7,5 Millionen Euro aus Madrid; Niakhate für 6 Millionen Euro aus Metz; Boetius für 3,5 Millionen aus Rotterdam; Abass für 2 Millionen Euro aus Ljubljana; Martin wurde darüber hinaus für 3 Millionen Euro aus Barcelona geliehen. Klar, dagegen standen auch Einnahmen. So ging Verteidiger Diallo für 28 Millionen Euro nach Dortmund. Aber alle Summen, Einnahmen und Ausgaben, dokumentieren, dass sogar bei einem recht unscheinbaren Bundesliga-Verein mittlerweile mit ganz anderen Beträgen gehandelt wird als beim Zweitligisten HSV. Ein einziger Spieler hat Ablöse gekostet – Khaled Narey kam für 1,7 Millionen Euro aus Fürth. Bernd Hoffmanns Fazit: „Stand jetzt wären wir in der Bundesliga nicht wettbewerbsfähig.“

Eine weitere Einschätzung von Bernd Hoffmann zu diesem Thema: die These, der Abstieg des HSV sei ein Betriebsunfall, bestreitet der HSV-Chef vehement. In Hamburg habe man regelrecht auf die 2. Liga zugesteuert – ein Betriebsunfall sei es lediglich beim 1. FC Köln gewesen, der jetzt schon besser für die nächste Erstliga-Saison gewappnet scheint als der HSV. Kann man so stehen lassen nach der Devise: der erste Schritt zur Besserung ist die Einsicht. Ob Hoffmann und sein Team in der Lage sind, von dort aus die erwünschten Ziele zu erreichen, und welche Mittel er dazu wirklich einsetzen wird, das wird sich zeigen.

Ganz ohne Frage hilft dem HSV auf seinem Weg zurück wohin auch immer jeder Groschen. Die 2,6 Millionen Euro aus dem DFB-Pokal, die für das Halbfinale garantiert sind, helfen ganz sicher. Sollte das kleine Fußball-Wunder geschehen, und der HSV sich gegen Bayern, Werder oder Leipzig in der Vorschlussrunde durchsetzen, dann sind weitere 3,5 Millionen Euro sicher. Der Pokalsieger würde am Ende noch eine Million obendrauf bekommen. Dies alles benötigt der HSV zum Löcherstopfen – keine Frage. „Wir schwimmen in gar nichts“, sagte Sportvorstand Ralf Becker, als er auf den DFB-Pokal-Geldsegen angesprochen wurde. Und überhaupt sei jetzt mal Schluss mit Pokal – erst wenn es einen Sieg am kommenden Montag gegen den 1. FC Magdeburg gebe, sei es eine gute Woche für den HSV gewesen.

Der Elbrivale des HSV wird mit einer ganz anderen Taktik zu Werke gehen als der SC Paderborn. Für Hannes Wolf wird es in dieser Partie nicht heißen, mit einem kompakten Bollwerk aus Dreierkette und defensiver Vierer-Reihe im Mittelfeld das Tempo aus den Angriffen des Gegners zu nehmen. Der einzige DDR-Europapokalsieger wird in Hamburg extrem defensiv spielen, so dass andere Lösungen vonseiten des Favoriten gefragt sind. Um zu verdeutlichen, wie die Partien der Mannschaft von Ex-HSV-Coach Michael Oenning aussehen, reicht ein Blick in die Statistik: 0:0, 1:1, 0:1, 0:1, 1:3, 1:1, 1:0, 1:0 – so torarm gingen die letzten Partien des Drittletzten in der Zweitliga-Tabelle aus. Vorn geht wenig, deswegen hat Oenning seinem Team konsequente Deckungsarbeit verordnet. Zumindest mit kleinem Erfolg: vor Oenning holte das Team 9 Punkte in 13 Spielen (0,7 Punkte pro Spiel), mit Oenning 15 Punkte in 14 Spielen (1,1 Punkte pro Spiel). Ein kleiner Fortschritt, der aber auch verdeutlicht: man sollte den Gegner nicht größer machen, als er ist.

Nach dem trainingsfreien Tag am heutigen Donnerstag beginnt für den HSV morgen das Training und damit die Vorbereitung auf Magdeburg. Bis auf Rick van Drongelen scheinen alle HSV-Profis die Pokal-Partie gut überstanden zu haben. Wobei der Niederländer für das Spiel am kommenden Montag noch nicht abgeschrieben ist. Was die Situation angenehmer macht: mit Kyriakos Papadopoulos hat sich ein lange verletzter Spieler mit erstaunlicher Präsenz zurück gemeldet. Zwar unterlief dem Griechen noch der eine oder andere technische oder auch Stellungsfehler, aber allein seine Erscheinung hat die Mitspieler ein Stückchen besser gemacht. Interessant wird sein, ob es in Sachen Fiete Arp Bewegung geben wird. Kommt der Youngster noch einmal in Schwung? Oder sorgt die erneute Kritik von Sport-Vorstand Ralf Becker für ein weiteres Abflachen der Motivationskurve. Klar ist, dass im HSV-Sturm aktuell sowieso kein Weg an Pierre Michel Lasogga vorbei geht. Sollte der Torjäger einmal ausfallen, bevorzugt Hannes Wolf andere Alternativ-Varianten als seine beiden jungen Mittelstürmer Fiete Arp und Manuel Wintzheimer. Narey, Jatta, eventuell sogar Hwang, sollte der Südkoreaner demnächst fit werden. Im Moment deutet jedenfalls vieles darauf hin, dass Fiete Arp schon in diesem Sommer seine Option ziehen wird, und für 2,5 Millionen Euro Ablöse den Weg Richtung FC Bayern antritt.

 

Morgen ist Scholle hoffentlich wieder am Start. Ihm und allen anderen Kränkelnden Gute Besserung!

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Marcus Scholz

Der HSV stand und steht immer im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt des Blogs Rautenperle.com ebenso wie natürlich beim Blogautor Marcus Scholz, der sich ein Leben ohne den HSV gar nicht mehr vorstellen kann. Von klein auf an vom HSV-Virus infiziert, zog es Marcus „Scholle“ Scholz nach seinem Studium der Rechtswissenschaften im Jahr 2000 zum Hamburger Abendblatt, wo er von Beginn an die Stelle des HSV-Reporters der auflagenstärksten Tageszeitung Hamburgs innehatte. In dieser Zeit erwarb sich der ehemalige Leistungsfußballer einen Namen in der deutschen Sportjournalistenbranche und ist ein gern gesehener Gast in den verschiedensten TV-Formaten.
Nach vier Jahren als verantwortlicher Blogautor des damals größten, täglichen Fußballblogs Deutschlands hat sich um Scholle herum eine große, fachkundige und diskussionsfreudige Gemeinde gebildet, die hier ihre Heimat gefunden hat. Scholle hat es sich zur Aufgabe gemacht, zusammen mit seinem Co-Autor Lars Pegelow 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche für Euch beim HSV am Ball zu bleiben. Beim Training, bei den Spielen, in Interviewterminen mit den Spielern und Vereinsbossen – die Rautenperle ist immer dabei und liefert Euch exklusive Inhalte, täglich die neuesten Nachrichten sowie alle wesentlichen Entwicklungen in und um den HSV herum.
Und dabei scheuen wir uns nicht, immer bis tief auf den Grund zu tauchen und langen Atem zu beweisen. So, wie einst die berühmten Perlentaucher. Für Euch. Für uns. Für den HSV.

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